Die Nationalisierung der Massen

Wo Nationalismus zur Ersatzreligion aufgebaut wird, sind auch Faschismus, Gewalt und Krieg nicht weit.

Die Renationalisierung der Politik zeigt sich in den USA, in Europa und vielen anderen Ländern der Welt als Großtrend unserer Epoche. Vielfach wird ihre Dynamik noch unterschätzt beziehungsweise wird der Rückgriff auf Heimat und Nation als „Kavaliersdelikt“ im Rahmen allseitiger Toleranz betrachtet. Die Wahrheit ist aber: Nationalismus ist schon allein aufgrund der psychologischen Bedingungen seines Entstehens fragwürdig — „die wohlfeilste Art des Stolzes“ nannte ihn etwa Schopenhauer. Und er ist gefährlich, wie die Geschichte zeigt: Nicht nur wird der Klassengegensatz durch Konstruktion einer Scheingemeinschaft verschleiert — Patriotismus wird auch häufig von Machthabern angeheizt, um eine Solidarisierung mit ihrer Politik zu erreichen, die anders nicht möglich gewesen wäre. Kriege und Bürgerrechtseinschränkungen wurden nicht selten unter Bezug auf den Fetisch „Nation“ begründet.

„Die Krähen schrei’n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / Bald wird es schnei’n / Weh dem, der keine Heimat hat!

A n t w o r t.
Daß Gott erbarm‘! / D e r meint, ich sehnte mich zurück / In‘s deutsche Warm. / In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!“ — Friedrich Nietzsche: Abschied.

„Weh dem, der keine Heimat hat!“ — mit diesen Worten endet der erste Teil von Nietzsches bekanntem Gedicht aus dem Jahre 1884. Wohl nur selten wurden das Abschiednehmen und der darauf folgende Verlust von Heimat schmerzvoller beschrieben, als in diesen wenigen Worten (1). Heimat, das ist für den Menschen nicht nur der Ort, an dem er geboren und aufgewachsen ist, den er mit Wärme und Geborgenheit verbindet; sondern es ist auch der Ort, an dem er geprägt wurde, an dem sich seine Gefühle und der Großteil seiner Denk- und Verhaltensweisen herausbildeten. Oft zählen diese für ihn auch später noch zu den wichtigsten Gewissheiten seines Lebens, die er nur höchst selten hinterfragt oder gar einer kritischen Analyse unterzieht, mit denen er sich dagegen aber meist ein Leben lang verbunden fühlt, mit denen er sich identifiziert.

Anders bei Nietzsche: Sein zitiertes Gedicht hat noch einen zweiten Teil, in dem er deutlich macht, dass der darin geschilderte Abschied von der Heimat nicht erzwungen war, sondern durch ihn selbst herbeigeführt wurde und damit auch als eine notwendige Befreiung aus kleinbürgerlicher Enge und nationaler Borniertheit gesehen werden muss; dass er das dumpfe Glück der heimatlichen, wohligwarmen deutschen Stube ganz bewusst gegen eine möglicherweise drohende Kälte in der Fremde eingetauscht hat.

Hatte Nietsche doch Deutschland bereits Jahre zuvor verlassen und sich vorrangig in Italien und der Schweiz aufgehalten, von wo er sich dann auch wiederholt über die „Vaterländerei“ (2), den „Nationalitäts-Wahnsinn“ (3) sowie über den zunehmenden Rassismus in seinem Heimatland beklagte. Auch in der Folgezeit konnte er die Art, des sich dort breitmachenden Patriotismus und die mit ihm verbundene überhebliche Deutschtümelei seitens breiter Kreise der deutschen Gesellschaft, immer weniger ertragen.

Vor Nietzsche erkannte schon ein anderer deutscher Philosoph — nämlich Arthur Schopenhauer — die Grundzüge der Psychologie des Nationalismus. So bezeichnete er den Nationalstolz als „die wohlfeilste Art des Stolzes“, verrät dieser doch „in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte“ (4).

