# Ein gigantisches Sozialexperiment

Kurt Lewins Sozialpsychologie wurde im Rahmen der Coronakrise erstmalig im Großmaßstab getestet und soll nun Eingang in die Politik finden.

von 
   * Simone Hörrlein

Das Corona-„Regime“ und seine gravierenden Auswirkungen auf die Gesellschaft sind noch immer Gesprächsstoff. Die diffamierenden Angriffe auf Skeptiker und Maßnahmenverweigerer beherrschen nach wie vor viele alternative Medienformate. Eine Enquetekommission versucht, die nicht gerechtfertigten Grundrechtseinschränkungen durch die unverhältnismäßigen staatlichen Maßnahmen aufzuarbeiten. Anwälte klagen, nicht selten ergebnislos, um den damaligen Ungerechtigkeiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mithilfe von Gerichten möchte man dem übergriffigen Staat und seinen unzähligen Helfern eine Lektion erteilen. Das ist lobenswert, keine Frage, auch wenn die Autorin nicht daran glaubt, dass man ein ungerechtes System ändern kann, indem man sich auf dessen Gesetzeswerke beruft. Doch das soll heute nicht Thema sein, das wäre eine ganz andere Geschichte. Worum es hier primär gehen soll, sind die psychologischen und sozialwissenschaftlichen Grundlagen, die dieses weltweite gruppendynamische Experiment erst ermöglichten, sowie einige der Strukturen, die im Rahmen dieses Experiments geschaffen wurden. Und es muss hier nicht spekuliert werden: Alles, was dieser Artikel thematisiert, ist dokumentiert, publiziert und für jeden öffentlich zugänglich. Um zu verstehen, was hier geschehen ist, müssen wir in der Geschichte zurückgehen — zu einem Mann, der sich sein ganzes Leben lang nur mit dem Verhalten von Gruppen und deren Verhaltensänderung beschäftigte. Einem Mann, der zu seiner Zeit tatsächlich als einer der wichtigsten Wissenschaftler im Bereich der Gruppendynamik galt und als Vater des „Social Engineering“ bezeichnet werden kann. Sein Name: Kurt Lewin.

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## Wer war Kurt Lewin?
Lewin wurde 1890 in Deutschland, im heutigen Polen, geboren und war Teil der Schule der Gestaltpsychologie in Berlin. 1933 floh er im Rahmen der Machtübernahme durch Adolf Hitler in die USA. 1945 gründete er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das [Research Center for Group Dynamics (RCGD)](https://rcgd.isr.umich.edu/leadership-mission/history/) — das erste Forschungsinstitut, das sich vor allem mit Gruppenverhalten beschäftigte. Nach seinem Tod 1947 zog das Institut an die University of Michigan, wo es 1948 mit dem [Survey Research Center zum Institute for Social Research (ISR)](https://rcgd.isr.umich.edu/leadership-mission/history/) verschmolz. Das RCGD kann als die US-amerikanische Entsprechung des britischen [Tavistock Institute](https://de.wikipedia.org/wiki/The_Tavistock_Institute) in London bezeichnet werden. Beide Institute arbeiteten eng zusammen, unter anderem bei der Herausgabe der Zeitschrift [„Human Relations“](https://journals.sagepub.com/home/hum) (Menschliche Beziehungen). Beide teilten Lewins theoretisches Fundament aus Feldtheorie, Gruppendynamik und Aktionsforschung. Das RCGD existiert also bis heute als Forschungseinrichtung am ISR — das wöchentliche Seminar, das Lewin ursprünglich in Berlin initiiert hatte, läuft inzwischen in seinem hundertsten Jahr.

Lewin gehörte bis zu seinem Tod zur Kerngruppe der Teilnehmer der einflussreichen [Macy-Konferenzen](https://de.wikipedia.org/wiki/Macy-Konferenzen), die zwischen 1946 und 1953 in den USA stattfanden. Sie wurden unter der Schirmherrschaft der [Josiah Macy Jr. Foundation](https://macyfoundation.org/our-priorities) (Macy-Stiftung), federführend von [Warren McCulloch](https://de.wikipedia.org/wiki/Warren_McCulloch), einem amerikanischen Neurophysiologen und Kybernetiker, organisiert. Auch der Mathematiker [Norbert Wiener](https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Wiener), der als Vater der Kybernetik gilt, war dort ständiger Gast. Die Konferenzen gelten als wichtiger Abschnitt der Kybernetik-Forschung, also der Steuerung von Systemen — auch lebenden Systemen — durch Rückkopplungsmechanismen.

## Lewins Theorien zum Verhalten

Auch [Lewins Feldtheorie](https://de.wikipedia.org/wiki/Feldtheorie_(Psychologie)) gehört in den Bereich der Kybernetik und nutzt Rückkopplungsschleifen zur Steuerung von Verhalten. Die Theorie ist, wie alles in der Kybernetik, sehr mathematisch: Vektoren und Felder werden zur Erklärung von Verhalten genutzt. So ähnlich wird übrigens auch die Funktionsweise moderner KI-Modelle erklärt: Auch in einem KI-Modell sind es Vektoren in einem Wahrscheinlichkeitsfeld, die über die finale Ausgabe des Sprachmodells entscheiden. Lewin postulierte im Rahmen seiner Feldtheorie, dass menschliches Verhalten eine Funktion von Person (P) und Umwelt (E) ist, alles bildet einen „Lebensraum“ aus Kräften. Seine Kraftfeldanalyse (Field Force Analysis) ist eine Gegenüberstellung zweier Kräfte: den treibenden Kräften, die auf Veränderung drängen, und den hemmenden Kräften, die diese aufzuhalten versuchen. Um das Verhalten in eine bestimmte Richtung zu ändern, kommt seine Aktionsforschung zum Einsatz. Laut Lewin sind dies iterative Zyklen aus Planung, Handlung, Beobachtung und Reflexion, die final die Verhaltensänderung in einer Gruppe festigen, der sogenannte „Refreezing“-Prozess. Gruppendynamik bedeutete für Lewin nicht, die einzelnen Individuen einer Gruppe zu verändern, sondern die Gruppe als Ganzes, die er als ein System mit bestimmten Eigenschaften sieht.

Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist das vom ihm entwickelte [3-Phasen-Modell](https://de.wikipedia.org/wiki/3-Phasen-Modell_von_Lewin), welches er im Aufsatz [„Frontiers in group dynamics“](https://ia800805.us.archive.org/16/items/lewin-1947-frontiers-in-group-dynamics/Lewin1947Frontiers%20in%20Group%20Dynamics_text.pdf) im Detail formuliert hat. Das Modell erklärt, wie Veränderungen in sozialen Gruppen und Gemeinschaften ganz ohne Gewalt erreicht werden können:

> In Phase eins werden die alten Gewohnheiten aufgelockert, der „Unfreezing“-Prozess; in Phase zwei werden neue Gruppennormen eingeführt, der sogenannte „Move“- oder „Change“-Prozess; in der dritten Phase wird das neue gewünschte Verhalten gefestigt, das sogenannte „Refreezing“.

Lewins Modell wurde von Edgar Schein 1996 sogar noch [umfangreich erweitert](https://de.wikipedia.org/wiki/3-Phasen-Modell_von_Lewin). Schein war ein US-amerikanischer Sozialwissenschaftler, der 1928 in Zürich geboren wurde und Sloan Professor am Massachusetts [Institute of Technology (MIT)](https://mitsloan.mit.edu/faculty/about-us)war. Er fügte dem Prozess von Lewins „Auflockerung“ unter anderem die „Induktion von Schuldgefühlen und Überlebensangst“ hinzu. Also genau das, was wir nicht nur während der Corona-Zeit gesehen haben, sondern was heute bei allen großen gesellschaftlichen Veränderungen — wie beispielsweise dem Klimawandel — sehr erfolgreich zum Einsatz kommt, um eigentlich abzulehnende Veränderung tolerabel oder sogar akzeptabel zu machen.

## Deutsche Umerziehung à la Lewin
Das 3-Phasen-Modell kam übrigens auch bei der Umerziehung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich zum Einsatz. Wie diese „Reeducation“ zu erfolgen hätte, erklärt Lewin im Aufsatz [„Der Sonderfall Deutschland“ von 1943](https://silo.tips/download/der-sonderfall-deutschland-1943#google_vignette). 

Er schreibt: „Wenn eine ausreichend tiefe und dauerhafte Veränderung geschaffen werden soll, muss das Individuum in seiner Funktion als Gruppenmitglied angesprochen werden.“ 

Dies entspricht seiner Theorie, dass das Individuum als Mitglied einer Gruppe am leichtesten zu beeinflussen ist. Gleichzeitig, so glaubte er, ließen sich besonders große Massen mit seinem Gruppenansatz sehr viel besser stark verändern, als wenn man sich auf die Beeinflussung des Einzelnen oder auf bloße Massenpropaganda verließ. Und der folgende Satz aus seinem Text erklärt sehr schön, was wir heute in der deutschen Politik vorfinden, weshalb es in Deutschland vor amerikanischen Thinktanks nur so wimmelt, und warum manche sogar glauben, Deutschland würde eigentlich von US-Agenten regiert: 

*„Der Wiederaufbau nach dem Krieg sollte zahlreiche Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Deutschen und Nicht-Deutschen bieten, Gelegenheiten, die gut für eine Schulung oder Umerziehung von jugendlichen deutschen Führungskräften genutzt werden könnten. (…). Wenn es strategisch organisiert würde, könnte ein solches Training ‚on the job‘ von Führungskräften und Trainern von Führungskräften sehr wohl jeden Bereich von Gemeinschaftsführung erfassen. Es könnte helfen, einen Prozess der ‚Selbst-Umerziehung‘ in Gang zu setzen.“*

Dass dies nicht nur die fixe Idee eines Einzelnen gewesen ist, sondern exakt so umgesetzt wurde, zeigt die Gründung des Tavistock Institute, einem Ableger der Tavistock Clinic, im September 1947. [Lewin war zwar kein Gründungsmitglied des britischen Thinktanks — er verstarb im Februar 1947, noch vor der Gründung —, seine Arbeiten hatten allerdings einen signifikanten Einfluss auf die Gründungsmitglieder, wie das Institut auf seiner [Website](https://tavinstitute.org/projects/field-theory-rule) selbst kommuniziert. Sein oben erwähnter zweiteiliger Aufsatz „Frontiers in Group Dynamics“ bildete sogar den Auftakt der Inhalte von „Human Relations“, der Zeitschrift des Instituts.

Das Tavistock Institute widmet Lewin sogar eine Serie von [Artikeln](https://tavinstitute.org/projects/kurt-lewin-dynamic-approach-rule-2): darunter [„Contemporaneity Rule“](https://tavinstitute.org/projects/kurt-lewin-contemporaneity/), [„Field Theory Rule“](https://tavinstitute.org/projects/field-theory-rule/) und [„Constructive Method Rule“](https://tavinstitute.org/projects/kurt-lewin-constructive-method-rule/), in denen seine Prinzipien als Teil des „house style“ des Instituts vorgestellt werden. Jean Neumann bezeichnet Lewin in ihrem 2005 erschienenen Aufsatz [„Kurt Lewin at the Tavistock Institute“](https://www.researchgate.net/publication/238400476_Kurt_lewin_at_the_tavistock_institute) gar als den „shadow founder“ (Schattengründer) des Instituts.

