Die Vergangenheitsfälscher

Das neue Buch von Renate und Gerd Reuther offenbart, dass unser Geschichtsbild vielfach von interessenbedingten Fake-Erzählungen geprägt ist.

Im 15. Jahrhundert geschah etwas, was nicht nur den damaligen Blick nach vorn wesentlich prägen sollte, sondern auch den Blick zurück: Die Päpste bezogen dauerhaft den Vatikan und richteten sich darauf ein, zu bleiben. Grundlegendes sollte jetzt von Rom ausgehen. Rom würde das neue Machtzentrum der Welt sein — so, wie es schon einmal war. Dass Herrscher und Institutionen historische Überlieferungen beeinflussen, unterdrücken oder für ihre Interessen nutzen können, überrascht wohl niemanden. Wie weit die Kirche tatsächlich ging, darum geht es in dem neuen Buch von Renate und Gerd Reuther: „Tatort Gelehrtenstube“.

Hat es eigentlich schon immer Kriege gegeben? Seit wann gibt es Grenzen? Seit wann gibt es Staaten? Gab es schon immer Stadtmauern? Seit wann dominieren Kirchtürme die Stadtansichten? Warum stehen Kirchen oft auf Marktplätzen? Warum kannte die mittelalterliche Kunst keine Perspektive? Wie kommt es, dass antike Statuen oft so gut erhalten sind? Haben die Römer wirklich die Alpen in Sandalen überquert? Wieso heißt es eigentlich „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“? Warum nannten sich früher eigentlich so viele Herrscher „Karl“ oder „Otto“?

Wer ein neugieriges Kind am Küchentisch sitzen hat, kann hier schnell in Erklärungsnot kommen. Wie war das eigentlich „früher“? Was haben wir noch im Geschichtsunterricht gelernt? Das Dritte Reich rauf und runter, davor eine chronologische, nicht abreißende Abfolge von Herrschern und Kriegen. Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt. Eine seltsame Klang-Koinzidenz: Cristóbal Colón, der christliche Kolonisierer.

Was im Geschichtsunterricht gelehrt wird, wird gemeinhin als wahr angenommen. Wie könnten Schulbücher lügen? Den Kindern werden doch keine Märchen erzählt. Ja, sicher: Es sind die Gewinner, die die Geschichte schreiben und in ihrem eigenen Interesse auslegen. Da war jeder Krieg „gerecht“ oder „notwendig“. So wie heute. So wie es war, so ist es geblieben. Was schon immer so war, das wird nicht anders. Die Vergangenheit liefert die Blaupause für die Gegenwart.

Radikale Quellenkritik

Hier liegt der Ansatz von Renate und Gerd Reuther. 2025 erschien „Tatort Vergangenheit: Wie eine Fake Past unsere Zukunft diktiert“ (1). Das Buch hinterfragt, wie zuverlässig unser überliefertes Geschichtsbild ist (2). Anfang Oktober erschien „Tatort Gelehrtenstube: Weitere Ermittlungen in der Vergangenheit“. Hier geht es darum, wer unsere Geschichte eigentlich hergestellt hat (3).

Die Autoren richten ihren Blick auf die Gelehrten, auf Archive, Urkunden, archäologische Funde, Bilder und historische Darstellungen, durch die aus Überlieferungen schließlich „Geschichte“ geworden ist. In akribischer Arbeit tragen sie zusammen, wie Urkunden gefälscht, Funde fingiert und Phantom-Herrscher erfunden wurden und wie Bilder und Objekte oft mehr Authentizität vortäuschen, als sie tatsächlich enthalten.

Die zentrale Frage ist nicht, was passiert ist, sondern wie entschieden wurde, was wir heute glauben, das damals passiert ist. Denn wer die Vergangenheit definiert, der beeinflusst auch die Gegenwart.

