Die zu anspruchsvolle Prinzenrolle
Ein Blick auf die Geschichte der Pahlavi-Dynastie zeigt, wie wenig deren jüngster Spross qualifiziert ist, die Geschicke des Iran zu lenken — um so unverständlicher ist, wie er heute zum Hoffnungsträger aufgebaut werden soll.
„Kronprinz“ — das klingt so, als sei Reza Pahlavi eine Art Prinz William des Ostens und werde mit Sicherheit bald sein Land regieren. Ein solches Szenario dürfte aber eher nur in der Fantasie seiner westlichen Anhänger existieren — in Teilen der iranischen Diaspora und in den mit ihr sympathisierenden Medien. Der Sohn eines Shahs, dessen autoritäre Herrschaft Tausende das Leben kostete, und einer Mutter, die den Terror ihres Gatten über Jahrzehnte verharmloste, hat sein Heimatland lange nicht mehr betreten und wird dort keinesfalls als neuer Machthaber herbeigesehnt. Reza Pahlavi hat sein Denken durch langjährigen Aufenthalt in den USA verwestlicht und empfiehlt sich so als die ideale Spielfigur, wenn es um die Destabilisierung der islamischen Republik geht, welche sich dem Allmachtsanspruch Amerikas bis heute widersetzt. Die Autorin wurde durch eine Münchner Demonstration von Exil-Iranern für das Thema sensibilisiert, deren Teilnehmer sich ganz offensichtlich faktenblind zeigten. In einem historischen Rückblick schreibt sie über Aufstieg und Fall der Pahlavi-Sippe im Iran und darüber, wie westliche Einflüsse dort immer wieder desaströse Entwicklungen anstießen. Sie macht deutlich, warum sie es für anmaßend hält, dass Reza Pahlavi heute wieder beansprucht, die Zukunft des Iran zu beeinflussen.
„Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“
Dieser berühmte, oft zitierte Satz aus „West-östlicher Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe (1819) bezieht sich auf die kulturelle und philosophische Gemeinsamkeit und Wechselwirkung von Ost und West. Er galt nicht einer politischen Strategie der einen oder anderen Seite und war auf keinen Fall als Zustimmung zu einer Einmischung in die Angelegenheiten anderer gedacht. Er fordert auch Respekt gegenüber einem Volk mit großer Tradition und jahrtausendealter Kultur sowie gegenüber seinen einflussreichen geistlichen Mystikern wie etwa Ferdowsi und Rumi.
Freiheit oder Fiasko? Münchner Großdemo für den Iran
Für Nicht-Iraner eher kaum bemerkbar kam es am Samstag, den 14. Februar 2026 auf der Theresienwiese in München zu einer Groß-Demonstration von Exil-Iranern in Europa gegen das Mullah-Regime. Fast eine halbe Million Menschen folgten dem Aufruf eines offenbar lang vorbereiteten Bündnisses amerikanischer Exil-Iraner, der Organisation „National Union for Democracy in Iran (NUFDI)“, das mit dem Programm „100 Städte — eine Stimme — Kronprinz Reza Pahlavi“ mobilisierte.
Diese Großdemonstration sollte ein Signal setzen und hierzulande war die Euphorie unter den Iranern groß. Meine iranischen Freundinnen jubelten und wünschten sich keine kritischen Fragen und keine Kommentare — nur Verständnis und Empathie für ihr Volk. Doch ich wollte fragen.
Steht die ersehnte Revolution quasi vor der Tür? War oder ist diese Demonstration — wie beabsichtigt — ein Schritt zur Einheit der nationalen Bewegung der Iraner im Iran und im Exil, ein Schritt in Richtung breiter internationaler Unterstützung, ein Schritt hin zur nationalen Freiheit des iranischen Volkes? Und kann das von außen gelingen? Als ich diese Fragen stellte, hatte der Krieg noch nicht begonnen. Doch es hieß bereits: „mit allen Mitteln“ …
Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft eines Kronprinzen, der seit seinem 20. Lebensjahr — also seit fast 30 Jahren — mit Unterstützung seiner Mutter, Farah Diba „seinen Thron“ beansprucht. Heute betont er, er wolle bei der Überwindung des Mullah-Regimes lediglich als „Helfer“ für die Wiedereinsetzung der Demokratie auftreten.
Er ist der Sohn des letzten Schahs, Mohammad Reza Pahlavi, von dessen diktatorischer Politik und den mörderischen Praktiken seines Geheimdienstes SAVAK er sich jedoch nie distanziert hat, sich davon auch nicht distanzieren will und dies lieber der Geschichtsforschung überlässt.