Aufschlussreich ist auch, was die Rockefeller Foundation, ein wichtiger Finanzier des Instituts, dazu zu sagen hat. Auf der Website befindet sich noch heute ein „Goodwill Greeting“ der amerikanischen Stiftung:

„Die Rockefeller Foundation ist stolz darauf, Teil Ihrer Geschichte zu sein — angefangen bei einem Zuschuss, der kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gewährt wurde. Unsere Partnerschaft nahm 1939 ihren Anfang, als die Stiftung dem Institut einen der ersten Förderbeträge zur Verfügung stellte — die beachtliche Summe von 19.500 US-Dollar! —, um Wachstum und Fortschritt der psychiatrischen Forschung zu unterstützen. Wie wir heute wissen, sollte sich dieses Vorhaben beim Wiederaufbau des Nachkriegseuropas als besonders entscheidend erweisen.“ 

Das englische Original gibt es [hier](https://tavinstitute.org/news/goodwill-greeting-rockefeller-foundation). Was damit gemeint ist, dürfte jedem Menschen einleuchten: Das Studium der Psychiatrie sollte vorangebracht werden, um die Umerziehung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg zu bewerkstelligen. 

> Die Deutschen sollten, nachdem sie zu Zweite-Klasse-Amerikanern umfunktioniert worden waren, widerspruchslos die gesamte Europäische Union aufbauen, was sie dann auch taten und noch immer tun. Lewin hatte also recht: Die „Selbst-Umerziehung“ hat tadellos funktioniert, ohne dass sie bewusst wahrgenommen wurde. 

Die Wellcome Collection in London bewahrt zusätzlich die Rockefeller-Korrespondenz [(1935 bis 1940, Signatur SA/TIH/A/2/1/1)](https://wellcomecollection.org/works/heprmnmu) zum Institut auf. Ich werde hier nicht näher darauf eingehen.

## Lewins Theorien in der Praxis
Eines von Lewins frühen Experimenten war, Haufrauen während der Kriegsrationierungen zu überzeugen, weniger Fleischprodukte zu verzehren. Er ließ die Frauen ihre Einstellungen in der Gruppe diskutieren, anschließend veränderte er die Gruppennorm, so dass der Gruppendruck ihre Einstellung veränderte. In einem weiteren Experiment zeigte er, dass durch die Wahl des Führungsstils — autoritär oder demokratisch — unterschiedliche Gruppenergebnisse erzielt werden konnten. Daraus schloss er, dass das gewünschte Verhalten in einer Gruppe durch die Wahl von geeigneten Führungspersonen erzielt werden könne. 

Jetzt versteht man gleich viel besser, wie und warum die Regierungen der USA in vielen Ländern Regime Changes durchführten, Menschen in Bürgerkriege trieben oder einzelne Gruppen radikalisierten, um ganze Länder zu destabilisieren. 

> Die Sozialwissenschaften dienen nicht und dienten noch niemals dazu, Gesellschaften zu verbessern. Sie dienten und dienen stets dazu, zu verstehen, weshalb sich Menschen auf diese oder jene Weise verhalten, um dann zu versuchen, dieses Verhalten unbewusst zu verändern, um es für eigene Interessen zu nutzen. 

Es ging nie um etwas anderes als „Social Engineering“ — ein Begriff, der im Kontext von Lewins Arbeiten sogar am RCGD geprägt wurde.

Aus Lewins Arbeiten und Experimenten erwuchs im Laufe der Jahre ein ganzer Industriezweig: Sensitivitätstraining, Organisationsentwicklung, Change Management — alles Technologien zur Veränderung von Gruppenverhalten im großen Stil. Das dabei auch zum Einsatz kommende 3-Phasen-Modell — „Unfreeze-Move/Change-Refreeze“ — wird heute aber nicht nur in Unternehmen im Rahmen von Umstrukturierungen, Fusionen oder Kulturwandel genutzt, sondern auch im staatlichen Bereich, beispielsweise bei Kampagnen zur öffentlichen Gesundheit — siehe Corona — oder generell zur Verhaltenssteuerung von Gesellschaften, wann immer nötig. Dass es dabei um nicht weniger als eine beabsichtigte Manipulation auf Basis der Erkenntnisse zur Funktion der menschlichen Psyche geht, verstehen leider noch immer die Wenigsten.

##Das Corona-Experiment in der wissenschaftlichen Literatur
Auch wenn das Phänomen des Gruppenverhaltens durch Gustave LeBon in seinem Werk „Die Psychologie der Massen“ schon 1895 sehr detailreich beschrieben wurde: Das Instrumentarium zur Messung von Gruppenverhalten und zur Intervention, mit dem Ziel, das Verhalten „nachhaltig“ zu verändern, entwickelte erst Kurt Lewin. 2020 kamen Lewins Werkzeuge dann erstmalig im Rahmen des größten „natürlichen“ Experiments zur Verhaltensänderung ganzer Nationen im Rahmen der Corona-Krise zur Anwendung. Lewins eigene Experimente zeigten: Um zu funktionieren, muss die soziale Struktur auf das technische System abgestimmt sein, anderenfalls scheitert das System. Oder anders gesagt: Das soziale Narrativ muss auf die technischen Maßnahmen — Impfstoff, Maske, Lockdown — abgestimmt sein, sonst scheitert die Maßnahme. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses weltweit durchgeführten Experiments wurden in großer Anzahl in renommierten Fachzeitschriften publiziert, wo es tatsächlich als ein „natürliches“ Experiment gerahmt wird. Die Anzahl der veröffentlichten Aufsätze in den Sozialwissenschaften und der Psychologie stieg während dieser Zeit in unerreichte Höhen.

