Die Medien-Revolution

Um der massenmedialen Gehirnwäsche wirksam etwas entgegenzusetzen, müssen die alternativen Medien zusammenarbeiten, meint Rubikon-Autor Jochen Mitschka.

Qualitätsmedien ohne Qualität, massiver Glaubwürdigkeitsverlust der Politik, Wähler und Konsumenten, die sich mit Grausen abwenden... Es könnte ein goldene Ära sein für kritische Medien, die den Mut haben, frische Themen aufzugreifen oder altbekannte gegen den Strich zu bürsten. Dennoch lässt der große Durchbruch der „Alternativen“ noch auf sich warten. Gründe dafür gibt es viele: Die „Truppen“ der kritischen Medien sind zerstreut in vielen Klein- und Kleinstunternehmen. Es fehlen größere Plattformen, die ein umfassendes Informationsangebot machen. Suchmaschinen erschweren die Auffindbarkeit. Und immer noch ist „Gegenöffentlichkeit“ fixiert darauf, auf die Fehler des Mainstream zu reagieren, anstatt aktiv eigene Schwerpunkte zu setzen. Interview mit dem Jungunternehmer Nikolaus Bettinger über die Notwendigkeit einer integrierten Medienstrategie der „Alternativen“.

Die so genannten Qualitätsmedien verlieren zunehmend an Glaubwürdigkeit und werden immer häufiger als Propaganda-Organe vorgeführt, dennoch bestimmen sie nach wie vor die meinungsbildenden Nachrichten und Kommentare. Dass das Internet noch keine wirkliche Alternative wurde und das Establishment genug Zeit erhält, die aufsässigen Alternativen einzuhegen, ist auch den Anbietern von alternativen Angeboten selbst zuzuschreiben.

Die klassischen Medien bestimmen nach wie vor die Meinung in Deutschland. Aber sie verlieren an Boden, die Auflagen der klassischen Printmedien sinken mit wenigen Ausnahmen kontinuierlich, nur teilweise ausgeglichen durch digitale Angebote. Inzwischen dürfte die Zahl der Medienkonsumenten, die sich von den klassischen Medien abwandten und bevorzugt alternative Medien, meist im Internet, konsumieren auf 10 bis 15 Prozent belaufen.

Dabei ist die kritische Einstellung gegenüber klassischen Medien durchaus stärker verbreitet, als diese Zahlen vermuten lassen. Nur wissen diese Zweifelnden meist nicht, welche Möglichkeiten das Internet bietet. Selbst erfahrene Nutzer finden jede Woche wieder einen interessanten Kanal oder eine spannende Seite.

Und selbst die bewusst den Mainstream ablehnenden Konsumenten unterstützen die klassischen Medien meist dennoch weiter, dies hauptsächlich aus drei Gründen:

  1. Ein großer Teil der alternativen Internetberichterstattung beruht auf Kritik beziehungsweise Widerlegung von Nachrichten der klassischen Medien, weshalb der Internetnutzer automatisch diese auch wiederum aufsucht.
  2. Es fehlt ein umfassendes Informationsangebot unter einem Dach. Die Vielfalt ist groß und sie wächst; es entstehen immer mehr YouTube-Kanäle, Webseiten und auch Verlage, die versuchen, Alternativen zum Mainstream anzubieten, was die Übersichtlichkeit weiter verringert.
  3. Die Auffindbarkeit alternativer Angebote ist erschwert; die großen Suchmaschinen und IT-Giganten sind immer mehr bemüht, Suchalgorithmen entsprechend zu ändern, so dass der Verbraucher eine alternative, kritische Sicht auf politische Abläufe oder etwa auf die Geschäftsmodelle der Datenkraken selbst nur schwer oder gar nicht findet.

Aus diesem Grund wäre es durchaus sinnvoll, die vielen Angebote zu bündeln, wobei sich die Anbieter arbeitsteilig einstellen sollten, damit so dem Konsumenten von den Tagesnachrichten bis zu Hintergrundrecherchen und Unterhaltung ein komplettes Programm angeboten werden kann. Dieses Angebot sollte unter zwei gemeinsamen Dächern erfolgen — einer „progressiven“ und einer „konservativen“ Organisation. Dies würde der Tatsache Rechnung tragen, dass es in Deutschland im Moment kaum möglich wäre, die erfolgreich genutzte Teile-und-Herrsche-Politik des Establishments zu durchbrechen, und vermeintlich „linke“ und „rechte“ Seiten unter ein einziges Dach zu bekommen.