Bereits einen Tag nach der Demonstration wird ein Beschluss der anschließenden Versammlung vorgestellt, in dem die Aktionsziele zur weiteren Vorbereitung der Revolution bis zum Sturz des Regimes sowie für die anschließende Übergangsphase hin zur Demokratie festgelegt werden — als wäre dieser Zeitpunkt bereits erreicht. Man ist natürlich für einen „Change“ mit friedlichen Mitteln.
Noch im Februar wird der Öffentlichkeit von der in den USA ansässigen NUFDI auf über 180 Seiten ein detaillierter Plan vorgestellt — mit Tabellen sowie kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen für die ersten zwei Jahre nach dem „Übergang“. Darin wird Reza Pahlavi — so heißt es dort — als „Führer des nationalen Aufstandes“ bezeichnet. Wie bitte? Mit welchem Mandat? „Frauen — Leben — Freiheit“ (Zan — Zendegī — Āzādī / Yin — Jihan — Azadi) — das war doch das Motto der seit zwei Jahren schwelenden Revolution der Frauenbewegung (auf Deutsch, Persisch und Kurdisch), auf die alle, auch meine Freundinnen, so stolz waren — sind diese Frauen nun verschwunden? Ersetzt durch den „Führer des Nationalen Aufstandes Reza Pahlavi“?
Nur vierzehn Tage später fielen Bomben auf Teheran — auf Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Ziele. Mohammad Reza Pahlavi bedankte sich sogleich bei Trump für diesen „humanitären Einsatz“. Welch eine Ironie! Wollten die euphorisierten Teilnehmer das? War es nur das Signal für die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz nebenan: „Es kann losgehen, wir sind dafür!“? Alles nur Betrug?
Ich kenne den Iran kaum — wie die meisten hierzulande. Ich war eher zufällig 1967 im Gebiet der Kurden in Westen des Iran und hatte mein politisches Bild über den „Shah“ Muhammad Reza Pahlavi aus dieser 68er-Zeit. Während meiner Arbeit als Dozentin lernte ich unter unseren Studierenden einige Iranerinnen kennen, die kurz nach Beginn der „Revolution“, wie sie die Zeit des Mullah-Regimes immer noch nennen, nach Deutschland geflohen waren. Manche wurden später Freundinnen.
Durch sie kam etwas Neues in die Universität. Sie waren jung, schön, gepflegt, klug und räumten schnell mit den Latzhosen tragenden und in Seminaren strickenden Jungs auf. Sie mussten bleiben und sich einrichten. Manche Iraner gingen in die Politik und wurden dort engagierte Verfechter der Interessen des iranischen Volkes.
Jetzt wollte ich mehr über die Demokratiebewegung im Iran erfahren, vor allem über die Pahlavis und ihren Aufstieg nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei stieß ich auf eine Geschichte von Widerstand, Putschen, Gewaltherrschaft und ausländischer Einmischung— und immer wieder auf die Dominanz der USA. Wer einem Pahlavi als neue Lichtgestalt vertraut, sollte dies nicht vergessen!
Iran: Kampf um Freiheit und Moderne
Die neuere Geschichte des Iran ist ein beständiger Kampf um Befreiung aus vormodernen Verhältnissen, ein Kampf um Demokratie und Freiheit und nationale Unabhängigkeit.
Seit Beginn des letzten Jahrhunderts, als die Modernisierungsbewegung den Nahen und Mittleren Osten erreichte und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen forderte, kam die Region nie zur Ruhe. Sie wurde zum Kampffeld zwischen traditionellen und religiösen Kräften auf der einen Seite und Modernisierern auf der anderen — ebenso wie zwischen nationaler Souveränität und Einheit einerseits und dem wiederholten Einfluss der westlichen Welt auf diese strategisch und ökonomisch bedeutende, erdölreiche Region andererseits. So auch im Iran.
Im Iran hatten die Modernisierer mit seit Jahrhunderten etablierten militärisch starken Dynastien und deren Profiteuren zu kämpfen — den Großgrundbesitzern und vor allem mit der muslimischen, hier schiitischen Geistlichkeit. Ähnlich kämpften zeitgleich Nationalbewegungen am Ende des Osmanischen Reiches, um eine moderne Türkei unter Atatürk zu schaffen, oder Amanulla Khan, der Afghanistan in die Moderne führen wollte. Nicht zu vergessen der nicht endende Versuch des Palästinensischen Volkes, sich aus den Krallen des Osmanischen und Britischen Empires zu befreien und einen souveränen Staat zu erkämpfen.
Am Ende hatten jedoch immer wieder die Geistlichkeit, die traditionellen Kräfte und schließlich der „Westen“ die Oberhand — früher oder später. Wiederholt sich jetzt etwas?
