Ein Bund fürs Ableben

Noch ist die Wehrpflicht keine beschlossene Sache, doch Medien und Politiker reden, als wäre sie es schon. Grund genug, dass Manova dem Ganzen ein Spezial widmet.

Es ist das drängende Thema der Bundesrepublik. Kaum jemand kommt daran vorbei — es sei denn, er oder sie ist kein Mann im wehrfähigen Alter und pflegt auch keinerlei Kontakte zu solchen. Am 1. Januar 2026 ist das neue Wehrdienstgesetz in Kraft getreten. Der Faden, an dem das Damoklesschwert der „allgemeinen Wehrpflicht“ baumelt, ist damit auf einmal erschreckend dünn geworden. Aktuell müssen junge Männer einen Fragebogen ausfüllen, um der Bundeswehr Informationen über ihre Eignung zu übermitteln. Für Frauen ist das Zurücksenden des Fragebogens freiwillig. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei dieser Regelung bleibt, ist jedoch eher gering. Kaum ein Tag vergeht, an dem Politiker und sogenannte Experten nicht diskutieren, welches Modell am effektivsten dazu dienen könnte, das von Verteidigungsminister Boris Pistorius formulierte Ziel zu erreichen: die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ zu machen. Für welchen Weg man sich auch immer über die Köpfe der Bevölkerung hinweg am Ende entscheidet, eines dürfte klar sein: Im Kriegsfall gilt die Wehrpflicht für jeden, an den die Regierung noch irgendwie herankommt — und Versprechungen aus Friedenszeiten kann man getrost vergessen. Auftaktartikel zur Sonderausgabe „Wehrpflicht und Militarisierung“.

Der Widerstand gegen diese Entwicklungen hält sich in Grenzen. Ab und zu darf sich bei Markus Lanz ein Wehrdienstverweigerer von vier Befürwortern Vorwürfe dafür machen lassen, dass er für sein Land nicht sterben möchte. Gleichzeitig betonen diese Befürworter vehement, dass es um diese Frage überhaupt nicht gehe, sondern lediglich um Abschreckung zur Kriegsvermeidung.

Ab und zu verläuft ein Schulstreik im Sande, doch ganz allgemein ist das Interesse so gering, dass selbst eine Regelung, die Männern verbot, ohne Erlaubnis der Bundeswehr das Land zu verlassen, wochenlang unbemerkt blieb. Bereits Anfang Januar 2026, als das Gesetz in Kraft trat, war in Paragraf 3 geregelt, dass Männer zwischen 17 und 45 Jahren sich vor einem Aufenthalt im Ausland, der länger als drei Monate dauert, eine Genehmigung beim Karrierecenter der Bundeswehr einholen müssten. Berichtet wurde darüber zunächst überhaupt nicht und auch die Verantwortlichen in der Regierung thematisierten die Regelung in keiner Weise. Es scheint fast, als hätte man versucht, sie dem Gesetz irgendwie stillschweigend beizufügen, um dann im Fall der Fälle sagen zu können, dass das ja nun wirklich keine große Sache sei, schließlich gelte die Regel schon seit geraumer Zeit.

Sollte dieser Plan bestand haben, so ist er zumindest nicht aufgegangen. Ende März taten einige Journalisten ihrer Profession genüge und sahen einmal genauer hin, wenn auch Monate zu spät. Was folgte war ein öffentlicher Aufschrei. In den sozialen Medien wurde das Ganze begleitet von satirischen Videos junger Menschen, die sich im Alltag filmten und dazu Dinge schrieben wie:

„Moin, wollte der Bundeswehr nur kurz sagen, dass ich jetzt schlafen gehe (circa 6 bis 8 Stunden) hoffe das ist okay.“

Oder

„Moin Bundeswehr, wollte nur kurz sagen, dass ich eine Nussecke inhaliere von 22:30 bis 23:30. Hoffe, das ist zeitlich okay. Ganz liebe Grüße.“

Dass sie direkt mit Humor reagiert und die Phase der Empörung überspringt, ist typisch für die Generation Z, bei der das Gefühl, politisch wirklich etwas verändern zu können, sowieso eher gering ausgeprägt ist und die deshalb in erster Linie das Internet als kreativen, aber durchaus auch eskapistischen Ort für sich nutzt. Dennoch zeigt sie, was für ein bedrängtes Gefühl bereits in der Bevölkerung vorherrscht.

Der Staat wird wahrgenommen als eine Instanz, die gewillt ist, immer weiter ins Privatleben ihrer Bürger einzudringen.

Diese Verschmelzung von privater und politischer Sphäre ist, wie bereits Hannah Arendt herausgearbeitet hat, ein Kennzeichen fortschreitender totalitärer Entwicklungen. Arendt unterschied streng zwischen dem politischen Schutzraum und dem politischen Raum. In einer totalitären Gesellschaft ist diese Trennung jedoch aufgehoben, das Private völlig ausgelöscht und das Individuum atomisiert. Auch wenn eine Wehrpflicht allein nicht unbedingt bedeutet, dass die Bürger im vollständig ausgeprägten Totalitarismus leben, trägt sie doch totalitäre Tendenzen. Schließlich ist der Körper — abgesehen von den eigenen Gedanken — das Privateste und Intimste, was ein Mensch sein Eigen nennt.

Eingriffe in diese Sphäre wiegen für die meisten schwerer als beispielsweise Gesetze, die ihre Finanzen oder das Sozialleben betreffen, auch wenn diese schlussendlich auch eine körperliche Dimension annehmen können. Nicht ohne Grund ist der Erhalt der körperlichen Unversehrtheit ein Menschenrecht von enormer Bedeutung.

