Die subtilen Foltermethoden des Alltags
Das Einsteigen in die Socken am Anfang des Tages bereitet dem täglichen Kampf durch Wortschablonen und Gestaltlosigkeit den Boden.
Die Verformungen, denen wir mit Geist und Seele, Denken und Körper unterliegen, sind Folterungen. Wir sind ihnen nicht nur ausgesetzt, wir setzen sie vielmehr auf andere an. Mit Apps beginnt es und endet in formlosem Gebrüll. Dirk C. Fleck verleiht den täglichen Erschütterungen Gestalt. Es ist die Gestalt des Gegenwortes, das Distanz zu allem hält — außer zur Ironie, die ihm innewohnt.
Ich besitze ein Paar Socken, die vom Hersteller mit L und R markiert wurden, wobei L wohl für links und R für rechts stehen soll. Nun reagieren die Menschen auf unterschiedlichste Art, wenn sie sich die Dinger überziehen. Diejenigen, die sich je nach Laune der Regieanweisung widersetzen, entwickeln mit der Zeit eine gewisse Neugierde, welcher Socken häufiger als Erster übergestülpt wird, L oder R. Da erwacht der Statistiker, der aber weiß, dass sich nach fünfhundert, tausend oder mehr Jahren alles auf den Punkt genau ausgleicht. So ist die Welt beschaffen, wir haben nur nicht so viel Zeit zugesprochen bekommen, um das jetzt schon zu erkennen.
Im zweiten Fall kommt der Anarchist zum Vorschein, dem es völlig egal ist, wie sich die Dinger präsentieren und der nicht im Entferntesten am Ergebnis interessiert ist.
Im dritten Fall greift man sich blindlings eine Socke und hofft darauf, dass sie je nach politischer Einstellung eher nach links oder nach rechts deutet. Es ist eine Art politisches Orakel, das man nach dem Aufstehen gerne bemüht, um den Tag entweder zuversichtlich oder verstimmt zu beginnen.
Ein weiteres aber nicht minder bedeutendes Verhalten ist dies: Man achtet streng darauf, die vom Werk vorgegebene Anweisung penibel einzuhalten. Andernfalls könnte es zu Gleichgewichtsstörungen, einem schlechtem Gewissen oder Unwohlsein beim Gehen führen. Wer sich so verhält, darf sich einen guten Deutschen nennen.
Als guter Deutscher mit Anstand und Niveau muss ich leider feststellen, dass der Alltag unter meinen Volksgenossen eher einer sublimen Folter als einem respektablen Miteinander gleicht.
Die Überschrift dieses Artikels greift meiner Meinung nach zu kurz. Eigentlich ist der gesamte deutsche Alltag eine Folter. Wenn ich das jedoch geschrieben hätte, wären eine Menge Leute jetzt stinksauer. Noch mehr schlechte Stimmung können wir uns aber nicht leisten in der Republik unserer indoktrinierten Omas. Außerdem zähle ich mich selbst zu jenen, die im Sauerteig der Menschheitsfamilie gären und einen Furz nach dem anderen ablassen, was man dann das Weltgeschehen nennt.
„Hunde und Menschen, Katzen und Helden, Flöhe und Genies spielen, WIR EXISTIEREN UND DENKEN UNS NICHTS DABEI unter der großen Stille der Gestirne,“ schrieb der portugiesische Dichter Fernando Pessoa (1888 bis 1935). Dieser Eindruck drängt sich mir auch auf. Das Suchspiel heißt seit Ewigkeiten: Finde den Sinn des Lebens. Allen Bemühungen liegt ein Prinzip zugrunde: In Wonne töten.
Wir werden nicht nur zu Desaster-Dummies geformt, wir dürfen auch vorgefertigt träumen: von unverbrüchlicher Liebe, schwirrenden Elfen und jeder Menge Abenteuer – alles bigger than life.
Zwischendurch kriegen wir in Dauerschleife von der Werbeindustrie eine geschmiert, damit wir nicht vergessen zu konsumieren. App, App, App, alles in einer App. Dazu die immer gleichen Klang-Kollagen, welche Automobilen, Nasensprays oder Rasierern ein energiegeladenes Image verpassen sollen. Hört sich an, als rase ein Rennwagen mit einem Bündel leerer Blechdosen im Schlepp über Kopfsteinpflaster. Das ist Folter. Geben Sie es zu!
Und nun zu der subtilsten Folter, welche die meisten Menschen im Alltag mit Eifer betreiben: den öffentlichen Diskurs. Schmeiß das Wort Klimawandel in den Ring der Sozialen Netzwerke und du wirst ein Schauspiel erleben, das dir den Schrecken in die Glieder jagt. Kaum ist das Wort gepostet, springen sie von allen Seiten herbei, die Rechthaber jedweder Couleur. Eine sachliche Auseinandersetzung ist nicht möglich. Wie ausgehungerte Kojoten stürzen sich die Parteien auf den Begriff, der schon als Totgeburt zur Welt kam, da er jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Aber totes Fleisch ist des Volkes Lieblingsspeise, auch im mentalen Bereich, und so zerren sie am Wortkadaver – laut, aggressiv, beleidigend, erschreckend dumm und ungemein schlau. Jetzt sind sie beschäftigt, jetzt brauchen sie sich keine Gedanken mehr um die weltweiten Umweltsauereien zu machen. Klimawandel? Wo? Wie? Was? Klick, Klick, Panikmache! Klick, Klick, Klimasekte! Klick, Klick, hat es schon immer gegeben! Klick, Klick, Klimaindustrie! Klick, Klick, Fleck ist doof! Folter, sag ich doch.
