Ein Baum schlägt aus
Wenn die Natur beginnt, sich zu wehren, hat auch der Mensch die Chance, wieder zu sich zu kommen.
„Der Wald hat es gespürt. Die ganze Welt hat es gespürt. Ich war euer Freund, ich stand auf eurer Seite.“ So spricht ein alter Baum. Er spricht zu denjenigen, die sich abgetrennt haben. Er spricht zu den Menschen, nachdem das Spiel verloren ist. Thomas Wagner hat die Rede der Naturseele erlauscht und sie in diesem eindrücklichen Text zu Sprechen gebracht. Also gleichsam für „uns“ übersetzt. Eine Miniatur-Endzeitvision, welche die Wirklichkeit eines Autounfalls in einen mindestens angedachten Mord und am Ende in das Verschwinden des Menschen überführt. Eine Rede in der großen Tradition von Reden Eingeborener und Naturwesen an den Menschen. Im Grunde ohne jemals den Adressaten erreicht zu haben. In diesem Fall ist an ein Erreichen gar nicht mehr gedacht. Darin besteht die Heilung, die von diesem radikalschönen Text ausgeht.
Warum ich sie getötet habe? Das ist sicherlich die falsche Frage. Sie ist so wenig zu beantworten, wie die Frage nach dem Warum des Lebens. Jedenfalls war sie meine erste Frau, mein erster Mensch, und ich bin weder traurig, noch spüre ich Reue. Man sagt uns nach, wir hätten keine Gefühle und seien nicht im Stande unsere Umwelt nach unseren Maßstäben zu gestalten. Man sagt uns nach, wir seien nicht in der Lage, uns zu verständigen, wir besäßen weder Sprache noch Seele, ebenso hält man uns für unfähig zu planen und zu denken. Unter uns wird erzählt, in eurer Welt bestimme sich der Wert des Lebens durch Nutzen und Gewinn. Das führe zu Zerstörung und Tod. Viele von uns konnten das lange nicht glauben.
Eure Intelligenz, sagten sie, sei ausreichend, um zu verstehen, dass alles mit allem verwoben sei, verbunden alles mit allem. Aus diesem Wissen, jenseits aller Wissenschaft, die Folgerung abzuleiten, dass jedem widerfährt, was einem Einzelnen angetan ist, liege auf der Hand. Wir sagen euch, alles war ausgewogen, bis ihr durch einen dummen Zufall auf die Idee kamt, euch zum Herrscher über die Erde, über alle Geschöpfe und über Leben und Tod zu machen.
Doch ihr hörtet uns nicht. Es ist nun dies das erste Mal, dass einer von uns zu euch spricht, in einer Sprache, die ihr verstehen könnt, wenn auch zwischen Hören und Verstehen ein Unterschied liegt, der immer größer geworden ist, seid ihr euch von euch selbst und vom Leben abgewandt habt.
Alle haben mir abgeraten, das Wort zu ergreifen, aber nun stehe ich hier und kann nicht anders.
Nur ein Schritt zur Seite und ich habe gespürt, wie ihr Leben einen Teil meiner Angst mit sich nahm. Nur ein Schritt zur Seite und eine leichte Drehung haben alles verändert. Sie sagen, ihr würdet nicht verstehen, dass ich sie getötet habe, weil ihr nach dem Grund suchen würdet. Sie sagen, ihr würdet nicht glauben, dass ich sie getötet habe, weil ihr behaupten würdet, es sei ein Unfall gewesen, und wenn das nicht, dass ihr einen Mörder suchen würdet. Inzwischen glaube ich, dass sie Recht haben und ich mich in euch geirrt habe. Aber wie kann das sein? Ich ließ mich täuschen und glaubte an eure Verbundenheit und wollte nicht aufgeben, auf euch zu hoffen. Wer ich bin, der so zu euch redet? Das will ich euch sagen:
Ich bin einer der Ältesten. Die Zeit mit ihren Jahrhunderten wandert durch mich hindurch wie Ströme aus Katzengold. Tag für Tag fühle ich den Wind und schmecke die Erde. Ihr Geschmack ist an jedem Ort meines Weges ein anderer. Der Wind ist mein Freund. Hier und dort jagt er meinen Atem durch Winternächte der Bitternis. Er bringt Regen, der nach Leben riecht.