Eine zusätzliche Belastung für die potenziell Betroffenen und letztlich auch ihre Angehörigen und Freunde ist die über allen schwebende Ungewissheit. Bis jetzt ist keine allgemeine Wehrpflicht beschlossen. Lediglich das Ausfüllen des Fragebogens ist obligatorisch.

Doch von Anfang an wurde deutlich kommuniziert, dass dies nur ein erster freiwilliger Versuch sei, die Personalstärke der Bundeswehr auf 260.000 Mann zu erhöhen. Sollten sich auch auf diese Weise zu wenig Freiwillige melden, werde man Zwangsmaßnahmen in Erwägung ziehen.

Die Tagesschau zitiert dazu den Vorsitzenden der Partei „Die Linke“ Jan van Aken mit den Worten:

„Alle wissen, dass sich CDU und SPD eigentlich nur darüber gestritten haben, kommt die schon diese Legislatur oder erst nächste Legislatur.“

Und

„Es wird jetzt alles strukturell vorbereitet, die Wehrpflicht wird kommen.“

Dass das Prinzip der Freiwilligkeit nur so lange gilt, wie die Menschen sich freiwillig für das von der Regierung Erwünschte entscheiden, kennen wir bereits aus den Coronajahren. Hier war ebenfalls das Gefühl einer Willkür von Regierenden sehr präsent.

Da die Wehrpflicht bereits seit 2011 ausgesetzt ist, ist eine ganze Generation völlig ohne persönlichen Bezug dazu aufgewachsen. Das mag erfreulich gewesen sein, doch es fehlen ihr dadurch auch praktische Erfahrungen im Umgang mit ihr. Viele möchten sich entziehen, wissen aber nicht wirklich, was hierfür der beste Weg ist.

Sollte man schon jetzt verweigern oder weckt man damit schlafende Hunde? Welche Angaben auf dem Fragebogen machen einen für die Bundeswehr besonders unattraktiv? Was sollte man bei einem Musterungsgespräch am besten sagen, wie sollte man sich verhalten, damit man ausgemustert wird? Diese Fragen stellen sich viele junge Menschen, die einem Dienst bei der Bundeswehr aus dem Weg gehen wollen. Gerade hier wäre der Rat älterer Semester wertvoll, beispielsweise von Menschen, die noch gefragt wurden, ob sie denn ganz sicher keine Gewalt anwenden würden, auch wenn ihre Freundin nachts im Park von Russen angegriffen wird.

Zudem ist aktuell nicht ganz klar, ob Frauen gänzlich aus dem Schneider sind. Zwar ist das Ausfüllen des Fragebogens für sie aktuell freiwillig, allerdings werden immer wieder Stimmen laut, die die Gleichberechtigung der Frau gerne auch auf die Kaserne ausweiten würden. Deutschland wäre damit nicht das erste Land. Selbst der ansonsten nicht durch ausufernden Feminismus auffallende Bundeskanzler Friedrich Merz sagte:

„Die Frage, ob Frauen Wehrdienst leisten können, ist beantwortet. Ob sie Wehrdienst leisten müssen, ist nicht beantwortet.“

Er bezeichnete die Wehrpflicht für Frauen als „Vierten Schritt“, zunächst einmal müsse man den ersten, zweiten und dritten gehen.

Es wirkt alles, als sei die Wehrpflicht schon beschlossene Sache und die Frage sei lediglich, wie man sie am besten ausgestaltet. Hierzu wird selbstverständlich offen und demokratisch diskutiert; ein bisschen wie bei einer Mutter, die ihr Kind dazu bewegen möchte, etwas zu trinken und deshalb nicht fragt: „Möchtest du etwas trinken?“ sondern: „Möchtest du Apfelsaft oder Orangensaft haben?“ Dennoch ist de facto aktuell noch nichts beschlossen und sowohl besagtes fiktives Kind als auch die Bürger dieses Landes können sich entscheiden, zu sagen: Ich habe keinen Durst. Mich dürstet es nicht nach Kasernengeruch, „Stillgestanden“ oder schießen lernen und auch nicht danach, das diplomatische Versagen der EU-Regierungen auf dem Schlachtfeld auszubaden.

Laut Umfragen befürwortet sogar eine Mehrheit die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Und auch von denen, die es nicht tun, geht bis jetzt keine groß angelegte Protestbewegung aus. Vielleicht ist das Hilflosigkeitsgefühl zu groß, das Empfinden, es ohnehin nicht abwenden zu können. Vielleicht sind Gesellschaft und medialer Diskurs mittlerweile so umfassend militarisiert, dass eine Wehrpflicht gar nicht mehr als etwas Einschneidendes heraussticht.

Vielleicht sind viele Menschen aber auch der Entfremdung und Beliebigkeit überdrüssig, die die Digitalisierung erzeugt hat, sodass gerade viele junge Menschen das bisschen Struktur und Disziplin, das die Bundeswehr ihnen anbietet, dankbar annehmen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was es bedeutet, auf einem Kasernenhof oder im Schützengraben zu „dienen“.

Welche Gründe auch immer für die allgemeine Lethargie verantwortlich sind — wir werden mit den Konsequenzen leben müssen, genauso wie eine Generation junger Männer, die aktuell noch nicht einmal im Stimmbruch ist.

Manova widmet dem Thema „Wehrdienst und Militarisierung“ deshalb ein Spezial, dessen Ziel es ist, Zusammenhänge auf eine Weise zu beleuchten, die nicht einfach wiederholt, was ohnehin Tag für Tag in den Leitmedien steht. Stattdessen möchten wir zum einen die Details in den Fokus rücken, die sonst offen bleiben, und zum anderen auf eine Metaebene abheben, die uns ermöglicht, das Ganze in dem größeren Kontext zu verstehen, in dem es stattfindet.