Die Welt der Surrogate

Viele Produkte berufen sich auf Tradition, während sie an Hochwertigkeit verlieren — die Gewöhnung an sinkende Qualität lässt sich auch auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse übertragen.

Unsere industrialisierten Gesellschaften stellen heutzutage eine Fülle von Produkten und Gütern zur Verfügung. Diese ermöglichen den Menschen einen hohen materiellen Standard, so zumindest der Glaube. Doch schaut man einmal genauer hin, erkennt man, dass es sich bei den meisten Gütern lediglich um billigere Ersatzprodukte handelt, die ihrem Ruf nach an das Original anknüpfen. Die Menschen lassen sich mit diesem billigen Ersatz abspeisen, was nicht nur Folgen für die Gesundheit der Menschen hat. Dasselbe gilt für die Gesellschaft insgesamt.

Weihnachten steht vor der Tür. Was, das erscheint Ihnen verfrüht? Aber wenn Sie in den Supermarkt gehen, werden Sie vielfach schon Produkte vorfinden, die ein entsprechendes Gefühl zu vermitteln versuchen und die traditionell mit Weihnachten assoziiert sind.

Hier finden sich Christstollen, Schokoladennikoläuse, diverse Marzipanprodukte, Spekulatius und andere Kekse. Viele dieser Produkte werden von den Verbrauchern als ganz natürlicher Bestandteil eines jeden Weihnachtsfestes wahrgenommen. Sie scheinen uns ganz traditionell zum Fest dazuzugehören. Die Hersteller bestärken diesen Eindruck, indem sie ihren Produkten traditionelle Anstriche verleihen. Sie berufen sich auf traditionelle Rezepturen, geben auf den Verpackungen Daten an, seit denen sie angeblich schon dieses Produkt herstellen und vermitteln so das Gefühl: Hier, zum Fest, finden wir ein Stück Beständigkeit in der sich schnell ändernden Zeit.

Schaut man aber genauer hin, stellt man fest, dass die angeblich so traditionellen Produkte mit althergebrachten Rezepturen überhaupt nichts zu tun haben. Statt mit traditionsreichen Handwerksprodukten haben wir es hier mit Industriegütern zu tun.

Und das offenbart allein ein Blick auf die Zutatenliste. Hier finden wir neben den zu erwartenden Inhaltsstoffen — etwa Schokolade, Mandeln, Zucker, Mehl und Milch — in der Regel auch Zutaten, die wir eher weniger mit Tradition assoziieren. Ganz vorne mit dabei: Glukosesirup. Dieser wurde zwar schon 1811 von dem deutschen Industriellen Gottlieb Kirchhoff in Russland erfunden, kommt allerdings erst seit dem 20. Jahrhundert in großem Maßstab zum Einsatz. Erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird er industriell vor allem in Süßwaren eingesetzt, um die Preise zu senken und die Produktion zu erhöhen.

Es handelt sich also um ein industrielles Produkt, das mit Tradition überhaupt nichts zu tun hat — und in den traditionellen Rezepturen daher auch nicht vorkommt. Doch er wird zum Süßen der Produkte ebenso verwendet wie zur Herstellung einer gewissen Konsistenz. Gesundheitlich sind mit ihm ähnlich negative Effekte assoziiert wie mit jedem zugesetzten Zucker. So kann er das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettleibigkeit erhöhen. Es handelt sich um ein hoch verarbeitetes Industrieprodukt.

Ähnlich ist es bei Lecithinen, die insbesondere in Form von Sojalecithinen längst Eingang in die Herstellung verschiedener industriell verarbeiteter Lebensmittel gefunden haben. Lecithine wurden zwar auch bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zuerst isoliert, industriell hergestellt und eingesetzt werden sie aber erst seit den 1920er Jahren. Hier kamen sie zunächst in der Herstellung von Margarine zum Einsatz. Heutzutage finden sich Lecithine vor allem als Emulgatoren in einer so großen Bandbreite von Produkten, dass sie aus der Lebensmittelherstellung kaum noch wegzudenken sind.

