Die mütterfeindliche Gesellschaft
Auch Trans-Mode und Kita-Boom ändern nichts daran, dass Babys etwas Großartiges sind. Ungehaltene Rede einer ungehaltenen Frau.
Im Rahmen der letzten Konferenz für widerständige Frauen, genannt „Heroica“, gab es die Möglichkeit, Alice Schwarzer Fragen zu stellen. Die Autorin saß dabei, blieb aber stumm. Dabei gab es so viel, was sie schon lange an die Adresse der Frauenbewegung loswerden wollte. Aber sie dachte sich: „Wenn ich jetzt den Mund aufmache, bekomme ich ihn so schnell nicht wieder zu.“ Seitdem rumorte in ihr eine ungehaltene Rede. Jetzt brachte sie diese zu Papier.
Über den blinden Fleck der Frauenbewegung und die Chance, die uns die Transbewegung bietet
Als ich eine junge Frau war, hatte ich nicht nur eine, sondern gleich zwei lila Latzhosen. Feminismus war mir wichtig. Frauenpower! Aber als ich älter wurde, habe ich der Frauenbewegung zunehmend den Rücken gekehrt — dachte ich jedenfalls damals. Heute glaube ich, es war andersherum: Die Frauenbewegung hat mir den Rücken zugedreht und die kalte Schulter gezeigt.
Denn ich habe den größten geächteten Schritt getan, den eine Frau in den Augen der Frauenbewegung nur tun kann: Ich habe Kinder bekommen. Das wäre ja vielleicht noch angegangen, wenn ich die Kleinen gleich in eine Fünfzig-Stunden-Kita gesteckt hätte, um wenigstens vierzig Stunden die Woche arbeiten gehen zu können. Aber nein. Ich wollte diese Kinder nicht nur irgendwie „werfen“ und dann so tun, als gäbe es sie kaum. Ich wollte mich um sie kümmern. Sie lieben, ihnen Brote schmieren, ich wollte sie aufmerksam begleiten auf ihrem Weg in die Welt.
Vor der Familienphase hatte ich viel über Karriere trotz Kindern nachgedacht, aber plötzlich war mir klar: Das hier war die wichtigste Aufgabe meines Lebens. Ich wurde über Nacht unersetzlich und die Karriere konnte auf Sparflamme zurück. Wie bei so vielen Frauen war bei mir durch die Schwangerschaft nicht nur ein Baby entstanden, sondern auch eine Mutter.
Und eine Mutter, machen wir uns nichts vor, ist nichts wert in den Augen von Feministinnen. Dumme Trutschel. Halbtagsfalle. Unterwerfung unter das Patriarchat. Kostenlose Care-Arbeit. Kindererziehung ist etwas Minderwertiges, von dem man sich fernzuhalten hat. Igittigitt. Total unwichtig. Das soll man anderen, ärmeren Frauen aufdrücken, die dann das Kind in der Kita betreuen. Soziologische Studien sind klar: Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie von Menschen betreut werden, die sie lieben. Warum kann man nicht wenigstens den Frauen, die sich ihren Kindern widmen möchten, zugestehen, dass das ein gangbarer Weg ist. Warum immer dieses Runtermachen?
Wir alle sind von einer Mutter geboren. Nur Frauen können Mütter werden. Jede Mutter ist eine Frau. Und trotzdem bringt die Bewegung, die sich die Frauenrechte auf ihre Fahnen geschrieben hat, nichts als Geringschätzung für diese Aufgabe auf, die eine urweibliche ist.
Babys können sich nicht selbst versorgen. Sie brauchen Liebe, Aufmerksamkeit und sehr viel Kraft. Über Jahre. Wir sehen gerade, was mit Kindern passiert, die so viel in Kitas verwahrt werden: es fehlt ihnen an Resilienz, an Kraft, an Zuversicht in die Welt. Angststörungen und Depressionen unter jungen Menschen schießen in den Himmel. Kinder brauchen Eltern! Das ist nichts, was man wegdelegieren kann. Und Eltern brauchen Zeit. Das geht nicht so nebenbei zwischen 19 und 20 Uhr. Selbst in der Pubertät lohnt es sich noch, hinzuschauen.
Trotzdem hat die Frauenbewegung alles getan, um Frauen kleinzumachen, die sich für eine aktive Mutterschaft entscheiden. Keine Familien-Mitversicherung, keine Rentenansprüche für Mütter, kein Ehegattensplitting, nur Kita, Kita, Kita. Frauen müssen ganztags arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Wer, wie und wo die Kinder betreut werden, ganz egal. Hauptsache keine Halbtagsfalle.
Und die Frauenbewegung hat da wirklich Erfolg gehabt, keine Frage. Heute sind die Gesetze so, dass keine Familie mehr mit einem Gehalt durchkommt, selbst 1,5 Gehälter reichen kaum mehr. Die Familienförderung wurde gestrichen — mit großer Zustimmung der Frauenbewegung. Denn die „dumme Trutschel“ soll endlich ganztags arbeiten. Mensch, ihre Rentenansprüche — dass sie das aber auch nicht checkt, die blöde Gans!
Die Frauenbewegung hat eine mütterfeindliche Gesellschaft mitgeschaffen. Alle Mütter sind Frauen. Ist Mütterfeindlichkeit nicht vielleicht auch ein klein wenig frauenfeindlich? Wir sehen, wohin das führt. Unsere Reproduktionsrate ist mittlerweile auf 1,2 Kinder pro Frau gesunken (wenn man die Geburten mit Migrationshintergrund herausrechnet).