Wer also in seiner Person nichts findet, was ihn den anderen gegenüber besonders auszeichnet oder worauf er mit Recht stolz sein könnte, ergreift dann — so Schopenhauer — auch bereitwillig „das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein“ (5).

Herausragende Entdeckungen und Leistungen, die von Angehörigen der eigenen Nation hervorgebracht wurden, werden auf diese Weise zugleich auch als die eigenen betrachtet, obwohl man selbst keinerlei Anteil daran hat — man identifiziert sich damit, will einfach nur stolz sein und sich über andere Nationen und fremde Kulturen erheben (6). Dabei stärkt eine solche Identifikation vor allem das Selbstwertgefühl jener Mitglieder der Gesellschaft, die sich nicht gerade zu deren bevorzugten zählen können, sondern die sich ihren kleinen, oftmals sogar recht unsicheren Wohlstand immer wieder hart erarbeiten müssen und dabei selbst noch einem hohen wirtschaftlichen Anpassungsdruck ausgesetzt sind.

Nietzsche wiederum bezeichnete den zu seiner Zeit stark aufkommenden Nationalismus als die „kulturwidrigste Krankheit und Unvernunft“, die Deutschland und ganz Europa erfasst und damit „in eine Sackgasse gebracht“ habe (7). „Wir Heimatlosen” — schrieb er — sind „wenig versucht, an jener verlognen Rassen-Selbstbewunderung und Unzucht teilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau trägt und bei dem Volke des ‚historischen Sinns‘ zwiefach falsch und unanständig anmutet“ (8).

Leute wie er seien eben „auch lange nicht ‚deutsch‘ genug, wie heute das Wort ‚deutsch‘ gang und gäbe ist, um dem Nationalismus und dem Rassenhaß das Wort zu reden, um an der nationalen Herzenskrätze und Blutvergiftung Freude haben zu können“, derentwegen die Völker Europas sich gegenwärtig absperrten und abzugrenzen versuchten (9).

Nationalismus als Mittel der Kriegsvorbereitung

Nur wenige Jahre später, in der Zeit des Übergangs vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, kam es zu einer gefährlichen Zuspitzung der politischen und wirtschaftlichen Konflikte zwischen den europäischen Großmächten, denen es jeweils um eine Erweiterung ihrer eigenen Machtsphäre, um eine Neuaufteilung der Kolonien sowie um einen ungehemmten Zugriff auf die Märkte ging. Hinzu kam ein übersteigerter, oftmals aggressiv auftretender Nationalismus, der den Frieden zwischen den Völkern zunehmend gefährdete und auf diese Weise, die ohnehin schon bestehende Kriegsgefahr, noch weiter verstärkte.

Zur gleichen Zeit formierte sich aber auch eine mächtige Gegenbewegung, die gewillt war, der nationalen Überheblichkeit eine länderübergreifende Solidarität der Arbeitenden entgegenzusetzen und auf die wachsende Kriegsgefahr mit einer Politik der Versöhnung zwischen den Völkern zu antworten.

So versammelten sich im Oktober 1912 allein in Berlin rund 150.000 Menschen zu einer Friedenskundgebung, die unter dem Motto „Krieg dem Kriege“ stand. Wenige Wochen später fand dann in Basel ein außerordentlicher Friedenskongress statt, an dem Delegierte aus 23 Ländern teilnahmen und der einen Appell an die europäische Arbeiterschaft mit der Verpflichtung enthielt, mit allen Mitteln den Ausbruch eines Krieges zu verhindern.

An die „Proletarier und Sozialisten aller Länder“ gewandt, endete dieser Appell mit den folgenden Worten:

„Sorgt dafür, dass die Regierungen beständig den wachsamen und leidenschaftlichen Friedenswillen des Proletariats vor Augen haben! Stellt so der kapitalistischen Welt der Ausbeutung und des Massenmordes die proletarische Welt des Friedens und der Verbrüderung der Völker entgegen!“ (10).

