# Die Sprache des Tempels 

Gotteshäuser sind Schutzräume, die sich der Logik des Krieges entziehen — gerade aus einer demütigen Haltung erwächst die Kraft zum Widerstand.

von 
   * Manfred   Böhm

Vierzig Jahre nach dem historischen Weltgebetstreffen von 1986 drängt sich der Geist von Assisi mit neuer, existentieller Wucht in unsere Gegenwart. In einer Zeit, in der die internationale Politik den Krieg schmerzhaft rehabilitiert und eine globale „Kultur der Macht“ das Denken bestimmt, bricht sich eine uralte Wahrheit bahn: Die ursprüngliche Natur aller großen Religionen liegt im Stiften von Frieden.

---

Das von der [Gemeinschaft Sant’Egidio](https://www.santegidio.org/pageID/1/langID/de/HOME.html) getragene Friedenstreffen in der Stadt des heiligen Franziskus zeugt seit jeher von einem tiefen interreligiösen und ökumenischen Atem. Unter dem Leitwort „Entwaffneter und entwaffnender Friede“ formierte sich im Oktober 2026 eine weltweite Allianz gegen den Krieg. Berichte auf [Vatican News](https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2026-10/zuppi-assisi-religionen-frieden-herzen-entwaffnen.html) dokumentieren eindrucksvoll, wie die Spitzen verschiedener christlicher Konfessionen, des Judentums, des Islams, des Buddhismus, des Hinduismus und weiterer Religionen zusammenkamen, um jenseits aller Dogmen ein unüberhörbares Zeugnis für die Menschlichkeit abzulegen.

## Das Haus des Gebets — Die unantastbare spirituelle Bestimmung des Sakralraums

Egal ob Kirche, Synagoge, Moschee oder Tempel — Sakralräume besitzen weltweit einen unverwechselbaren, rein spirituellen Charakter. Sie dürfen nicht als weltliche Polit-Podien, nationale Echokammern oder Eventhallen profaniert werden. Sie sind geweihte Zonen, die exklusiv der Transzendenz, dem Gebet, der Kontemplation und der tiefen Verehrung vorbehalten bleiben.

Dieses Fundament spiegelt sich im radikalen Handeln Jesu wider, der den Tempel von Jerusalem reinigte und dessen zeitlose Bestimmung einforderte: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden“ (Mk 11,17 — Einheitsübersetzung). Indem er die Händler vertrieb, setzte Jesus ein kompromissloses Zeichen gegen jede Form der Instrumentalisierung des Heiligtums für weltliche, finanzielle oder machtpolitische Interessen. Die Sprache des Tempels darf niemals mit der Sprache der Macht oder des Marktes vermischt werden.

## Die Rebellion der Demut — Wie das Gebet die Herzen entwaffnen kann

In einer von Krisen zerrissenen Welt erweist sich das Gebet als die demütige, aber unbezwingbare Kraft der Gläubigen. Es ist eine Schule des Dialogs, die den Menschen schrittweise lehrt, die Sprache der Arroganz und des Hasses durch die Sprache des Friedens, der Verhandlung und des Verständnisses zu ersetzen. Kardinal Matteo Zuppi pointierte diesen Gedanken in Assisi, indem er das Gebet als eine aktive „Rebellion gegen den Krieg“ und dessen zerstörerische Logik definierte.

Darin verbirgt sich eine tiefe spirituelle Paradoxie: 

> Das Gebet führt den Einzelnen in die Abgründe der eigenen Demut, und genau aus dieser inneren Einkehr erwächst die Kraft zu einer radikalen Verweigerung gegenüber der äußeren Gewalt. 

Wenn Religionen ihre Räume für das reine Gebet öffnen, geschieht etwas Revolutionäres: Sie entwaffnen die Herzen. Anstatt nationale oder identitäre Feindbilder zu zementieren, bricht die spirituelle Praxis Grenzen auf und schärft den Blick für das gemeinsame Menschsein. Wahre Gotteshäuser transformieren den Menschen — sie formen ihn zu einem unbewaffneten Werkzeug des Friedens.

## Das universelle Band — Die Friedensbotschaften der Weltreligionen

Obwohl sich die Riten und Theologien der Weltreligionen unterscheiden, folgen ihre Sakralräume einer universellen inneren Logik, die der Logik der Waffen diametral entgegensteht. Im Judentum steht die Synagoge als Haus des Gebets und des Lernens im Horizont des prophetischen Ideals, nach dem Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden sollen, um den Frieden als höchsten seelischen Segen zu empfangen. Das Christentum begreift die Kirche als einen Ort, der auf der Botschaft Jesu und dem Gebot der Feindesliebe ruht — der Altarraum wird hier zur absolut gewaltfreien Zone, die die Gemeinde beauftragt, Frieden in die Welt zu tragen. Der Islam definiert die Moschee als Ort der Niederwerfung, an dem Gläubige in absoluter Hingabe vor Gott alle weltlichen Ränge und Waffen ablegen, während der Friedensgruß das rituelle Gebet in einer Schutzgemeinschaft prägt, die keinen Raum für Feindseligkeit bietet.

