Die Schornsteine der Waffenschmieden

In der Rüstungsindustrie arbeiten biedere Menschen, die das durch sie verursachte Leid verdrängen — Rapper Prinz Pi widmete dieser Banalität des Bösen den Song „Schornsteine“.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Krieg wird zunehmend abstrakter, und das durch ihn verursachte Leid ist längst nicht mehr für alle sichtbar. Das gilt für die Menschen in den Waffenschmieden, aber zum Teil auch für die Einsatzkräfte selbst. Erstere aus der Rüstungsindustrie sehen nur noch das Produkt als solches, kennen die technischen Einzelheiten und sehen in dem Vertrieb lediglich einen kaufmännischen Vorgang. Meist handelt es sich um herzliche Familienmenschen, die mit bestem Gewissen handeln. Was diese Waffen in den Kriegsgebieten anrichten, wird stur ausgeblendet. Doch selbst am Ort des Kriegsgeschehens kann die Tötung abstrakt bleiben, etwa für jene Einsatzkräfte, die den Kampf aus der Luft durchführen. Teils aus mehreren Kilometer Entfernung werden per Rakete die „weichen Ziele“ unter den Flugzeugen hingerichtet. Einem solchen unbescholten wirkenden Waffenhersteller einerseits und einem vom Akt des Tötens völlig entfremdeten Kampfjetpiloten andererseits widmete Rapper Prinz Pi auf seinem 2016 erschienenen Album „Im Westen nix Neues“ den zynischen Song „Schornsteine“. Ein Text zu der Aktion #Friedensnoten.

Das Böse lässt uns erschaudern, wenn es sich eben nicht mit einem schelmischen Grinsen zeigt, sondern mit einem arglosen Erscheinungsbild auftritt, hinter dem es sich zunächst versteckt. Prinz Pi zeichnet in der ersten Strophe seines Songs „Schornstein“ das Bild eines auf den ersten Blick unbescholtenen, gutverdienenden Familienvaters, den netten, bürgerlichen Nachbarn von nebenan eben.

Das lyrische Ich spricht bis kurz vor Strophenende aus der Sicht des Familienvaters, formuliert die eigenen Widersprüche, die dem Vater selbst, aber nicht dem Hörer verborgen bleiben:

„Küsse meine Ehefrau, dann noch die Kinder
Neuer Audi, der von meiner Frau parkt gleich dahinter
(…)
In der Fabrik ein helles Büro voll Licht und Platz
Und an den Wänden prangen selbst gemalte Bilder der Kids“

Genau so stellt man sich doch gemeinhin den vorbildhaften, steuerzahlenden Bürger vor: liebender Vater einer Familie, ein deutsches Automobil vor der Tür und offenkundig ein Jemand, der beruflich „was Vernünftiges“ tut. Bei dem Arbeitgeber selbst scheint es sich ebenfalls um einen durch und durch vorbildlichen Betrieb zu handeln:

„Wir bilden aus hier! Zahlen waren immer schon schwarz
Solarzellen auf dem Dach tilgen unsren Bedarf
Trennen den Müll, filtern Luft und die Abwasser clean
Biotop in dem kleinen Bach bei der Fabrik“

Was kann man bei einem solchen Unternehmen schon beanstanden? Produktiv, umweltschonend und Arbeitsplätze schaffend. Was wäre von einem vernünftigen Betrieb mehr zu erwarten? Doch in den letzten Versen fällt der Schleier:

„Wir produzieren hier bei uns die besten Waffen der Welt
Aus diesem Land kommen die besten Waffen der Welt
Genau von diesem Mann kommen die besten Waffen der Welt
Auf die Dächer aller Menschen hier prasselt das Geld“

Diese Strophe ist wahrlich keine Fabel. Da mag es so einige Männer — insbesondere in Baden-Württemberg — geben, die das unscheinbare Leben eines freundlichen Häuslebauers und Familienvaters leben und werktags in den Waffenschmieden die Tötungsmaschinerie herstellen und verkaufen, die in allen Teilen der Welt „Häusle“ zerbombt und Familien massakriert. Doch das wird konsequent ausgeblendet, denn von dem Anwendungsbereich und der Wirkkraft sind die Waffenproduzenten gänzlich entfremdet und abgespalten. So rappt Prinz Pi in der Hook beziehungsweise dem Refrain:

„Wir schlafen gut, denn wir machen einen wichtigen Job
Wo alles landet, habe ich nicht im Kopf
Entscheide nicht, wer sterben soll, vergleiche mich nich‘ mit Gott
Ich drücke nur in der Fabrik immer den richtigen Knopf “

Am Ende geht es darum, dass — wie Pi im Refrain mehrfach wiederholt — „der Schornstein von jeder Fabrik raucht“.