Und er brachte das Feuer, das einst unsere Welt verwüstete. Viele sah ich sterben zu jener Zeit. Dann drehte der Wind und ich habe überlebt. Die grausamen Tage des Feuers sind nicht wiedergekommen, dafür aber eine neue Angst. Die Angst vor dem Wahnsinn, der jenseits des Waldes lebt. Nach der Zeit der Äxte kam die Zeit der Motorsägen. Einst zogen Pferde unsere Toten aus unserer Mitte. Heute besorgen lärmende Maschinen das Töten im Minutentakt. Nichts ist, wie es war.
Wie ein Spinnennetz habt ihr eure klebrigen Fäden aus Verwertbarkeit und Geldgier um unsere Welt gesponnen. Aus ihrem kalten Rachen steigen die Nebel der Irrwege.
Jenes grausame Gift, das an nichts mehr glaubt außer Krieg und Leid, Schmerz und Tod. Bisher bin ich verschont geblieben. Ich bin einer der Ältesten und ich glaube, mein Holz scheint euch zu knorrig, um daraus Bretter zu machen.
Es war einer dieser Tage, an denen ich fühlen konnte, wie die Sonne die Luft streichelte und eine freundliche Brise uns Neuigkeiten aus einer anderen Zeit erzählte. Es war einer dieser Tage, an denen wieder einmal der Wahnsinn kam. Er spuckte sein teuflisches Gift über das Land und bewegte sich in einem Automobil. Wir wussten schon lange von dem Tod bringenden Gas, das die Automobile zurückließen, und hätten am liebsten aufgehört, zu atmen. Sie waren zwei, ein Mann und eine Frau, ein Liebespaar. Ich weiß wenig über Automobile und das Fahren in solchen Höllenmaschinen. Ich spürte jedoch, dass die Geschwindigkeit zu hoch war für die Stelle, an der die kleine Buche stand. Dort, wo die Straße die kleine Biegung macht und das Flehen der Eiche noch heute die Luft vibrieren lässt. Sie rasten an der alten Zeder vorbei und verfehlten sie nur um ein paar Zentimeter. Nach all dieser Zeit auf eine solche Weise verletzt werden, wäre mehr als töricht gewesen. Der Wagen schlingerte, die Reifen verloren den Boden, ein entsetzliches Geräusch durchzitterte unsere Welt, als der Stamm der kleinen Buche brach. Explodierender Dampf hüllte alles in Nebel. Mein Brüllen vermochten beide nicht zu hören und auch nicht die Wut war zu erahnen, die durch den Waldboden jagte und sich verteilte in unseren Ästen. Es war Wut, die ich empfand, schlimmer als jemals zuvor.
An diesem Tag fasste ich den Entschluss, der alles verändert hat. Es lag nie in unserer Art, zu handeln wie ihr. Einst habt ihr uns Namen gegeben, auf dass wir für euch unterscheidbar werden, ihr habt uns eingeteilt in Arten, uns bemessen und berechnet, uns erforscht und mit kalten, gierigen Augen von oben bis unten gemustert. Ihr wart so überzeugt von euch selbst, dass ihr nichts mehr gesehen habt. Immer war unsere Sache zu sein, mehr nicht. Wir sind frei, wir gehören niemandem, wir bieten uns nicht feil, niemand hat ein Recht auf uns.
Sie stiegen aus dem Wagen und während der Mann den Schaden besah und laut fluchend gegen das zerbeulte Blech trat, suchte die Frau in ihrer Handtasche nach einem Lippenstift. Sie bog den Außenspiegel zurecht und führte den Lippenstift mit ruhiger Hand zuerst über die Unterlippe, dann über die Oberlippe. Dann stritten die beiden darüber, was nun zu tun sei, auf der Straße zurück oder weiter der Straße folgen oder einfach quer durch den Wald. Das würde kürzer sein, bis zur nächsten Ansiedlung, das war sein Vorschlag. Der Vorschlag eines längst Verlorenen. Er machte ihr Vorwürfe, sie habe ihn abgelenkt, sie warf ihm vor, er sei zu schnell gefahren, sie hielt ihm entgegen, sie hätten gar nicht erst losfahren müssen, er entgegnete, sie hätte ja zu Haus bleiben können. Ein Wort ergab das andere und über allem schwebte der Dunst der Sinnlosigkeit. Der kleinen Buche schenkten sie keine Beachtung. Ihr Stamm war gebrochen und ihre Blätter lagen auf der Erde. Noch lebte sie.