Zunächst nahmen die europäischen Großmächte Großbritannien und das Zaristische Russland, später die Sowjetunion, im Ersten Weltkrieg den Iran in die Zange. Im Zweiten Weltkrieg kamen die USA hinzu, und heute spielt Israel eine entscheidende Rolle. Sowohl die USA als auch Israel sind seit langem dabei, den „Regional Change“ mit Waffengewalt durchzusetzen. Dabei wird offiziell betont, es gehe nicht um einen „Regime Change“ — auch wenn sich Trump gelegentlich darauf beruft. Der Kronprinz verfolgt seit 2020 das „Cyrus“-Projekt, in dem der Iran als ein bedeutender Akteur der Region betrachtet wird. Will er, dass der Iran am „Regional Change“ beteiligt ist, der das Projekt Palästina begraben würde? Mit welchem Recht? Mit welchem Mandat?
Die „Konstitutionelle Revolution“ von 1905 bis 1925
Ohne „Revolution“ geht im Iran wohl nichts — der Kampf um eine Verfassung war der erste Versuch, die Demokratie mit Rechten und Freiheiten nach westlichem Vorbild durchzusetzen.
Ausgelöst durch die Vergabe von Konzessionen an ausländische Firmen, die Zinspolitik und die Abhängigkeit und Verpflichtungen gegenüber ausländischen Banken unter dem letzten Monarchen der Kadscharen-Dynastie, war die katastrophale wirtschaftliche Lage schon damals zentraler Anlass für die Bewegung.
Den Bazaris, der bis heute einflussreichen Händlerkaste der Basare, ging es vor allem um die Überwindung veralteter und unprofitabler Kleinbetriebe und eine Modernisierung der Wirtschaftsstruktur. Den Geistlichen ging es um das Ende des Einflusses der „Nichtgläubigen“, die nicht einmal durch die Scharia rechtlich erfasst werden konnten. die Liberalen strebten eine Modernisierung von Staat und Gesellschaft nach europäischen Vorbild an, ebenso die Frauenbewegung, die seit langem Frauenrechte, die Trennung von Staat und Religion und vor allem das Wahlrecht forderte.
Nach heftigen Streiks und Demonstrationen kam es1906 zur Bildung eines Parlaments, einer Verfassung und Persien wurde eine konstitutionelle Monarchie. Der Kampf war jedoch noch nicht gewonnen. Monarchisten, Großgrundbesitzer und Geistliche sammelten sich um den letzten Kadscharen-Shah, das Parlament wurde aufgelöst, und in den folgenden, teils bewaffneten Auseinandersetzungen ging es um Macht, Zukunft und die Einheit der Nation. In der Verfassung war das Frauenwahlrecht noch nicht vorgesehen.
Der Erste Weltkrieg veränderte die Lage erneut grundlegend. Monarch und Parlament bestanden auf Neutralität, doch England und das zaristische Russland benötigten Öl und besetzen große Teile des Landes. Faktisch befand sich der Iran bis zum Ende des Krieges unter britischer und zar-russischer, später auch unter sowjet-russischer Besatzung. Durch die Konfiszierung von Ernten, Lebens- und Transportmitteln — verstärkt durch Dürre und Krankheiten — starben während der Besetzung in einer großen Hungersnot sicher etwa zwei Millionen Menschen; andere Schätzungen gehen von acht bis zehn Millionen aus, rund ein Viertel der Bevölkerung. Iraner sprechen von Völkermord.
Nach Ende des Kriegs bot England 1919 dem zerrütteten Land im sogenannten „Anglo-Iranian Agreement“ einen Kredit über zwei Millionen Pfund an, gebunden an die Kontrolle über die gesamte Ölproduktion. Der ‚noch’ Kadscharen Shah unterschrieb; nach heftigen Auseinandersetzungen im Parlament wurde dieser Vertrag 1921 jedoch widerrufen.
Rezah Shah — der erste Pahlavi putschte sich an die Macht
Die Kadscharen waren am Ende und die Einheit des Landes war in Gefahr. Im Norden wurde die „Sowjetrepublik Iran“ ausgerufen; im Westen versuchte die kurdische Bewegung, sich unabhängig zu machen, und im Süden erklärte sich die von den Briten unterstützte, ölreiche Provinz Chusitsan für unabhängig. Große Teile der Minderheiten gehörten zur ländlichen Bevölkerung — Kleinbauern, die nur etwa 20 Prozent des bewirtschafteten Bodens in ihren Händen hielten.
