Die Normalisierung des Bösen

Die Epstein-Files zeigen, dass jeder Kult vom Schweigen seiner Mitwisser lebt.

Vergangenen Freitag veröffentlichte das US-Justizministerium die bisher umfangreichste Sammlung der Epstein-Files. Seither sind viele Fragen offen, und noch mehr werden gar nicht erst gestellt. Dabei brauchen wir über eines wohl kaum zu streiten: Jedem normalen Menschen sollte es den Magen — oder vielmehr sein gesamtes Weltbild — umdrehen, wenn er erfährt, welche Abgründe die Protagonisten dieser Akten in sich bergen und über Jahrzehnte hinweg auch ausgelebt haben. Wobei die Veröffentlichung kein Grund ist, aufzuatmen oder auf die nächste medial ausgeschlachtete Gerichtsverhandlung zu hoffen.

Denn wie sich aktuell erahnen lässt, war das Ziel ihrer Veröffentlichung nie, die Täter für ihre Taten zu verurteilen oder die Opfer zu entschädigen. Sinn und Zweck des Ganzen scheint vielmehr zu sein, uns eine solche Rechtsprechung nicht mehr erwarten zu lassen. Schließlich passiert genau das, wenn wir auf allen Kanälen — nur nicht auf den öffentlichen — mit dem Vorwurf satanistischer Verbrechen jener nun nicht mehr so geheimen Kreise konfrontiert werden: Wir desensibilisieren. Unser Weltbild soll nicht erschüttert und von deren satanistischen Ritualen befreit werden — ihr Satanismus soll Teil unseres Weltbildes werden.

Das, was wir derzeit erleben, das Schweigen, die Ablenkung, die Verdrehung und Verharmlosung, ist nichts anderes als der Versuch, das Böse zu normalisieren. Das FBI ist nach jahrelanger Recherche und dem Anhäufen unzähliger Zeugenberichte nicht plötzlich zur Besinnung gekommen und fängt an, die eigenen Machtgeber zu untergraben. Die Veröffentlichung der Epstein-Files ist Teil der Programmierung, Teil der Abstumpfung. Und nicht ohne Grund passiert sie genau jetzt.

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Sacred island — Nicholas Roerich 1917

Über ein Jahrzehnt hinweg haben die Medien den Fall Epstein weitgehend ignoriert. Die einzigen Namen, die genannt werden durften, waren Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, die ohnehin längst wegen Sexhandels und Missbrauchs Minderjähriger verurteilt waren. Und selbst jetzt, wo drei Millionen Seiten, 2.000 Videos und etwa 180.000 Bilder für jedermann zum Download bereitstehen, wird trotz aller Metoo- oder Time’s Up-Debatten noch so getan, als wäre das sämtlich nicht eindeutig genug, als wären Aufnahmen aus Privatjets, in denen kleine Mädchen mit kurzen Röcken auf den Schoß erwachsener Männer gesetzt werden, nicht bereits Grund genug, jemanden zu kompromittieren.

Solche Bilder, aber vielmehr noch die Zeugenaussagen, die beschreiben, was aller Voraussicht nach mit vielen dieser Kinder im Anschluss passiert ist, lassen auch mich fassungslos zurück. Ich merke, wie ich wütend werde, vor allem wegen der Spannweite von Gefasstheit bis Ahnungslosigkeit der medialen Öffentlichkeit. Vielleicht auch, weil ich Aufnahmen wie die des Models Gabriela Rico Jiménez, das 2009 von der Party in einem Luxushotel in Mexiko in dessen Lobby stürmt, dabei ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck „Yum Yum“ trägt und verzweifelt um seine Freiheit fleht, bereits seit ein paar Jahren kenne. In dem im Netz kursierenden Video behauptet Jiménez, gegen ihren Willen festgehalten worden zu sein und dass die Teilnehmer jener Party Dinge täten, die sich kein seelisch intakter Menschen auch nur vorstellen könne, in dessen Zuge Jiménez jedoch das britische Königshaus sowie deutsche Adelshäuser erwähnt, bis eine Polizistin sie gegen ihren Willen abführt. Ihr Verbleib ist bis heute unklar.