Die Ältesten fragen sich noch immer, wie es sein kann, dass lebende Geschöpfe wie ihr euch stärker angezogen fühlt von toten Dingen als vom Lebendigen um euch her. Mag sein, wir machen euch Angst, wenn die Dunkelheit kommt, oder wenn ein Sturm uns zu entwurzeln droht, aber, was wir sind, wiegt das alles auf, tausend und abertausend mal.
Wie dem auch sei, ihr größter Fehler bestand darin, sich zu entscheiden, quer durch den Wald zu laufen.
Sie ging voran und er folgte ihr murrend. Nachdem sie eine Zeit lang gelaufen waren, verwandelte sich sein Murren in ein lautes Fluchen. Seine Schuhe würden völlig ruiniert sein, wenn sie endlich dieser verfluchten Hölle entkommen sein würden. Sie schwieg und zündete sich im Gehen eine Zigarette an. Ich weiß nicht, ob das der Grund war oder ob der Grund ein Urgrund ist und soweit zurückreicht wie die Erinnerung unserer Ahnen. Irgendwann warf sie die halb gerauchte, brennende Zigarette unachtsam zu Boden. Sie landete auf dürrem Laub, auf dass unser Freund der Wind an ihrem noch glimmenden Ende lecken konnte.
Ich habe Angst vor dem Feuer, wie ich Angst habe vor den Motorsägen und dem Sturm der Verwüstung. Ein leiser Hauch fachte das Feuer an, als sie bereits so weit weg waren, dass sie es nicht mehr bemerken konnten. Ich brauchte es nicht zu riechen und auch nicht zu sehen, um es zu wissen.
Einer meiner unteren Äste war bereits vor Jahren etwa 2 Meter vom Stamm abgebrochen und ragte wie eine Lanze in die Welt hinaus. Oft hatte ich darüber nachgedacht, weshalb der Sturm mir eine solche Waffe geschenkt hatte. Dann sah er die Straße und begann augenblicklich zu rennen. Er rannte an mir vorbei und ich konnte sehen, wie seine Schuhe das Laub nach hinten warfen. Sie bekam es irgendwie mit der Angst und versuchte deshalb, ihm so schnell wie möglich zu folgen.
Es gibt keinen Grund und kein Warum. Ich trat einfach einen Schritt zur Seite und drehte mich dabei eine Vierteldrehung um mich selbst, gerade als sie an mit vorbei wollte. Mein abgebrochener Ast durchbohrt mit der Wucht meiner Drehung dabei ihre Brust und ich konnte hören, wie ihr Atem stockte. Dann war meine Angst fort.
Ich war der erste. Ich war der erste, der bewiesen hat, dass wir nicht hilflos und ohnmächtig eure Herrschaft hinnehmen und unter eurem Hass zu Grunde gehen müssen, ich war der erste, der es bewiesen hat. Jetzt wissen alle, wir müssen euch nicht länger erdulden. Als er bemerkte, dass seine Frau ihm nicht mehr folgte, und sich zu mir umwandte, war sie bereits tot. Schlaff hing ihr Körper an meinem Ast. Er kam ein paar Schritte näher, blieb dann jedoch instinktiv stehen. Mag sein, er hat gespürt, dass meine Brüder es jetzt auf ihn abgesehen hatten. Es muss ein Unfall gewesen sein, werden sie später behaupten, ein schrecklicher Unfall. Eine junge Frau, die offenen Auges in den Ast eines Baumes rennt, mit einer Wucht, die ihr kleiner Körper nie hätte aufbringen können, ganz gleich, wie schnell sie gerannt sein mochte. Und ein Mann, dem das Genick gebrochen wird, weil ein harter Gegenstand ihn an der Stelle traf, die bei allen Menschen die empfindlichste ist, keine zehn Schritte von der Frau entfernt. Die goldenen Ringe, die sie getragen haben, ihre Eheringe, werden nie gefunden werden.