Wenn zum Beispiel eine Herrscherfamilie eine lückenlose Ahnenfolge vorlegen kann oder ein Reich als besonders alt dargestellt wird, dann kann Geschichte eine Legitimationsfunktion bekommen oder dazu genutzt werden, eine bestimmte politische Ordnung zu begründen.

Geschichte ist nicht nur Erinnerung, sondern auch ein Machtinstrument. Wer die gemeinsame Erzählung kontrolliert, kann beeinflussen, wie eine Gesellschaft ihre Wirklichkeit versteht. Das sagt auch einer der aktuell bedeutendsten Historiker: Yuval Noah Harari weiß, dass wir in Form von Geschichten und Anekdoten lernen. Vor allem von denen, die sich angenehm lesen und eine Moral haben. Heute wie früher: Leichter verdaulich ist, was dem Leser schmackhaft gemacht wird.

Fragen über Fragen

Was wir Realität nennen, ist nicht unbedingt das, was tatsächlich geschehen ist, sondern das, was Generationen von Gelehrten daraus gemacht haben. Renate und Gerd Reuther untersuchen, wie aus Überlieferungen Geschichte wurde, und stellen dabei das Verfahren infrage, durch das wir entscheiden, was historisch passiert ist.

Was wäre, wenn bereits der erste Schritt manipuliert, gefälscht, falsch datiert oder falsch interpretiert wurde? Woher wissen wir eigentlich, dass ein mittelalterlicher Text tatsächlich auf eine antike Vorlage zurückgeht? Was, wenn der angebliche ältere Archetyp gar nicht existiert hat? Welche unabhängigen Belege haben wir dafür, dass eine bestimmte Person überhaupt existierte? Wie viel von unserer Geschichte basiert auf Dokumenten, deren Echtheit nie ausreichend geprüft wurde? Warum glauben wir einer Schriftquelle, auch wenn der archäologische Fund fehlt?

Tatorte der Geschichtsfälschung sind nicht die Schlachtfelder oder Königshöfe, sondern die Schreibstuben der Gelehrten in den Klöstern. Diese werden untersucht. Wie waren die Lebensbedingungen der Mönche? Welche Menschen kamen in ein Kloster? Gingen sie freiwillig dorthin? Welche Abhängigkeiten und Hierarchien gab es dort? Auf welche Quellen wurde zurückgegriffen? Wie wurde bestimmt, was dokumentiert wurde und was nicht?

Soldaten in Sandalen

Viele Menschen wurden von ihren Familien in ein Kloster geschickt oder dorthin verkauft. Das Verdikt lautete: lebenslang. Männer unter sich. Von Frauen ist in der Geschichtsschreibung kaum die Rede.

In den Klöstern der Renaissance, so die Reuthers, wurden Schreibsklaven herangezogen, die ihre Realität damit versüßten, sich in antike Traumwelten zu flüchten, in denen es, wie im Kloster, keine Frauen gab.

Es entstanden lebensferne Texte, die mit Alltag und oft auch mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hatten. Durch die römische Antike galoppierten Reiter auf Pferden, die es erst seit der Renaissance gab. Von einer Varusschlacht im Teutoburger Wald ist die Rede, der seinen Namen erst im 17. Jahrhundert erhielt. Römische Soldaten sollen Europa zu Fuß im Eiltempo durchquert haben. In Sandalen: offenen, rutschigen, reparaturanfälligen, bei Nässe und Kälte untauglichen Schuhen. So wie die Mönche im Kloster. Schlechtwetter- und Winterkleidung trugen sie scheinbar ebenso problemlos auf wochenlangen Exkursionen am Leib wie die Nahrung.

Geschenkt

Bei den Dokumenten, die besonders häufig kopiert wurden, handelt es sich um Schenkungsurkunden an Klöster und Kirchen. Glaubt man ihnen, gab es zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert eine wahre Flut von verschenktem Sachbesitz, Rechten, Immunitäten und Schutzbriefen. Im 4. Jahrhundert soll der römische Kaiser Konstantin gar auf ewige Zeiten der lateinischen Westkirche das gesamte Abendland geschenkt haben.