Abseits des Mainstreams: Ohne Scheuklappen, mit klaren journalistischen Prinzipien

Damit wäre eine Lösung erkennbar, welche die klassischen Medien in wirkliche Probleme bringen könnte. Wenn unter diesen Dächern, bedingt durch die Vielzahl der Anbieter, ein Vollprogramm entwickelt würde, könnte der Konsument verzichten, die klassischen Massenmedien — außer für bestimmte Unterhaltungssendungen, Krimis oder etwa Fußball — zu konsumieren. Er könnte sich hinsichtlich politischer und gesellschaftlicher Informationen endlich autark machen. Interessant wäre auch die Zusammenarbeit mit Internet-Radio-Sendern, die vorwiegend Musik senden. Deren Musik könnte in den Gesprächspausen oder — wenn nur Texte angeboten werden — in einen Live-Stream eingeblendet werden.

Die vielleicht beste Organisationsform für eine solche alternative journalistische Dachorganisation wäre vermutlich entweder die Form der gemeinnützigen GmbH oder die Form der Genossenschaft mit starken demokratischen Regeln.

Jeder Genosse bietet weiterhin sein eigenes Programm an, aber er hat zusätzlich die Möglichkeit, in der Dachorganisation, dem Eingangsportal, einen Zeitslot zu bedienen.

Dabei wird durch die genossenschaftlichen Bestimmungen und Regeln verhindert, dass ein Genosse oder eine Gruppe die Dachorganisation „übernehmen“ kann. Die Werbeeinnahmen des genossenschaftlich betriebenen Portals dienen zur Abdeckung der Kosten und Werbung, eventuelle Überschüsse werden auf die Genossen ausgeschüttet, im Fall einer gemeinnützigen GmbH würden sie vielleicht zur Förderung alternativer Informationssysteme verwandt werden.

Das Programm einer solchen Eingangsseite, also was dort zur jeweiligen Uhrzeit im Live-Stream und/oder zum Anklicken im Vordergrund angeboten wird, könnte wie folgt aussehen:

07:00 bis 09:00 Uhr Frühstücksinfo: Jeden Tag kann ein anderer „Genosse“ zwei Stunden lang Interviews über aktuelle Tagesthemen mit spannenden Persönlichkeiten führen. Zwischen den Beiträgen könnte Musik eingespielt werden, die von Interpreten oder Gruppen stammen, die noch keine Unterstützung durch die Massenmedien erhielten oder bewusst gemieden beziehungsweise boykottiert werden, oder Musik von Internet-Radio-Sendern. Außerdem Beiträge alternativer Comedians oder Satire. Abruf der „Sendung“ sollte auch zeitlich unbegrenzt nachträglich möglich sein, was ein großer Vorteil gegenüber Radio und Fernsehsendern wäre — dort erfolgt der Abruf teilweise in einem separaten Medium und ist auch nur zeitlich beschränkt möglich, obwohl zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender durch Zwangsbeiträge teuer bezahlt wurden.

07:00 bis 07:05, 08:00 bis 08:05 und 09:00 bis 09:05 Uhr Nachrichten: Kurze Nachrichten aus alternativer Sicht. Die folgenden Gespräche im Frühstücksinfo sollten sich darauf beziehen.

09:05 bis 12:00 Boulevard: Beiträge unterschiedlicher Länge von unterschiedlichen Anbietern.

12:00 bis 12:05 Nachrichten: Update der Nachrichten vom Morgen.

12:05 bis 15:00 Uhr Hintergründe: Sendungen, Textbeiträge oder andere Formate, die Hintergrundinformationen zu politischen und gesellschaftlichen Themen liefern.

15:00 bis 16:00 Uhr Jugend-Internet: Freier Slot für junge Alternative, die frei sind, ihr Angebot selbst zu bestimmen.

16:00 bis 16:05 Uhr Nachrichten: Update der Nachrichten vom Mittag.

16:05 bis 18:00 Uhr After-Work-Party: Informationen aus und über Firmen, in Zusammenarbeit mit alternativen Betriebsräten, Aktivisten und Menschen, die Geschichten über Firmen recherchiert haben. Auch Selbstdarstellung von alternativen Unternehmen, Werbung von Firmen — klar ausgewiesen — und Vorstellung von offenen Stellen, auf die man sich bewerben kann.

18:00 bis 19:00 Uhr Die zwei Nachrichtensendungen des Tages im Vordergrund.

