Die schweigende Mehrheit

In den Coronajahren ist die Verweigerung jeder Kommunikation auf Augenhöhe zur Volkskrankheit avanciert.

„Ich habe recht!“ „Nein, ich!“ Die Meinungen gehen oft auseinander. In einer funktionierenden menschlichen Gemeinschaft ist dies aber eine Chance, voneinander zu lernen und sich gemeinsam der Wahrheit anzunähern. Dies setzt eine respektvolle, ergebnisoffene Debatte voraus. Eine solche erweist sich aber als unmöglich, wenn einer der Kombattanten das Gespräch unter Einsatz von Beschimpfungen führt oder es mit einem Machtwort abzuschließen versucht. In der Coronakrise haben Vertreter der Minderheitsmeinung oft die Erfahrungen machen müssen, dass ihr Gegenüber — im Bewusstsein seiner Macht als Vertreter der Mehrheit — jede Diskussion verweigert oder sie brüsk abbricht. Der Betreffende wähnt sich ja im Besitz der Wahrheit, weil er Regierung, ZDF und „die Wissenschaft“ auf seiner Seite weiß. Unter Verzicht auf selbstständige Denkvorgänge wird er so zu einem Multiplikator des Gängigen, zum Sprachrohr der Macht. Das Gefühl von Bürgern, gegen Mauern der Ignoranz anzurennen, könnte sich künftig noch verstärken, wenn nicht Menschen, sondern Algorithmen über unser Wohl und Wehe entscheiden.

Bereits 2017 wurde im damaligen Rubikon eine Kolumne von mir zum Thema „Debatten(un)kultur“ veröffentlicht (1). Ausgehend vom selbstzerfleischenden Verhalten der Linken bestand die Hauptaussage dieses Textes in einem Plädoyer für einen auch in sprachlicher Hinsicht respektvolleren Umgang miteinander. Die zurückliegenden Jahre haben verdeutlicht, dass dieser Ansatz nicht länger ausreicht. Hinzu kommt, dass aus dem inzwischen erreichten Stand der künstlichen Intelligenz (KI) weitere Gefährdungen des sozialen Miteinanders resultieren. Vor diesem Hintergrund ist der vorliegende Text als eine Art Aktualisierung der ursprünglich verfassten Kolumne zu verstehen. Dazu gehört auch der Versuch, über die rein politische Ebene wenigstens teilweise hinauszugehen.

Genauso destruktiv wie eine von persönlichen Kränkungen durchsetzte Debatte ist die Weigerung, sich auf Argumente einzulassen, die der eigenen Meinung widersprechen. Die im privaten Umfeld auftretenden Kommunikationsverweigerer neigen dazu, die von ihnen vertretenen Ansichten mit einem „Ist so!“ abzuschließen. Wenn sich potenzielle Gesprächspartner davon nicht abschrecken lassen, werden sie schnell in einen unergiebigen Streit verwickelt, der die Fronten weiter verhärtet und/oder eine völlige Entzweiung zur Folge hat.

Die „Corona-Jahre“ haben gezeigt, dass Kommunikationsverweigerung sozusagen im Handumdrehen auch zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem werden kann.

Eine sich schnell bildende riesige Phalanx aus Maßnahmenbefürwortern sorgte für weitgehende Unterdrückung abweichender Meinungen, indem sie ihre gleichlautenden Statements mit persönlichen Diskreditierungen Andersdenkender vermischte und die so produzierte gesellschaftliche Spaltung ungerührt in Kauf nahm.

Die sehr einseitig ausgerichtete Mehrheitsmeinung konnte sich auch deshalb so lange halten, weil eine systematische Überprüfung der Kernaussagen von Anfang an hintertrieben wurde. Genauso verpönt war es, Überlegungen zu möglichen extern vorhandenen Interessen anzustellen.

Dabei gab es in den Reihen der Maßnahmenbefürworter durchaus Unterschiede hinsichtlich des Überzeugungsgrades, die aber von den angstgetriebenen Bürgern, die bereitwillig alles glaubten und mitmachten, gar nicht wahrgenommen wurden. In der „tonangebenden“ Schicht der Befürworter, zu der vor allem Politiker, Journalisten und Wissenschaftler gehörten, war die Gutgläubigkeit weit weniger ausgeprägt. Trotzdem blieb es auch hier bei der argumentativen Abschottung, wobei das Wissen um die vorhandenen Erpressungspotenziale — Verlust von Arbeitsplätzen und Sponsorengeldern oder Aufdeckung skandalöser Verstrickungen — eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben dürfte.

