# Die Tücken des Schmelztiegels 

Einwanderung, wie wir sie erleben, erzeugt enorme kulturelle Konflikte und kann nur erfolgreich bewältigt werden, wenn sowohl Einheimische als auch Migranten bereit sind, ein Stück ihrer Lebensweise aufzugeben.

von 
   * Bernard Legros

Sollte sich die wirtschaftliche und demografische Zukunft Europas etwa über massive Einwanderung vollziehen? Auch wenn dieser Vorschlag bei den politischen Entscheidungsträgern (1) nicht mehr so auf der Tagesordnung steht, taucht das Argument in der ideologischen Debatte regelmäßig auf und lässt sich in der Tat diskutieren (2). Selbst wenn dies ein Wundermittel wäre, um einem müden alten Kontinent neuen Schwung zu verleihen, stellen wir uns doch die ärgerliche Frage, die heikel ist, da sie auf eine sanfte und hinterhältige Form der Fremdenfeindlichkeit hindeuten würde: Wie können sehr unterschiedliche Kulturen in ein und demselben Gebiet zusammenleben (3)?

---

*„Innerhalb ein und desselben Landes haben die Menschen, die in den großen Metropolen leben, und jene, die an deren Rand gedrängt sind, die Menschen in den Wohnvierteln der Wohlhabenden und jene in den Vororten und Armenvierteln, die seit Generationen eingebürgerten Menschen und jene mit Migrationshintergrund, die Menschen aus der einen Region und jene aus einer anderen nicht das Gefühl, einer gemeinsamen Wesenheit anzugehören, die über ihre jeweiligen Lebensumstände hinausgeht“* — Frédéric Schiffter (4).

Optimistische Idealisten sprechen von der Möglichkeit, ja sogar der Gewissheit der Integration durch staatsbürgerliche, demokratische oder republikanische Bildung — um es von der edlen Seite zu betrachten — oder durch Arbeit, ja sogar durch Konsum, von der ganz pragmatischen Seite aus betrachtet. Als Schmelztiegel des Multikulturalismus schlechthin ist die öffentliche Schule dazu aufgerufen, eine grundlegende Rolle zu spielen. In zweiter Linie greift der gemeinnützige Sektor durch seine intensive Arbeit vor Ort ein. Alle setzen darauf, dass Altruismus und universelle Brüderlichkeit oder Schwesterlichkeit (5) mit Sicherheit über Egoismus und Abschottung triumphieren werden, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt. Ihr Glaube an den Menschen ist unerschütterlich. Die Optimistischsten — und Zynischsten? — unter ihnen fügen hinzu, dass die Verwestlichung der Welt durch Technik, Arbeit, Konsum und das individualistische Ethos bereits 90 Prozent der Integrationsarbeit geleistet habe. Im Großen und Ganzen ist dies die Position der Linken, aber auch einiger Neoliberaler.

Pragmatische Pessimisten erklären die Mission aus fünf Gründen für unmöglich:

1. Eine erfolgreiche Integration kann nur eine begrenzte Anzahl von Einwanderern betreffen, nicht aber aufeinanderfolgende Wellen, die je nach mehr oder weniger weit entfernten Konflikten ankommen. Da die Einheimischen unaufhörlichen Veränderungen ausgesetzt sind, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr in der Lage sind, diese aufzunehmen (6).
2. Denken in Clans, die prägende Bedeutung von Religion und Traditionen wie arrangierte oder Zwangsehen sind Faktoren, die Spaltung und Konflikte begünstigen, da Migranten oft Vorstellungswelten und Gewohnheiten mitbringen, die sich radikal von denen der Einheimischen unterscheiden. 
3. Der Groll der Völker des globalen Südens gegenüber dem westlichen Imperialismus trägt nicht zu einem harmonischen Zusammenleben bei. Er verschwindet nicht automatisch mit der Ansiedlung im Aufnahmeland; die Zähler werden nicht auf null zurückgesetzt. 
4. Seit dem Aufkommen des Neoliberalismus in den 1980er-Jahren haben die gesellschaftlichen Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften oder Volkshäuser der Arbeiterbewegung an Stärke verloren, die Kirchen wurden zunehmend verlassen, der Arbeitsmarkt schrumpfte und verschlechterte sich, der Wehrdienst wurde abgeschafft (7) — traditionelle Formen der Integration und Sozialisierung werden seltener oder verschwinden, ohne wirklich ersetzt zu werden (8).
5. Inzwischen hat sich die Gesellschaft digitalisiert, das Leben ist „gespenstisch“ (9) geworden, spielt sich auf Bildschirmen ab und macht die Menschen gleich, ohne Ansehen ihrer Herkunft, ihres Alters, ihres sozialen Status oder ihres Geschlechts. Die Verbindung zur virtuellen Welt trennt sie von ihrem Einfühlungsvermögen; elementare Gewalt bricht nicht nur in den (a)sozialen Netzwerken durch, sondern auch „IRL (In Real Life)“, im richtigen Leben, in der Schule, im Krankenhaus, auf der Straße (10).

