Die Weigerung, erwachsen zu werden

Reife Menschen erkennen, dass sie im Innersten allein und machtlos sind ― daran gemessen, sind die meisten von uns Kinder geblieben. Exklusivabdruck aus „Im Namen des Fortschritts“.

Vom „Jugendwahn“ ist oft die Rede. Menschen versuchen, obwohl schon fortgeschrittenen Alters, krampfhaft den Eindruck zu erwecken, ewig jung und fit zu sein. Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen. Ab einem bestimmten Alter hält man sich für erwachsen, weil es so im Pass steht; bei einer tiefer gehenden Betrachtungsweise ist man es aber keineswegs. Was macht einen Erwachsenen aus? Für den Autor bedeutet dies vor allem die schonungslose Anerkennung der Realität. Und die ist oft alles andere als bequem. Der Mensch ist radikal unwissend über das Woher und Wohin seiner Existenz. Es gibt in seinem Leben keine wirkliche Sicherheit und keine Kontrolle über das Geschehen. Und spätestens der Tod stellt alles infrage, was einem zuvor wichtig gewesen ist. Der im tieferen Sinn Erwachsene lässt jeden Glauben, alle Mythen und jede falsche Gewissheit fahren und findet den notwendigen Halt in sich selbst.

Das Jugendbewusstsein: Die Angst vor der Wirklichkeit und die Flucht in die Idee

Aufklärung heißt, seinen Glauben zu verlieren, selbst hinzuschauen und dem, was man sieht und wahrnimmt, zu folgen. Historisch war dies der christliche Glaube mit seinem fest gefügten Weltbild, gefolgt von dem Zusammenbruch der Institutionen, die darauf gebaut waren. Menschen wollen aber glauben, nichts fürchten sie mehr als die Wirklichkeit und die Wahrheit. Die neue Wirklichkeit, in die uns die Wissenschaft und die Moderne mit ihrem Materialismus geführt haben, dass es in dieser Welt keinen übergeordneten Sinn und keine absolute Wahrheit mehr gibt, mag niemand wirklich an sich heranlassen.

Deshalb glaubt man nun an etwas anderes: den Kommunismus, den Faschismus, die Weltrevolution, den Humanismus, den Transhumanismus, die Wissenschaft, den Feminismus, die Selbstbestimmung ― man kann die Liste der nachchristlichen Glaubensprojekte und Erlösungsbewegungen beliebig fortsetzen. Am Ende landet man immer bei einer Idee, wie die Welt oder das Leben sein sollen. Das, was tatsächlich ist, wird gemieden oder soll überwunden werden. Mit der Wirklichkeit will man sich nicht einlassen.

Den Glauben zu verlieren bedeutet auch, zu erkennen, dass man nichts weiß; dass alles sogenannte Wissen ein Glauben ist. Dann steht man völlig nackt im Leben und in seiner eigenen Existenz ― man weiß nicht, woher man kommt, warum man da ist, wohin man geht, und was dies alles bedeutet.

Daher macht Aufklärung auch Angst, und auch seine Angst will der Mensch nicht verlieren. Er liebt sie, in der Angst fühlt er sich sicher und geborgen, denn in der Angst glaubt er noch ― zumindest glaubt er an seine Angst und an die Gespenster, die sie in ihm erzeugt. Lieber wirft er sich, wie man bei Corona deutlicher denn je sehen konnte, einem Scharlatan an den Hals und nimmt alles, was man ihm als Sedativum zur Angstberuhigung vor die Nase hält („Mund-Nasen-Schutz“) oder lässt es sich gar injizieren, als der Wirklichkeit ins Auge zu schauen.

Auch die Zuflucht zur Wissenschaft, die Idee, dass die Wissenschaft einem sagen könnte und soll, was „die Wahrheit“ ist, folgt der Angst, in diesem Fall der Angst vor dem Nichtwissen und dem damit verbundenen Kontrollverlust ― genauer gesagt: der Einsicht, dass die Kontrolle des Lebens eine Illusion ist. Das gesamte Coronageschehen ist von Angst getrieben, und zwar sowohl aufseiten der Regierenden und ihrer „Experten“ als auch aufseiten derer, die ihnen gehorsam folgen.