Ohne eine neue Bodenverteilung und ein Ende des Feudalsystems ließen sie sich nicht beruhigen. Reza Khan, General der persischen Kosakenbrigade putschte, und der Premierminister musste zurücktreten. Das Parlament berief Reza Khan zum Kriegsminister, der mit einer reformierten Armee die Unabhängigkeitsbewegungen zerschlug. 1925 setzte das Parlament den letzten Kadscharen-Herrscher ab und ernannte Reza Khan zum Schah. Reza Shah schlug dem Parlament die Gründung einer Republik vor— Analog zur Politik Atatürks, zu dem er gute Beziehungen aufahm. Das Parlament stimmte mit großer Mehrheit zu, doch die Geistlichkeit rebellierte und bestand zumindest auf die Beibehaltung der konstitutionellen Monarchie — und konnte sich durchsetzen. Die Pahlavi-Dynastie wurde in der Verfassung für immer festgeschrieben, und der Sohn Mohammad Reza Pahlavi wurde im Kindesalter zum Kronprinzen erklärt.
Die Modernisierung nach westlichem Vorbild schritt unter Raza Shah rasch voran: Industrie, Landwirtschaft und Verkehrswesen wurden ausgebaut, ein staatliches Gesundheitssystem entstand, Schulpflicht auch für Mädchen wurde eingeführt, Universitäten wurde errichtet und Auslandsstipendien vergeben. Die Finanzierung all dessen erfordert allerdings die Kontrolle über die Ölproduktion.
Die USA, die im Ersten Weltkrieg den Iran trotz Bitten unter Verweis auf die Genfer Konvention nicht gegen die Verletzung der Neutralität durch die Briten und Russland unterstützt hatten, „halfen“ nun mit Finanzberatern. Die Konzession mit der „Anglo-Persian Oil Company von 1905 wurde 1933 vom Parlament für ungültig erklärt. Im Gegenzug vergab der erste Pahlavi-Shah Konzessionen an US-Firmen. Ein neu verhandelter Vertrag mit der nun „Anglo-Iran Oil Company“ regelte Fördermengen neu, der Iran erhielt höhere Anteile und Erlöse nach Marktpreien. Die Company wurde außerdem verpflichtet, iranische Techniker und Ingenieure in England auszubilden. Die iranische Wirtschaft erholte sich und belebte Mittel- und Oberschicht. Deutschland war größter Handelspartner. Ein erster Schritt.
Die Reichweite der Geistlichkeit wurde durch die Maßnahmen erheblich beschnitten: Die Bildung wurde verstaatlicht, die Sharia-Tribunale abgeschafft. Islamische Rechtsgelehrte waren nur noch für religiöse Fragen und Fragen des Ehestandes zuständig. 1935 wurde der Zwang des Tschadors für Frauen abgeschafft. Männer mussten europäische Kleidung tragen — Verordnungen, die von Teilen traditioneller, religiöser Schichten vor allem auf dem Lande nicht gutgeheißen wurden.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach erneut die Modernisierung. Der Iran erklärte auch dieses Mal seine Neutralität und wurde dennoch — eine Mobilmachung führte nur in ein sinnloses Abenteuer — von England und Russland besetzt. Reza Shah musste abdanken, unterzeichnete vorher jedoch noch die Einsetzung seines Sohnes Mohammad Reza Pahlavi als seinen Nachfolger, wie es die Verfassung vorsah. Dieser wurde vom Parlament vereidigt und übernahm im September 1941offiziell die Regierungsgeschäfte. Sein Vater wurde nach Mauritius deportiert und konnte später nach Südafrika ins Exil gehen.
Der neue Shah Muhammad Reza Pahlavi erklärte — eine Forderung der USA — Deutschland den Krieg und wurde verpflichtet, die Alliierten zu unterstützen. Die Befreiungsversuche der Minderheiten blieben akut, 40 Prozent der Bevölkerung gehörten ethnischen Minderheiten an — Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Belutschen oder Turkmenen —, darunter auch religiöse Minderheiten wie Sunniten, Zoroastrier oder Bahai. Ihre Belange waren nach wie vor mit der Bodenfrage eng verknüpft.
Mohammad Reza Shah — der zweite Pahlavi im Amt
Mohammad Reza Shah setzte die Modernisierung entschiedener fort: Es folgte ein Kampf um die Macht — ein weiterer Putsch und die Bindung an die USA. Pahlavi versprach in seiner ersten Rede 1943 die Erfüllung grundlegender sozialer Rechte für jeden Bürger: genug zu essen, ausreichende Kleidung, Wohnung, Bildung und Gesundheitsversorgung. Um dies zu finanzieren musste der Iran die Kontrolle über das Öl erlangen. Die aus dem Exil zurückgekehrten Linken, die Kommunisten und linksliberale Kräfte, vereint in der „Nationalen Front“, unterstützten das Projekt und gewannen im Parlament mehr Einfluss — es drohte ein Ruck nach links. Der Shah versuchte seine Macht zu festigen indem er eine zweite Kammer, den Senat, einrichtete, dessen Mitglieder er zur Hälfte selber bestimmen konnte. Außerdem erhielt er das Recht, das Parlament auflösen zu können. Damit hatte er weitreichende Vollmachten, um seinen Kurs abzusichern.
