# Die Vergangenheit ausleuchten

Heute ist die deutsche Geschichte auf akademischem Niveau auserzählt. In den Familien hingegen hat eine Aufarbeitung der NS-Zeit in den seltensten Fällen stattgefunden. Exklusivauszug aus „Mit der Gestapo am Kaffeetisch“.

von 
   * Manovas Mut-Redaktion

„Schließlich war jeder im Widerstand gewesen. Es hat ja überhaupt keine Nazis gegeben.“ Dieser Satz des Kunsttheoretikers Bazon Bruck bringt auf den Punkt, woran die Aufarbeitung des Nationalsozialismus besonders in der westdeutschen Nachkriegszeit krankte. Die sogenannten Persilscheine, die sich teils Nachbarn und Freunde gegenseitig ausstellten, um sich zu entlasten, sind gewissermaßen ein Symbol für eine Reinwaschung, die viele nicht nur nach außen betrieben. Während Kriegskinder, -enkel und -urenkel im Geschichtsunterricht die Gräuel der Nazis und den Zivilisationsbruch Auschwitz an der Tafel präsentiert bekamen, herrschte zu Hause oft Schweigen oder ein Narrativ, das die eigenen Vorfahren zumindest gefühlt rehabilitierte. Näher hinzuschauen und kritisch nachzuforschen, dürfte eine Überwindung gewesen und von vielen vermieden worden sein — und zwar  nicht ohne Grund, denn es bringt einen Schmerz an die Oberfläche, der lange unter den Teppich gekehrt worden ist und dort begonnen hat, sein Eigenleben zu führen. Vasco Kintzel hat sich bewusst dazu entschieden, sich diesem Schmerz zu stellen, und sich auf die Suche nach der wahren Geschichte seiner Vorfahren gemacht. Folgender Text von Sebastian Schoepp ist ein Auszug aus dem Nachwort zu Vasco Kintzels Buch „Mit der Gestapo am Kaffeetisch“. Der Auszug erscheint an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Umland-Verlags. 

---

*von Sebastian Schoepp*

Vasco Kintzel hat mit dieser, wie er selbst sagt, „lebensverändernden Recherche“ etwas getan, was die allerwenigsten Deutschen tun. Er hat sich der eigenen Familiengeschichte gestellt — schonungslos gegenüber seinen Vorfahren, aber auch schonungslos gegen sich selbst. Denn vor der Frage nach erlittenen Traumata steht natürlich stets die nach einer persönlichen Schuld. Er hat mit dieser Frage den Bruch mit den Eltern riskiert, weil er letztlich spürte, dass nur ein solcher Bruch am Ende heilsam sein konnte. „Ich habe einen anderen Blick auf meine Vorfahren“, bilanziert er. „Der nun hell ausgeleuchtete Teil gehört genauso zu meiner Identität.“ Seine Arbeit bestätigt also das erprobte Psychologen-Motto: Wer Abgründe ausleuchten will, muss sich erst in sie hineintrauen. 

Vasco Kintzel hat die elterlichen Erzählungen als das entlarvt, was sie waren: Deckgeschichten, verlogene Anekdoten, die eine Beteiligung der Vorfahren an NS-Verbrechen kleinreden, bagatellisieren, ins heroische Gegenteil verkehren sollten. Er hat Archive in ganz Deutschland und Polen durchforstet, hat eine preiswürdige investigative Recherche betrieben und die Ergebnisse in einen historischen Kontext gestellt. 

>Ein flüchtiger Blick ins Netz genügt eben nicht, wenn wir nach Informationen über unsere Großeltern und andere Familenmitglieder suchen, die keine prominenten Namen tragen. Im Internet steht nur, was jemand irgendwann dort hineingestellt hat: Und wer hätte das tun sollen —außer wir selbst?