Doch diesen großen Worten folgten kaum Taten. Als nicht einmal zwei Jahre später der Erste Weltkrieg ausbrach, kam es zu keinem nennenswerten Widerstand gegen den Krieg. Aus Angst vor einer drohenden Isolierung oder gar der Zerschlagung der Partei und womöglich auch aus Angst um ihre persönliche Sicherheit, ordneten sich die Führer der Sozialdemokratie — bis auf wenige Ausnahmen — den Kriegsbefürwortern unter und stimmten in den Parlamenten für die Annahme der Kriegskredite. Der nationale Egoismus hatte sich gegenüber dem Willen zum Völkerfrieden und zur internationalistischen Solidarität aller Arbeitenden durchgesetzt.

Geschickt nutzten zudem die Herrschenden die vorhandenen nationalen Gefühle und den aufkommenden Patriotismus der Menschen für ihre Ziele aus. Sie sprachen von einer feindlichen Bedrohung der Souveränität des eigenen Landes durch fremde Mächte, appellierten an den Patriotismus und Opferwillen ihrer Landsleute und warben um eine breite Unterstützung für den Krieg.

So wandte sich Kaiser Wilhelm II., am Vorabend der Kriegserklärung an Russland, mit folgenden Worten vom Balkon des Stadtschlosses an die Berliner Bevölkerung:

„Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg von uns erfordern. Den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland zu reizen. Und nun empfehle ich euch Gott, geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!“ (11).

Am folgenden Tag sagte er dann an gleicher Stelle — eine real nicht existierende und von den Herrschenden auch nie angestrebte oder gewollte Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Deutschen auf eine rein zweckbestimmte, interessengeleitete und demagogische Weise beschwörend:

„Ich kenne keine Parteien mehr und auch keine Konfessionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder. Will unser Nachbar es nicht anders, gönnt er uns den Frieden nicht, so hoffe Ich zu Gott, daß unser gutes deutsches Schwert siegreich aus diesem schweren Kampfe hervorgeht“ (12).

Nach erfolgtem Kriegsausbruch wandte er sich schließlich mit dem Aufruf „An das deutsche Volk“ an alle Deutschen, wobei er verständlicherweise nicht von einem zu führenden Angriffs- und Eroberungskrieg sprach, sondern den beginnenden Waffengang in einen notwendig gewordenen Verteidigungskrieg umdeutete. Den schon üblich gewordenen Hinweis zur patriotischen Pflicht der Vaterlandsverteidigung und auf den erhofften Beistand des Gottes der christlichen Kirche ließ er natürlich auch dabei wieder nicht fehlen:

„So muß denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. (…) Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war!“ (13).

Die Folge dieses Krieges waren Millionen Tote, hunderttausende Kriegskrüppel, große Zerstörungen und unendliches Leid unter den Menschen aller kriegsführenden Länder. Auch hatten der Internationalismus der Arbeiterbewegung sowie alle Menschen, die aktiv gegen den Krieg aufgetreten waren, eine vernichtende Niederlage erlitten, von der sie sich nicht mehr erholen sollten, und deren weitere Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung der Welt nur als verheerend bezeichnet werden können.

Nationales Verantwortungsgefühl und faschistische Diktatur

Bereits zwei Jahrzehnte später begann der nächste große Weltkrieg, der sich vor allem an der Ostfront zu einem totalen Vernichtungskrieg entwickelte und bei dem alle bisher bekannten Maßstäbe über die Opfer sowie über die Zerstörungen weit übertroffen wurden. Der Nationalismus war dabei wiederum ein wichtiges Element in der gesamten faschistisch-nationalsozialistischen Ideologie und Praxis. Er trat jetzt noch aggressiver auf und wurde zunehmend durch einen extremen, menschenverachtenden Rassismus ergänzt.

Nur wenige Wochen nach der Übernahme der Regierungsverantwortung sicherten sich die Nationalsozialisten ihre Macht. Im März 1933 machten sie den Weg zu einer dauerhaften und das gesamte gesellschaftliche Leben umfassenden Diktatur frei. Mit dem Ermächtigungsgesetz — „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, dessen Geltung zunächst nur auf vier Jahre befristet war, sich dann aber jeweils um weitere vier Jahre verlängerte, wurde die Hitler-Regierung mehrheitlich durch die Abgeordneten des Deutschen Reichstags zu einer unumschränkten Machtausübung ermächtigt.

