Die neuen Dämonen
Mit dem Roman „Das Goldene Tor von Kiew“ überschreitet Alexander Rahr bewusst die Grenzen des „zulässigen“ politischen Romans und transferiert das Erbe Dostojewskis in den Ukrainekrieg.
Sein Werk ist weder ein Thriller für den entspannten Feierabend noch neutrale belletristische Prosa, sondern ein analytischer Text in Romanform — eine offene Herausforderung an das herrschende westliche Narrativ über Krieg, Europa und Russland. Gerade deshalb wird das Buch vom liberalen Mainstream weitgehend totgeschwiegen. Dabei lohnt sich die Lektüre, gerade weil das Buch so außergewöhnlich ist und literarische Bezüge auf eine interessante Art neu vernetzt. In jedem Fall setzt es die Bereitschaft voraus, über den Tellerrand zu blicken.
Rahr geht von einer einfachen, heute jedoch nahezu tabuisierten These aus: Der Konflikt um die Ukraine ist weder ein Zufall noch eine „Störung der internationalen Ordnung“, sondern die logische Fortsetzung einer jahrtausendealten Spaltung Europas. Zum Symbol dieser verlorenen Einheit werden die Goldenen Tore von Kiew — nicht als touristisches Wahrzeichen, sondern als Erinnerung an die Kiewer Rus, an Byzanz und an eine verdrängte, alternative Version europäischer Geschichte. Russland erscheint in diesem Zusammenhang nicht als der „asiatische Andere“, sondern als zurückgewiesener Teil der westlichen Zivilisation, verbunden Konstantinopel statt mit Rom.
Der Roman folgt einem amerikanischen Journalisten, der in Moskau schrittweise Einblick in die inneren Machtmechanismen Russlands und in verdeckte politische Entscheidungsprozesse erhält. Parallel dazu entfaltet sich fernab offizieller staatlicher Strukturen ein Netz konspirativer Treffen in Berlin, an der Côte d’Azur und auf einem geheimnisvollen Schiff, in denen langfristige Machtpläne geschmiedet werden, die weit über den aktuellen Ukraine-Krieg hinausreichen. Eine historische Rückblende in die Zeit der Wirren zu Beginn des 17. Jahrhunderts spiegelt die Gegenwart und zeigt Russland in einer Phase innerer Zerrüttung und äußerer Einflussnahme. Vergangenheit und Gegenwart laufen schließlich auf ein Endspiel von beinahe apokalyptischem Ausmaß zu.
Rahrs Werk ist bewusst polemisch angelegt. Die Figuren sind keine psychologisch ausgearbeiteten Charaktere, sie sind Träger von Ideen und Rollen. Das ist ein kalkulierter literarischer Zugriff und kein Mangel des Romans. Rahr schreibt nicht über individuelle Schicksale, sondern über den Kampf der Weltanschauungen. Genau hier tritt einer der interessantesten und zugleich am wenigsten beachteten Stränge des Buches hervor: die verdeckte, aber unübersehbare Linie zu Dostojewskis Die Dämonen.
Ein Teil der Figuren trägt Namen, die eindeutig auf Dostojewskis Roman verweisen. Das ist weder literarische Spielerei noch Zufall. Wie bei Dostojewski sind die „Dämonen“ auch hier keine mythologischen Wesen, sondern Ideen, die von Menschen Besitz ergreifen.
Im 19. Jahrhundert waren es Nihilisten, Revolutionäre und Westler, überzeugt davon, Befreiung zu bringen. Im 21. Jahrhundert sind es Gutmenschen, selbsternannte moralische Autoritäten, vernetzte Aktivisten, NAFO-Trolle, Expertengremien sowie die ihnen dienenden westlichen Geheimdienste und Medienapparate.
Rahr zeigt: Das Dämonische ist nicht verschwunden, es hat lediglich seine Sprache gewechselt. Heute spricht es von Menschenrechten, Werten, Inklusion und Fortschritt. Es brennt keine Städte nieder, sondern zerstört Bedeutungen, verfälscht Geschichte und beraubt Völker ihres Rechts auf ein eigenes Gedächtnis. Gerade deshalb sind die „Dämonen“ der Gegenwart besonders gefährlich — sie sind aufrichtig von ihrer moralischen Überlegenheit überzeugt.
Die Ukraine erscheint im Roman weniger als Staat denn als Projektionsraum. Hier prallen Mythen, historische Traumata und zivilisatorische Ambitionen aufeinander. Der Westen agiert nicht als neutraler Schiedsrichter, sondern als Missionar, der keinen Widerspruch duldet. Jeder Widerstand gilt als „Häresie“, jede Abweichung als Zeichen des Bösen. In diesem Sinne ist Rahrʼs Roman eine direkte Fortsetzung der dostojewskischen Diagnose: Moralischer Radikalismus endet stets in Zerstörung.
Literarisch ist das Buch bewusst unbequem, stellenweise deklaratorisch. Doch genau darin liegt sein Sinn. Das Goldene Tor von Kiew will nicht gefallen. Es greift an. Es widerspricht. Es bringt Fragen zurück in den öffentlichen Raum, die das liberale Europa am liebsten für immer begraben würde.
Fazit: Vor uns liegt ein polemischer Text über die dämonische Natur des modernen liberalen Universalismus. Ein Buch für Leser, die noch fähig sind zu zweifeln – und sich daran zu erinnern, dass die „Dämonen“ stets die Maske des Guten tragen.
Hier können Sie das Buch bestellen: „Das Goldene Tor von Kiew “