Frauen schaffen es nicht mehr, voll zu arbeiten und ein Kind zu erziehen, das ist die totale Überforderung — nicht nur für die Frauen, sondern vor allem auch für die Kinder. Und Mütter lieben ihre Kinder. Dann lieber nur ein Kind, oder gar keins.
Gesellschaften entstehen über Jahrhunderte. Die Werte werden tradiert, von den Eltern auf ihre Kinder. Unsere westliche Gesellschaft ist — bei allen Schwierigkeiten — das beste Modell der Welt. Frauenrechte, Freiheit, Demokratie, das gibt es nicht in so arg vielen Ecken der Erde. Diese Form wird nur weiterbestehen, wenn wir unsere Werte weitergeben an unsere Kinder. Der häufigste Babyname in Berlin ist Mohammed. Antons und Marie-Luises werden nicht so viele geboren.
Denn unsere potenziellen Mütter wissen, was sie erwartet: Abwertung, weil Mutterschaft als etwas Minderwertiges gesehen wird. Eine unlösbare Aufgabe. Vollzeit und das Kind nicht untergehen lassen.
Die Abwertung von Müttern trägt zu dem enormen Geburtenrückgang in westlichen Ländern bei. Welche Frau würde sich schon für so ein Modell entscheiden? Armut oder Überforderung im Hamsterrad?
Wenn wir im Westen keine Kinder mehr bekommen, dann werden unsere Werte untergehen. Wir sind dabei, kollektiven Selbstmord zu begehen Allein darüber, dass wir Kindern keinen Wert mehr beimessen und sie als Klimaschädlinge betrachten. Glauben die Woken wirklich, ohne westliche Werte würde die Welt besser laufen?
Und glaubst du, liebe Alice wirklich, die Frauen würden aus ihren tollen Renteneinzahlungen irgendwann eine große Rente rausbekommen, wenn sie sich gegen die oft beschworene Halbtagsfalle entschieden haben? Wohl kaum. Unsere Renten werden von unseren Kindern und Enkelkindern bezahlt. Wenn wir zu wenige bekommen und diese so schlecht auf die Welt vorbereiten, dass sie vor lauter Mimimi nichts mehr gebacken bekommen, was ist denn dann mit den Rentenansprüchen? Und glaubst du, es sei nur die Gen Z, die so lebensunfähig ist? Dann warte mal auf die Generation Alpha.
Kinder sind so wichtig! Sie können etwas bewegen, sie können unsere Gesellschaft fortführen und Ideen entwickeln. Liebe Alice, ich fürchte, wenn du dir auch in Zukunft eine Frauenbewegung wünschst, dann solltest du mal deine Haltung zu Kindern und Müttern überdenken.
Da hat die Frauenbewegung einen riesigen blinden Fleck. Jede Frau soll individuell selbst entscheiden, ob sie Kinder bekommt oder nicht, das ist klar. Wer aber auf gesellschaftlicher Ebene keine Kinder will, der will auch keine Zukunft. Und komm mir jetzt bloß nicht mit „ich finde Kinder ja ganz toll“. Wer behauptet, botanische Gärten zu lieben, aber gießen, düngen und zurückschneiden ablehnt, der liebt eben keine botanischen Gärten. Der hat darüber nur noch nicht ehrlich nachgedacht. Kinder brauchen Liebe und Zeit! Wenn wir dafür keine Ressourcen haben, dann geht es in die falsche Richtung.
Wir haben jetzt eine große Chance.
Die Transbewegung macht deutlicher denn je, was eine Frau ist und warum man für ihre Rechte einstehen muss. Frauen haben Eierstöcke und Gebärmütter, sie erzeugen Eizellen. Eine Frau ist über ihre reproduktiven Gegebenheiten definiert. Das ist es, was uns grundlegend von Männern unterscheidet, die Spermien produzieren.
Wir haben die Gebärmutter nicht durch Zufall, und das Wort sagt klar, worum es geht: um das Gebären und das Muttersein. Es gehört ursächlich zum Frausein dazu.
Wer seine Gebärmutter benutzt, wird dadurch nicht zur Frau zweiter Klasse. Auch dann nicht, wenn die Mutter sich dazu entscheidet, den Kindern Zeit zu widmen. Durch ihre implizite und explizite Mütterfeindlichkeit hat die Frauenbewegung viele Befürworterinnen verloren. Es wird Zeit, dass wir das wieder integrieren. Lesben und Mütter , Alte und Junge, Karrierefrauen und solche, die sich der wichtigsten und vielleicht schwersten Aufgabe stellen, die eine Gesellschaft hat: dem Erziehen von Kindern — wir alle haben eines gemeinsam: Wir sind Frauen. Und die Rechte von uns und unseren Töchtern werden gerade auf allen Ebenen ausgehöhlt.
Mir ist klar, dass ich eine hartgesottene Radikalfeministin nicht davon überzeugen kann, dass Babys etwas Großartiges sind. Das macht aber nichts. Das, wovon ich dich überzeugen möchte, ist, dass jede Frau ein Recht darauf hat, ihren Weg zu wählen. Ob sie keine Kinder bekommt, diese ganztags fremdbetreuen lässt oder sich ihnen widmet: Keines dieser Lebensmodelle verdient es, als dumm und unwert betrachtet zu werden. Wir können als Gesellschaft nur weiterbestehen, wenn wir Wege finden, wie Frauen gerne und selbstbestimmt Mutter werden. Mütter gehören dazu. Wenn wir so weit kommen, dann wäre das doch schon mal ein großer Schritt.