Diese Überlegungen zeigen, wie wichtig Kultur ist, um über Einwanderung nachzudenken, anstatt nur Zahlen, Grafiken und Statistiken aneinanderzureihen.

Eine bestimmte Auffassung von der Säkularisierung der europäischen Gesellschaften verhindert, sich für Kulturanthropologie zu interessieren, als ob diese das Risiko einer Rückkehr religiöser, sozialer und politischer Hierarchien mit sich brächte. Nunmehr unter dem Einfluss der angelsächsischen Ideologie will ein Großteil der Linken — jene, die sich im Internet lautstark Gehör verschafft — eine „europäische Kultur“ nicht mehr berücksichtigen, ja nicht einmal *die* europäischen Kulturen mit ihrem muffigen Nachgeschmack. Als ob europäische Kultur und internationale Solidarität einander widersprächen, als ob es unmöglich wäre, einen Kilt zu tragen, Dudelsack zu spielen, Freunde mit Migrationshintergrund zu haben *und* sich für Palästina einzusetzen. 

>Die Sektiererischsten gehen sogar noch weiter: Sie betrachten das Nachdenken darüber als einen intellektuellen Ansatz der extremen Rechten (11)! Um also heutzutage „links“ zu sein, sollen wir aufhören, „anthropologisch“ (12) zu denken, und uns nicht mehr für die Realität interessieren, die ja zur extremen Rechten gehört. 

Seien wir Platoniker, stürzen wir uns Hals über Kopf in die Dekonstruktion (vergleiche Jacques Derrida), stöbern wir den Faschismus in all seinen Formen auf und skandieren wir großzügig die Parolen „No borders“ und „Refugees, welcome!“. Die Haltung einer moralischen Linken, die den humanitären Irenismus, das humanitäre Harmonieideal über die Suche nach einer den Nationen gemeinsamen Kultur stellt — Ziel, das sie traditionell verfolgt hatte. Wie ist es dazu gekommen?

## Das Europa des Progressismus

Kaum war die Nazipropaganda verstummt, standen alle Europäer unter dem heftigen Beschuss einer anderen Propaganda — sozialdemokratisch im Westen, kommunistisch im Osten — und nahmen den Progressismus an, der fortan ihr ideologischer Kompass wurde. Ein Progressismus, der sich hartnäckig hält, fasst der Anthropologe Michael Singleton zusammen: 

*„Und ungeachtet zweier Weltkriege, Auschwitz und Tschernobyl gibt es nur wenige Westler, die nicht glauben, dass der Westen nach wie vor an der Spitze des Fortschritts steht“* (13).

Nicht nur die Westler sind dieser Meinung. Westeuropa bewahrt durchaus seinen Ruf als „Paradies des materiellen Fortschritts“, von dem viele Migranten träumen, es zu erreichen, und sei es unter Einsatz ihres Lebens. Aus dieser Perspektive haben der Brexit und die Zunahme illiberaler rechter Kräfte (Polen, Ungarn und, in geringerem Maße, Italien, möglicherweise Rumänien) das Bild, das sich Migranten von unserem Kontinent machen, im Grunde nicht verändert. Diejenigen, die sich Sorgen über den Rechtsruck der Gesellschaft machen, sollten dies ins richtige Verhältnis setzen. 