Diese Möglichkeit nutzte sie dann auch zielstrebig dazu aus, um in Deutschland die Gewaltenteilung aufzuheben, das Parlament auszuschalten, die Oppositionsparteien sowie die freien Gewerkschaften zu verbieten, Andersdenkende und politische Gegner zu liquidieren oder zumindest hinter Schloss und Riegel zu bringen, die demokratischen Grundrechte der Bürger zu beseitigen, die Aufrüstung voranzutreiben und den nächsten großen Krieg vorzubereiten.

Damit das Gesetz aber überhaupt erst in Kraft treten konnte, war eine Zweidrittelmehrheit der gewählten Abgeordneten des zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig entmachteten Parlaments, des Deutschen Reichstags, erforderlich. Über eine solche Mehrheit verfügten die Regierungsparteien — Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und Deutschnationale Volkspartei (DNVP) — jedoch nicht, obwohl die Abgeordneten der Kommunistischen Partei schon nicht mehr an der Abstimmung teilnehmen konnten, da ihre Mandate vollständig annulliert und viele von ihnen bereits verhaftet waren.

Die notwendige Zweidrittelmehrheit kam dann auch nur deshalb zustande, weil sich die Abgeordneten sämtlicher im Parlament vertretenen bürgerlichen Parteien — aus nationalen Erwägungen — ausnahmslos dazu bereitfanden, sich dem Grundanliegen sowie den Forderungen der Nationalsozialisten anzuschließen und für das Gesetz zu stimmen, während die anwesenden sozialdemokratischen Abgeordneten sich geschlossen dagegen stellten.

Die Zustimmung der katholisch-konservativen Deutschen Zentrumspartei (Zentrum) zum Ermächtigungsgesetz begründete deren Abgeordneter, der Kirchenrechtler und Prälat Ludwig Kaas, mit folgenden Worten:

„Die deutsche Zentrumspartei (…) setzt sich in dieser Stunde, wo alle kleinen und engen Erwägungen schweigen müssen, bewußt und aus nationalem Verantwortungsgefühl über alle parteipolitischen und sonstigen Bedenken hinweg“, und sie reicht „in dieser Stunde allen, auch früheren Gegnern, die Hand, um die Fortführung des nationalen Rettungswerkes zu sichern“ (14).

Kaas ging wenige Tage später nach Rom und war an der Ausarbeitung des Konkordats zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan beteiligt. Nach dem Krieg kehrte er nicht wieder nach Deutschland zurück.

Für die liberale Deutsche Staatspartei (DStP) sprach der Abgeordnete Reinhold Maier, der nach dem Krieg zum ersten Ministerpräsidenten des Bundeslandes Baden-Württemberg gewählt wurde, mehrere Jahre dem Deutschen Bundestag angehörte und von 1957 bis 1960 Bundesvorsitzender der FDP war:

„Wir fühlen uns in den großen nationalen Zielen durchaus mit der Auffassung verbunden, wie sie heute vom Herrn Reichskanzler (Hitler) hier vorgetragen wurde.“ Ernste Bedenken würden dabei von seiner Partei — „im Interesse von Volk und Vaterland und in der Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung“ –zurückgestellt und dem Gesetz seine Zustimmung gegeben (15).

Mit ihrer Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz votierten die bürgerlichen Abgeordneten, gemeinsam mit den Nationalsozialisten, für die faktische Selbstentmachtung des erst kurz zuvor gewählten Parlaments. Aufgeblasene Worthülsen — wie „Nationales Verantwortungsgefühl“, „Volk und Vaterland“, „nationales Rettungswerk“ und Durchsetzung der „großen nationalen Ziele“ — waren den bürgerlichen Parteien — Konservativen wie Liberalen — letztlich wichtiger als der Erhalt der Demokratie und die Abwendung einer faschistischen Diktatur in Deutschland.

