# Die Vertreibung der Farbe

Ob in Architektur, Autodesign oder Kleiderwahl — immer mehr scheinen im öffentlichen Raum „graue Herren“ zu dominieren.

von 
   * Annette van Gessel

Grau in Grau. Einheitsgrau. Novembergrau. Straßengrau. Der graue Alltag. Eine graue Maus. Sich graue Haare wachsen lassen. Loriots graues Paar aus „Ödipussi“, außerirdische „Greys“ oder die berüchtigten „Grauen Herren“ aus Michael Endes „Momo“&nbsp;... Oberflächlich beetrachtet scheint Grau die unbeliebteste Farbe der Welt zu sein — wenn man überhaupt von einer Farbe sprechen kann. Grau ist das visuelle Pendant zu Depressionen, Monotonie und Langeweile. Dennoch ist es gerade das Grau, das in jüngster Zeit einen glänzenden Siegeszug hingelegt hat. Die Mehrzahl der Autos sind so lackiert. Man findet es an Häuserfassaden und Gartenmauern, an Möbeln, Wandverkleidungen und Geschirr und immer häufiger auch bei der Kleiderwahl — und dies nicht nur in der Herrenmode. Immer mehr Menschen bekennen in ihrem öffentlichen Auftreten Farblosigkeit. Mausgrau oder Anthrazit gelten als schlicht im guten Sinn, als pflegeleicht, elegant und seriös. Es fragt sich ob dieses populären „Grauens“ , warum unser Auge überhaupt die Fähigkeit entwickelt hat, schöne Farben wie Himmelblau, Türkis oder Violett wahrzunehmen und warum diese auch in der Natur immer wieder präsent sind. Die Autorin geht in ihrem Artikel den kollektivpsychologischen Ursachen der grauen Welle nach. Will man uns bewusst in einem freudlosen Seelenzustand stürzen, und wenn ja: Warum leisten die meisten Menschen dagegen keinerlei Widerstand. Ein Plädoyer für mehr Farbe im Leben.

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Manche Veränderungen geschehen so langsam, dass sie kaum jemand bemerkt. Irgendwann fiel mir bei meinen Autofahrten auf, dass mich fast nur noch graue, schlammfarbene Autos überholten. Daraufhin habe ich recherchiert und fand im Netz folgende Aussage: „Grau ist der absolute Spitzenreiter. Fast jedes vierte Auto auf Deutschlands Straßen trägt diesen Ton. Aber warum? Grau gilt als zeitlos, elegant und pflegeleicht.“ Seit Kurzem bereichern zudem Autos in Tarnfarbe das Spektrum der Lackierungen. Wollen die Käufer beziehungsweise Fahrer damit etwa ihre Kriegstüchtigkeit unter Beweis stellen? 

Das führt mich zu der Vermutung, dass die Autoindustrie und die Kfz-Werkstätten bei den neuen Farben ihre Hand im Spiel haben. Denn wer ein mausgraues oder NATO-grünes Auto fährt, ist garantiert in der Dunkelheit kaum zu erkennen, schnell in einen Unfall verwickelt und muss dann entweder sein Auto in die Werkstatt bringen, für teures Geld reparieren lassen oder sich gleich ein neues kaufen. Doch da wage ich mich sicher zu weit vor! 

Es ist noch nicht lange her, da dominierten als Autolackierungen die Farben weiß oder silber. Dieser Trend wurde von schwarz abgelöst. Verständlich, denn schwarz steht laut Werbeaussagen der Hersteller für Eleganz und Macht. „Kein Wunder, dass es bei Politikern, Geschäftsleuten und deren Luxusautos so beliebt ist“, ergab meine Internetrecherche. Allerdings führen schwarze Autos auch die Statistik der Unfallautos an. Ob das wohl jedem „Schwarzfahrer“ bekannt ist? 

Doch der Verlust der Farbenvielfalt macht sich auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar. Was gibt es Trostloseres als Business-Kleidung? 

> Männer sehen in dunklen Anzügen aus, als kämen sie aus einer Maschinenproduktion, und Frauen, die in Männerdomänen anerkannt werden wollen, fällt nichts anderes ein, als die Männer zu kopieren: Sie kleiden sich in dunkelblaue oder graue Hosenanzüge. Einfach nur fantasielos und aus meiner Sicht unterwürfig. 