Bis auf Weiteres steht die Europäische Union (EU) im Zeichen der Teleologie (Lehre, der zufolge Handlungen und Dinge zielorientiert ablaufen, Anm. d. Übers.) des Fortschritts: Steigerung der Produktion, Verbesserung der Lebensbedingungen dank des unbegrenzten technischen Fortschritts, Voranschreiten der Gleichberechtigung, berauschende Herrschaft der Geschwindigkeit, Bewegung hin zur „Kreolisierung“, also kulturellen Vermischungsprozessen.

Von der populistischen Welle getragen, haben die Staaten, die sich dagegen sträuben (siehe oben), einige Schwierigkeiten mit der EU. Trotz der Turbulenzen — Streiks, Unternehmensinsolvenzen, Entlassungswellen, Standortverlagerungen, wirtschaftlicher Rezession, Terroranschlägen, Kriegen, Gesundheits-, Natur- und Klimakatastrophen — wird morgen alles besser werden, unter zwei Voraussetzungen: Einerseits muss der politische Wille vorhanden sein, mit der verfluchten Vergangenheit abzurechnen, die patriarchalisch, sexistisch, heteronormativ, nationalistisch, imperialistisch, kolonialistisch, rassistisch, rationalistisch und wissenschaftsgläubig ist; seltsamerweise fehlt „kriegstreiberisch“ in der Liste. Andererseits muss man auf ein Erbe des Marxismus vertrauen, den dialektischen Materialismus: Eines Tages wird aus dem Bösen das Gute hervorgehen. 

Es geht also darum, sich paradoxerweise sowohl aktiv als auch abwartend zu zeigen und dabei auf die „List der Vernunft“ zu vertrauen, die im Verborgenen den Lauf der Geschichte lenkt. Dann werden alle fundamentalen Werte der Vergangenheit hinweggefegt sein und die Moral vollendet, es wird ein multikulturelles, inklusives, intersektionales, fälschlich ökologisches, technologisches, mit einem Wort: „wokes“ Paradies entstehen, um das uns die ganze Welt in einer neokolonialen Dynamik beneiden wird. Wir werden keine Diktatur des Proletariats erleben. Wird die Diktatur der Vielfalt sympathischer sein?

## Wie lässt sich europäische Kultur definieren?

Der westliche Standard definiert sich durch das Zusammenspiel von Rechtsstaatlichkeit, repräsentativer Demokratie, Marktwirtschaft und Massenkultur — so viel für eine kurze Lektüre. Doch was würde *die* europäische Kultur eigentlich ausmachen, was aus ihrer Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt? Nach Ansicht des Philosophen Jean Birnbaum ist ihr bedeutendstes Merkmal „jener Pluralismus, der schon immer die Grundlage des europäischen Freiheitsbegriffs war“ (14), also eine gesunde psychologische Vielfalt, die mit ethnischer Vielfalt einhergeht (15).

>Der Essayist Christian Salmon fügt hinzu, dass „der europäische Aufbau ein voluntaristischer und institutioneller Prozess der Harmonisierung von Normen ist. Die Kultur hingegen lebt von der Verschiedenheit; sie entsteht nicht durch Verordnungen und Kompromisse, sondern ist eine intensive Erfahrung der Andersartigkeit“ (16).

Die größte Bedrohung geht in erster Linie von jenseits des Atlantiks aus, also von einem Teil der sogenannten westlichen Kultur, wie ein Monster, das sich selbst verschlingt, „denn es sind die Gründungsprinzipien des europäischen Humanismus, die die Autonomie des Urteils und die freie Wahl bekräftigen und daraus entsprechende Konsequenzen ableiten, nämlich das Prinzip der Verantwortung und das Recht der Gesellschaften, gemeinsam über ihr Schicksal zu entscheiden, was der Geist des Silicon Valley innerhalb einer Generation mit exponentieller Geschwindigkeit zerstört hat“ (17), bemerkt der Philosoph Éric Sadin. Dieser Geist des Silicon Valley, geprägt von ständiger Disruption, von der Abschaffung aller Grenzen und dem Vorrang privater Interessen, wird unter anderem durch Elon Musk verkörpert, den Verfechter der künstlichen Intelligenz, des Transhumanismus, der Elektrifizierung des Automobils und der Weltraumeroberung, vom „Wokismus“ abgesehen. Darüber hinaus muss uns auch das Interesse der Europäischen Kommission am chinesischen Sozialkreditsystem alarmieren. Wird Europa bald zur Geisel von „Chinamerika“? 