Dennoch stand die Nationalisierung der Ölproduktion auf der Tagesordnung. 1951 wurde Mossadegh aus dem linksliberalen Parteienbündnis der „Nationalen Front“ mit großer Mehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt und von Senat und Shah bestätigt. Schon am 1. Mai kam es zum Beschluss des „Ausführungsgesetzes zur Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie“.
Der unmittelbar folgende Boykott der internationalen Ölgesellschaften führte zu einer heftigen Finanz- und Wirtschaftskrise. Das Projekt drohte zu scheitern. Angesichts dieser Lage erhielt Mossadegh Sondervollmachten für sechs Monate, um notwendige Maßnahmen ohne Zustimmung des Parlaments treffen zu können. Danach mussten diese vom Parlament bestätigt werden. Mossadegh hielt sich nicht daran und regierte mit drastischen Maßnahmen weiter: Zur Bewältigung der Krise verordnete er die längst fällige Landreform, die auch Ländereien des Shahs, der Geistlichkeit und der Großgrundbesitzer-Klasse betraf. Er verfügte Kürzungen des Budgets des Hofes sowie Kürzungen des Militärhaushalts. Die Außenpolitik sollte nicht mehr dem Shah, sondern dem Auswärtigen Amt obliegen.
Es begann ein Machtkampf, dessen Ausgang die autokratische Herrschaft des Mohammad Reza Phalavi zu einem diktatorischen Regime zukünftig bestimmte.
Der Shah entließ Mossadegh, der wiederum versuchte den Shah abzusetzen — zwei Attentatsversuche auf den Shah spitzten den Konflikt weiter zu, ohne dass je geklärt wurde,, wer dafür verantwortlich war. Der Shah floh ins Ausland und kehrte mit militärischer Hilfe der USA und Englands zurück.
Mossadegh wurde 1953 wie man heute weiß, mithilfe des CIA und des britischen Geheimdienstes MI6 gestürzt. Bahman Nirumand, ein oppositioneller iranischer Schriftsteller in Deutschland, erinnert sich: „man vermutete allgemein (...), dass das nicht von Iranern organisiert worden war."
Die kommunistische Partei Tudeh wurde verboten. An Mossadeghs Stelle setzte Shah Mohammad Reza Pahlavi mit Billigung der britischen Regierung General Fazlollah Zahedi an seine Stelle, einen Antikommunisten und Verehrer der Nationalsozialisten. Zahedi baute mit Hilfe von Mossad und CIA den gefürchteten Geheimdienst SAVAK nach dem Vorbild der Gestapo auf, dessen Mitarbeiter in Israel ausgebildet worden waren.
Mossadegh wurde vor Gericht gestellt, zu drei Jahren Haft verurteilt und blieb den Rest seines Lebens unter Hausarrest.
Der Shah im Einfluss des Westens
Nach dem Sturz Mossadeghs war die Zukunft Mohammad Reza Pahlavis eng mit den Interessen Amerikas und des Westens verknüpft. Wie Bahman Nirumand rückblickend feststellte:
„Es gab damals über 10.000 amerikanische Berater im Iran … Sie haben das Land praktisch 25 Jahre lang beherrscht.“
Iran wurde damit Teil des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion. Mit brutaler Macht von SAVAK und des vom Westen ausgestatteten Militärs hielt sich die konstitutionelle Monarchie an der Macht, und Mohammad Reza Pahlavi blieb im Amt.
Die Verstaatlichung blieb zwar formal bestehen, doch da der Iran selbst nicht über die technischen Mittel für die Ölförderung verfügte, musste er Förderung und Vermarktung seines Öls ab 1954 für 25 Jahre an ein internationales Konsortium übertragen, an dem Firmen wie BP und Shell beteiligt waren. Die Wirtschaft florierte, Iraner waren — ohne Visum — überall willkommen, doch die Geistlichkeit opponierte immer wieder — und der Widerstand blieb nicht aus.
Die sogenannte „Weiße Revolution“ bildete das zentrale Projekt des Shahs Mohammad Reza Pahlavi, mit der er die Modernisierung seines Vorgängers noch radikaler fortsetzte. Er bezeichnete sie als „Revolution von Shah und Volk“ — ein Euphemismus, denn es handelte sich, wie schon zuvor, um eine verordnete Modernisierung von oben.