In der Angst zeigt sich die verdrängte Kindlichkeit des modernen Bewusstseins. Sie bedeutet nicht weniger, als dass die alte Gesellschaft und deren Bewusstsein keineswegs überwunden, sondern nur abgewehrt sind ― ebenso, wie ein Jugendlicher seine Kindlichkeit nur abwehrt, aber nicht wirklich aus ihr herausgewachsen ist. Kinder haben Angst vor dem Verlassenwerden, vor dem Alleinsein. Das ist für ein Kind ganz natürlich, denn ein Kind kann, vor allem, wenn es klein ist, allein nicht überleben. Für einen Erwachsenen und ein diesem entsprechendes Bewusstsein gilt dies aber nicht. Er braucht zwar auch die anderen, aber in einem ganz anderen Sinne. Er braucht den Austausch mit anderen, kann aber auch dann, wenn er keiner Gruppe angehört, überleben.

Tatsächlich bedeutet Erwachsensein, zu erkennen, dass man im Innersten allein ist. Das ist geistesgeschichtlich ebenfalls ein Resultat der Aufklärung: Der Mensch, auch jeder Einzelne, ist allein. Nach der Aufklärung gibt es keine geistige (metaphysische) Gemeinschaft mehr, in der wir aufgehoben sind.

Auch dies hält das Jugendbewusstsein der Moderne nicht aus. Anstatt in diese Offenheit des Lebens, in die Leere, die sie selbst geschaffen hat, einzutreten, fällt das moderne Bewusstsein ins Kindliche zurück und sucht seine Zuflucht in neu-alten „Identitäten“ und im kindlichen Gefühl ― Ich bin das, als was ich mich fühle; wenn ich mich als Frau fühle, bin ich eine, auch wenn mein Körper männlich ist; wenn ich mich verletzt fühle, bin ich verletzt, auch wenn mir niemand etwas getan hat; die Wahrheit ist eine Sache des Gefühls. Das ist kindlich.

Auch beim Thema Klimawandel herrscht die Angst und wird kräftig geschürt. Dass die Erde nichts Festes ist, ist zwar eine wissenschaftliche Binsenweisheit, die jedes Kind in der Schule lernt, aber wirklich wissen will dies niemand. Sobald sie sich bewegt und sich dies oder jenes verändert, wird wie in alten Zeiten der Weltuntergang beschworen. Dass ein ― jederzeit möglicher ― großer und längerer Vulkanausbruch die CO2― und Klimaziele der sogenannten Weltgemeinschaft mit einem Schlag wegpusten kann, wird einfach verdrängt. Ebenso, dass es in den letzten tausend Jahren (im Spätmittelalter bis circa 1400) eine Warmzeit gab, in der die Temperaturen um drei Grad höher waren als heute, und danach eine Kaltzeit („Kleine Eiszeit“ von etwa 1550 bis 1750), in der sie um zwei Grad niedriger waren, sodass es weltweit riesige Hungersnöte gab, denen, die sozialen und politischen Folgen eingerechnet, fast die Hälfte der Menschheit zum Opfer fiel (1).

Auch die „Cancel Culture“ beruht auf Angst ― der Angst vor dem Mob und davor, als ewig Gestriger dazustehen und aus der modernen Gemeinschaft der Guten und Toleranten ausgeschlossen zu werden. Niemand will abseitsstehen und seinen Glauben verlieren. Er ist das Beruhigungsmittel für die Angst und hält sie zugleich am Leben.

Vor allem hat der Mensch ― der moderne noch mehr als der alte ― Angst vor dem Tod. Er ist der Abgrund, der Beweis unserer vollkommenen Nichtigkeit; der Beweis, dass wir nichts im Griff haben; der Beweis, dass wir, wie jede Kreatur, Natur sind, dass wir nicht darüberstehen; der Beweis, dass unser so großartiges Ich ein Nichts ist.

Das ist die Angst: die Angst vor der Wahrheit, die Angst vor der vernichtenden Erkenntnis, dass wir in einer vollkommenen Illusion leben, der Illusion der Kontrolle des Lebens und der Selbstbestimmung.

Diese Angst ist real, während die Angst vor dem Tod selbst ganz irreal ist, denn über den Tod wissen wir nichts. Vor unserer Geburt, dies hat schon Arthur Schopenhauer ausführlich dargelegt, gab es keine Probleme. ― Wieso sollte es nach dem Tod welche geben? Wieso sollte das Nichtsein, in das wir jede Nacht im Tiefschlaf versinken, ein Problem sein? Früher haben die meisten Menschen noch an eine Art von Fortexistenz nach dem Tod geglaubt ― die Angst der Alten galt weniger dem Tod an sich als dem höchsten Richter und dessen Urteil. Dieser Glaube ist gestorben, jetzt stehen wir vor dem Abgrund der potenziellen Nichtexistenz. Der wahre Abgrund ist, dass der Tod uns mit einer Wirklichkeit, einer Wahrheit konfrontiert, die wir meiden wie der Teufel das Weihwasser: der Wahrheit, dass wir nichts unter Kontrolle haben und unsere Existenz nur ein Nichts ist.