Eine noch pessimistischere Sichtweise liefert uns Marc Weinstein: „(…) Die Logik und die historische Funktion des westlichen Staates bestehen darin, der menschlichen Zivilisation ein Ende zu setzen, indem die Menschheit von der langen Epoche des souveränen Gesetzes (mit Territorialitätsprinzip) in die techno-ökonomische Gouvernementalität überführt wird, das heißt in eine Form der Herrschaft, in der das techno-ökonomische Recht ohne ethisch-politisches Gesetz, ohne Territorium und ohne Souveränität ist“ (18). Die totalitäre Bewegung, deren Keime bereits im Mittelalter zu finden sind, soll das Schicksal des Westens sein. Und wenn sich diese zivilisatorische Entwicklung mit dem chinesischen Drachen verbindet, fallen wir in den vom Weltwirtschaftsforum vorangetriebenen „oligarchischen Kollektivismus“ (vergleiche George Orwell), der den sozialen Zusammenhalt der europäischen Völker bedroht — und dies lange vor Wladimir Putins Russland und der Einwanderung.

Für den Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon bestand das Ziel der Gesellschaft darin, nach Freiheit und Pluralität zu streben — Merkmale, die seit Langem zur europäischen Kultur gehören. Wir werden uns hier auf die Pluralität — wobei Pluralismus deren philosophische Übersetzung ist — von Ideen, Überzeugungen, Werten, Vorlieben und Sitten konzentrieren. Sie fand nach den Religionskriegen ihren Niederschlag in der liberalen Philosophie, wurde ab dem 17. Jahrhundert zunächst in den Niederlanden und in Großbritannien zu einem konstitutiven Bestandteil der sozialen Beziehungen und trug anschließend zur Herausbildung des Systems repräsentativer Regierungen bei, die auf einer Vielfalt von Parteien im Rahmen der Nationalstaaten beruhen. 

Heute hat sich der Prozess, wie so oft, gegen sich selbst gewendet. In unseren postmodernen „Demokratien“, die sich als „inklusiv“ verstehen, werden Klassenkonflikte geschickt durch das Thema der kulturellen Andersartigkeit verschleiert, wie Christophe Guilluy (19) bemerkt hat; daher auch die Forderungen der Linken nach Multikulturalismus unter der diskreten Schirmherrschaft verschiedener Interessengruppen, von denen die aktivste und finanziell großzügigste die Open Society Foundation des Börsenspekulanten und Milliardärs George Soros ist. Mit Zustimmung der Minderheiten gebärdet sich der Pluralismus autoritär und paradoxerweise zensierend.

Aus Angst wird eine politisch andersartige, konservativ geprägte Haltung zunehmend zensiert. Nur Unterschiede werden gewürdigt. „Gleichermaßen laut und taub, sind die liberalen Gesellschaften mehr und mehr fragmentiert und ethisch, politisch sowie kulturell gespalten. Die Auseinandersetzungen werden dort immer dröhnender, betreffen jedoch zunehmend kleinere und stärker abgeschottete Gemeinschaften“ (20), analysiert die Philosophin Isabelle Barbéris. Die Begriffe „Volk“, „Nation“ und „politische Gemeinschaft“ wirken plötzlich altmodisch! Gewiss ist heutzutage die politische Willensbildung schwieriger als in früheren Gesellschaften, die von Monarchie, Religion und Tradition geprägt waren. 