Der wohl wichtigste Aufsatz, der auch als Handbuch für das Vorgehen während dieser Krise zu verstehen ist, wurde schon im April 2020 von einem Team aus 43 internationalen Sozial- und Verhaltenswissenschaftlern in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht. Der Titel des Aufsatzes: [„Using social and behavioural science to support COVID-19 pandemic response“](https://www.nature.com/articles/s41562-020-0884-z) (Einsatz von Sozial- und Verhaltenswissenschaften zur Unterstützung der Reaktion auf die COVID-19-Pandemie). Unter den Autoren war auch Cass Sunstein, der zusammen mit Richard Thaler das Buch „Nudge“ geschrieben hat. Mehr von diesem Aufsatz etwas später im Artikel. Thaler, der als Vater der „Nudge“-Theorie gilt, sagte 2021: „Ich denke, wir haben den Punkt des ‚Nudgings‘ überschritten, wenn es um den Impfstoff geht. Das ist kein ‚Nudge‘, das ist ein Mandat.“ Exakt aus diesem Grunde wurde auch versucht, eine behördliche Impfpflicht durchzusetzen.

Ein anderer Aufsatz, publiziert 2020 in „BJPsych Open“, trägt den Titel [„Public behaviour in response to the COVID-19 pandemic: understanding the role of group processes“](https://www.cambridge.org/core/journals/bjpsych-open/article/public-behaviour-in-response-to-the-covid19-pandemic-understanding-the-role-of-group-processes/C64F5D829F100ED0D052923F8CD7A7B8) (Öffentliches Verhalten als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie: Verständnis der Rolle von Gruppenprozessen). Der Aufsatz bringt es auf den Punkt: 

*„Wenn das Verhalten während der Pandemie eher von veränderbaren Gruppenprozessen als von festen Tendenzen abhängt, dann ist eine Verhaltensänderung möglich.“* 

Und weiter: „Menschen lassen sich eher durch Botschaften von Mitgliedern der eigenen Gruppe (In-Group) überzeugen als von Mitgliedern einer fremden Gruppe (Out-Group).“ Auch eine Veränderung der Kommunikation nach außen hat laut Studie einen nicht unerheblichen Einfluss auf des Verhalten. Ändert man den offiziellen Slogan von „Stay at home“ (Bleiben Sie zu Hause) zu „Stay save“ (Passen Sie auf sich auf), dann ersetzt man eine Handlungsanweisung durch ein Gefühl. Die letztere Anweisung sei die, die eher zur Verhaltensänderung beiträgt. Im Klartext: Spricht man die Gefühle an, dann erledigt die Psychologie gewissermaßen den Rest.

Ein ebenfalls wichtiger Aufsatz [„Improving pandemic mitigation policies across communities through coupled dynamics of risk perception and infection“](https://royalsocietypublishing.org/rspb/article/288/1955/20210834/86269/Improving-pandemic-mitigation-policies-across) (Verbesserung von Maßnahmen zur Pandemieeindämmung in verschiedenen Gemeinschaften durch gekoppelte Dynamiken von Risikowahrnehmung und Infektionsgeschehen), publiziert 2021 in Royal Society Publishing, fand heraus: Die soziale Konstruktion von Besorgnis — also der Umstand, dass Menschen ihre Nachbarn beobachten und deren Verhalten nachahmen — war wirksamer als die Reaktion auf die tatsächliche Erkrankung eines Nachbarn. Es ist also nicht das biologische Signal, welches das Verhalten bestimmt, es ist das soziale Signal. Das Virus spielt dabei fast eine Nebenrolle; das eigentliche System ist die Gruppe. Das bestätigt exakt die Ergebnisse von Lewins zahlreichen Experimenten.

## Die Realität der Datenökonomie: Der Mensch als kostenloser Datenlieferant

Damit verhaltenspsychologische Studien künftig im Rahmen der Datenökonomie sehr viel schneller durchgeführt werden können, arbeiten Wissenschaftler schon an Konzepten zur Echtzeitdatenerfassung. Ein solches Konzept nennt sich „Epigames“ und wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern in Form einer Smartphone-App entwickelt. „Epigames“ kann im Rahmen von Pandemien alle benötigten Daten in Echtzeit liefern und macht die langwierigen Befragungen obsolet. Das wissenschaftliche Papier dazu wurde am 24. Februar 2026 unter dem Titel: [„Understanding human behaviour for pandemic preparedness with epigames“](https://www.nature.com/articles/s44360-026-00071-8) in Nature Health veröffentlicht. Einer der Autoren, John Drake, schreibt auf seinem [Substack](https://jdrakephd.substack.com/p/gamifying-epidemic-science) fast schon euphorisch über diese grandiose Entwicklung: 

