Drei Poesienoten

Drei Dichter nehmen kritisch, elegisch, teils makaber zum Corona-Geschehen Stellung — nicht bei allen war die poetische Ader zuvor bekannt gewesen.

Die C-Krise hat uns alle enorm gefordert. Nie sollten wir dabei außer Acht lassen, dass auch die stillen Geister, die sich während der Krise in ihrer Angst vergraben haben — egal ob vor dem Virus oder dem Verlust der Freiheit —, oft ähnliche Schmerzen ertragen mussten wie wir, die wir laut, der Verengung des Diskurses und dem wachsenden Totalitarismus trotzend in die Öffentlichkeit gegangen sind. Sich bewusst zu machen, dass wir uns im Leid, in der Sorge und in der Angst begegnen können, kann uns helfen, wieder zueinander zu finden.

Wie jede Krise oder jeder Umbruch hat auch die Zeit seit März 2020 unerwartete Perlen hervorgebracht, die man sonst nie entdeckt hätte. Unzählige Menschen, denen man vielleicht nie begegnet wäre, wurden fester Bestandteil unseres Lebens, wie zum Beispiel Gäste und Zuhörer auf den damals verbotenen Konzerten, die uns ihre Geschichten anvertraut haben, all die WissenschaftlerInnen, JuristInnen, Ärzte und Ärztinnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen, die ihren Teil zur Aufklärung beigetragen haben und sich mutig dem übergriffigen Regime entgegengestellt haben, mit denen wir bis heute in Kontakt geblieben sind.

Und dann passieren Dinge, mit denen man nicht gerechnet hätte.

Menschen, die sich um Aufklärung bemühten, egal auf welcher Ebene, zeigten eine andere, der Öffentlichkeit unbekannte Seite. Sie wählten die Poesie — denn sie ist imstande, angestrengte und anstrengende Zeiten zu überdauern, ohne sich ausschließlich um Fakten, Studien oder Daten zu bemühen.

Die Poesie darf fast alles: Sie berührt die Metaebenen, sie hält uns den Spiegel vor, sie träumt, sie ist dem realen Leben oft voraus, sie beschreibt Sorgen und Ängste auf emotionaler Ebene, ohne den Anspruch, jede Aussage mit Quellen belegen zu müssen, sie verlangt keine absoluten Wahrheiten, ja, Plural: Wahrheiten, denn eine Wahrheit für alle ist immer eine Lüge.

Der Lungenfacharzt und ehemalige SPD-Politiker Dr. Wolfgang Wodarg ist einer von ihnen. Im Zuge meiner Interviews, die ich damals für die BASIS-Podcast A.G. führte, erfuhr ich, dass er Gedichte schreibt. Ich lud ihn ein, auf unserem Sampler „Protestnoten“ dabei zu sein. Seitdem haben wir zwei Konzerte zusammen gespielt und nehmen gerade seinen Beitrag für das zweite Album — „Protestnoten 2.0 ASSANGE“ — auf. Den Text dazu werde ich in einer späteren Poesienote vorstellen. Seine ehrliche, geradlinige Art zu sprechen, wenn es um die großen Themen geht, findet sich auch in seiner Lyrik wieder.

Dem Philosophen und Pädagogen Matthias Burchardt begegnete ich in dem Gespräch „The Great WeSet“, das Walter von Rossum mit Gunnar Kaiser, Matthias und mir führte. Am Ende der Sendung erfuhr ich, dass auch er Gedichte oder vielmehr Elegien schreibt. Ich kannte Matthias vorher persönlich nicht, aber das Interview mit ihm war genau so angenehm, bereichernd, klug und humorvoll wie all die Beiträge, die ich im Vorfeld mit ihm gesehen hatte. Ich war gerade dabei, mein Buchprojekt, in dem ich widerständische Lyrik vorgestellt habe, zu beenden und war froh, dass ich seine Elegien mit in das Projekt aufnehmen konnte.

Viel Freude dabei und herzliche Dank für euer Interesse an der Lyrik.

Liebe, Frieden und Freiheit für uns alle!