Auf sie folgten, zumindest in meinem Kosmos, die P-Diddy-Skandale, sein Einfluss auf Justin Bieber und dessen lange als „seltsam“ abgestempeltes Musikvideo „Yummy“, genauso wie die noch seltsameren Merkwürdigkeiten um Beyoncé und ihren Ehemann Jay-Z oder die zunehmend öffentlicher werdende Debatte um Adrenochrom und wie, analog zum Nervengift Botox, es immer mehr Promis benützen, um ihre Jugend zu wahren. Ungeklärt bleibt für mich Stanley Kubricks Tod, kurz nach seinem Director’s Cut zu Eyes Wide Shut, aus dem bis heute 20 Minuten fehlen. Und erst recht Fragen wirft die gesamte Symbolik rund um den Vatikan auf, vom „Saturnhut“ des Papstes bis zu seiner Audienzhalle, deren Form einer Schlange nur für diejenigen nicht erkennbar ist, die auch sonst nur schauen, aber nicht sehen wollen.

Die Liste an Offensichtlichkeiten, dass wir anscheinend nicht nur von Psychopathen, sondern von Dämonen — oder zumindest von ihren Anbetern — regiert werden, ist lang.

Wobei ich persönlich hoffe, dass mit den nun veröffentlichten Akten auch jene Ungereimtheiten um die Tode von Paul Walker, Prinzessin Diana, John F. Kennedy, Michael Jackson, Nipsey Hussle, Avicii, Chester Bennington oder auch Marilyn Monroe unter neuem Licht betrachtet werden können. Denn während Nachrichten längst kein Kriterium mehr dafür sind, ob etwas passiert oder nicht, ist jede Hausdurchsuchung, die jetzt noch bei einem jener „Verschwörungsideologen“ stattfindet, anstatt bei denjenigen, deren Namen in den Akten stehen, keine Panne mehr, sondern ein Statement. Es wäre die offene Verteidigung eines Systems, in dem die der Pädophilie und des Missbrauchs Verdächtigten geschützt werden und in dem die verfolgt und ausgegrenzt werden, die über Jahre hinweg genau das behauptet haben, was in nicht allzu ferner Zukunft Allgemeinwissen sein wird.

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Messenger. Island. — Nicholas Roerich 1914

Nun hatte ich einige Jahre Zeit, diese Erschütterung, diesen Ekel darüber, Teil einer Spezies zu sein, die zu solchen Dingen fähig ist, zu verarbeiten. Das jedoch macht es nicht leichter. Denn wenn selbst ich über einen bloßen Instagram-Algorithmus seit Jahren Zugang zu diesen Informationen habe und durch „Normalbürger“, die unbezahlt die Arbeit von für solche Aufgaben eigentlich bezahlten Journalisten übernehmen, zu einer eigenen Recherche motiviert werde, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass jeder andere auch von diesen Dingen hätte wissen können.

Meiner Ansicht nach ist es folglich nicht zielführend, sich darüber aufzuregen, dass nach der letzten Veröffentlichung keine Untersuchungen und Verhaftungen bei all jenen erfolgten, deren Gesichter auch nur ansatzweise mit den Anschuldigungen der Vergewaltigung und Zerstückelung von Kindern, dem Entnehmen wie Essen ihrer Eingeweide oder dem Trinken ihres Bluts in Verbindung gebracht werden können. Die Zeitungen werden vorerst weiterhin von „Erklärungsnot“ titeln oder sich fragen, welche Verbindungen von Epstein zu Russlands Präsidenten bestehen könnten, auch wenn dieser nicht einmal in den Akten erwähnt wird.

Kurzum: Der Versuch, zu vertuschen, zu verharmlosen und, allem voran, abzulenken, läuft bereits. Und das nicht nur in Bezug auf die Schuldigkeit der eigentlichen Täter, sondern, wie sich jetzt zeigt, auch in Bezug auf das, was derzeit im Iran „verhandelt“ wird.

Denn wie gesagt: Das System wendet sich nicht plötzlich gegen die, denen seine Macht innewohnt. Selbst wenn es nicht danach aussieht — alles verläuft nach Plan. Weshalb ich auch zusehends merke, dass, während die Medien weiterhin Namen vertuschen und Nebenschauplätze eröffnen, ich mich für diese nicht interessiere. Einerseits, weil es dafür zu viele sind, andererseits, weil es längst um mehr als Namen und kranke Vorlieben geht. Mir geht es um das System dahinter.