*„Die Grundidee besteht darin, spielerisch gestaltete Feldexperimente zu Epidemien — sogenannte ‚Epigames‘ — auf Smartphones zu nutzen, um genau die Art von Daten zu gewinnen, die man sich oft wünscht: dynamische Kontaktmuster, verhaltensbezogene Entscheidungen, soziale Einflussnahme, Einstellungen und Kontextfaktoren. All dies wird hier gemeinsam erfasst. Besonders spannend finde ich die Möglichkeit, die Ausbreitung eines simulierten Erregers innerhalb realer Kontaktnetzwerke zu untersuchen, während die Teilnehmer in der App Entscheidungen treffen: etwa ob sie sich isolieren oder impfen lassen, wie sie auf Risiken reagieren oder wie sie sich verhalten, wenn ihr soziales Umfeld anders agiert. Für Forscher, die mathematische Modelle entwickeln, könnte dies eine weitaus solidere empirische Grundlage bieten als das übliche Sammelsurium aus Kontakttagebüchern, Umfragen und Beobachtungsdaten, die aus völlig unterschiedlichen Kontexten stammen.“* 

Das ist die Datenökonomie, von der auch das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) spricht: 

*„Digitalisierung ist ein zentraler Standortfaktor, daher nimmt das BMDS neue Betriebs- und Geschäftsmodelle mit der Wirtschaft in den Blick und treibt den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und den Aufbau einer Datenökonomie voran.“* 

Damit die totale Digitalisierung reibungslos funktioniert, hat Kanzler Friedrich Merz das operative Geschäft des 2015 unter Angela Merkel eingerichteten „Policy Lab“ „wirksam regieren“ (Citizen-centred Government) 2025 ins neu gegründete BMDS eingegliedert. Die Verhaltenswissenschaften sitzen also nun dort, wo es um Nutzerakzeptanz digitaler Dienstleistungen geht. Die dort gestellten Fragen lauten: Warum nutzen Bürger digitale Behördengänge nicht? Wie müssen digitale Services designt sein, damit sie tatsächlich angenommen werden? Wo liegen verhaltenspsychologische Barrieren in Verwaltungsprozessen? Klar, dass wenn man auf eine Datenökonomie setzt, der Datenschutz zu einem Relikt der Vergangenheit werden muss, weshalb man ihn mit Hilfe von „Nudging“-Konzepten Schritt für Schritt beseitigt.

Brasilien, Niederlande, Polen, China

## Das Handbuch für das Corona-Experiment

Kommen wir nun zum oben erwähnten Nature-Aufsatz von 2020, der ganz eindeutig als Handbuch für das anzusehen ist, was wir während dieses Experiments „live und in Farbe“ erlebt haben. Die Autoren kommen primär aus den Ländern der „Five Eyes“ (38) und aus Brasilien (1), Niederlande (2), Polen (1) und China (1). Corona wurde am 11. März 2020 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer Pandemie erklärt, der Aufsatz wurde im April 2020 veröffentlicht. Die Befragungen, die umfangreich sind und koordiniert werden mussten, die Auswertung der Daten, das Verfassen des Aufsatzes — all das erfordert Zeit. Hinzu kommt der Peer-Review-Prozess, der ebenfalls eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Dieses Projekt dürfte also schon sehr viel früher in die Wege geleitet worden sein. Nachfolgend einige Auszüge aus diesem erhellenden Papier; wer dessen wahre Tragweite erfassen will, sollte sich die Lektüre des Originals aber nicht entgehen lassen. Denn nur wer das Feld erkennt, der erkennt, was mit ihm geschieht und kann das Feld verlassen. Dagegen fällt derjenige, der nicht weiß, dass er sich im Feld befindet und Teil des Experimentes ist, der Manipulation zum Opfer.

Kommen wir nun zum Inhalt. Wir erfahren hier beispielsweise, weshalb der Fokus auf die Großeltern beziehungsweise den Schutz der Älteren generell gelegt wurde: 

*„Die Studienteilnehmer zeigten sich eher bereit, Opfer für andere zu bringen, wenn ein ‚Worst-Case-Szenario‘ kommuniziert wurde. Bestand beim Gang zur Arbeit das Risiko, einen älteren Kollegen anzustecken, der dadurch schwer erkranken könnte, zeigten sich die Teilnehmer eher bereit, zu Hause zu bleiben.“*

Auch die folgende Aussage ist wissenschaftlich verifiziert: 

*„Wenn Menschen moralische Entscheidungen treffen, berücksichtigen sie häufig, wie andere ihr ‚egoistisches Verhalten‘ bewerten würden. Schädliche Handlungen werden strenger beurteilt als schädliches Unterlassen: Wer durch eine Abweichung vom Status quo Schaden verursacht, wird stärker dafür verantwortlich gemacht als jemand, der durch bloßes Beibehalten des Bestehenden Schaden anrichtet.“* 

Aus diesem Verhalten schlussfolgern die Autoren: „Wenn man daher die Entscheidung, während einer Pandemie am ‚gewohnten Ablauf‘ festzuhalten, nicht als passive Entscheidung oder Standardvorgehen, sondern als aktive Entscheidung umdeutet, könnte ein solches Verhalten auf weniger Akzeptanz stoßen.“ Genau diese Umdeutung geschah während der Corona-Krise und war der Grund für die perfide Ausgrenzung von Menschen, die sich den Maßnahmen nicht anschließen wollten, und an deren Verurteilung noch heute festgehalten wird.

Weiter schreiben die Autoren: Um eine globale Koordination zu ermöglichen, müssten Einzelne persönliche Kosten in Kauf nehmen, um anderen zu nützen. Die Laborforschung hätte aber gezeigt, dass Menschen lokalen Interessen den Vorzug vor globalen oder internationalen Interessen geben. Eine zentrale Frage der Autoren lautet daher, wie sich globale Zusammenarbeit fördern ließe. Beispielsweise hätten Versuche gezeigt, dass die Sanktionierung von Personen, die nicht kooperieren, oder die Belohnung von Kooperationsbereiten tendenziell zu mehr kooperativem Verhalten führen würde. 