Über gefälschte Schenkungsurkunden kam die Kirche in Europa zu enormem Besitz. Französische und deutsche Adelige ließen sich dazu verführen, auf Kreuzzug in das „Heilige Land“ zu ziehen. Ihren Besitz ließen sie im Stich. Die wenigsten kamen zurück. Nicht selten, so Renate und Gerd Reuther, wechselten die Burgen in klösterlichen und bischöflichen Besitz, und die Macht der Kirche wuchs.

Um diese Macht zu legitimieren, brauchte es einen mächtigen Vorgänger: das Römische Reich. Wo früher große Macht war, da gibt es sie weiter. Das dazwischenliegende Mittelalter konnte nur „dunkel“ gewesen sein, während in den Schreibstuben der Renaissance das alte und das neue Rom glorifiziert wurden.

Und bist du nicht willig

Keltogermanische Wurzeln wurden unsichtbar. Aus den nichtrömischen Regentschaften der „Merowinger“, „Karolinger“ und „Ottomanen“ ist wenig bekannt. Ägyptisches kam trotz intensiver Recherche nach Antikem seit dem 15. Jahrhundert erst im 19. Jahrhundert zum Vorschein.

Um jeden Preis: Die Vergangenheit musste römisch sein. Bei zu laut werdendem Zweifel griff man zu einem sprachlichen Trick und machte aus „römisch“ „römerzeitlich“. Es war der gleiche Trick wie Jahrhunderte später „an“ oder „mit“ Covid gestorben.

Tatsächlich war Rom lange ein Nebenschauplatz. Aus dem gesamten Territorium des Imperium Romanum ist nur eine einzige Straßenkarte erhalten.

Die Menschen nannten Regensburg nie „Castra Regina“ und Augsburg nicht „Augusta Vindelicorum“. Erst im späten 15. Jahrhundert bekam das „Heilige Römische Reich“ den Zusatz „Deutscher Nation“, und erst seit 1420 etablierte sich das Papsttum dauerhaft in Rom. Die Vorstellung einer ununterbrochenen päpstlichen Präsenz in Rom seit der Antike ist historisch falsch.

Noch mehr Sprengstoff

Ein Ereignis, auf das gerne verwiesen wird, ist der Ausbruch des Vesuvs und die Zerstörung der Stadt Pompeji, ein Tresor römischer Lebensart, dessen berühmte Mosaike in Komposition, Kolorit und Stil den Fresken der Renaissance außerordentlich ähnlich sind. Die Katastrophe, auf das Jahr 79 datiert, ist oft verfilmt und veranschaulicht worden.

Tatsächlich ist die Datierung ein wissenschaftlich diskutiertes Problem. Das antike Katastrophenszenario beruht auf zwei Briefen des angeblichen Augenzeugen Plinius des Jüngeren. Er erwähnt einen Raum, in dessen Wand ein Büchergestell eingelassen war. Es konnten jedoch bestenfalls Schriftrollen sein. Der Buchdruck wurde erst um 1450 erfunden.

Für die legendären Seeschlachten im Mittelmeer fehlen nicht nur beweisbare Funde von Überresten und glaubwürdige Berichte von Augenzeugen. Oft beruht alles nur auf einem einzigen „Bericht“ eines „Chronisten“, der Jahrzehnte oder Jahrhunderte später gelebt hat. Von keiner der Kathedralenbaustellen, die jahrzehntelang nur mit einem riesigen Heer von Arbeitskräften vorangetrieben werden konnten, gibt es ein Bilddokument.

Nach den Höhlenmalereien in Lascaux in den Pyrenäen oder der Venus von Willendorf in der Wachau, denen ein Alter von weit über 10.000 Jahren attestiert wird, folgen nördlich der Alpen Tausende von Jahren ohne Funde. Bilder von Städten und Landschaften oder Zeichnungen von Gebäuden und technischen Einrichtungen fehlen bis zum 16. Jahrhundert vollständig. Erst in der Renaissance tauchen erstaunlich gut erhaltene „antike“ Skulpturen auf.