Die Grundschuld für das Sterben in der Welt wird dann sogar noch dadurch kaschiert, dass sich der Rüstungskonzern damit brüstet, Ausbildungsplätze zu schaffen, den Strom von Solaranlagen zu beziehen und den Müll zu trennen.

Würde man die Mülltrennung jedoch ernst nehmen, müssten sämtliche dort produzierten Produkte im Sondermüll landen. Täten sie dies, wäre jedoch der Unternehmenszweck dahin und mit ihm das prestigeträchtige Angestelltenverhältnis der Mitarbeiter mit all den damit verbundenen Annehmlichkeiten.

Diese Entfremdung vom Töten beschränkt sich jedoch nicht auf den Angestellten der Rüstungsfabrik. In der zweiten Strophe rappt Pi aus der Sicht eines Kampfjetpiloten vom Schlag eines Captain Maverick, wie man ihn aus den Top-Gun-Filmen mit Tom Cruise kennt. Hierbei beschreibt er eindrücklich die Verschmelzung von Mensch und Tötungsmaschine und damit einhergehendem Empathie-Verlust:

„Körperlich topfit, bin eins mit dem Cockpit
Weiß im Schlaf, wo jeder Schalter und Knopf ist
Kenne meinen Jet wie ein Teil meines Körpers
Reagiere aus Reflex ohne den Umweg durch Wörter
Jedes System funktioniert, doppelt gecheckt
Und auch ich funktioniere wie ein Uhrwerk perfekt
Gib mir Koordinaten, und ich drücke den Knopf
Und ich drücke ihn so oft, wie man mir sagt, dass ich drücken soll
Wie man mir sagt dass ich drücken soll
Mission Erfolg, astreine Quote
Wird der Jet in den Hangar zurückgerollt
Bin ich danach schon ein bisschen stolz “

„Schornsteine“ ist sieben Jahre nach seiner Erscheinung aktueller denn je, in einer Zeit, da der Waffenfetischismus — „lasst die Leos frei“ — ungekannte Dimensionen erreicht, in orwellscher Manier Panzer mit Lebensrettung assoziiert werden und ihnen eine friedensbringende Wirkung angedichtet wird.

Prinz Pi — der heute leider nicht mehr so kritisch ist wie in früheren Tagen — zeigte mit diesem Werk, wie das Maschinelle — ob in den Rüstungsfabriken oder in den Kampfmaschinen selbst — das Menschliche zurückdrängt und die Auslöschung des Lebens abstrakt werden lässt. Der fast schon fröhliche Beat kontrastiert die Ernsthaftigkeit des Themas, während die exotischen Drums und Vocals unterschwellig darauf hindeuten, in welchen Regionen der Welt die Waffen ihr tödliches Werk verrichten.


Prinz Pi „Schornsteine“


Medienpartner

Nacktes Niveau (Paul Brandenburg), Punkt.preradovic, Kaiser TV,
Hinter den Schlagzeilen, Demokratischer Widerstand,
Eugen Zentner (Kulturzentner), rationalgalerie (Uli Gellermann), Protestnoten, Radio München (Eva Schmidt), Basta Berlin, Kontrafunk und Ständige Publikumskonferenz.

Weitere können folgen.