MATTHIAS BURCHARDT — 3 Elegien

Am Horizont

die sonne erlischt und entstirnt
kehrt der himmel der erde den rücken

ein feuer umgibt die lichtung mit schatten
dahinter liegt röchelnd der gott

noch glimmt stolz das menschenauge
als auch die letzte flamme vergeht

bodenlos liegen die dinge nun
nicht beisammen und auch nicht getrennt

fassungslos wartet die zeit und zerstreut
sprachlos entbindet das wort ein geräusch

Verhülle Dich

ad personam adjektive
und sekrete übertragen
metaphern heimlich wir
sondern uns ab denn
ins unreine gesprochen
sind worte bloß auswurf
und von den lippen kehrt
stimmstill dein speichel
zurück ohne sang
zur eindämmung fließen
die tränen klaglos nach
innen nimm abschied
vom antlitz

Absonderung

im mai ist die nacht
noch kalt und die erde
ein ort für gespenster
wir wahren nun abstand
das gesicht gebunden
mit mull doch ein mund
ist atemberaubend
wie er sich öffnet
und schließt

ERNST ELBE alias WOLFGANG WODARG

Wer hat Oma umgebracht?

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Ich nicht, sagte die Pflegekraft — Die Arbeit hier hat mich geschafft Die Quarantäne wirkt sich aus — Wer positiv ist, bleibt zu Haus

Die Alten wimmern Tag und Nacht — Ich habe sie nicht umgebracht Ich hab sie nur einmal gesehen— Sie weinte noch, so gegen zehn

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Ich war’s nicht, sagt der Arzt im Heim — Sie verschluckte sich am Haferschleim

Sie hustete, da rief man mich — Ich testete, mehr tat ich nicht

Das Impfteam kam und wollt sie schützen — Es gab viel Ärger nach den Spritzen

Da wies ich sie doch lieber ein — Es kann ja Covid-19 sein

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Der Klinikarzt spricht voll vermummt — Hatt' viel zu tun, der Laden brummt Da sei für so was keine Zeit— Die Alten täten ihm sehr leid

Solch Fälle würden immer mehr — Man räumt wohl grad die Heime leer Die Oma? Die war auch dabei — Es seien aber noch Betten frei

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Der Manager sei grad nicht da — Er wird geschult in USA

Das mit der Oma tät ihm leid — Auch er hat leider keine Zeit

Die Kassen und der MDK — Machten sonst Druck in jedem Jahr

Covid bringt Geld trotz leerer Betten — Jetzt soll’n sie wegschau’n, möcht er wetten

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Der MDK war lang nicht da — Alles ist anders dieses Jahr

Die Fallpauschalen helfen sehr — Sonst wär der Leerstand noch viel mehr Und Omas Tod sei kein Problem — Fürs DRG-Kodier-System

Man arbeite an Qualität — Für Oma sei’s jedoch zu spät

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Der Amtsarzt stellt grad Leute ein — Kontaktverfolgung müsse sein Die Heimaufsicht bedauert sehr — Für Alte sei die Zeit sehr schwer Kein Besuch und Quarantäne — Man mache schon Triage-Pläne

Weil ohne Impfung nichts mehr geht — Für Oma wär’s leider zu spät

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie letzte Nacht?!

Der Landrat will einen Bericht — Das Krankenhaus gehört ihm nicht Es wurde ja privatisiert — Damit so etwas nicht passiert Läuft im Gesundheitsmarkt was schief — So bedauere er das tief

Oma möge in Frieden ruhen — Sein Amt hat damit nichts zu tun

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie letzte Nacht?!

Der Boss von Omas Krankenkasse — Findet die Krise eigentlich klasse
Kein Krebs, kein Rheuma, keine Stents — Wer jetzt nicht handelt, der verpennt’s
Die Politik hat viel versäumt — Jetzt werden Betten abgeräumt

Die Oma könne glücklich sein — in Zukunft käm sie nicht mehr rein

Wer hat Oma umgebracht und weshalb starb sie in der Nacht?!

Söder, Spahn und Lauterbach — Plappern es Herrn Drosten nach

Von ihm, der immer freundlich lacht — Träumte Oma über Nacht

Und viele waren noch dabei— Aus Politik und Polizei

Richter, Forscher, Journalisten — Treue Bürger, fromme Christen Packt endlich die Masken ein — Mag euch Oma gnädig sein

Wer jetzt nicht seinen Mund aufmacht — Auch der hat Oma umgebracht!

JENS FISCHER RODRIAN

Seelenritzen

Ihr überhört die stummen Schreie — Ihr überseht die leisen Tränen

Ihr werdet schweigsam, wenn man fragt — Ihr solltet euch was schämen

Seid ihr nicht einmal angetreten — Um sie zu beschützen?

Jetzt weinen ihre kleinen Herzen — Sie schmerzen, ihre Seelenritzen

Ihr habt sie endgültig verraten — Die Werte, die euch wichtig waren

Die weißen Westen grau vor Schmutz — Ihr ahnt schon, dass es euch nichts nutzt

Denn wenn ihr das Gewissen trefft — Und keine Tür verschlossen bleibt Werdet auch ihr nicht überhören — Wie laut die Kinderseele schreit