19:00 bis 20:00 Uhr Die große Nachrichtensendung mit Kommentaren der Alternativen: Teilweise in Textform, als PodCast oder als Video, je nach Anbieter.

20:05 bis 07:00 Uhr des nächsten Tages Wechselnde Online-Radio-Angebote: Nachrichten zum Anklicken im Vordergrund sowie Verweis auf die Tagesbeiträge.

Wieder eine vierte Gewalt!

Die Genossenschaft müsste eine Sendelizenz beantragen, die ihr wahrscheinlich schlecht verwehrt werden kann, so dass man für die nächsten Jahre eine Arbeitsbasis hätte. Dies könnte das Fenster zur Wirklichkeit für eine Weile offenhalten, entweder bis auch dieses geschlossen wird. Oder aber bis der öffentliche Druck für Veränderungen in der Medienpolitik so groß wird, dass die Regeln für Medien endlich eine tatsächlich pluralistische und freie Berichterstattung und Kommentierung — speziell bei den öffentlich-rechtlichen Anbietern — sicherstellen und diese Medien von den Konsumenten wieder als „vierte Gewalt“ zur Kritik und Kontrolle der Herrschenden akzeptiert werden können.

Was sagt ein junger Unternehmer, der gerade in den Bereich der alternativen Medien vordringt, zu dieser Idee? Dazu habe ich Nikolaus Bettinger interviewt.

Jochen Mitschka: Herr Bettinger, Sie haben einen Buchverlag gegründet, der sich an alternative Autoren richtet und sich drastisch von den üblichen Angeboten der Print-on-Demand-Verlage unterscheidet sowie auch von jenen Verlagen, die in erster Linie über Dienstleistung für Autoren Geld verdienen wollen. Und nun beginnen Sie auch mit anderen Medien zu experimentieren, bauen einen YouTube-Kanal auf. Wie kam es dazu, dass Sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen haben?

Nikolaus Bettinger: Guten Tag Herr Mitschka. Mir kam die Idee im Juni 2016, einen eigenen Verlag zu gründen. Damals habe ich mir sehr viele Gedanken über die unterschiedlichsten weltweiten Situationen gemacht. Die sogenannten Mainstream-Medien — diesen Begriff mag ich nicht, hat sich leider so eingebürgert — verfolge ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Wenn man sich einmal die Mühe gemacht hat, im Internet zu recherchieren, merkt man ziemlich schnell, dass vieles im Argen ist und man über die öffentlich-rechtlichen Medienvertreter nicht wirklich seriös informiert wird.

Dagegen muss etwas unternommen werden und so entstand zunächst der NIBE Verlag, der dann binnen 2,5 Jahren zu NIBE Media wurde. Zu NIBE Media gehören unter anderem zwei Verlage, ein Online-Buchhandel, der stetig wachsende NIBE Media-YouTube-Kanal und in naher Zukunft noch ein Online-Radio-Sender. Neben Büchern in gedruckter und digitaler Form werden in naher Zukunft Musik-CDs und eine Smartphone-/Tablet-App sowohl für Apple- als auch für Android-Geräte publiziert.

Wir von NIBE Media versuchen so über ein breit aufgestelltes Programm-Angebot, sehr viele Menschen zu erreichen und Augen zu öffnen. Wir sind kritisch und hinterfragen Dinge, die man im Alltag übersieht.

In Deutschland gibt es inzwischen sehr viele alternative Seiten. Sie decken oft gleiche Themenfelder ab, während manche Themen unabgedeckt bleiben. Außerdem werden sie durch die Suchalgorithmen der Suchmaschinen praktisch immer weiter hinter den konventionellen Medien gelistet, weshalb der normale Konsument oft nur aus Zufall auf manche Seiten gerät. Was halten Sie von der Idee, wie im Eingangsgespräch erwähnt, einer Dachorganisation beizutreten, in der es zum Beispiel Absprachen über die Verteilung der Aufgabenthemen gibt, die eine gemeinsame Eingangsseite zur Verfügung stellt und die zentral die Werbung organisiert?

Im Grunde genommen ist es eine sehr gute Idee, da man ansonsten nie die Dimensionen etablierter Kanäle erreichen kann. Momentan hilft nur Mundpropaganda, um diese Seiten und Kanäle zu verbreiten. Das Problem an der ganzen Sache wird jedoch sein, dass sich kaum einer der Alternativ-Seitenbetreiber oder Kanalbesitzer unterordnen möchte, da man dann wieder Gefahr laufen kann, auf die Nase zu fallen. Jeder, der so eine Seite erstellte, tat dies mit dem Gedanken der Aufklärung, aber auch um unabhängig zu sein. Wenn man sich einem solchen Dachverband anschließen würde, wäre das alles wieder hinfällig. Aktuell legt jeder Betreiber seine Regeln selbst fest.