Auf allen Wegen

Die ein Monopol anstrebende lateinische Westkirche löschte zeitweise selbst Bildliches aus, um ihre eigene Ikonografie zu etablieren. So verwundert es nicht, dass es bis zur Renaissance so wenig Porträts gibt. Nicht einmal Päpste ließen sich porträtieren. Zwar gibt es Symbolbilder mit Mitra, allerdings ohne konkrete Zuordnung. Erhalten sind vor allem Stadtansichten, bei denen Stadtmauern und Türme dominieren. Sie sollen als Urzustand der Städte gelten. Aus ursprünglichen Wohntürmen wurden Kirchtürme, aus Markthallen Kirchenschiffe. Heilige wurden zunehmend entblößt. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts flankierten nackte Putti notdürftig bekleidete, pfeildurchbohrte Märtyrer, kniefreie Heilige und Soldaten in knappen Römerröckchen. Heilige, so Renate und Gerd Reuther, wurden Projektionsfiguren für unterdrückte sexuelle Leidenschaften. Jesus hängt ab der Renaissance nur mit einem knappen Lendenschurz bekleidet am Kreuz.

Sexuelle Übergriffe auf Minderjährige boten sich als Ersatzhandlungen für homosexuelle Mönche an. In den Palästen wurden nackte Knaben im Alter von vier bis sechs Jahren als besondere Augenweide gehalten.

Putti in den Barockpalästen des Adels, in öffentlichen Gebäuden, auf Brunnen und an Bürgerhäusern verharmlosten die Kindesmisshandlungen und kaschierten sexuelle Übergriffe mit einem Schein von Fürsorge und kindlicher Unbescholtenheit.

Nichts entging der Heiligen Hand. Als um 1600 in Italien die Oper als eigene Kunstform entstand und 1637 das erste öffentliche Opernhaus in Venedig seine Türen öffnete, trug sie dazu bei, eine idealisierte Antike in der europäischen Kultur zu verankern. Ein stabiles Informationsnetzwerk im Dienst des Kirchenkonzerns entstand und verbreitete die frohe Botschaft der römisch-katholischen Überlegenheit weiter.

Einmal Lüge, immer Lüge?

„Unsere offizielle Geschichte mit ihren Herrschern und Helden“, so schließen die Autoren, „ist nicht mehr als ein ‚Game of Thrones‘, das sich Mönche und Akademiker der Renaissance ausgedacht haben.“ Es ist ein Spiel, das viele Anhänger hat. Daran ändern auch moderne Datierungstechniken nichts. Das Feilschen um die Geschichte hat zu einer Art Stockholm-Syndrom in der Vergangenheitsmanipulation geführt. Die Betrogenen haben gelernt, die Lügen zu lieben.

So war es und so wird es bleiben. Verdrehungen und Falschinformationen im Sinne der Machtinteressen bestimmter Institutionen findet auch der, der sich mit anderen Themen und Wissensgebieten beschäftigt. Was es auch sei:

Die Wahrheit steht oft hinten an. So sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass die wenigsten sich daran stören. An irgendetwas muss man ja glauben.

An den Übergang eines römischen Weltreiches in das andere zu glauben ist nach der Lektüre von „Tatort Gelehrtenstube“ nicht mehr so leicht. Für diejenigen, die meinen, schon alles zu wissen, ist das Buch nichts. Es ist nichts für die, die ihre Lügen lieben. Doch diejenigen, die es wagen, auch in der Geschichtsschreibung dem „wissenschaftlichen Konsens“ zu misstrauen, die mutig genug sind, Helden zu Staub verfallen zu lassen und den Blick nicht von der Trümmerlandschaft abzuwenden, haben eine erhellende Lektüre vor sich, die nicht nur wie ein Krimi ist, sondern sich auch so liest.