Hier ist etwa auch die Süßwarenherstellung zu nennen, insbesondere in Schokolade kommt das Produkt zum Einsatz. Vorteil der Sojalecithine ist die Absenkung der Viskosität der Schokolade — also ihre geringere Dickflüssigkeit —, weshalb teure Kakaobutter eingespart werden kann. Man kann hier bereits fast von Tradition sprechen. Dennoch handelt es sich auch hier nicht um Handwerkskunst, sondern um ein industrielles Produkt. Eingesetzt wird es ebenfalls seit den 1920er Jahren. Auch hier gibt es gesundheitliche Nachteile — etwa eine Störung der Darmflora.

Ein besonders häufig eingesetztes Surrogat sind künstliche Aromen. Diese kommen in einer breiten Palette von Produkten zum Einsatz und imitieren den Geschmack vormalig verwendeter Zutaten. Dabei werden viele Aromen als „natürlich“ bezeichnet — haben mit dem, was sie darstellen sollen, allerdings keinen Berührungspunkt. Als natürlich gelten sie nur, weil sie in Pilzen oder durch Bakterien gezüchtet oder aus Holz gewonnen werden, anstatt synthetisch im Labor zusammengebaut zu werden. Die gewonnenen Stoffe, die entfernt etwa nach Vanille oder Erdbeere schmecken — wobei sie das, wenn wir wirklich ehrlich sind, maximal der Werbung nach tun, nicht aber in Wirklichkeit —, werden dann als Ersatz für das Original in Produkten verarbeitet, um den Eindruck zu erwecken, diese schmeckten nach dem, was die Aromen suggerieren sollen. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Täuschung, die allerdings kostengünstiger ist als das Original.

Synthetische Aromen werden oft aus Erdölderivaten hergestellt — was gesundheitlich bedenklich ist. Da mit der echten, natürlichen Zutat zum Teil auch das farbgebende Element verloren geht, werden dann auch noch gleich Farbstoffe mit hinzugegeben — auch die sind nicht selten das Ergebnis synthetischer Prozesse. Geschmack und Farbe werden also auf billigste Art und Weise imitiert, während die Zutaten, die dadurch suggeriert werden sollen, überhaupt nicht im Endprodukt vorhanden sind.

Weitere Surrogate, die heutzutage gerne zur Anwendung kommen, sind Saatenöle wie Palmöl, Raps- oder Sonnenblumenöl. Auch deren Verwendung nahm erst im Laufe des 20. Jahrhunderts zu. Rapsöl wurde zwar schon seit dem Mittelalter verwendet — hier allerdings hauptsächlich als Lampenöl oder Schmierstoff. Für Lebensmittel eignete es sich aufgrund des hohen Gehaltes an Bitterstoffen und Erucasäure lange Zeit nicht. Saatenöle ersetzen dabei heutzutage entweder als Margarine oder als Öle die teurere Butter oder Olivenöl.

Die Herstellung der Saatenöle ist dabei in der Regel eine chemische — und wurde erstmals erfunden, um die in der Baumwollherstellung anfallenden Baumwollsamen verwerten zu können. Bei der Produktion kommen große Mengen Lösungsmittel zum Einsatz, zudem muss das Endprodukt chemisch desodoriert und gebleicht werden, damit der ranzige Geruch und die graue Farbe verschwinden.

Aufgrund des hohen Gehaltes an Omega-6-Fettsäuren und Linolsäure sind die Endprodukte gesundheitlich sehr bedenklich. Sie werden mit chronischen Entzündungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz und Stoffwechselkrankheiten in Verbindung gebracht. Damit hat der billigere Ersatz auch für die Verbraucher wahrnehmbare Folgen — die aber oft nicht in Zusammenhang gebracht werden. Produkte ohne die hier beispielhaft aufgeführten Inhaltsstoffe sind immer schwieriger zu finden. Und die Liste ist lang. Ob Butterreinfett statt Butter, Eipulver anstelle von Eiern, Milchpulver statt echter Milch, überall finden sich synthetisch verarbeitete Ersatzstoffe für ehemals hochwertige Zutaten.