Dann stellt sich natürlich die Frage: „Wer bekommt wie viel vom Werbe-Kuchen ab?“ Kommt es auf die Größe, die Existenzzeit an oder wird alles durch die Anzahl der Teilnehmer dividiert? Was geschieht mit Seiten, die neu hinzukommen? Es gibt einiges, was geregelt werden müsste. Aber wie eingangs bereits erwähnt, von der Sache her eine gute Idee.

Als ehemaliger Projektleiter und -koordinator weiß ich aus Erfahrung, dass die meisten Projekte unbefriedigend enden oder scheitern, weil Projektleiter oder Projekteigentümer verzweifelt versuchen, 100 Prozent der Vorgaben zu erfüllen. Was meist zu Verzögerungen, Verärgerungen oder eben dem Scheitern beiträgt. Projektleiter müssen akzeptieren, dass in der ersten Phase eben nur 85 oder 90 Prozent in dem vorgegebenen Zeitrahmen und Budget erfüllt werden, und der Rest erst in einer zweiten Phase realisiert werden kann. Herr Bettinger, wenn Sie so ein Projekt vor Augen haben, was wären Ihrer Meinung nach die roten Linien, das heißt die 85 Prozent, die unbedingt bei der Verwirklichung eines solchen Projektes erreicht werden müssten?

Die von Ihnen genannten 85 Prozent sind für diese Art von Vorhaben eher irrelevant. Solange das Ziel erreicht wird, Aufklärung voranzutreiben und stetig weiterzuentwickeln, ist alles in bester Ordnung. Kosten spielen keine allzu große Rolle, da die Einnahmen die Ausgaben der jeweiligen Produkte um ein Vielfaches übersteigen. Durch ein gutes Miteinander im Team und eine dadurch entstehende Motivation werden Erfolge eingefahren. Sollte diese Motivation irgendwann verschwunden sein, fange ich an, mir Sorgen zu machen. Geld ist nicht alles im Leben.

Nun werden viele Menschen einwenden, dass ein solches Projekt einerseits an der großen Individualität der alternativen Medienanbieter und außerdem an der fehlenden Finanzierung scheitern muss. Bevor wir zum zweiten Grund kommen — wie könnte man die Alternativen überzeugen, dass sie durch ein solches Portal nur gewinnen können?

Indem man ihnen klare Zahlen und ein Zeitfenster aufzeigt.

Kommen wir zum zweiten Grund, der ein Scheitern vorhersagt. Der größte Aufwand wäre sicher der für die Personalkosten. Man benötigt einen oder mehrere Projektmanager, Programmierer, Texter, Lektoren, Techniker. Dazu fällt mir ein, dass es eine zunehmende Anzahl von Menschen im Ruhestand gibt, die unruhig geworden sind. Da diese in der Regel über ein Ruhestandseinkommen verfügen, könnte man sie im Aktivierungsfall bitten, gegen eine Aufwandsentschädigung für das Projekt zu arbeiten. Dieses sollte so bemessen sein, dass der Mitarbeiter in der Lage ist, Arbeiten, die er sonst zu Hause selbst vorgenommen hätte, anderweitig erledigen zu lassen. Darüber hinaus könnte man Helfer im Hintergrund bitten, die Arbeit für das Projekt zunächst als Nebenjob im Rahmen von 450-Euro-Jobs durchzuführen. Glauben Sie, dass man für ein so spannendes Projekt genügend Menschen mit so geringen finanziellen Anreizen gewinnen könnte?

Wenn man einen großen Teil der Renten in Deutschland sieht, wären die genannten 450 Euro nicht zu gering. Die Frage ist, woher bekommt man die Leute.

Nun wissen wir, dass immer, wenn interessante alternative Modelle auftauchen, auch Kreise aktiv werden, die solche Projekte unterwandern und schließlich zum Scheitern bringen, oder Regierungen mit Gesetzen agieren, um die Projekte zu torpedieren. Beispiele sind das Schicksal der Piratenpartei, die Friedensbewegung, aber auch Menschenrechtsorganisationen einerseits und selbstverwaltete Unternehmen und alternative Zahlungssysteme andererseits. Glauben Sie, dass man ein solches Scheitern verhindern kann, und wenn ja wie?