Und auch der Medienterror wird nach der Lektüre dieses Textes klarer. 

>Die Autoren empfehlen nämlich, die Sichtbarkeit erwünschten Verhaltens zu erhöhen, weshalb Regierungen und Medien die Zusammenarbeit verstärken müssten. Menschen würden eher kooperieren, wenn sie glauben, dass auch andere kooperieren. 

Und um die alten Normen in der Gruppe zu ändern, müssten bestimmte Menschen die Führung übernehmen und das, was bisher als sozial galt — etwa das Händeschütteln —, ab sofort als „asozial“ rahmen und durch eine neue Norm ersetzen.

Weil auch das Vertrauen in Institutionen und Regierungen eine wichtige Rolle spielt, sehen die Autoren verlässliche Informationen und Botschaften von nationalen Führungskräften und zentralen Gesundheitsbehörden als notwendig an. Denn ein Mangel an Vertrauen hätte negative Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen, womit wohl das Testen und Impfen gemeint sein dürfte.

Und es wird noch besser: Um das Gruppenbewusstsein und die Einhaltung der Normen zu stärken, solle die eigene Gruppe aufgewertet werden. Führungskräfte sollten ein Gefühl der „moralischen Erhebung“ vermitteln. Wörtlich heißt es: 

*„Das sichtbare Vorleben pro-sozialer und selbstloser Handlungen kann Beobachter dazu anregen, ihrerseits freundlich und großzügig zu handeln. Wenn angesehene Politiker, Prominente und Führungspersönlichkeiten aus der Gemeinschaft beispielhaftes Verhalten und Opferbereitschaft vorleben, kann dies pro-soziales Verhalten und Kooperation fördern.“*

Die öffentlichen Verlautbarungen von sogenannten Prominenten und das Impfen vor laufender Kamera ergeben vor diesem Hintergrund sehr viel Sinn.

## Lewins 3-Phasen-Modell während des Pandemiegeschehens

### 1. Auflockerung alter Gewohnheiten, der „Unfreezing“-Prozess

*	Identifizierung der stabilisierenden Kräfte des alten Verhaltens: Die stabilisierenden Kräfte waren das normale Sozialverhalten. Der Kneipenbesuch, das Händeschütteln, die Teilnahme an Zusammenkünften, sie hielten das alte Gleichgewicht aufrecht.
*	Entfernung der stabilisierenden Kräfte: Weil Lockdowns, Maskenpflicht und Abstandsregeln nicht wirklich überzeugten, mussten behördliche Anordnungen her. Regierungen definierten die Normen rechtlich neu; erst diese Verbote entzogen dem alten Verhalten seine gesellschaftliche Zulässigkeit. Die hemmenden und stabilisierenden Kräfte wurden damit strukturell beseitigt.
*	Die Nutzung der Gruppendynamik: Die Botschaften „Bleibt zu Hause“ oder „Wir sitzen alle im selben Boot“ wurden als gemeinschaftliche Handlung, als neue Gruppennorm gerahmt. Dadurch wandelte sich die Norm der In-Group von „Geht raus und genießt das Leben“ hin zu „Bleibt zu Hause und schützt eure Gemeinschaft“. Die Gruppenidentität war dabei der entscheidende Hebel.
*	Nachrichtenaustausch innerhalb der Gruppe diente zur Stärkung des Vertrauens: Die Botschaften wurden von vertrauenswürdigen Quellen aus dem eigenen Umfeld übermittelt — etwa von Ärzten, lokalen Führungskräften oder religiösen Würdenträgern („Jesus würde sich impfen lassen“) —, nicht nur von der Regierung. In der Studie für das Magazin „Nature Human Behaviour“ wurde ausdrücklich empfohlen: „Identifizieren Sie Quellen, die für unterschiedliche Zielgruppen glaubwürdig sind.“ Die Wirksamkeit der Botschaft variierte je nach Glaubwürdigkeit der Quelle, was mit Lewins Befund übereinstimmt, dass Mitglieder der eigenen Gruppe überzeugender wirken als Mitglieder einer fremden Gruppe.

### 2. Einführung der neuen Normen, der „Change“-Prozess
*	Aktionsforschung: Die Maßnahmen wurden wöchentlich angepasst, was Lewins iterativem Vorgehen entspricht: „zu Hause bleiben“, „wachsam bleiben“, „sicher bleiben“ und wieder „zu Hause bleiben“, 2G, 3G und wieder 2G. Jede dieser Anpassungen stellte einen neuen Zyklus aus „Handeln“ und „Beobachten“ dar. Die Studie zur „gekoppelten Dynamik“ bildet dies explizit ab: Nicht die Krankheitsinzidenz, sondern das soziale Signal — also das Verhalten der Menschen — bestimmt die nächste Verhaltensphase. Es erfolgten wöchentliche Umfragen zu Verhalten, Einhaltungsquoten und wahrgenommenen Normen.
*	Die „Force Field“-Analyse: Im weiteren Verlauf der akuten Phase kamen neue hemmende Kräfte hinzu, die die Verhaltensänderung gefährdeten. Dazu zählten Erschöpfung, wirtschaftlicher Druck, „Impfmüdigkeit“ sowie politische Polarisierung. Die ursprüngliche hemmende Kraft, die soziale Norm des Sich-Treffens, war zwar aufgrund behördlicher Anordnung weggefallen, doch es häuften sich neue Hemmnisse an. So ließ die Einhaltung der Maßnahmen im Laufe der Zeit nach. Die Literatur zur „Pandemie-Müdigkeit“ beschreibt eine Neuordnung der Kräfteverhältnisse: Die ursprünglichen Triebfedern, Angst und/oder Solidarität, schwächten sich ab; dafür gewannen neue Hemmnisse, zum Beispiel wirtschaftliche Einbußen, Bedenken hinsichtlich der Freiheit, an Gewicht.
*	Die Gruppendynamik: Es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Polarisierung: Befolger versus Nicht-Befolger. Die Nature-Studie hatte davor gewarnt: Botschaften, die auf Ekelgefühlen hinsichtlich der Hygiene anderer basieren, seien kontraproduktiv, da sie die kollektive Identität untergraben würden. In der Praxis geschah genau das und die Meinungsumfragen bestätigen es. Es entstand der Effekt der „sozialen Sortierung“: Menschen schlossen sich zunehmend mit anderen zusammen, die ihre Haltung zur Einhaltung der Regeln teilten.