1963 stellte Mohammad Reza Pahlavi die Ziele des Projektes in einer zentralen Rede in sechs 6 Punkten vor:
- Abschaffung des Feudalsystems und Verteilung von Land an die Bauern
- Verstaatlichung der Wälder und Weideflächen
- Privatisierung staatlicher Industrieunternehmen zur Finanzierung der Entschädigungen
- Gewinnbeteiligung von Arbeitern und Angestellten in staatlichen Unternehmen
- Bekämpfung des Analphabetismus durch den Aufbau eines Hilfslehrerkorps („Armee des Wissens“), bestehend aus Wehrdienst leistenden Frauen und Männern
- Allgemeines aktives und passives Wahlrecht für Frauen
Die Landreform war die größte Herausforderung. Der überwiegende Anteil des Bodens gehörte Großgrundbesitzern, religiösen Stiftungen, dem Staat oder der Krone. Der Widerstand der Betroffenen war beträchtlich. Mit einem erfolgreichen „Referendum“ verschaffte sich der Shah Unterstützung einer großen Mehrheit im Volk. Das Reformpaket stellte eine Kampfansage an die alten noch mächtigen Kräfte dar. Diese wurden jedoch mithilfe von Geheimdienst, Polizei und Militär mit aller Härte unterdrückt. Minister mussten gehen, geistliche Oberhäupter wie Ruhollah Khomeini wurden ins Exil gezwungen. Mohammad Reza Shah regierte mit Hilfe und Unterstützung aus den USA — mit Geld, Waffen und Beratern.
Vor allem die Landreform scheiterte und neue Probleme entstanden. In der westlichen Wahrnehmung überwog jedoch das Bild eines modernen Iran nach westlichem Vorbild — ein Modell für andere arme Länder. Daran hatten zwei Frauen großen Anteil: Soraya Esfandiary-Bakhtiary und Farah Diba — Ikonen eines modernen Iran.
Märchen-Erzählungen aus Deutschland
In Deutschland kannten wir in den 50er Jahren natürlich Soraya, die deutsch-iranische Studentin Soraya Esfandiary-Bakhtiary, eine reiche, schöne und hervorragend ausgebildete junge Frau, die zwischen Teheran und Berlin pendelte, fließend persisch, deutsch, englisch und französisch sprach und 1951 den Shah heiratete. Für kurze Zeit brachte die deutsche Boulevardpresse mit den Berichten über den Pfauenthron etwas Glamour in die triste Nachkriegszeit.
Da die Ehe kinderlos blieb und der Shah die Thronfolge unbedingt sichern musste, gab er wenige Jahre später die Scheidung bekannt und heiratete 1959 Farah Diba, die Tochter einer iranischen Diplomaten-Familie und Architekturstudentin aus Paris, ebenso schön, modebewusst und vor allem politisch präsent. Sie füllte von nun an die Boulevardblätter mit ihrer einzigartigen Hochfrisur, die bei vielen unter uns jungen Frauen „trendy“ wurde.
„Die Diba“ wurde zum Symbol für die gesellschaftliche und selbstbewusste Teilhabe iranischer Frauen an Politik und Gesellschaft. Yehudi Menuhin und Herbert von Karajan waren unter anderem ihre Gäste in dem 1953 gegründeten Teheraner Symphonieorchester. Vor allem trat sie für die gleichberechtigte Teilhabe der Frau ein, selbst im männerdominierten Sport im weiterhin islamisch geprägten Iran.
Die Mutter einer meiner Studentinnen, die erst 1990 wegen des Iran-Irak Krieges zu uns kam, war eine der vielen Frauen, die davon profitiert hatten. Sie gewann Preise im Kugelstoßen und Speerwerfen und war als „Symbolfigur“ sogar in den iranischen Wochenschauen zu sehen. Sie studierte Erziehungswissenschaften in Teheran, gründete einen renommierten „iranischen Kindergarten“, besorgte in England das Notwendige für den Kindergarten und kaufte in Deutschland den Mercedes, mit dem sie zurück in den Iran fuhr. Die Modernisierung hatte für einige Frauen große Chancen eröffnet — doch war sie insgesamt nur eine Märchenerzählung, von der nur ein kleiner Teil der Gesellschaft profitierte?
1968 — eine andere Erzählung über den modernen Iran
Die mir und der europäischen Linken der 68er-Generation bekannte Erzählung sah anders aus: Für uns, die wir Nirumand gelesen hatten, war das Shah-Regime ein autoritäres Regime in enger Komplizenschaft mit Israel, kontrolliert und ausgehalten von den USA, in dem jedwede Opposition unterdrückt und in den Folterkammern des SAVAK gedemütigt wurde oder starb. Viele Oppositionelle wurden ins Ausland vertrieben, darunter auch Bahman Nirumand.
