Die Wahrheitsbesitzer

Weisheit besteht darin, zuzugeben, dass wir die absolute Wahrheit nicht erkennen können.

Wahrheit ist ein Wort, das nur in der Mehrzahl Sinn macht: Wahrheiten. Es gibt meine Wahrheit, deine Wahrheit und noch eine Menge andere. Wenn jemand von sich behauptet, er habe die unumstößliche, ein für alle Mal gültige Wahrheit gefunden, ist Vorsicht geboten. Es könnte sein, dass der „Wahrheitsbesitzer“ gegenläufig Strömungen in seinem eigenen Geist radikal bekämpft und diesen Kampf dann auch auf andere, vermeintlich nicht rechtgläubige Menschen ausweitet. Dann entsteht aggressiver Dogmatismus. Was öffentlich als Wahrheit gibt, richtet sich sehr stark nach dem Zeitgeist und nach der Macht. Um der Wahrheitsfalle zu entgehen, müssen wir immer auch den multiperspektivischen Charakter von Realität bedenken und lernen, Unsicherheit auszuhalten.

Gibt es eine Wahrheit, keine Wahrheit, eine Varietät von Wahrheiten? Auf jeden Fall gibt es die lebenslange Suche nach Wahrheit, und es gibt das Wort Wahrheit. Im Altgriechischen alētheia, was so viel bedeutet wie das Unverborgene: etwas, das bereits ist und nur darauf wartet, enthüllt zu werden.

Was aber fängt der Mensch mit der einmal begriffenen Wahrheit an, dem Ziel seiner Suche, der Erfüllung seines Wunsches nach absolutem Wissen? Es gibt Erkenntnisse, die uns helfen zu leben, und Erkenntnisse, die einem Dolchstoß gleichkommen. Die Zeit hört auf und die Ewigkeit bricht an.

Diese Vorstellung übersteigt unser Fassungsvermögen, das darauf angelegt ist, das Heute zu bewältigen, sprich die Handgriffe zu erledigen und die Entscheidungen zu treffen, die notwendig sind, um nicht von der Wucht der realen Gegenwart überrollt zu werden.

Große Worte: Wahrheit, Ewigkeit

Worte für Verstandesmenschen, die es sich erlauben, das Kleine und oft Kleinliche des Alltags im Namen des Erhabenen zu ignorieren. Wer denkt, schält keine Kartoffeln, und wer Kartoffeln schält, hat keine Zeit zu denken. Denn das ist Wahrheit auch, von Anfang an: ein Besitz, den es gegen alle Wahrheiten, die meine eigene infrage stellen oder im schlimmsten Fall sogar widerlegen, zu verteidigen gilt.

Um jeden Preis — denn als nackter Kaiser möchte schließlich niemand durch die Gasse gejagt werden.

Wahrheit ist gnadenlos

Ihrem Wesen nach kann sie keine anderen Götter neben sich dulden. Diese Exklusivität ist allen monotheistischen Religionen und politischen Ideologien zu eigen, die vorgeben zu wissen, was für alle Menschen gut und richtig ist. Wer ihren Absolutheitsanspruch zu bezweifeln wagt, dem wird es schlimm ergehen. Diese Warnung schwingt in ihren Verheißungen unweigerlich mit.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, heißt es im Johannesevangelium. Dass es die Aufgabe der Geschichte ist, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren, schreibt Marx 1844 in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Zwei Wahrheiten. Eine des Jenseits und eine des Diesseits.

Sie schließen einander aus, was bedeutet: Wir müssen uns entscheiden, welcher von beiden wir uns anvertrauen möchten, um auf der sicheren Seite der Geschichte zu stehen.

Das Bekenntnis zur Wahrheit ist immer auch dem Zeitgeist geschuldet — und eine Frage von Mehrheiten. Je mehr Menschen an sie glauben, desto attraktiver wird sie für alle anderen, und desto unanfechtbarer ist am Ende ihr Machtmonopol.

Für den Ausbau politischer Herrschaft ist es deshalb vielversprechend, eine Wahrheit zu kapern und unter die eigene Deutungshoheit zu bringen. Das erfolgreichste Mittel dazu ist eine über jede Kritik erhabene Identifikationsfigur, auf die das Volk seine frustrierten Hoffnungen projizieren kann. Der schlichte Mythos vom Erlöser — hundertfach von der Geschichte widerlegt — wird so lange funktionieren, wie wir nicht lernen, zu unserer persönlichen Wahrheit zu finden, sprich, die Verantwortung für unser Denken und Handeln zu übernehmen.

Es gibt eine Wahrheit des Tages und eine Wahrheit der Nacht, eine Wahrheit der Heilen und eine Wahrheit der Versehrten, eine Wahrheit der Glücklichen und eine Wahrheit der Unglücklichen.

Ist Wahrheit also nur subjektiv? Eine höhere Meinung oder Überzeugung, deren Funktion es ist, in unserem Lebenslabyrinth für Orientierung zu sorgen?