Unsere Demokratie. Sie glauben gar nicht, wie sehr es mich ankotzt, wenn dieser Begriff die schmallippigen Politikerfressen verlässt, die den Meinungskorridor auf die Schmalspur einer Märklin-Eisenbahn verengt haben.
Seit Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Martin Bormann und all den anderen Vorzeige-Visagen der arischen Herrenrasse hätte ich es besser wissen müssen. Kein Gesicht eines Politikers kann so schräg und hässlich sein, dass es im deutschen Volk nicht Gehör findet, selbst wenn es uns kriegsverwendungsfähig sprechen will. In Sorge um „unsere Demokratie“ natürlich. Meine Demokratie ist das nicht, es ist ihre Demokratie, die uns täglich als Worthülse um die Ohren gehauen wird. Folter, oder?
Und nun zu den Medien. Luis Bunuel (1900-1983), einer der bedeutendsten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts, stellte die in der Bibel erwähnten apokalyptischen Reiter (6. Kapitel der Offenbarung des Johannes) neu auf:
„Die neue Apokalypse galoppiert, wie die alte, in Gestalt von vier Reitern heran: der Überbevölkerung — als erstem, als dem Anführer, der das schwarze Banner schwenkt — der Wissenschaft, der Technik und der Medien. All die anderen Übel, die über uns herein brechen, sind nur deren Folgen. Die Medien sind der bösartigste der vier Reiter, denn er folgt den drei anderen auf dem Fuße und ernährt sich von dem, was sie hinterlassen. Würde ein Pfeil ihn niederstrecken, so würde der Ansturm, der uns erwartet, bestimmt noch etwas aufgeschoben werden.”
Auf diesen Pfeil warte ich seit Langem vergeblich.
900 Billiarden Wörter feuert die Medienmaschine aus Fernsehen, Radio, Zeitungen, Computernetzwerken und Werbung jährlich auf den durchschnittlichen Konsumenten ab. Dieses Trommelfeuer macht unsere Köpfe und Herzen taub. Die Informationsflut führt also nicht zu mehr Aufklärung, sondern zu mehr Zynismus und Gleichgültigkeit, nach dem Motto: Wir müssen doch nicht gleich bei jedem Genozid zu Tode erschrecken. Folter ohne Ende.
Die alternativen Medien, welche erst durch das Internet möglich geworden sind, waren angetreten, um für die Probleme der Welt zu sensibilisieren. Herausgekommen ist eine in großen Teilen jämmerliche Empörungskultur, die sich um die immer gleichen Themen dreht.
Einst spannende Gesprächsformate schieben sich wie die Talkshows des Mainstreams gegenseitig ihre Gäste zu. Verständlich, denn viele kritische Geister sind nach den Corona-Erfahrungen vorsichtig geworden. Inzwischen läuft jeder, der sich in diesem Land frei äußert und sich nicht an die woke Sprachregelung hält, Gefahr, im Hate-Speech-Schleppnetz hängen zu bleiben, das in Europa flächendeckend ausgeworfen wurde. Alternative Foren stehen unter Dauerverdacht und reagieren entsprechend vorsichtig. Um ihr Geschäft überhaupt noch betreiben zu können, betteln sie um Spenden. Und die zahlreichen Videokanäle, die permanent aufjaulen, verbreiten munter Fake News, ganz wie die etablierten Medien auch. Pausenlos explodieren Polit-Bomben, die natürlich allesamt viral gehen. Kaum ein Tag, an dem die Regierung Merz nicht am Ende ist oder die AFD die CDU in Umfragen versenkt hat. Unerträglich, Folter eben.
Als letztes Folterinstrument möchte ich die Event-Kultur nennen. Olympia-Eröffnungsfeiern, WM-Auslosungen, Sportler des Jahres et cetera, die ganz großen Dinger eben. Nichts dokumentiert die allumfassende Leere der manipulierten Zivilgesellschaft besser, als diese aufgeblasenen Supershows.
Denken wir an die Olympia-Eröffnungsfeier in London, als es acht Jahre vor Corona in der Inszenierung nur so von Krankenschwestern, Ärzten und Krankenbetten wimmelte, mit einer überdimensionalen Spritze als Fanal. Oder an Paris 2024, als die Olympia-Flagge falsch herum gehisst wurde und ein Jesus-Darsteller beim Abendmahl zwischen Drag-Queens und schwulen Jüngern saß.
Das ist nicht sublim, wie in der Artikel-Überschrift formuliert, das ist die Holzhammer-Methode der Satanisten, die das Zepter des Handelns vollständig übernommen haben, als seien sie verpflichtet, die Untergangsprophezeiungen eines Jehan de Vezelay, auch bekannt als Johannes von Jerusalem, aus dem 12. Jahrhundert zu erfüllen.