Die Lebensmittelindustrie steht also beispielhaft für einen schleichenden Niedergang der Qualität und das damit verbundene Risiko für die Menschen. Was als traditionelles Handwerk verkauft wird, ist in der Regel nur noch ein industrielles Surrogat, das billig und auf Masse produziert wird — wobei die Qualität abnimmt. Dieser Trend verschärft sich seit Jahrzehnten — und mit der Forcierung von Laborprodukten — wie Laborfleisch, -Fisch oder -Milch - und Insektenbestandteilen als „Lebensmittel“ wird er massiv beschleunigt. Was auf die Lebensmittelherstellung zutrifft, ist auch auf andere Bereiche des Lebens übertragbar.

Hier fällt vor allem die Architektur ins Auge.

Wo früher aus hochwertigen, natürlichen Baustoffen langlebige Bauwerke errichtet wurden, die Generationen, teilweise Jahrhunderte überdauern, werden heute schmucklose, ja geradezu trostlose Plastikkästen aufgetürmt. Aus Fertigbestandteilen aneinandergefügt und mit Massen an giftigen Dämmmaterialien versehen, werden ganze Siedlungen schnell und effizient hochgezogen, die dann teuer verkauft oder vermietet werden können.

Die Lebensqualität in diesen, noch dazu immer enger zusammengepferchten, Schuhkartons steht dabei nicht im Vordergrund. Was zählt, ist die möglichst kostengünstige Bauweise, die hohe Profite ermöglicht, und für die Bewohner vielleicht noch die Heizeffizienz, die geringe Heizrechnungen garantieren soll. Dabei werden die Menschen so dicht aufeinander gedrängt, dass die Bauweise beinahe schon an sozialistische Plattenbauten erinnert — was noch viel mehr auf die gigantischen Mietskasernen in deprimierenden Elendsvierteln zutrifft, die sich auch farblich nicht von den sowjetischen Vorbildern unterscheiden. Was hier entsteht, sind schlechte Surrogate von Architektur und Lebensraum, billige, qualitativ minderwertige Konservendosen für die Massenaufbewahrung von Menschen. Diese überdauern keine Jahrhunderte, sondern sind oftmals bereits nach einem oder zwei Jahrzehnten renovierungsbedürftig.

Andere Beispiele für den Verfall durch Surrogate finden sich in der geistigen Welt. Hier lässt sich die Bildung als Bereich anführen, der unter einem ständigen Qualitätsverfall leidet. Wer heute das fragwürdige Vergnügen hat, in Schulen und Universitäten sein Dasein zu fristen, der wird neben den verfallenden Bauten auch zusammenbrechende Standards vorfinden. So erreichen etwa 25 Prozent der Schüler nach der Grundschule nicht das notwendige Niveau im Lesen und Schreiben. Vom Rechnen wollen wir gar nicht erst sprechen. Hinzu kommt, dass auch der vermittelte Stoff immer flacher und sinnentleerter wird. Statt Zusammenhänge und Hintergründe zu lernen, werden oberflächliches Faktenwissen und Daten gelehrt und abgefragt. Die tiefer liegenden Komponenten, verschiedene Betrachtungsweisen und Interpretationsmöglichkeiten finden dabei keine Beachtung. Das mag der Grund für einen lächerlichen „Kampf gegen Rechts“ und „für die Demokratie“ sein, wobei dieselben Akteure die Demokratie längst durch einen Totalitarismus ersetzt haben, den sie in der Regel nicht einmal als solchen erkennen.

Auch die von diesen Menschen schließlich hervorgebrachten Kunst- und Kulturgüter ermangeln jeder Originalität und Qualität, ein Trend, der sich auch bei der Popmusik beobachten lässt. Wo früher die Beatles, die Rolling Stones und andere große Künstler dominierten, ist das letzte Aufgebot der massentauglichen Popmusik heute Taylor Swift, eine Künstlerin, deren Musik so austauschbar und unspektakulär ist, dass sie schon in wenigen Jahren vergessen sein wird.

Ähnliches lässt sich über die Literatur sagen, wo die immer gleichen Krimis oder Liebesgeschichten dominieren. Auch die mittlerweile zahlreichen Streamingdienste vermitteln einen Eindruck vom Verfall der Filmkunst. Hier werden die immer gleichen Geschichten mit austauschbaren Figuren und in uninteressanten Einstellungen erzählt. Gleichzeitig ist das Angebot von all diesen Dingen so gewaltig, dass eine Auswahl zu treffen immer schwieriger wird. Die moderne Kultur ersetzt Qualität durch Masse — und das in jedem einzelnen Bereich.