Im Buddhismus fungiert der Tempel oder die Pagode als Oase der Achtsamkeit und der Geistesschulung, in der durch kontemplatives Verweilen ein unbegrenztes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen kultiviert wird, um zerstörerischen Hass im Keim zu ersticken. Schließlich verlangt auch das Betreten eines hinduistischen Tempels die innere Reinigung von aggressiven Impulsen, da die spirituelle Praxis dort untrennbar mit dem kosmischen Prinzip der völligen Gewaltlosigkeit verwoben ist und traditionell im Ruf nach universalem Frieden mündet.

Beim Betreten all dieser Sakralräume signalisiert der Mensch durch physische Gesten — sei es das Ausziehen der Schuhe, die rituelle Waschung, das Bedecken des Hauptes oder das Kreuzzeichen —, dass er die Arena der profanen Machtkämpfe verlässt. Die universelle Sprache des Tempels führt konsequent weg von der Arroganz der Stärke hin zur Demut. 

In der Tiefe der spirituellen Verehrung bricht die Illusion der Trennung zusammen; der vermeintliche Gegner wird als Bruder, Schwester oder Teil derselben Schöpfung neu erkannt.

## Ein heiliger Kosmos — Absage an die religiöse Gewaltlegitimation
Aus dieser spirituellen Schutzfunktion erwächst die kompromisslose Pflicht, jeder religiösen Legitimierung von Gewalt im Keim zu widersprechen. Wahrer Glaube fordert eine radikale Absage an jeglichen religiösen Extremismus und Militarismus, welche die Botschaft des Friedens für geopolitische und ideologische Zwecke pervertieren. In der offiziellen Dokumentation auf den Seiten des [Heiligen Stuhls](https://www.vatican.va/content/leo-xiv/en/messages/pont-messages/2026/documents/20261027-videomessaggio-assisi.html) ist die Videobotschaft von Papst Leo XIV. hinterlegt, in der er unmissverständlich proklamiert: „Es gibt keinen heiligen Krieg: Nur der Friede ist heilig!“ Wer im Namen der Religion kämpfe, Terrorismus oder militärische Angriffe rechtfertige, greife in Wahrheit die Religion selbst an und pervertiere das Göttliche. Ein Krieg darf niemals die Unterschrift des Glaubens tragen.

## Die Verwundbarkeit des Sakralen — Eine zeitgenössische Mahnung
Wie verletzlich diese spirituelle Funktion in der heutigen Zeit ist, führt uns am Rande ein kontroverser Vorfall in der historischen [Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg](https://pfarrkirche.ekmr.de/) vor Augen. Dort wurde der Altarraum für ein Benefizkonzert geöffnet, bei dem aktive Frontsoldaten aus der Ukraine auftraten und Spenden gesammelt wurden, die explizit in den Erhalt der militärischen Frontfähigkeit fließen.

Aus Perspektive einer konsequenten christlichen Friedensethik offenbart ein solches Ereignis die Zerrissenheit und die enorme Verführungskraft der Gegenwart. Es zeigt exemplarisch, wie die profane Logik der Waffen Einzug in das Heiligtum halten kann, wenn kirchliche Räume für militärische Notwendigkeiten instrumentalisiert werden. 

> Wenn Gotteshäuser die überparteiliche Seelsorge für politische Parteinahme opfern, riskieren sie, gläubige Menschen ihrer geistlichen Heimat zu berauben.

Genau an diesem wunden Punkt mahnen friedenspolitische Netzwerke im Verbund der [Evangelischen Friedensarbeit](https://www.evangelische-friedensarbeit.de/) vehement vor einer unkritischen Anpassung der kirchlichen Institutionen an den gesellschaftlichen Aufrüstungswahn. In ihren Stellungnahmen spiegeln sie präzise jenen *Geist von Assisi* wider, der die religiöse Scheinlegitimierung des Krieges radikal und überparteilich ablehnt. Das friedenspolitische Netzwerk erinnert die Kirchen daran, dass ihre eigentliche, prophetische Aufgabe darin besteht, ein Klima des Dialogs zu fördern und die Sprache der Arroganz durch die Sprache des Verständnisses zu ersetzen — anstatt zuzulassen, dass unter dem Kirchendach Mittel für den bewaffneten Kampf generiert werden.

Gotteshäuser müssen Zufluchtsorte des Friedens bleiben — unberührt vom Lärm, den Waffen und den strategischen Interessen der Welt. Nur wenn sie diese reine, friedensstiftende Funktion unbeschadet bewahren, bleiben sie die kraftvollsten Bollwerke gegen den Krieg. Denn sie setzen genau dort an, wo jeder äußere Konflikt seinen Ursprung hat: im menschlichen Herzen.