Von Seiten der deutschen Wirtschaft flossen die Zuwendungen für die Nazi-Partei vor ihrer Machtübernahme eher spärlich. Aber von da an, als Hitler im Amt war, „änderte sich die Lage natürlich. Plötzlich flossen gewaltige Summen aus der Wirtschaft an die Nazis, und die Unternehmer suchten sich schnell mit dem neuen Regime gutzustellen, das viele von ihnen üppig mit Rüstungsaufträgen versorgen würde und alle dadurch belohnen, dass es den Arbeiterorganisationen in Deutschland den Garaus machte“ (16). Dafür ließen die Nazis dann auch — trotz ihrer mitunter antikapitalistischen Rhetorik — „die Verteilung des Eigentums und die ökonomische und soziale Hierarchie weitgehend intakt“ (17).

Ohne Nationalismus und Terror ist die nationalsozialistische Machtausübung kaum denkbar, waren doch nationale Überheblichkeit, Ausgrenzung und Gewalt in Nazideutschland „allgegenwärtig und bestens sichtbar“ (18).

Trotzdem empfanden viele Deutsche „diese Gewalt sogar eher als etwas Positives und gar nicht als bedrohlich, richtete sie sich doch gegen Juden, Marxisten und ‚asoziale‘ Außenseiter, Homosexuelle, Zigeuner, Pazifisten, von Geburt geistig oder körperlich Behinderte und sogenannte ‚Gewohnheitsverbrecher‘, — allesamt Gruppen, bei denen viele Deutsche froh waren, möglichst wenige von ihnen zu sehen. Und der Rest lernte schnell, sich ruhig zu verhalten“ (19).

Außerdem erlaubte die Denunziation, als „die häufigste Form der Zusammenarbeit von Bürgern“ mit dem faschistischen Regime, „die soziale Kontrolle mit einer erschütternd kleinen Zahl von Polizeibeamten“ (20). So wurde die Geheime Staatspolizei (Gestapo) von eifrigen Mitbürgern derart gut mit Informationen versorgt, „dass sie mit nur etwa einem Beamten pro zehn- bis fünfzehntausend Einwohnern auskam“ (21).

Betrachtet man also den Faschismus „innerhalb des komplexen Netzwerks von Wechselwirkungen mit der Gesellschaft“, so gehören zu dieser Geschichte „dann auch gewöhnliche Bürger und die Inhaber politischer, sozialer, kultureller und ökonomischer Macht, die dem Faschismus assistierten oder die versagten, indem sie ihm keinen Widerstand leisteten“ (22).

Nationalisierung der Massen als höchste und gewaltigste Aufgabe

Die Nationalsozialisten erkannten, dass „die Stärke eines Landes (…) nicht nur an seiner militärischen Macht, sondern am Fanatismus und der Einheit ihrer Bevölkerungen“ gemessen werden muss (23). Dabei seien die bestehenden Klassenkonflikte „dadurch zu überwinden, dass man die Arbeiterklasse in die Nation integriere — wenn möglich durch Überzeugung und falls nötig mit Gewalt — und indem man sich des ‚Fremden‘ und ‚Unreinen‘ entledige“ (24).

Die Massen sollen deshalb nicht mehr aus der Politik herausgehalten, sondern für den Nationalsozialismus und dessen Ziele gewonnen, diszipliniert und mobilisiert werden (25). Es müsse auch klar unterschieden werden zwischen den Mitgliedern der eigenen „Nation, die Schutz benötigten, und Außenseitern, die eine rohe Behandlung verdienten“ (26). Die internationale Solidarität der Arbeitenden ist — nach Theorie und Praxis der Nationalsozialisten — schließlich zu ersetzen „durch den Konflikt nationaler Identität gegen andere Völker“ (27).