Ihr, die ihr glaubt, ihr hättet etwas verstanden, werdet davon ausgehen, der Mörder habe die Ringe gestohlen. Das Geld hat er ihnen gelassen, werdet ihr schlussfolgern, da er nur am Fetisch des Goldes interessiert gewesen sei. Ein Mörder also, dessen Geist verwirrt sei, treibe sich in den Wäldern herum.
Es ist mir zutiefst zuwider, was ich getan habe, und ich verachte mich dafür, dass ich mich herablassen musste auf eure unwürdige Stufe des Daseins, doch es gibt jetzt kein Zurück mehr. Jetzt, nachdem ich mich an euch gewandt habe, in der Hoffnung auf Verständigung, sagen alle anderen, uns bliebe keine andere Wahl mehr. Sie wollen nicht mehr länger warten und zusehen, bis ihr alles zerstört habt, was heilig ist. Auch die Bitte um eine letzte Frist haben sie mir abgelehnt.
Ihr seht, ich war auf eurer Seite, bis jetzt. Aber so, wie ihr lebt, könnt ihr nicht weiter leben. Sie sagen, ihr wäret unfähig, euch zu ändern. Nun habe ich den Anfang gemacht.
Nur ein Schritt zur Seite und ich habe gespürt, wie ihr Leben einen Teil meiner Angst mit sich nahm. Und nicht nur ich habe das gespürt. Der Wald hat es gespürt. Die ganze Welt hat es gespürt. Ich war euer Freund, ich stand auf eurer Seite.
Ich schenkte euch Trost und Geborgenheit. Aber was ich spüre, spüren auch alle anderen Bäume in unserem Wald, der so weit reicht, dass eure ganze Fantasie nicht ausreichen würde, den Raum zu ermessen, den wir einnehmen. Ihr seht nur den Wald, den ihr sehen wollt, ihr seht nicht uns, die Bäume, ihr seht das Holz, aus dem wir gemacht zu sein scheinen, und ihr denkt an Möbel, Fußböden, Brennholz oder was sonst noch. Und das ist euer größter Fehler. Ein tödlicher Fehler, wie sich bald schon herausstellen wird. Es ist ein noch größerer Fehler, als brennende Zigarettenkippen wegzuwerfen. Jetzt, nachdem ich den ersten Sprung gewagt habe, wollen auch die anderen ohne Angst leben. Sie sagen, sie werden den Weg, den ich beschritten habe, fortsetzen und ihn bis zu Ende gehen, so, dass keiner mehr übrig sein wird von euch.
Einst glaubten wir, ihr wäret dazu auserkoren, die Welt zu erkennen. Sie sagen, jetzt, wo ihr von vollkommener Blindheit geschlagen seid, hättet ihr keinen Wert mehr für die Welt. Und sie sind nicht allein. Alle haben sich uns angeschlossen. Jetzt sind wir eins. Und ich habe den Anfang gemacht.
Sie sagen, zunächst werdet ihr nur einen Serienmörder suchen, der seine Opfer durch die unteren Äste von Bäumen stößt, weil ihr euch nichts anderes mehr vorstellen könnt. Dann, irgendwann, wenn die letzten von euch erkannt haben, dass alles ganz anders ist, wenn die letzten von euch erkannt haben, dass wir alle zusammen in einer geheimnisvollen und wunderbaren Welt leben, dann wird es für euch zu spät sein. Schade. Denn für euch ist diese Welt ehrfurchtgebietend. So war es und so wird es immer sein, bis der letzte von euch seinen letzten Atem in den Wind der Vergessenheit bläst. Wir hätten euch gebraucht. Ihr, die letzten eurer Art, die ihr fast alles vergessen habt, werdet mich jetzt fragen, wofür? Wofür hättet ihr uns gebraucht? Ich höre eure Frage, doch sie verhallt im Nebel der Erinnerungen an alte Zeiten, ich höre eure verzweifelten Fragen, doch die Antwort darauf, werde ich euch diesmal schuldig bleiben.