Die Realität als Groteske
Das Gefühl, dass alles den Bach runtergeht, wird ein wenig erträglicher durch die Hoffnung auf einen Retter, der alles zum Guten wendet — leider ist sie vergeblich.
Es sind Zeiten, in denen man morgens ins Internet schaut und sich kurz fragt, ob man versehentlich in eine schlecht geschriebene Parodie geraten ist. Der Autorin geht es ständig so, und sie sucht vergeblich den Abspann mit dem Hinweis: „Alle Figuren sind frei erfunden.“ Die Wirklichkeit hat sich so weit in Richtung Groteske bewegt, dass sie kaum noch mithalten kann. Deshalb greift sie zunehmend zu dem, was früher als „Unterhaltung“ galt: Satire, Ironie, schwarzer Humor. Aus Selbstschutz — sonst hält sie das Ganze nicht mehr aus.
Die stille, zähe Erwartung, dass „die da oben“ es schon richten werden, macht mich wahnsinnig. Dass irgendwo ein Retter im weißen Umhang oder mit roter Kappe existiert, der sich irgendwann spontan entscheidet, alles zu reparieren — von der kaputten Infrastruktur bis zur inneren Unruhe der Menschen. Natürlich nach Plan.
Die Hoffnung der Gepeinigten bleibt unerschütterlich, dass irgendwann eine neue Regelung oder Regierung alles einfacher macht. Vielleicht eine Steuersenkung? Oder noch besser: die Migranten alle abschieben? Das scheint ja neuerdings die Lösung der einfacher Gestrickten für alles zu sein.
Beispiel Wohnungsmarkt: eine Einzimmerwohnung für 1.400 Euro warm, ohne Küche, aber mit „Charme“. Der Charme besteht vermutlich darin, dass man dort sehr gut darüber nachdenken kann, warum man überhaupt noch arbeitet und wie schnell sich im Hintergrund schon wieder die üblichen Erklärungen sortieren, warum das alles so sein muss. Vielleicht die Steuern. Vielleicht die Solidarität.
Oder Digitalisierung: eine ID, die „alles vereinfacht und sicher macht“, außer dass ich danach kein Privatleben mehr habe, nichts Kritisches mehr schreiben darf — deshalb muss ich das jetzt noch tun — und so was verdammt nochmal nicht will!
Und trotz allem bleibt da diese merkwürdige und völlig absurde Grundannahme der meisten Menschen: Irgendwann wird jemand kommen und das System „reparieren“. Bestimmt ist dieser Jemand in keinster Weise verbandelt mit denjenigen, die uns diese Probleme erst gemacht haben. Sicher nicht. Und ganz bestimmt nicht, wenn er in der AfD ist oder bei irgendeiner anderen „Opposition“ in einem anderen Land. Kann ja gar nicht sein. Die sind sich ja „spinnefeind“!
Diese Erwartung ist erstaunlich robust. Sie überlebt Wahlperioden, Reformpakete und politische Neuanfänge mit unfassbarer Gelassenheit. Sie ist bequem und wurde in die Gehirne eingeimpft wie ein Allheilmittel gegen alles. Wahrscheinlich aber vor allem, weil die Alternative ist: dass niemand kommt. Dass „die Regierung“ kein Dienstleister ist — schon gar nicht für das Volk—, sondern der Verursacher all unserer drängendsten Probleme. „Ach was, die wurde doch gewählt. So funktioniert unsere Demokratie nun mal.“ Die Mehrheit muss ja schließlich wissen, was zu tun ist.“ Wirklich?
Der Alltag zwischen Ernst und Groteske
Im Supermarkt erklärt mir ein Schild, dass die Preise „aufgrund globaler Entwicklungen“ gestiegen sind, während meine eigene Kaufkraft sich rasant auch global entwickelt — nur leider nach unten. Der Retter befindet sich gerade vermutlich noch auf dem Bilderberg-Treffen oder versteckt sich in den Epstein-Files.
Auf YouTube diskutieren „Experten“ und Politiker über Lösungen, die in etwa so sinnvoll sind wie Wetterprognosen für das Jahr 2090. Und so menschenfreundlich wie ein Serienkiller.
Egal, diskutieren wir lieber weiter, mit welchen Worten man die Herrschaften noch beleidigen darf.
Im Gespräch mit Freunden höre ich: „Das kann doch alles nicht wahr sein.“ Und alle nicken. Sie wissen. Sie verstehen. Aber das ist meine kleine Voluntaristen-Bubble: Menschen mit der Überzeugung, dass schon irgendwer „oben“ NICHTS retten wird — weil dort niemand sitzt, der es besser kann als die Menschen selbst.
Und genau deshalb wirkt für mich dieses ewige Warten und Diskutieren so schräg: als hätten die Menschen kollektiv vergessen, dass Freiheit ein Netzwerk aus selbstbestimmten Entscheidungen, Verantwortung und ja, auch Irrtümern ist.