Ich denke, dass man solch ein Scheitern über längere Sicht nicht verhindern kann. Die Meinungsfreiheit wird immer weiter eingeschränkt und durch fast täglich neu aufkommende stumpfsinnige Ideen motivierter politischer Aktivisten werden neue Grenzen gezogen, durch die Meinungsfreiheit weiter eingeengt wird. So kann man auf der einen Seite sein Volk sehr gut leiten und zum anderen die Alternativen mundtot machen.

Die klassischen Medien behaupten, dass sich durch das Internet eine Kultur des „kostenlos“ eingeschlichen hätte, weshalb ihre Gewinne immer weiter sinken würden. Niemand wolle mehr für Nachrichten und Kommentare bezahlen. Die Wut der Bevölkerung über die Zwangsgebühren für öffentlich-rechtliche Medien scheinen die Behauptung zu stützen. Andererseits gibt es immer mehr alternative Medien, die sich in erster Linie aus Spenden finanzieren. Herr Bettinger, wie sehen Sie die Chancen, dass die Menschen ein wie dargestelltes Portal auch durch Spenden stützen, da insbesondere in der Anfangsphase die Werbeeinnahmen nur schwerlich genügend Mittel generieren werden?

Leider sehe ich in Deutschland eine Entwicklung, die eher dahin geht, dass man Spenden viel besser durch Populismus generieren kann, als mit aktiver Aufklärungsarbeit. Die normale Mitte der Gesellschaft ist ziemlich spärlich gesät, was das betrifft.

Um an die letzte Frage anzuknüpfen: Sollte man eventuell die Rechtsform des Portals so wählen, dass nicht nur die alternativen Medienschaffenden, sondern auch die Medien-Konsumenten Genossen werden können oder sich an einer gemeinnützigen GmbH beteiligen können?

Ich denke, das würde zu weit führen. So groß wird das Ganze nie werden, um in solchen Dimensionen zu denken. Man darf nie vergessen, auch wenn sie aufklären, jeder Einzelne der Betreiber wird seinen Charakter als Alphatier nicht ablegen.

Die so genannten sozialen Medien der IT-Giganten werden immer mehr Teil der Medienkontrolle. Nachrichten verschwinden, Benutzer werden gesperrt oder gelöscht, und die Gründe sind oft undurchsichtig beziehungsweise diese Medien werden verdächtigt, einer Verlängerung der staatlichen Zensur zu dienen. Wenn man den Gedanken dieses Portals weiterspinnt: Könnten Sie sich vorstellen, eine der ja schon entstehenden Alternativen zu diesen sozialen Medien in das Portal einzubinden?

Wenn es soweit käme, wäre ich zu 100 Prozent dazu bereit. Ich würde auch einem solchen Portal zustimmen und es unterstützen. Aber wie gesagt, es wird eine Menge Stolpersteine in Form von Egos geben, die diesen Plan eigentlich schon im Vorfeld entweder gar nicht oder nur in einem kleinen Rahmen funktionieren lassen.

Vielen Dank Herr Bettinger für Ihre Erklärungen.

Herr Bettinger hat mit seinem Schlusswort wohl den entscheidenden Hinweis gegeben, warum die alternativen Medien auf Dauer scheitern könnten: Sie sind nicht in der Lage, ihre individuellen Fähigkeiten und Ziele einem gemeinsamen Größeren unterzuordnen.

Leider vergaßen und vergessen progressive Alternative durch Abgrenzung, Profilierung und auch Rechthaberei die Aussage, die Ernst Thälmann nachgesagt wird: „Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust.“

Und die Konservativen sind durch extreme Formen des Kapitalismus so von Egoismus beherrscht, dass die Aussage von Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele“ nicht mehr erinnert wird.

Aber vielleicht werden in naher Zukunft aus dem Nichts mit Steuergeldern und ominösen Spenden finanzierte „Nichtregierungsorganisationen“ auftauchen, die Scheinalternativen in Form ähnlicher Angebote anbieten, und die so das Fenster zur Wirklichkeit vernebeln. Wir alle sollten dann nicht darüber jammern — wir sind selbst schuld!

Aber vielleicht wagen ein paar unverbesserliche Altruisten wenigstens eine der beiden angedeuteten Portale auszuprobieren.


Quellen und Anmerkungen:

Transparenz-Hinweis: Nikolaus Bettinger ist der Verleger von einigen Büchern des Autors.