*„Moralischer Pluralismus und Multikulturalismus machen die Definition von Werten, die von allen Bürgern geteilt werden, problematisch. Die Beziehungen zwischen den Individuen schwanken seither tendenziell zwischen einer toleranten Gleichgültigkeit, die durch den Mangel an gesellschaftlichem Zusammenhalt ermöglicht wird, und einem misstrauischen Unverständnis, sprich einer regelrechten Fremdenfeindlichkeit, was ebenfalls zu sozialer Ausgrenzung führt“* (21).

## Wokismus und Einwanderung miteinander verbinden?

Es ist schwierig, Vorhersagen über die zukünftige Gesellschaft zu treffen, aber man kann sich schon einige Fragen stellen. Zwei Phänomene laufen parallel: die neue Masseneinwanderung und die ideologische Offensive der postmodernen Linken. Wie hängen sie zusammen? Diese Linke ist opportunistisch. 

>Da ihre Doktrin auch antirassistisch ist, wird von ihren Aktivisten erwartet, dass sie Einwanderern mit offenen Armen begegnen. Diese wiederum werden mit einem gewissen Erstaunen erfahren, dass es in Europa nicht nur möglich ist, das rechtliche Geschlecht zu wechseln (22), was ja tatsächlich möglich ist, sondern auch das biologische Geschlecht, was hingegen unmöglich ist, ungeachtet chirurgischer Eingriffe und Hormonbehandlungen. 

Sie werden hören, dass dies nicht nur möglich, sondern auch „wünschenswert“ ist (23); dass Kinder in der Schule — also auch ihre Kinder, Gleichheit verpflichtet — schon von klein auf in allen Formen „ursprünglicher“ Sexualitäten erzogen werden müssen, mit dem Ziel, Heterosexualität zu marginalisieren; dass Säuglinge vor dem Eintritt in die Kindertagesstätte ordnungsgemäß geimpft werden, und dies ihr Leben lang bis zu 140-mal, und so weiter. Das wird ihnen jener Teil der Bürger lautstark verkünden, der sich an der Spitze des Fortschritts sieht. Die Einwanderer werden aufgefordert, dieses Narrativ anzunehmen — wobei die postmoderne Linke damit einen verdummenden Idealismus an den Tag legt, im Glauben oder in der Hoffnung, dass die beiden Anliegen letztlich verschmelzen werden, um das alte Patriarchat zu stürzen (24). Viel Glück dabei!

## Kleiner Leitfaden für den Versuch eines gemeinsamen Lebens

Damit die interkulturellen Beziehungen auf ein und demselben Territorium nicht essigsauer werden, muss jeder etwas nachgeben. Für die Einheimischen bedeutet das, dass sie das Phänomen der Migration im Lichte der internationalen Beziehungen neu betrachten müssen und nicht nur auf der mikropolitischen Ebene ihrer Auswirkungen im Alltag. Sich über die Ankunft weiterer Flüchtlinge zu beschweren und gleichzeitig fortwährend übermäßig zu konsumieren — alle 18 Monate ein neues Smartphone kaufen, drei- oder viermal im Jahr mit dem Flugzeug reisen, jede Woche Kleidung online bestellen und so weiter —, ist widersinnig, dumm und unmoralisch (25). 

Für die Zugezogenen gilt es, die Sitten der Einheimischen genau zu beobachten, bevor sie über sie urteilen, dabei Besonnenheit und Versöhnungsbereitschaft zu zeigen und vor allem die Gleichstellung von Frauen und Männern zu respektieren. Sie müssen auch verstehen und anerkennen, dass die clangestützte Funktionsweise, die sie meist mitbringen, unvereinbar ist mit der Idee einer liberalen Demokratie — oder dem, was davon übrig ist (26). Erinnern wir uns an die „Menschen guten Willens“ von Jules Romains — ein Vorschlag, den manche vielleicht als weltfremd empfinden mögen. Aber nichts hindert uns daran, daraus eine Pascal'sche Wette zu machen.

---
**Redaktionelle Anmerkung:** Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Immigration et heurts culturels“ in der belgischen Zeitung *Kairos*, Ausgabe 74 vom April/Mai 2026. Er wurde von Eliane Pichon ehrenamtlich übersetzt und vom ehrenamtlichen *Manova*-Korrektoratteam lektoriert. 