Von einem System, in dem solche Dinge geschehen und gleichzeitig „aufgedeckt“ werden, erwarte ich keine Rechtsprechung mehr. Es gibt zu wenig, das in diesem Rahmen noch entschieden werden könnte, was für mich überhaupt noch etwas mit „Recht“ zu tun haben könnte. Und damit nicht genug: Indem das System mich von den in ihm verübten Straftaten wissen lässt, ohne in angemessenem Rahmen dagegen vorzugehen, macht es mich zu seinem Mitwisser. Es geht darum, dass ich diese Taten auf einer gewissen Ebene sogar tolerieren soll, indem es meine Aufmerksamkeit ihnen gegenüber so weit abstumpfen lässt, dass ich selbst unempfindlich werde gegenüber dem offensichtlich Bösen. Nicht nur soll ich mich nicht auflehnen gegen das, was passiert, ich soll auch den Absprung von dort verpassen, wo ich mich noch hätte auflehnen können, ohne mich selbst zu verraten.

Schließlich geht es diesem System genau darum: Zeugenschaft. Es will Komplizen. Epstein schließlich war — oder ist — auch kein Verrückter, dem eines Tages einfiel, seine Kumpels auf einer einsamen Insel, deren Form stark an das Logo des Kindersenders Nickelodeon erinnert, beim Sex mit Minderjährigen zu filmen und sie im Anschluss damit in Verlegenheit zu bringen. Epstein war — oder ist — den Berichten zufolge ein Mossad-Agent. Als solcher hat er einen Kult bedient, für den nicht primär Kinder geopfert werden mussten — wovon wir dennoch stark ausgehen können. Das Opfer, von dem sein Ring aus Kindeshandel und Missbrauch gelebt hat, war die Integrität seiner Mitwisser.

Nicht jeder, der mit Epsteins Machenschaften vertraut gewesen ist, muss zwangsläufig Pädophiler oder Satanist sein — er beziehungsweise sie ist vielleicht nichtsahnend auf eine von Diddys White Partys gelangt oder der Einladung zu einem „Pizzaessen“ gefolgt, man hat ihm/ihr möglicherweise Substanzen verabreicht und ihm/ihr im Nachhinein Bilder von sich gezeigt, die besser nie irgendwem gezeigt werden sollten. Der Wege in die Hölle sind bekanntlich viele.

Mir persönlich ist es egal, wie Politiker, Milliardäre, Stars und Sternchen ihren Weg dahin gefunden haben — standen ihnen in dieser Welt doch weitaus mehr Türen offen als den meisten von uns. Mir geht es darum, es ihnen nicht gleichzutun. Weder wird jemand auf Kosten meiner Integrität geopfert, noch lasse ich es zu, dass Machtstrukturen über meine moralischen Grenzen triumphieren. Egal wie sehr die Welt um mich herum abstumpft, ich werde meine Werte nicht aufweichen, nur damit der Abgrund, in den ich mit ihnen an meiner Seite zu blicken wage, nicht doch in mich zurückblickt. Oder mich daraufhin jeder verächtlich anblickt.

Ich habe keine Angst. Diese Welt ist nicht so böse und verkommen, wie „sie“ uns zu verstehen geben wollen.

Der Fall Epstein zeigt uns, dass es sich lohnt, seinen eigenen Weg zu gehen, anstatt auf Schlagzeilen zu warten. Denn wenn auch nur fünf Prozent von dem wahr sein sollten, was in diesen Akten steht — Schweigen bleibt der Nährboden jeder Desensibilisierung. Und wer einmal desensibilisiert ist für die Machenschaften des Bösen, der fällt ihnen leicht zum Opfer. Darum haben wir, selbst wenn es trotz aller Forderungen nach Gerechtigkeit auch im Falle Epstein kein Gerichtsverfahren im Namen derer geben sollte, die misshandelt oder auf Golfplätzen vergraben wurden, bereits heute die Wahl: Soll diese Welt ein Ort sein, an dem Eltern Angst davor haben müssen, ihre Kinder eines Tages nicht mehr vom Kindergarten abholen zu können? Oder soll diese Welt eine sein, in der wir nicht länger schweigen, wenn Dinge anfangen, sich zu reimen, oder Jungs nachts böse Männer in der Ecke ihres Kinderzimmers sehen?

Warten wir nicht auf das Versprechen des nächsten Politikers, der Ehrenmedaillen für philanthropisches Engagement verteilt.

Hören wir einander zu. Besser gestern als heute.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Die Normalisierung des Bösen“ auf dem Substack von Lilly Gebert.