Angst ist fast nie etwas Wirkliches, sie ist immer nur ein Gedanke, eine Vorstellung darüber, was sein oder eintreten könnte, letztlich eine Angst vor der Wirklichkeit des Lebens. Eine Aufklärung, die ihren Namen verdient, würde dazu führen, dass man in diese Wirklichkeit eintritt, um sich von ihr verwirklichen zu lassen, was hieße: ein wirklicher Mensch zu werden. Das wäre eine wirklich große Transformation. Diese Transformation kann aber nicht gemacht werden. Sie geschieht, wenn man sich nackt der modernen Wirklichkeit aussetzt.

Die Aufklärung ist noch längst nicht vollendet, sie steckt noch in den Kinderschuhen. Sie hat es bisher versäumt, sich über sich selbst aufzuklären, sie ist eine Dämmerung, aber noch nicht wirkliche Helligkeit, noch nicht erleuchtet.

Sie sieht nicht, dass sie zwar die Kindheit verlassen hat ― der berühmte Ausgang aus der Unmündigkeit ―, aber längst noch nicht erwachsen geworden ist.

Die Idee, sich von allen Bindungen befreien und das Leben nach seinen Wünschen und seiner Idee leben zu können oder gar zu müssen, ist ein jugendliches Projekt. Der notwendige Gegenpol dazu ist die Opferhaltung, das Gefühl des ständigen Verletztseins, der Aufdeckungswahn und die Empörung über die „Täter“. Sie geht notwendig aus der Allmachtsanmaßung hervor, weil diese ständig enttäuscht wird und werden muss. Daher muss jemand schuld sein, und der Jugendliche muss ständig jemanden anklagen, der verhindert, dass seine Träume wirklich werden.

Wer erwachsen ist, weiß, dass sich die Welt nicht um ihn selbst dreht und dass unsere Wünsche ihr egal sind; er weiß, dass er sich der Wirklichkeit zu fügen hat und nicht umgekehrt. Ein Kind weiß dies noch nicht, aber es weiß, dass es sich (noch) seinen Eltern zu fügen hat. Die jugendliche Ich-Haltung will und kann dies nicht akzeptieren ― sie fügt sich nicht mehr den Eltern (was stimmig ist, da man sie verlassen muss, um auf eigenen Beinen zu stehen), will sich aber auch nicht der Wirklichkeit des Lebens unterwerfen.

Sie will dies nicht nur nicht, sie kann es auch nicht, ohne unterzugehen. Die Einsicht, dass ich mich der Wirklichkeit fügen muss, ist im persönlichen Leben das Ende der Jugend. In der Kultur entspräche dem das Ende des Ich-Bewusstseins und das Ende der Moderne. Denn dann wäre es ja nichts mit der erträumten Freiheit, mit der Selbstbestimmung, der „Autonomie“, dann wäre man ja aus dem Regen ― der Fremdbestimmtheit durch die Eltern ― in die Traufe ― der Notwendigkeiten und Begrenzungen, die das Leben selbst, unser Dasein als natürliche Wesen, uns zumutet ― geraten. Also besteht man trotzig auf seinem Wollen und seinen Ideen. Wenn man damit dann scheitert, muss jemand schuld sein, und wenn jemand schuld ist, ist das der Täter und man selbst wird zum Opfer. Wenn sich, was allerdings selten ist, kein anderer Täter finden lässt, ist man selbst schuld, ein Versager. Dann bringt man sich vielleicht um oder wird depressiv. Nur eines darf nicht sterben: die Idee, wie das Leben (wie ich selbst) sein soll. Das wäre das Ende der Welt, in der wir geistig leben (2).

Ewige Jugend oder erwachsen sein?

Zugleich wäre dieses Ende der Jugend, des Ich-Bewusstseins und der Moderne die Fortsetzung und Vollendung dessen, was mit der Aufklärung begonnen wurde: das Eintreten in die Wirklichkeit des Lebens, das Erwachsenwerden des Menschen. Die Jugend wäre dann das, was sie eigentlich ist: ein Übergang. Geistig erwachsen sein („aufgeklärt“ sein) heißt, bereit zu sein, allein in der Wahrheit zu stehen ― ohne zu wissen, ob es die Wahrheit ist. Es heißt auch, bereit zu sein, seine Illusionen zu verlieren und seine Träume und Ideen über das Leben gegen die Wirklichkeit einzutauschen.