Wahrheit sei die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben kann, schreibt Nietzsche. Dem Phantasievollen wird die Vielzahl möglicher Wahrheitsgestalten keine schlaflosen Nächte bereiten, ja, sie werden seine Gedankenwelt im Gegenteil eher weiten und vertiefen. Mit wachsender Lebenserfahrung und von Fall zu Fall wird er sein inneres Haus immer wieder neu möblieren, während für den Phantasielosen genügend attraktive Wahrheiten bereitstehen, unter denen er stets diejenige wählen wird, die seine existenziellen Nöte am wirksamsten zu kompensieren verspricht. Dabei wird es ihm vermutlich weniger um die individuelle Passform gehen als um die Konsensfähigkeit der Botschaft, die gerade als ultimative Wahrheit angepriesen wird.

Die Erfindung der Welt in Zahlen

Nach dem Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht außer Frage, auf wessen Seite die Wahrheit sich heute befindet. Das Zauberwort, durch das die Romantiker die Welt zum Klingen bringen wollten, ist zur Esoterik geworden, der Märchenwald, in dem der Mensch sich mit seiner Seele verbinden sollte, zum Wirtschaftswald und die blaue Blume zu derjenigen Ware degeneriert, die jedermann gerade am heftigsten begehrt.

In der entzauberten Welt sind die modernen Naturwissenschaften, deren erklärtes Ziel es ist, keine Frage unbeantwortet zu lassen, zur obersten Instanz im Rennen um die Deutungshoheit der letzten Dinge avanciert. In immer rasanterem Tempo und mithilfe immer raffinierterer Technologien haben sich ihre Fakultäten angeschickt, alle Fragen zu beantworten: wie einst das Universum entstand, aus welchen Stoffen unsere Körper gemacht sind und wie unser Gehirn funktioniert.

Der Mensch als Bauplan

In Sachen Materialkunde des Lebendigen macht den hochspezialisierten Wissenschaftlern und Ingenieuren, die heute tonangebend sind, niemand etwas vor. An der Unwiderlegbarkeit ihrer rigorosen Beweisführung zerschellen die philosophischen und theologischen Fragen nach der inneren Wahrheit des Menschen wie Fischkutter an einem Containerschiff.

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen. Und zweifle an denen, die sie gefunden haben“, schrieb einmal der französische Schriftsteller André Gide aus der Perspektive des Menschenkundlers, dessen Werk unsere Widersprüche und Abgründe, unsere Grenzen und Möglichkeiten furchtlos ausgeleuchtet hat, ohne Versöhnung erpressen zu wollen.

Zwischen der Vorstellung einer für alle Menschen gültigen Wahrheit und den heterogenen Wahrheitsgestalten, aus denen sich Kunst, Literatur und Philosophie speisen, ist kaum Annäherung möglich. Der Vorwurf des Relativismus auf der einen, des Absolutismus auf der anderen Seite verhindert den Dialog von vornherein. Unversöhnlich stehen sich der selbstbewusste Mythos von Wachstum und Wissen und die Vorstellung des Menschen als göttlichem Geheimnisträger gegenüber, der die Zusammenhänge nur erahnen, niemals aber begreifen kann.

Wahrheit als Besitz

In einer Welt des Haben-Wollens um jeden Preis lässt sich schließlich auch die Wahrheit nach marktüblichen Strategien bestens verkaufen. Dass es nach den Statuten des kapitalistischen Wirtschaftssystems nichts gibt, das nicht zur Ware werden könnte, ist eine Binsenweisheit. Weshalb sollte ausgerechnet die Wahrheit eine Ausnahme bilden? Und welche Wahrheit wäre in ihrer enzyklopädischen Fülle besser dazu angetan, die Menschen von sich zu überzeugen als die Megamaschine Künstliche Intelligenz? Wer vorgibt, alles zu wissen — kann der nicht mit gutem Recht für sich beanspruchen, über alle zu herrschen?

In der Logik des Immer-mehr, einer Kinderlogik, die im Märchen — wir erinnern uns! — stets ein böses Ende nimmt, liegt es nahe, die Staffel zu übergeben, sprich vor dem überwältigenden Wissensbestand der Maschine bedingungslos zu kapitulieren. Was sie weiß, werde ich niemals wissen, und so verbeuge ich mich vor ihr wie der Gläubige am Altar.

Doch Wissen ist nicht gleich Wahrheit, und Quantität verbürgt bekanntlich noch lange keine Qualität. Ist es nicht gerade die Selbstzufriedenheit der Maschine, die uns hellhörig machen sollte?

Menschsein bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten. Zu erkennen, dass es eben nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt und dass Probleme durchaus ungelöst bleiben dürfen.

Die Wahrheit spricht mit vielen Stimmen und in vielen Tonlagen, in Harmonien und Dissonanzen, die unseren Geist und unsere Sinne beständig herausfordern. Wahr ist allein diese lebendige Vielstimmigkeit, mit der die Wirklichkeit in jedem Augenblick zu uns spricht. Nicht von oben herab, um uns zu belehren, sondern um mit uns ins Gespräch zu kommen. Um unsere Geschichten zu erfahren, unsere ganz persönlichen Antworten auf die Zumutungen, Überraschungen, Epiphanien und Aporien des Lebens, das seine letzte Wahrheit aus gutem Grund schön für sich behält.