Ablauf

Samstag 9.7.2022 SONG Fortunate Son (Creedence Clearwater Revival)
TEXT Marcus Klöckner Die Doppelmoral der Kriegsmacher — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.7.2022 SONG Redemption Song (Bob Marley)
TEXT Jens Fischer Rodrian Botschafter für eine gerechte Welt — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 23.7.2022 SONG Friedensbewegung (Kilez More)
TEXT Eugen Zentner Liebe und Leidenschaft — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 30.7.2022 SONG Es ist an der Zeit (Hannes Wader)
TEXT Roland Rottenfußer Der wirkliche Feind — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 6.8.2022 SONG War — what is it good for? (Edwin Starr)
TEXT Lüül Wozu ist Krieg gut? — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 13.8.2022 SONG Another brick in the wall (Pink Floyd)
TEXT Alexa Rodrian Der Ziegel in der Wand — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 20.8.2022 SONG Anthem (Leonard Cohen)
TEXT Madita Hampe Durch alles geht ein Riss — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 27.8.2022 SONG Feeding off the love of the land (Stevie Wonder)
TEXT Nina Maleika Zurück Zur Verbundenheit — ZurZur Aktion Friedensnoten

Samstag 3.9.2022 SONG Drei Kreuze für Deutschland (Prinz Pi)
TEXT Nicolas RiedlDer Sog des Krieges — ZurZur Aktion Friedensnoten

Samstag 10.09.2022 SONG Masters of war (Bob Dylan)
TEXT Wolfgang Wodarg Meister der Kriege — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 24.09.2022 SONG Die Welt im Fieber (Karat)
TEXT Maren Müller Die Welt im Fieber — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 1.10.2022 SONG Wehre have all the flowers gone (Joan Baez)
TEXT Ulrike Guérot Der Kreislauf des Krieges — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 8.10.2022 SONG Peace (Ajeet Kaur)
TEXT Philine Conrad Der Wunsch nach Frieden — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.10.2022 SONG Working Class Hero (John Lennon)
TEXT Tom-Oliver Regenauer Das Musik-Monument — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 29.10.2022 SONG Imagine (John Lennon)
TEXT Kenneth Anders Sich den Frieden ausmalen — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 5.11.2022 SONG (What’s So Funny ’Bout) Peace, Love and Understanding (Nick Lowe)
Text Sabrine Khalil Der unbequeme Weg des Fragens — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 12.11.2022 SONG I Can’t Write Left Handed (Bill Withers
Text Ulli Masuth Fragwürdiger Heldenmythos — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 19.11.2022 SONG Sag mir wo die Blumen sind (Marlene Dietrich)
TEXT Oli Ginsberg Vom Krieg verweht — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 26.11.2022 SONG Meinst du, die Russen wollen Krieg? (Jewgeni Jewtuschenko)
TEXT Ulli Gellermann Die Russen wollen keinen Krieg — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 3.12.2022 SONG Sympathy for the Devil (The Rolling Stones)
TEXT Paul Brandenburg Sympathie für den Teufel — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 10.12.2022 SONG Boom! (System of a Down)
TEXT Thomas Trares Der Zenit der Friedensbewegung — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 17.12.2022 SONG The human hearth (Coldplay)
TEXT Jens Lehrich Dir wird geholfen — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 24.12.2022 SONG Neu aufgenommenes Weihnachtslied (Alexa und Jens Fischer Rodrian)
TEXT Alexa und Jens Fischer Rodrian Leben im Vielklang — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 31.12.2022 SONG Wake me up when September Ends (Green Day)
TEXT Aaron Richter Feiert eure Menschlichkeit! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 7.1.2023 SONG Draft Resister (Steppenwolf)
TEXT Jonny Rieder Ohne mich! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 14.1.2023 SONG Falstaff (Verdi)
TEXT Martha Carli Der heimliche Held — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 21.1.2023 SONG What’s going on (Marvin Gaye)
TEXT Christian Schubert Was in uns vorgeht — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 28.1.2023 SONG War is not am Woman‘s Game (Yael Deckelbaum)
TEXT Sandra Seelig Weiblichkeit kennt keinen Krieg — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 4.2.2023 SONG Nein, meine Söhne geb ich nicht (Reinhard Mey & Freunde)
TEXT Michael Karjalainen-Dräger Wie man einen Krieg beendet — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 11.2.2023 SONG Aabeglogge (Jodlerclub Balfrin)
TEXT Jeanette Fischer Das Leben neu entdecken — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 18.2.2023 SONG 99 Luftballons (Nena)
TEXT Hannes Hofbauer Kriegsminister gibt's nicht mehr — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 25.2.2023 SONG Russians (Sting)
TEXT Volker Schubert Auch Russen lieben ihre Kinder — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 4.3.2023 SONG Schornsteine (Prinz Pi)
TEXT Nicolas Riedl Die Schonrsteine der Waffenschmieden — Zur Aktion Friedensnoten