Diese Gemengelage ließ die „Vorbeter“ zu willigen Sprachrohren derjenigen werden, die — allen voran die riesigen Computer- und Pharmakonzerne — im Hintergrund die Strippen zogen und eine ganz eigene Agenda verfolgten.

Nun ist der Einsatz sprachregelnder Multiplikatoren zur verdeckten Verfolgung anderweitiger Interessen nicht neu. Ganz im Gegenteil sind Manipulateure und Propagandisten schon immer — vielleicht mit Ausnahme der Urzeit — vorgeschickt worden, um die jeweils errungene Macht zu erhalten und/oder auszubauen.

Dabei muss es sich nicht einmal um „finstere Gesellen“ handeln, die dieses Geschäft ausüben, und es ist auch nicht unbedingt nötig, dass sich die daran Beteiligten ihrer Funktion bewusst sind. Als Beispiel seien die Lehrer genannt, denen größtenteils gar nicht erst in den Sinn kommt, dass sie Schüler in vielerlei Hinsicht im Interesse der jeweiligen Machthaber beeinflussen (2).

Während wir im Umgang mit Menschen immerhin noch versuchen können, uns gegen Vereinnahmungen zu wehren, haben wir im Falle KI-basierter Entscheidungen, beispielsweise im Hinblick auf Einstellungen, Entlassungen oder Kreditzusagen, überhaupt keine Einflussmöglichkeiten mehr.

Anders ausgedrückt: Da wir die zugrunde liegenden Algorithmen nicht kennen, sind wir den nicht von Menschen getroffenen Entscheidungen völlig hilflos ausgeliefert (3).

Wenn das so weitergeht, werden nicht einmal mehr menschliche Sprachrohre zur Durchsetzung von Machtinteressen gebraucht, weil wir dann gar nichts mehr selbstständig zu entscheiden haben und deshalb — aus Sicht der Machthaber — nicht länger beeinflusst werden müssen. Als eine Art „Zwischenstadium“ auf diesem Weg kann die Einführung virtueller Influencer betrachtet werden, die, wie Imma, Gefühle benennen oder, wie Lil Miquela, auch schon politische Positionen beziehen können (4).

Fazit

In den Corona-Jahren ist es zu einer besonders toxischen Mischung aus Verunglimpfungen und Kommunikationsverweigerung gekommen. Die Unterdrückung abweichender Meinungen hat die Gesellschaft zutiefst gespalten. An diesem Prozess sind auch viele „normale“ Bürger beteiligt gewesen, weil sie den offiziellen Verlautbarungen vertraut haben. Dabei ist ihnen entgangen, dass die in der Öffentlichkeit aufgetretenen Protagonisten oftmals nur das Geschäft der Mächtigen betrieben haben und sie selbst durch ungefilterte Weitergabe der ausgesandten Botschaften ebenfalls zu Vertretern anderweitiger Interessen geworden sind.

Auch in Anbetracht der Tatsache, dass unser Entscheidungsspielraum durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Beurteilungssysteme ohnehin immer kleiner werden wird, sind wir gut beraten, uns so lange wie irgend möglich wieder verstärkt auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu besinnen und uns zumindest bei allen einschneidenden Eingriffen in unser Leben zu fragen, ob sie angemessen oder interessengeleitet beziehungsweise ferngesteuert sind.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/debatten-un-kultur
(2) Vergleiche hierzu meinen Beitrag „Meinungslernen in der Schule“, veröffentlicht in: Bruder-Bezzel, Almuth, und Bruder, Klaus-Jürgen (Herausgeber): MACHT. Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird, Frankfurt/Main, 2021
(3) Weitere Hinweise, einschließlich eines zeitgeschichtlichen Überblicks, finden sich unter: Garrel, Magda von, „Unser Weg in die digitale Diktatur“, Teil 1, https://www.nachdenkseiten.de/?p=94286, Teil 2: https://www.nachdenkseiten.de/?p=94291
(4) Gökalp, Taylan, „Imma auf Empfang“, Berliner Zeitung, 15. April 2023, Seite 10