Hitler sah in der „Nationalisierung der Massen“, zu deren Gewinnung auch soziale Zugeständnisse und Opfer erforderlich seien, „die höchste und gewaltigste Aufgabe“ der nationalsozialistischen Bewegung (28). Dabei werde aber die angestrebte Nationalisierung der Volksmassen erst dann vollständig gelingen, wenn damit zugleich auch „ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden“, denn das Volk könne schließlich nur „mit der ganzen Vehemenz, die dem Extrem innewohnt“ nationalistisch gemacht werden (29).

Es muss also mit größter Brutalität und mit einem unbeugsamen Willen zur Vernichtung gegen diejenigen vorgegangen werden, die sich der nationalen Erhebung widersetzen, denn — so Hitler:

„Die breite Masse ist nur ein Stück der Natur, und ihr Empfinden versteht nicht den gegenseitigen Händedruck von Menschen, die behaupten, Gegensätzliches zu wollen. Was sie wünscht, ist der Sieg des Stärkeren und die Vernichtung des Schwachen oder seine bedingungslose Unterwerfung“ (30).

Mit genau diesem Menschenbild — einer offen geäußerten Menschenverachtung — sowie mit ihrem extremen Nationalismus und Rassismus gelang es den Nationalsozialisten jedoch tatsächlich, nicht nur einen beträchtlichen Teil der Deutschen für ihre Ziele zu gewinnen und zu Mittätern zu machen, sondern diese sogar noch dazu zu bewegen, ihnen bis zuletzt, bis in den totalen Untergang, gehorsam zu folgen.

Ein genaueres Verständnis dafür, wie der Zusammenhang zwischen Nationalismus und Faschismus in der Vergangenheit funktionierte, ist deshalb dringend geboten. Bietet es doch die Möglichkeit dazu, derartigen Entwicklungen in Zukunft besser entgegentreten zu können (31).

Dabei ist das Auftauchen der „wohlbekannten Warnsignale — extrem nationalistische Propaganda und Hassverbrechen –“ genauso beachtenswert und alarmierend wie die Bereitschaft „zur Aufgabe rechtsstaatlicher Prinzipien“ oder das Bedürfnis, „durch nationalistische und rassistische Demagogie die Unterstützung der Massen (zu) suchen“ (32).

Die Faschisten sind — so der amerikanische Historiker Robert O. Paxton — immer „dann nahe an der Macht, wenn die Konservativen sich ihre Techniken zunutze machen (…) und versuchen, die Anhängerschaft der Faschisten mit in ihr Boot zu holen“ (33).

Nationalismus als soziales Glaubenssystem

Der Nationalismus hat eine lange Geschichte. Sein Erscheinen ist weder notwendig noch zufällig, sondern viel eher die logische Folge „bestimmter sozialer Verhältnisse, unserer Verhältnisse“ (34).

Diese Verhältnisse bedürfen bekanntlich der Illusion und sind oftmals verbunden mit scheinbaren Gewissheiten sowie mit einem starken und festgefügten Glauben. Der Soziologe Norbert Elias bezeichnete dann auch den Nationalismus als „eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts“ (35).

Eine Aussage, die sicher auch für das 21. Jahrhundert zutrifft. Führte doch die Auflösung der alten, über viele Jahrhunderte währenden Gemeinschaftsbindungen und Zugehörigkeiten der Menschen zu einem weitverbreiteten Werte- und Orientierungsverlust. Doch mit dem allgemein empfundenen Mangel an Zusammengehörigkeit und natürlichen Bindungen setzte dann auch die nostalgische Suche nach einer geeigneten Form des Ersatzes für das Verlorengegangene ein.

Vor allem die Vorstellung von einer starken und einheitlichen Nation erwies sich dabei als besonders geeignet, um die Bedürfnisse der Menschen nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit, nach fester Bindung und Geborgenheit hinreichend erfüllen zu können. Schafft sie ihnen doch zumindest die Illusion eines gesellschaftlichen Zusammenhalts, einer „Brüderlichkeit“ in Form einer vorgestellten Übereinstimmung und Gleichheit zwischen Personen, die oftmals ungleicher nicht sein könnten; einer Übereinstimmung und Gleichheit also, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Handelt es sich doch gerade innerhalb der modernen Nationen um Menschen mit einem äußerst ungleich verteilten Zugang zur Macht, um Menschen mit äußerst ungleichen Einkommensmöglichkeiten und verfügbarem Reichtum sowie um Menschen mit äußerst unterschiedlichen Interessen und Zielen, welche sich in der gesellschaftlichen Praxis dann vielfach auch direkt widersprechen oder ausschließen.