Aus voluntaristischer Sicht ist diese Sehnsucht nach der großen zentralen Lösung fast rührend und gleichzeitig völlig absurd. Als würde man als Erwachsene noch darauf warten, dass jemand kurz den Schmerz wegpustet, obwohl das schon als Kind nicht funktioniert hat.
Wie entstand nur der Glaube, dass Leute, die sich an den steuerzahlenden Sklaven eine goldene Nase verdienen, ein Interesse daran hätten, das zu erleichtern oder gar abzuschaffen? Diese Leute mögen dämlich wirken, aber sie sind es nicht — sie sägen sich den Ast, auf dem sie gemütlich sitzen, bestimmt nicht ab.
Fassungslos stehe ich jeden Tag erneut da und frage mich, was noch alles passieren muss, dass diese Erkenntnis endlich die Leute erreicht. Wollt ihr erst hungern und in euren Buden verrotten, weil ihr kein Geld mehr habt, um Benzin zu kaufen? Wollt ihr noch mehr Geld zahlen, um arbeiten zu „dürfen“, während sich die Regierenden ihre Schmerbäuche reiben und über euch lachen? Wollt ihr noch mehr Sozialabgaben zahlen, um trotzdem vergeblich auf eine bessere Versorgung zu warten? Wollt ihr demonstrieren und wieder nach den Regierenden rufen, die sich köstlich über eure Sanftmut amüsieren? Glaubt ihr wirklich, dass Macht sich selbst freiwillig begrenzt, wenn man nur höflich genug darum bittet und selbst gemachte Schilder hochhält?
Aus voluntaristischer Sicht ist das der eigentliche Running Gag: Menschen, die gleichzeitig die Effekte zentraler Steuerung kritisieren und doch die Lösung exakt dort erwarten, wo die Ursache liegt. Also machen sie den Brandstifter zum Chef der Feuerwehr.
Der übliche Reflex
An dieser Stelle kommt fast schon ritualisiert: „Ja gut, aber was ist die Lösung?“ Er kommt nicht als echte Frage, sondern als Schutzreflex. Als Fingerzeig: „Du hast ja auch keine.“
Wenn dann tatsächlich Lösungen auftauchen — in Büchern, in Videos, in konkreten Beispielen oder einfach im gelebten Alltag von Menschen, die anfangen, Dinge anders zu machen —, passiert immer das Gleiche: Sie werden entweder aussortiert als zu kompliziert, zu simpel, zu radikal, zu langsam, zu naiv, zu „irgendwie esoterisch“.
Oder, besonders beliebt, als„nicht praktikabel“. Egal wie viele es schon längst tun.
Noch praktischer für viele: gar nicht erst ansehen, weil schon der erste Schritt unangenehm riecht — nach Eigenverantwortung. Igitt. Okay, lieber schnell noch auf X einen empörten Kommentar schreiben, alles besser, als zu handeln …
Gratulation: Wieder erfolgreich weggeduckt. Beinahe hätte die Lösung dich erreicht. Beinahe hättest du Verantwortung gespürt. Beinahe.
Aber echte Lösungen haben nun mal eine unangenehme Eigenschaft: Sie verlangen Interesse. Freiheitswillen. Oder im schlimmsten Fall die unverschämte Zumutung, selbst etwas zu verändern, ein Buch zu lesen und sich zu vernetzen. Also wird lieber zurückgefragt. Noch einmal. Und noch einmal: „Aber was ist die Lösung?“ In der Hoffnung, dass sie einen selbst nicht betrifft. Schnell soll sie sein, einfach, zustimmungsfähig und vor allem ohne eigene Beteiligung. Okay, seinen Stimmzettel in eine URNE zu entsorgen, das ist gerade noch akzeptierte Mitwirkung. Mehr nicht.
Was bleibt
Satire ist inzwischen für mich wirklich kein Rückzug mehr, sondern eine Art Anpassung. Ironie wird zu einer Methode, nicht komplett den Verstand zu verlieren, wenn bei so vielen Menschen Erwartung und Erfahrung dauerhaft aufeinanderprallen. Denn:
*„Oft führ‘ man gerne aus der Haut,
doch wenn man suchend um sich schaut,
sind ringsherum nur Häute,
in die zu fahren auch nicht freute.“
Eugen Roth zugeschrieben
Und so bleibt mir am Ende oft nur dieser seltsame Zustand: Ich lache, obwohl es eigentlich ernst ist. Oder weil mich die Angst doch noch einholt, die Angst, dass die Mehrheit meine kleine Minderheitsbubble, die wirklich frei sein will und kann, mitreißt in ein dunkles Dasein, in dem ich nicht leben möchte.