Die „Weiße Revolution“ war keineswegs ein Erfolg. Im Gegenteil: Vor allem die Bodenreform führte zu einer Verarmung auf dem Land, die vergebenen Grundstücke waren zu klein, die Kindersterblichkeit blieb hoch, Landflucht und Verstädterung setzten ein, Wohnungsnot herrschte, die Schere zwischen arm und reich ging weiter auseinander, das Minderheitenproblem gärte. 45 Familien beherrschten die Industrien und 85 Prozent der Unternehmen. Diese Elite und der Hof lebten in einem ungeheuren Luxus, der weltweit zur Schau gestellt und in den Boulevardblättern gierig verbreitet wurde.
1967, auf einer Reise in die kurdische Provinz um Sanandaj und Kermānschāh bekamen wir einen kleinen Einblick in die Situation der Minderheiten. Über jedem Dorfeingang prangte das übergroße Porträt des Shah. Das alltägliche Erscheinungsbild der kurdischen Männer schien jedoch ungebrochen kämpferisch: breite Sackhosen, Westen mit Patronentaschen, ein Dolch im breiten Tuch um die Taille — sichtbare Kampfbereitschaft.
Einer ihrer bekanntesten Kämpfer, Suleiman Moini, war kurz vor unserer Ankunft nach seiner Ermordung öffentlich auf dem zentralen Platz zur Schau gestellt worden. Ein Bild von Che Guevara im mitgebrachten „Bolivianischen Tagebuch“ lockerte die Zunge: „Der da, der geschändet wurde, war einer von uns, er war so wie Che!“ Auch USAID war präsent mit einem Lehrbuch. „Miss Mary“ lehrte die Kinder Persisch statt Kurdisch zu schreiben.
Am Vorabend der Anti-Shah Demonstration 1967 hielt Bahman Nirumand einen Vortrag über die Lage im Iran an der Freien Universität (FU) Berlin. Er trug damit maßgeblich zur Anti-Shah Demonstration am 2. Juni in Berlin bei, zu der wir Studenten zu Tausenden vor die Berliner Oper zogen um gegen den Besuch Mohamad Reza Pahlavis und seiner Frau Farah Diba zu protestieren.
Sie waren beim Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz zu Gast und besuchten zusammen mit dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke die „Zauberflöte“. Ulrike Meinhof, damals Redakteurin bei „Konkret“, hatte in einem öffentlichen Brief an Farah Diba scharfe Kritik an diesem Besuch geübt.
Die Demonstranten wurden sowohl von den „Jubelpersern“ — Agenten des SAVAK — heftig angegriffen als auch durch den brutalen Einsatz der Berliner Polizei („Leberwursttaktik“) unter Druck gesetzt. Dabei gab es zahlreiche Verletzte, und ein Polizist erschoss den Studenten Benno Ohnesorg, ein Ereignis, das die folgenden Studentenproteste auslöste (10).
Das Ende der Pahlavis war absehbar.
Trotz aller Macht hatte das Regime Mühe den Zorn verschiedener Gruppen über den Luxus des Hofes, den Betrug an der einfachen Bevölkerung und den Bauern, die Verletzung der religiösen Gefühle breiter Schichten auf dem Lande zu besänftigen— schon gar nicht die Geistlichkeit. Auch Amnesty International wurde aufmerksam. Im Iran selbst wurde der Widerstand lauter und aggressiver. Die Volksmudjaheddin zum Beispiel, eine Organisation mit links-islamischer Ideologie, arbeiteten im Untergrund, agierten sogar aus den Gefängnissen heraus und forderten das Shah Regime und seine Helfer, die USA, mit Attentaten gegen US-Einrichtungen und Staatsorgane heraus.
Ein letzter Versuch des Shahs Mohammad Reza Pahlavi, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und einzugestehen, dass es Freiheit und Demokratie nie gegeben hatte, führte zunächst zu einer „Regierung der Nationalen Versöhnung“ und danach zu einer Militärregierung. Das Regime war nicht mehr zu retten. Im Januar 1979 versagte auch die Unterstützung der „Freunde“. Auf einer Konferenz in Guadeloupe, zu der Frankreich Vertreter der USA, Großbritanniens und Deutschlands eingeladen hatte, erklärte Jimmy Carter überraschend, dass der Shah nicht zu halten sei und man auf Khomeini setzen müsse. Das Mullah-Regime kam also durch die europäische und US-Hilfe an die Macht.!
Der Wunsch, das Shah Regime zu beenden, brachte weitere Kräfte zusammen. Nicht nur die USA und Europa ermöglichten die Rückkehr des Ayatollahs. Auch die oppositionellen Gruppen im In — und Ausland, paktierten mit dem Teufel: „Hauptsache der Shah ist weg!“. Sie glaubten den Lügen des Ayatollah.