### 3. Verfestigen der neuen Normen, der „Refreezing“-Prozess
*	Nur der strukturelle Wandel durch behördliche Anordnungen wurde „eingefroren“. Das heißt, nur die Maßnahmen, die angeordnet wurden, hatten auch Bestand: Die Maskenpflicht an Schulen wurde ein Jahr lang beibehalten; Regelungen zur „Remote“-Arbeit wurden bei vielen Berufen sogar dauerhaft; Verbesserungen der Belüftungssysteme sowie die Hygieneinfrastruktur wurden beibehalten. Die fest etablierten Maßnahmen sind nun Teil der Systemarchitektur und müssen nicht mehr durch Angst aufrechterhalten werden.
*	Maßnahmen, die nicht dauerhaft strukturell verankert wurden, waren diejenigen, die durch Angst als die treibende Kraft aufrechterhalten werden mussten: Ausgangsbeschränkungen, Reiseverbote, Versammlungsbeschränkungen. Als die Angst nachließ, fiel das Verhalten sofort in die alten Muster zurück. Dies ist das klassische Scheitern nach Lewin: Die neue Norm, die durch Spannung, nicht durch Struktur gehalten wird, kann sich nicht verfestigen. Sobald die Beschränkungen aufgehoben werden, fällt die Gruppe zurück in die alten Verhaltensweisen.
*	Der entscheidende Test: Welche Verhaltensweisen haben sich gehalten, und bei welchen gab es einen Rückfall in alte Muster? Die Antwort ist glasklar: Die strukturellen Aspekte — „Remote“-Arbeit, Hygieneinfrastruktur, Telemedizin — haben Bestand. Die angstgetriebenen Verhaltensweisen — Rückzug ins Private, Meiden von Menschenansammlungen — konnten sich nicht halten. Und genau das sagt auch Lewins Modell voraus.

## Kritik an der Rhetorik „natürliches Experiment“
Kritik an diesen unmoralischen Vorgängen üben die Wissenschaftlerinnen Claire Herrick und Kirsten Bell. In ihrem Aufsatz [„The social life of natural experiments in epidemiology and public health“](https://europepmc.org/article/MED/37596959), publiziert 2024 in „Sociology of Health & Illness“, kritisieren sie explizit die Rahmung als „natürliches Experiment“. Denn dies hätte dazu geführt, dass die Zustimmung und die Aufsicht für die zahlreich durchgeführten Studien entfielen, die für ein geplantes Experiment erforderlich gewesen wären. Die Pandemie wurde in der Forschung als „erstes echtes, globales, natürliches Experiment der modernen ‚Big Data‘ Ära“ gerahmt.

> Lockdowns boten angeblich „einzigartige“ Möglichkeiten, Phänomene zu studieren, die sonst „logistisch unmöglich, offensichtlich unethisch oder kulturell unpassend“ gewesen wären. Die Autorinnen kritisieren weiterhin, dass diese Sprache der „Gelegenheit“ die ethische Dimension neutralisiert — eine globale Krise wird zur bloßen Forschungsressource. 

Ein extrem bedenkliches Vorgehen von Seiten „der“ Wissenschaft, der man doch hätte folgen sollen. Ein „Weiter so wie bisher“ ist nach einem derart moralischen Totalversagen in „der“ Wissenschaft nicht mehr möglich. Die Bezeichnung „natürliches Experiment“ war laut Herrick und Bell an sich schon ein politischer Akt — einer, der den Forschern diente und nicht den Menschen, an denen das Experiment vollzogen wurde.

Ob es sich bei der Corona-Pandemie um ein groß angelegtes und weltweit geplantes „Feldexperiment“ handelte, lässt sich nicht zu einhundert Prozent beweisen, aber es gibt starke Indizien. Was es auf jeden Fall war: das vielleicht folgenreichste Naturexperiment in der Geschichte der Sozialwissenschaften. Die Frage, die also gestellt werden sollte, lautet nicht: „Wurde es entworfen?“ Sie lautet: „Wer entscheidet jetzt, da die Werkzeuge institutionalisiert sind, wann sie das nächste Mal eingesetzt werden?“

## Lektionen aus dem „Reallabor Corona“
Denn dass sie künftig eingesetzt werden, das ist so sicher wie das „Amen in der Kirche“, dafür sprechen die Reaktionen auf die Krise, die in zahlreichen unmissverständlichen Dokumenten thematisiert wurden. Die allgemeine Erkenntnis aus diesem „natürlichen“ Experiment lautet nämlich: Man müsse für künftige Pandemien besser gerüstet sein. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) veröffentlichte eine [„Handreichung für Entscheidungsträger — Wissenschaften in der Coronavirus-Pandemie: Erkenntnisse, Wissens- und Handlungslücken sowie Schlussfolgerungen für die Vorbereitung auf künftige Pandemien“](https://www.dfg.de/resource/blob/175942/stellungnahme-pandemic-preparedness-handreichung.pdf). 