Das gilt auch für den Journalismus. Wo früher gut recherchierte Artikel dem Leser neue Erkenntnisse vermittelten, findet sich heute sensationsheischender Clickbait, um durch die Zugriffszahlen möglichst hohe Einnahmen zu erzielen. Fakten werden dann gerne durch Gefühl oder Annahmen, durch Vorurteile oder vermeintliches Wissen ersetzt. Auf diese Weise erodiert auch der Debattenraum, da echte Debatten — wenn sie denn überhaupt noch stattfinden — überhaupt keine Verankerung in der Wirklichkeit mehr haben.

Die Menschen leben heutzutage also in einer Welt der Surrogate. Sie bekommen dabei zwar den Eindruck von Hochwertigkeit und Geschmack vermittelt, werden aber mit billigen Ersatzprodukten abgespeist. Im Laufe der Zeit tritt dadurch ein Gewöhnungseffekt an die billigeren Surrogate ein, wodurch ihnen das Verständnis für die eigentlichen Möglichkeiten abhandenkommt. So geben sich die Menschen immer nur mit dem kleinsten Übel zufrieden, — doch auch das kleinste Übel bleibt ein Übel und führt langfristig weiter ins Negative.

Und das lässt sich dann auf gesamtgesellschaftliche und politische Verhältnisse übertragen.

Das politische Personal ist ebenso wie jedes Weihnachtsgebäck nur noch ein schlechter Abklatsch dessen, was einst unter derselben Bezeichnung firmierte. Es tritt als etwas auf, das es schon lange nicht mehr ist, profitiert aber von dem Ruf des Vorherigen.

Und so entscheiden sich Menschen auch heute noch für das Surrogat, ohne zu merken, dass sie schon lange nicht mehr bekommen, was sie zu bekommen glauben.

In allen Lebensbereichen nimmt auf diese Weise die Qualität schleichend und beinahe unbemerkt ab. Immer wieder wird hier eine Zutat durch ein billigeres Surrogat ausgetauscht, dort das politische Personal durch noch ahnungsloseres Personal ersetzt, hier eine weitere Aufweichung der Standards betrieben. Vielleicht erklärt sich dadurch auch der Verfall der westlichen Kulturen insgesamt, die heute nichts Ansprechendes mehr zu bieten haben als ihre wohlfeile Moral, an der aber zunehmend weniger Menschen Interesse haben.

Echte Gerechtigkeit wird durch ein Gender- und Antirassismus-Surrogat ersetzt. Echter Klassenkampf weicht den Partikularinteressen einer pseudoakademischen Mittelschicht, und Systemkritik wird in Form von Konsumgütern gegossen. Dabei werden die Grundsätze und Fundamente der eigenen ideologischen Richtung überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen — und das auf allen politischen Seiten. Politik verkommt zur hohlen Phrasendrescherei, Kultur zum reinen Konsum und soziale Systeme zu einem Almosen- und Zwangssystem.

Die Gewöhnung an sinkende Standards hat längst einen allgemeinen Verfall eingeläutet, der für das Leben und die Gesundheit der Menschen insgesamt zur Gefahr geworden ist — und das nicht allein aufgrund von Saatenölen in Weihnachtsgebäck. Denn auch der ideologisch-politische Verfall mündet in eine elitäre Kaste, die Europa zielgerichtet in den großen Krieg treibt — einen Krieg, der auch nuklear geführt werden könnte. Selbst der Opposition fällt nichts anderes ein, als einfach zur Wahl des geringeren Übels aufzurufen und zu hoffen, dass dieses geringere Übel nicht korrumpiert wird. Eine Hoffnung, die natürlich vergeblich ist.

Und somit ist der kulturelle Niedergang des Westens bereits mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs, und ein Ende ist noch lange nicht absehbar. Es wird auch nicht eintreten, solange die Menschen billige Surrogate als das Original akzeptieren und sich mit billigen Versprechen abspeisen und verlocken lassen. Eine Welt der Surrogate bietet nicht nur keine Lebensqualität mehr für jene, die in ihr zu leben gezwungen sind, sie wird früher oder später gar nichts mehr bieten können.