Auch die Moderne ist ein Übergang ― der Übergang von den kindlichen Zeitaltern der Magie und des Glaubens in ein Zeitalter des Lebens in der Wirklichkeit einer offenen und letztlich unerkennbaren Welt. Bisher ist sie nur der Aufbruch aus der Kindheit in ein erwachsenes Leben, das noch in weiter Ferne liegt. Sie ist, wie die Jugend, eine Zeit großer Verwirrung, die die Unschuld der Kindheit verloren hat und sich einbildet, das Leben zu kennen, ohne es schon betreten zu haben. Der Jugendliche ist körperlich der Kindheit entwachsen, geistig aber noch längst nicht. Alles, was er kennt, ist die jeweils eigene Idee, wie das Leben zu sein hat.

Das gilt auch für das Bewusstsein des modernen Menschen insgesamt, es besteht hauptsächlich aus seinen Ideen, sodass die Moderne auch das Zeitalter der Ideologien ist. Mit unserer jeweiligen Idee, wie das Leben, die Welt und wir selbst sein sollen, treten wir dann dem wirklichen Leben entgegen und versuchen alles, um es in den Griff und unter unsere Kontrolle zu bekommen.

Je mehr wir das Leben jedoch im Außen zu kontrollieren versuchen, umso mehr bricht unser Inneres, unsere Seele, unter diesem Druck zusammen. So sehr er sich nach Allmacht streckt ― der Mensch hält es nicht aus, ein Gott zu sein. Mein Sohn beschreibt in dem erwähnten Buch ausführlich, welche psychischen Leiden dies zur Folge hat und wie sie mit dem Zeitgeist zusammenhängen. Die westlichen Gesellschaften sind vollkommen neurotisch geworden (3), und aus diesem neurotischen Zeitgeist entstehen immer mehr unsägliche Leiden wie Burn-out, Depression und alle Arten von Süchten bis hin zum Selbstmord, der eine Massenerscheinung geworden ist (es gibt mehr Selbstmorde als Verkehrstote).

Letzteres entspricht ganz der Logik der Ich-Religion: Auch der Tod hat uns zu gehorchen. Er soll nicht mehr eintreten dürfen, wann er will, sondern wann wir es wollen. Niemand soll mehr sterben, es sei denn, er stirbt „selbstbestimmt“.

Wenn ich auf die internationale Politik und besonders auf die deutsche Rolle darin schaue, scheint mir selbst der kollektive Selbstmord zu einem inneren Antrieb geworden zu sein.

Die wahre Pandemie der Moderne ist eine seelische, und sie verlangt eine Antwort der Psychologie, und zwar einer Psychologie, die nicht nur das Innere des einzelnen Menschen, sondern den Geist unserer Zeit, der diese Leiden erst hervorbringt, die Innenseite des Lebens und der Welt insgesamt in den Blick nimmt. Und eine Psychologie, die das Projekt der Aufklärung fortführt, indem sie die Seele und das menschliche Bewusstsein in eine neue Stufe des Lebens initiiert: die des erwachsenen Menschen.



Hier können Sie das Buch bestellen:Im Namen des Fortschritts – Das moderne Bewusstsein und der Krieg gegen die Natur“.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Eindrucksvoll mit allen wirtschaftlichen und kulturellen Folgen beschrieben von: Philipp Blom, Die Welt aus den Angeln, München 2018. Blom hebt allerdings auch die Innovationen hervor, zu denen diese Katastrophe beigetragen hat.
(2)   Siehe dazu mein Buch „Die Welt, in der wir leben. Das Bewusstsein und der Weg der Seele“, Köln 2020/2022. Die Entsprechung des modernen Bewusstseins mit der Lebensphase, den Anforderungen und dem Bewusstsein der Jugend habe ich dort ausführlich dargelegt (S. 129―201). Ich halte die These, dass die Moderne ein Ausdruck des Jugendbewusstseins (also etwas Unreifes, nicht Erwachsenes) ist, für ganz entscheidend, um die heutige Welt zu verstehen. Das Buch zeigt auch einen Weg, wie man ins Erwachsensein eintreten könnte.
(3)  Malte Nelles, Gottes Umzug ins Ich. Eine Tiefenpsychologie des modernen Menschen. Europa Verlag, München 2023. Dass ein Mann, bei dem ich aus der Ferne ― neben einem Narzissmus, der dem von Donald Trump nicht nachsteht ― deutliche Anzeichen einer Zwangsneurose zu erkennen glaube, zum Gesundheitsminister und zeitweise zum beliebtesten Politiker in Deutschland werden konnte, ist ein Spiegelbild der neurotischen Gesamthaltung in der deutschen Gesellschaft.