Schließlich schildert Vasco Kintzel, was das alles mit ihm gemacht hat. Es sind diese Passagen, bei denen Leserin und Leser schier die Luft wegbleibt, nicht nur angesichts der Abgründe, die sich da auftun, sondern auch aus Respekt vor diesem Kriegsenkel und seiner Seelenarbeit. Aus all diesen Elementen hat Vasco Kintzel eine packende und berührende Erzählung geformt, die beispielhaft stehen kann für ein neues Narrativ der Nachkriegszeit. Warum beginnen nicht mehr Kriegsenkel, die staubigen Kisten auszumisten, die Dachböden zu durchforsten, die Büchsen der Pandora zu öffnen, um herauszufinden, was Opa wirklich gemacht hat im Krieg und warum Oma immer mal wieder einen antisemitischen Spruch fallen ließ? Aus Angst? 

Allenfalls die Nachkommen der Bonzen haben diese Aufgabe erledigt, die Speers, Himmlers und Harlans, die mit den Namen leben mussten, die für die größten Verbrechen der deutschen Geschichte stehen. Die, die keine solchen Namen tragen, meinten zumeist, damit sei es getan. 

„Das Erinnern überlassen die Deutschen auch heute noch gerne jemandem, der gut reden kann, dem Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler zum Beispiel. So jemand konnte sich entschuldigen und das aussprechen, was sie nicht einmal ihren Frauen am Küchentisch beichten konnten“, schreibt Vasco Kintzel. 

Wer aber hat das Gas gemischt, die Züge in die KZs gefahren, wer hat die Menschen in die Ghettos getrieben, hat Partisanen erschossen, Widerständler verhört oder gefoltert? Ein Großverbrechen wie das der NS-Zeit trägt Millionen Namen; Namen von Menschen, die sich nach dem Krieg als kleine Lichter darstellten, die gehorchen mussten. „Jahre später, im Anschluss an diese Verbrechen, fanden die Täter Schutz vor Verfolgung in ihren schweigsamen Seilschaften. Viele lebten unbehelligt bis ins hohe Alter und konnten friedlich einschlafen, ohne je für ihre Taten belangt zu werden“, kritisiert Vasco Kintzel. Das hat doppelte Auswirkungen gehabt: individuelle und gesellschaftliche. „Der Schmerz wurde selten ausgesprochen, stattdessen wurde weitergemacht. Man nannte es Wiederaufbau, danach Wirtschaftswunder.“

Anstatt zu trauern, verwies man auf die Leistungen zur „Wiedergutmachung“, ein defizitärer Begriff für den Versuch, mit Geld „gutzumachen“, wo nichts mehr gutzumachen war — flankiert durch leere Bekenntnisse, die immer leerer wurden. 

Heute ist die deutsche Geschichte auf akademischem Niveau auserzählt. In den Familien hingegen hat eine Aufarbeitung der NS-Zeit in den seltensten Fällen stattgefunden.

Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes attestierte der Historiker Wolfgang Benz der deutschen „Erinnerungskultur“ ein gehöriges Maß an Selbstgefälligkeit. Er prangert in seinem Buch „Die Zukunft der Erinnerung“ deutsche Selbsttäuschung an, die Ritualisierung und Bürokratisierung zeremoniellen Gedenkens. Geschäftige Routine trete an die Stelle von Kontextualisierung, zunehmend auch Phrasen und Trivialisierung, bis hin zum „wuchernden Kitsch“. Benz weiß, wovon er spricht. Er selber hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass aus der „übellaunigen Vergangenheitsbewältigung“ der Nachkriegszeit überhaupt so etwas wie eine Erinnerungskultur werden konnte. Er begleitete die Einrichtung von KZ-Gedenkstätten, lehrte an der Technischen Universität Berlin Zeitgeschichte und leitete dort das Zentrum für Antisemitismusforschung.

Diesseits der Sonntagsreden galt in der Nachkriegszeit für die meisten Deutschen: „Auschwitz war etwas, das es mal im Fernsehen gab“, wie der große zornige Chronist der alten Bundesrepublik, Jörg Fauser, in den 1970er-Jahren sarkastisch feststellte. Besonders Westdeutschland verabschiedete sich vierzig Jahre lang aus der Geschichte und flüchtete in seine Scheinidylle aus Wiederaufbau und Kaffeekredenz, aus Kulenkampff und Adria-Ferien. Das Schweigegelübde der Vorfahren wurde hier am gründlichsten verinnerlicht. 