In seinem letzten Exil in Paris hatte Khomeini mehrfach in Interviews verbreitet, dass unter seiner Regierung die Unterdrückung und der Zwang des Shah-Regimes beseitigt und die Menschenrechte geachtet würden. „Demokratie und Islam gehören zusammen“ ließ er verlauten, wie die Mudjaheddin immer behauptet hatten. Zu den Frauenrechten erklärte er am 1. November 1978 in The Guardian:
„Ihre Rechte sind die wie der Männer ... Frauen wird es erlaubt sein, zu wählen und gewählt zu werden, sie werden in ihren Aktivitäten frei sein und über ihr Schicksal selbst bestimmen können. Ebenso werden sie in der Wahl ihrer Kleidung frei sein, natürlich unter Einhaltung islamischer Maßstäbe“
Alles dies erwies sich jedoch als Lüge
Wenig später wurde die Zwangsverschleierung verordnet, und Meinung- sowie Pressefreiheit wurden eingeschränkt. Die Koalition aus linken und liberalen Kräften, die ihn unterstützt und ins Land getragen hatten, erkannte zu spät den Betrug. Sie wurden rasch wieder verfolgt, verhaftet und ermordet. Über 45 Jahre hält sich inzwischen das Mullah-Regime und sitzt auch jetzt noch fest im Sattel
Zurück zur Münchener Großdemonstration „100 Städte — eine Stimme“
Seit über 45 Jahren kommt keine Einheitsbewegung zustande. Die Kommunisten, aber vor allem die Mudjaheddin sind verbrannt. Sie haben ihre Glaubwürdigkeit im iranischen Volk verloren, weil sie im Iran-Irak-Krieg auf der Seite des Irak gegen den Iran gekämpft haben. Die NIFUD ist ein amerikanisches Projekt; die Organisation hat trotz aller Propaganda keinen Rückhalt im Lande. Die Skepsis ist gegenüber der Monarchie, den USA und gegen Israel tief in der iranischen Bevölkerung verwurzelt.
Viele Exil-Iraner hoffen nun auf eine neue Epoche der Pahlavis — unter dem „Führer des Nationalen Aufstandes Reza Pahlavi“? Mit dem Mandat einer gemischten, bisher unbekannten, teils monarchistisch gesinnten Gruppe aus den USA?
Das Programmbüchlein dieser Gruppe ist ein lebloses Dokument, erstellt von Leuten, die seit Jahren im Westen zuhause sind. Technokratie statt Theokratie?
Die Fragwürdigkeit des Projekts wird bereits am Anfang der 180 Seiten deutlich. Unter den drei angebotenen Optionen:
- die völlige Ersetzung der islamischen Verfassung
- die Beibehaltung mit Änderungen im Rückgriff auf die monarchistische Verfassung
- die Beibehaltung aller bestehenden Gesetze und Institutionen der Islamischen Republik, nur mit Änderungen, die dringend notwendig sind — wird die letztere Option ausgewählt!
Mit welcher Zustimmung im Volk im Iran? Ist es eine Vorwegnahme? Festgezurrtes, das den geplanten Volksentscheid oder ein Referendum stark beeinflussen würde? Mit welcher Legitimation? Vertrauen auf das Wort des Prinzen? — „Unser König“, wie ein Teilnehmer der Münchener Versammlung ihn nannte?
Shabnam Assadollahi, Exil-Iranerin aus Kanada, Journalistin und Aktivistin nennt es „Schwindel“ und ruft auf (übersetzt ins Deutsche):
„Nein zu falschen Übergängen.
Nein zu Gesetzen, die im Hinterzimmer geschrieben werden.
Nein zu Tyrannei mit westlichem Akzent.
Die Zukunft des Iran muss aus dem Mut und der Klarheit seines Volkes entstehen — nicht aus kalten Strategiepapieren und verdächtigen Blaupausen.“
Allerdings gesteht sie auch ein, dass keine Alternative in Sicht ist.
Um zu den Eingangsfragen zurück zu kommen: Die Münchener Versammlung und Großdemonstration war weder ein Schritt zur Einheit des iranischen Volkes noch ein Schritt zur Unabhängigkeit. Diese Demonstration hat den Weg in ein Fiasko bereitet, das die gesamte Region, vielleicht sogar die ganze Welt, in Brand setzen kann. Die Münchener Veranstaltung wurde zum Auftakt für die amerikanisch-israelische Einmischung, für den „Regional Change“ im Sinne des US-Zionismus: Waren da nicht längst warnende Stimmen?
Das Mullah-Regime kann nicht von außen bekämpft werden!
Es braucht die Einheit des Volkes: der Frauen, Bazaris, Bauern, Arbeiter und auch einer demokratisch denkenden Geistlichkeit. Man kann nur hoffen, dass dies nach diesem Desaster endlich gelingt!
Frau — Leben — Freiheit