Die Vertrauensfrage

Wie leben, wenn man niemandem mehr trauen kann?

Wir neigen dazu, anderen für unsere Probleme die Schuld zu geben, die Lösungen bei allen möglichen Instanzen zu suchen und auf Rettung von außen zu hoffen. Nur wer die Verantwortung bei sich sucht und sich auf den Weg nach innen macht, wird finden können, wo er bedingungslos vertrauen kann.

Unser Vertrauen in Institutionen aller Art löst sich auf. Immer mehr Menschen fühlen sich allein gelassen, beiseite geschoben, betrogen, hintergangen, abgezockt. Längst fallen auch in den reichen Ländern die Interessen und Bedürfnisse vieler unter den Tisch. Ungleichgewicht und Ungerechtigkeiten wachsen. Unter der Kontrolle globaler Organismen sterben die Arten aus, werden die Ressourcen knapp und geht die Natur zugrunde.

Schuld daran sind die anderen: die anderen Parteien, die Märkte, die Nachbarn, die Andersdenkenden. Wer das glaubt, dem bleibt nur, sich als Opfer der Geschehnisse in das zurückzuziehen, was ihm von seiner Wohlstandsblase noch bleibt, und auf den Retter zu warten. Vergeblich. Denn in einem auf Gewinnmaximierung ausgerichteten System steht, so will es seine Logik, der Mensch erst an zweiter Stelle.

Der Fehler im System

Um uns nicht in einer Art Voyeurismus zu verlieren, in dem wir von möglichst sicherer Warte aus dem Untergang unserer Zivilisation zusehen, müssen wir ins Handeln kommen. Dabei reicht es nicht aus, im Bioladen einzukaufen und seinen Müll zu trennen. Solange wir nur „unser Ding“ machen und ansonsten glauben, mit dem, was um uns herum passiert, nichts zu tun zu haben, rutschen wir alle zusammen mit unserer Welt noch mehr ins Ungleichgewicht ab.

Wenn wir uns immer wieder gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben, bleiben wir in der Opferrolle hängen, die auf der einen Seite einen Schuldigen und auf der anderen einen Retter verlangt. Dieses infernale Trio rechtfertigt seit Jahrtausenden jede Art von Ausbeutung, Missachtung und Gewalt. Nur wer die Karte der Schuld durch die der Verantwortung ersetzt, kann ein neues Spiel aufnehmen.

Lösung von innen heraus

Der Mensch, der von seiner Fähigkeit Gebrauch macht, sich die Dinge ins Bewusstsein rufen zu können, trägt die alleinige Verantwortung dafür, wie er sich positioniert, wie er mit den Karten, die er in der Hand hält, umgeht und wie er sein Leben und seine Beziehungen gestaltet. Jeder hat die Wahl, die Dinge von sich zu weisen oder sie anzunehmen und sich um sie zu kümmern, ja oder nein zu etwas zu sagen. Niemand wird die Welt retten können. Doch jeder kann versuchen, die Verantwortung für sein Innenleben zu übernehmen, Frieden mit sich selbst zu schließen und in Harmonie mit seiner Umwelt zu leben.

Die Herausforderung, in sich selbst auf Entdeckungstour zu gehen ist grösser, als ein Mammut zu jagen oder den Weltraum zu erforschen. In seinem Inneren zu erspüren, was im Außen nicht stimmt, und nach eigenen Lösungen zu suchen erfordert mehr Mut als alles andere, was wir bisher unternommen haben. Denn hier geht es nicht mit Rücksichtslosigkeit und Gewalt voran, sondern nur mit Respekt, Sanftheit und Geduld.

Hier in uns finden wir, wem wir vertrauen dürfen. Es hat etwas mit Gefühl zu tun: dem Gefühl für das, was richtig ist und was harmonisch klingt. Es ist etwas, was öffnet und nicht verschließt, was integriert und nicht draußen vor der Tür lässt, was zusammenbringt und nicht isoliert. Um das erspüren, brauchen wir keine Institution, keine Autorität, keinen Organismus, der uns sagt, wo es langzugehen hat. Es reicht der Wunsch, das Licht in sich selbst zu suchen.

Das Licht im Dunkeln

Dieses Licht, so ist meine Erfahrung, wird erst im Dunkeln sichtbar. Ich habe es erkannt, als ich mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wurde. Diese Krankheit ist nicht vom Himmel auf mich gefallen. Sie hat sich in mir gebildet. Immer deutlicher erschien mir vor Augen, dass auch eine dauerhafte Lösung nicht von außen, sondern nur von innen kommen kann. Hier geht meine Reise seitdem für mich hin: in dieses große, unendliche und unerkannte Innen. Der Weg führt immer wieder durch dunkle und harte Schichten hindurch, doch stets mit der Gewissheit, dass sich das, was ich suche, genau hier verbirgt.

So kann ich mit einer Bedrohung leben, die mich jederzeit das Leben kosten kann. Ich lebe gut damit. Es geht mir besser als vor meiner Erkrankung. Ich lebe intensiver und authentischer, und vor allem: Ich habe mein Vertrauen in das Leben entdeckt. Mein Leben hat Sinn bekommen. Dies ist meine Motivation, hier zu schreiben, nachzudenken und zu teilen, was meiner Erfahrung und Empfindung nach dorthin führt, wo wir alle immer wieder hin streben: ins Licht.


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