Bekanntermaßen imitieren Frauen, die „Karriere“ machen wollen, nicht nur den Dresscode der Männer, sondern auch deren Auftreten in der Öffentlichkeit. Auf dem Weg in eine solche Konformität bleibt jede Individualität auf der Strecke. Den einzigen Farbtupfer bilden dann eine bunte Krawatte oder ein farbiges Tuch.

Bei den Schuhen sieht es ähnlich trist aus: Wer die Auslagen deutscher Schuhgeschäfte betrachtet, merkt, zur Auswahl stehen in Deutschland nur schwarze und braune Schuhe; im Sommer bereichert so manche farbige Sandale das Angebot. Zum Glück machen andere europäische Länder diese Monotonie nicht mit. Dazu zählen beispielsweise die Niederlande und Italien. Wie oft schon bin ich auf meine roten Schuhe angesprochen worden. Meist bewundernd. Gehört denn wirklich so viel Mut dazu, mehr Farbe ins Leben zu bringen und mal aus der Reihe zu fallen? Oder bin ich ob meiner roten Schuhe eine der aus der Hölle entflohenen Hexen“?

> Übrigens: Seitdem mein Mann eine Brille mit orangem Rahmen trägt, lächeln ihn die meisten Menschen, die ihm entgegenkommen, an, vor allem Frauen. Ob er das beabsichtigt hat? 

Leider folgen auch hier sehr viele Brillenträger dem Trend und entscheiden sich „modebewusst“ für schwarze Rahmen, und aus ist es mit der Individualität.

Zum Glück gehen manche Menschen mit „gutem“ Beispiel voraus. Im Dorf, in dem ich wohne, war es offiziell verboten, die Häuser anders als weiß zu streichen. Sie sollten einen perfekten Hintergrund für die alte Kirche bilden. Doch dann strich der dorfbekannte und überall geschätzte Schreiner sein Haus kräftig gelb. Und was geschah: Niemand machte ihm Schwierigkeiten oder brummte ihm eine Strafe auf mit der Anordnung, das Haus umzustreichen. Und kurz darauf folgten die Nachbarn seinem Vorstoß: Die zur Rechten strichen ihr Haus lila, das Haus zwei Häuser rechts von seinem strahlte auf einmal in einem leuchtenden Hellblau. Die farbigen Häuser verliehen der ganzen Straße eine heitere, frohe Atmosphäre. 

Eine vergleichbare Initiative ergriff der Bürgermeister des verlassenen Dorfes Valloria in Ligurien. Er bat 1994 Künstler aus Italien und anderen Ländern, die Haus-, Stall-, Keller- und Scheunentüren farbig zu gestalten. Vor der grandiosen Idee des Bürgermeisters stand das Dorf vor dem Niedergang — wie viele andere Bergdörfer Italiens. Das Ergebnis sind mehr als 160 kunstvoll gestaltete Türen! Diese sind nicht nur eine Augenweide, sondern hatten den gewünschten Effekt. Nach und nach wurde das Dorf bei Touristen als Dorf der bemalten Türen (il paese delle porte dipinte) bekannt und entwickelte sich zur Attraktion. Die Besucher brachten Leben ins Dorf und ermöglichten auch, dass sich dort wieder Geschäfte ansiedelten sowie ein Café und ein kleines Restaurant. Wie ich von Freunden erfahren habe, hat die Initiative des italienischen Bürgermeisters Nachahmer gefunden, unter anderem in der Altstadt von Funchal, Madeira.

Leider haben sich viele Architekten noch immer nicht von der Farblosigkeit verabschiedet! In unserem Dorf ist eine neue Bungalowsiedlung entstanden. Farbe der Klinker: beigegrau, Farbe der Garagenklinker: rostbraun. Ob sich die Bewohner in einer solchen Umgebung wohlfühlen? 

> Viele Kulturen sind sich der Wirkung von Farben auf die Psyche bewusst. Farben werden für Effekte bei der künstlerischen Gestaltung sowie in der Mode- und Werbebranche genutzt. Doch wer hat den Trend zur Farblosigkeit in die Welt gesetzt? Scheinbar sind Individualität, Vielfalt und Fantasie unerwünscht! 