Mit dem Nationalismus entstand ein wirkungsvolles soziales Glaubenssystem, eine Art säkularer Ersatzreligion, die die eigene nationale Gemeinschaft „in den Rang eines obersten Wertes erhebt“ (36) und den Menschen die Illusion einer engen und festen nationalen Zusammengehörigkeit geben konnte.

In diesem Sinne ist das Auftauchen und Erstarken des Nationalismus nichts anderes als die Reaktion und das Ergebnis der zunehmenden Entfremdung und Heimatlosigkeit des modernen Menschen.

Weh dem, der keine Heimat hat!


Quellen und Anmerkungen:

(1) Nietzsche, Friedrich: KSA 11. Nachgelassene Fragmente 1884-1885. München 1988, S. 329f.
(2) Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Werke in drei Bänden. Zweiter Band Frankfurt am Main, Wien 1994, S. 212.
(3) Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. In: Werke in drei Bänden. Zweiter Band. Frankfurt am Main, Wien 1994, S. 724.
(4) Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Erster Band. Zürich 1991, S. 357.
(5) Schopenhauer, a.a.O., S. 357f.
(6) Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt (Main) 1990, S. 197.
(7) Nietzsche, Friedrich: Ecce Homo. Wie man wird, was man ist. In: Werke in drei Bänden.
Zweiter Band. Frankfurt am Main, Wien 1994, S. 1148.
(8) Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Werke in drei Bänden. Zweiter Band
Frankfurt am Main, Wien 1994, S. 253.
(9) ebenda
(10) Manifest des Basler Friedenskongresses. In: Außerordentlicher Internationaler Sozialisten-Kongress zu Basel am 24. und 25. November 1912. Berlin 1912, S. 23-27.
(11) Kaiser Wilhelm II.: Erste Balkonrede, gehalten am 31. Juli 1914.
(12) Kaiser Wilhelm II.: Zweite Balkonrede, gehalten am 1. August 1914.
(13) Kaiser Wilhelm II.: Aufruf „An das deutsche Volk“, vom 6. August 2014.
(14) Verhandlungen des Deutschen Reichstags, stenographischer Bericht der 2. Sitzung. Donnerstag, den 23. März 1933. Ausgegeben am 13. April 1933, S. 37.
(15) Verhandlungen des Deutschen Reichstags, stenographischer Bericht der 2. Sitzung. Donnerstag, den 23. März 1933. Ausgegeben am 13. April 1933, S. 38.
(16) Paxton, Robert O.: Anatomie des Faschismus. München 2006, S. 148; S. 335.
(17) Paxton, a.a.O., S. 208.
(18) Paxton, a.a.O., S. 199.
(19) Paxton, a.a.O., S. 199f.
(20) Paxton, a.a.O., S. 339.
(21) Paxton, a.a.O., S. 201.
(22) Paxton, a.a.O., S. 38f.
(23) Paxton, a.a.O., S. 53.
(24) ebenda
(25) Paxton, a.a.O., S. 69.
(26) Paxton, a.a.O., S. 126.
(27) Paxton, a.a.O., S. 212.
(28) Hitler, Adolf: Mein Kampf. Eine kritische Edition. Band I. München-Berlin 2016, S. 875.
(29) Hitler, a.a.O., S. 879; S. 877.
(30) Hitler, a.a.O., S. 879.

(31) Paxton, Robert O.: Anatomie des Faschismus. München 2006, S. 299.
(32) Paxton, a.a.O., S. 300.
(33) ebenda
(34) Gellner, Ernest: Nationalismus. Kultur und Macht. Berlin 1999, S. 28.
(35) Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt (Main) 1990, S. 194.
(36) Elias, a.a.O., S. 199.