>In der alten Bundesrepublik hätten die Deutschen „Urlaub von sich selbst gemacht“, konstatiert der ostdeutsch sozialisierte Schriftsteller Jochen Schmidt, also von Expansionsgelüsten, Militarismus und wohl auch von ihrem Minderwertigkeitskomplex.

Man zog sich zurück in jene „Mischung aus Traumfantasien und linkischer Schwerfälligkeit“, die der Italiener Claudio Magris der deutschen Zivilisation mal attestiert hat.

Seit der Wiedervereinigung ist Deutschland auf die Bühne der Geschichte zurückgekehrt — und wie wenig kann es mit dieser Rolle anfangen?! Die Verrenkungen bei dem Versuch, eine humanitäre Position für den Krieg im Nahen Osten zu finden; der leichtfertige und inflationäre Gebrauch des Begriffs „Nazi“; die „weltfremde Generalisierung der eigenen Lebensentwürfe“ (Ulf Poschardt); der geradezu einfältige Glaube an die (eigene) höhere Moral, die es in die Welt zu tragen gelte, so als müsse am deutschen Wesen wieder die Welt genesen: All diese Verkrampfungen sind Auswirkungen einer Unfähigkeit, die eigene geopolitische Rolle richtig einzuschätzen, und — psychologisch gesprochen — ein klarer Hinweis auf fehlenden Zugang zum Selbst. Achtzig Jahre nach Kriegsende wissen die Deutschen immer noch nicht, wer sie sind. Wie auch? Sie wissen ja auch nicht, wer ihre Eltern und Großeltern waren.

Hat es damit zu tun, dass rechte Demagogen Zulauf verzeichnen, die kaum verhohlen die Geschichte relativieren wollen? Manchmal scheint es so, als hänge der Revisionismus nicht nur in den Köpfen jener, die rechts wählen. Im Lichte mancher politischer Entscheidung frage ich mich: Wie viel wird hier nachträglich aufgerechnet? Auch im Handeln unserer Eliten wird mehr und mehr spürbar, dass sie das Dritte Reich lediglich aus fernen Erzählungen kennen, dass sie die Fühlung zur Geschichte verloren haben und unbewusste Triebkräfte in ihnen wirken. Das Ergebnis: Verdrängen auf der einen Seite, Überkompensation auf der anderen.

Vasco Kintzels Buch kann als Appell gelesen werden, sich der historischen Verstrickung zu stellen. Natürlich kann nicht jeder dazu polnische Archive durchsuchen. Aber ein paar Fragen stellen, solange die noch am Leben sind, die einen Rest Erinnerung in sich tragen? Angst sei nur an der Wurzel zu packen, so hat Jörg Fauser mal festgestellt, „wenn wir ihre Ursachen kennen“. 

---
**Sebastian Schoepp** arbeitet als Buchautor, Lektor und literarischer Coach. Unter anderem ist von ihm bei Westend das Buch „[Seht zu, wie Ihr zurechtkommt. Was die Kriegsgeneration in uns hinterlässt](https://westendverlag.de/Seht-zu-wie-ihr-zurechtkommt/2019)“ erschienen.

---
<a href="https://buchshop.bod.de/mit-der-gestapo-am-kaffeetisch-nazis-als-erbe-spurensuche-eines-kriegsenkels-zwischen-verdraengung-und-wahrheit-vasco-kintzel-9783982736754"><img src="/media/images/71d5509fceea2aa85d436e66eb576a3f.jpg"></a>

**Hier können Sie das Buch bestellen:** [Mit der Gestapo am Kaffeetisch — Nazis als Erbe: Spurensuche eines Kriegsenkels zwischen Verdrängung und Wahrheit](https://buchshop.bod.de/mit-der-gestapo-am-kaffeetisch-nazis-als-erbe-spurensuche-eines-kriegsenkels-zwischen-verdraengung-und-wahrheit-vasco-kintzel-9783982736754)