Sicherlich kann jeder bestätigen, dass die Farbe der Umgebung sein psychisches Befinden beeinflusst. Schon Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich vor mehr als 200 Jahren intensiv mit der Frage: *Wie erlebt der Mensch Farbe?* Gerade seine Konzentration auf die menschliche Wahrnehmung sorgte für die bleibende Bedeutung seines Werks, das er im Jahr 1810 unter dem Titel „Zur Farbenlehre“ veröffentlichte. Darin ordnete Goethe den Farben charakteristische Wirkungen zu, hier einige Beispiele:

* Gelb wirke warm, heiter, anregend,
* Rot würdevoll, kraftvoll, edel,
* Blau kühl, fern, melancholisch,
* Grün beruhigend, ausgleichend,
* Violett geheimnisvoll, ernst.

Dieser Ansatz Goethes beeinflusste beispielsweise Wassily Kandinsky, Paul Klee und Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, und auch heute noch viele Künstler, Architekten und Designer. 

Rudolf Steiner entwickelte seine eigene Farbenlehre und stellte diese in drei Vorträgen Anfang Mai 1921 in Dornach, Schweiz, vor. Er machte unter anderem folgende Aussagen:

* Schwarz ist das geistige Bild des Toten.
* Weiß ist das seelische Bild des Geistes.
* Blau ist der Glanz des Seelischen.
* Rot ist der Glanz des Lebendigen.
* Gelb ist der Glanz des Geistes. Es lebe innerlich im Betrachter weiter und stimme ihn heiter.

Als das Aachener Klinikum eröffnet wurde, hatten die Inneneinrichter die Idee umgesetzt, Farbe in die Zimmer der Kranken zu bringen. Unter anderem erhielt jede Etage eine andere Wandfarbe, und Bettlaken und Bettbezüge waren grün, rot, gelb und blau statt weiß. Leider gefielen den Patienten diese so gut, dass nach und nach alle bunten Laken verschwanden. Die gestohlenen bunten wurden durch weiße ersetzt. Die kräftigen Wandfarben blieben zum Glück erhalten, und immerhin wächst im Innenhof des Klinikums nach wie vor eine farbenfrohe Blütenpracht.

> Haben die meisten Menschen vergessen oder jemals darüber nachgedacht, welch positive Wirkungen Farben auf unsere Psyche haben? Es scheint so zu sein, denn manche Hauseigentümer haben statt eines kleinen Rasenstücks vor ihrem Haus eine Schotterwüste aus grauen Steinen angelegt. 

Jeden grünen Keimling reißen sie sofort heraus, sobald er sich zeigt — einfach nur gruselig! Was hat dazu geführt, dass sich diese Menschen der Natur so entfremdeten? Doch glücklicherweise lässt sich die Natur nicht in diese Eintönigkeit zwingen. Gibt es Menschen, denen nicht das Herz aufgeht, wenn sich im Frühling die ersten Blüten öffnen? Wenn sich die ersten Hummeln und Bienen einfinden, weil sie von der Pracht der Blüten und von deren Duft angelockt werden? 

>Daher lautet mein Appell: Raus aus der Öde, raus aus der Eintönigkeit! Unsere Welt braucht wieder Farbe.

Wer heute durch deutsche Städte geht, sieht vor allem Grau, Schwarz, Weiß und matte Schlammfarben. Das betrifft nicht nur die Autos, vielmehr Hausfassaden, aber auch Alltagsgegenstände. Was einst Ausdruck von Individualität, Lebensfreude und Kreativität war, ist vielerorts einer nüchternen Monotonie gewichen.

Farben verleihen unserer Umwelt Lebendigkeit. Ein leuchtendes Rot, ein strahlendes Gelb, ein tiefes Blau oder ein frisches Grün können uns in eine gute Stimmung versetzen. 

Entscheiden wir uns bewusst für mehr Mut zur Farbe — beim Auto, bei der Kleidung, im Garten, an unseren Häusern, in öffentlichen Räumen und überall dort, wo wir unsere Umgebung gestalten können. Eine bunte Welt macht Vielfalt sichtbar, ist Ausdruck von Individualität und Schaffenskraft.

Bereichern wir unseren Alltag daher mit kräftigen, leuchtenden Farben. Mehr Farbe bedeutet mehr Lebensfreude. Geben wir unserer Welt die Farben zurück.