Dort heißt es wörtlich: „Welche Erkenntnisse aus der Coronavirus-Pandemie müssen wir nutzen, um in Zeiten multipler komplexer globaler Krisen auch zukünftig von wissenschaftlich gesichertem Wissen, Strukturen und Ressourcen zu profitieren? Die „Lessons Learnt“ richten sich an Politik und Verwaltung, an Wissenschaftsorganisationen und Forschungsförderer, an Medienvertreterinnen und -vertreter sowie an die forschende Gemeinschaft.“

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) legte am 15. Januar 2022 das Gutachten [„Lessons Learnt: Reallabor Corona — nationale Erfahrungen mit Frühwarnsystemen in der aktuellen Pandemiekrise“ (Deutschland) vor](https://www.bigs-potsdam.org/app/uploads/2024/08/Lessons_Learnt_Reallabor_Corona.pdf). In diesem Gutachten geht es tatsächlich um die Etablierung einer Art Hygienestaat mit 24/7-Überwachung durch digitale Werkzeuge und Künstliche Intelligenz (KI), was ganz hervorragend zur Datenökonomie des Bundeskanzlers passt. Es geht hier nicht mehr nur um die richtige Reaktion auf Krankheitsausbrüche, nein, es geht darum, kontinuierlich und aktiv nach irgendwelchen Erregern zu suchen, um dann die Gelddruckmaschine anzuwerfen und unsinnige Produkte zu erwerben sowie die Bevölkerung mittels der nun erprobten Verhaltenspsychologie zur Akzeptanz zu bewegen oder — bei Widerstand — erneut zu tyrannisieren. 

Auch die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages äußerten sich zu dieser Krise und legten 2024 das Dokument „Informationen zur Aufarbeitung der gesellschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie [in ausgewählten Ländern“ vor](https://www.bundestag.de/resource/blob/1030108/3c9f5814981954bfb2eb3bbf1763e74c/WD-8-072-24-pdf.pdf). Das Dokument untersucht Australien, Großbritannien, Österreich, Schweiz, Spanien und die USA. Die Beamten schreiben in der Einleitung: 

*„Die Corona-Politik während der Pandemie hatte große Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Aus einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass besonders der gesellschaftliche Zusammenhalt nach der Corona-Pandemie gelitten habe. Zudem seien Zukunftssorgen gestiegen und die Lebenszufriedenheit sei gesunken. In diesem Zusammenhang werden immer wieder Forderungen nach einer Aufarbeitung der Corona-Politik in Deutschland laut. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund zu sehen, dass oftmals ein Vertrauensverlust gegenüber demokratischen Institutionen, aber auch gegenüber der Wissenschaft zu verzeichnen war. Es herrscht allerdings Unklarheit und Uneinigkeit darüber, in welchem Format eine Aufarbeitung vorgenommen werden könnte. Teilweise wird eine Enquetekommission vorgeschlagen, aber auch das Format eines Bürgerrates wurde ins Spiel gebracht.“*

Die Aussagen in diesem Dokument sprechen dafür, dass sämtliche Fakten bekannt sind und dass eine Enquetekommission nur dazu da wäre, erneut Vertrauen aufzubauen. Vertrauen in eine nicht vertrauenswürdige Politik, die von ihr unterstützten intransparenten Organisationen, ihre abgehobenen „elitären“ Netzwerke und vor allem „die“ hochgradig unmoralische Wissenschaft kann und sollte es nie wieder geben. Das System hat sich selbst delegitimiert.

Die oben erwähnten Dokumente könnte man noch als sinnbefreite Ergüsse einiger Wichtigtuer abtun, deren Hirngespinste wie so oft nur Geld verschlingen, um dann in irgendwelchen Schubladen zu verschwinden. Doch die Strukturen, die im Rahmen dieses Experiments geschaffen wurden, sind etwas ganz anderes. Ihr Ziel ist es, die Bürger, und vor allem junge Menschen, mit Verhaltenspsychologie zu einer kollektiven Manövriermasse zu machen, die man mit ihren eigenen Daten von einem Irrsinn in den nächsten treiben kann.

Besonders bedenklich ist der Zusammenschluss der 41 Leibniz-Institute im [„Leibniz-Lab Pandemic Preparedness: One Health, One Future“](https://www.leibniz-liv.de/institut/netzwerk/leibniz-lab-pandemic-preparedness). Das Ziel: besser auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein. Fast schon gemeingefährlich empfinde ich persönlich die Etablierung eines Pandemie-resilienten Bildungssystems. Dieses, so heißt es, solle die nächste Generation schützen, tut aber genau das Gegenteil. Geplant ist, junge Menschen in den MINT-Fächern mit einer Wissenschaft zu indoktrinieren, die eher an Alchemie erinnert. So soll Kindern der R-Wert nähergebracht werden und eine gute Erklärung gefunden werden, weshalb das Tragen von Masken notwendig und etwas Gutes sei. Und ganz besonders wichtig sei es, den menschengemachten Klimawandel verständlich in die Köpfe von Jugendlichen zu bringen.

Einen großen Beitrag zu diesem digitalen Gesundheitskontrollstaat dürfte auch die [SORMAS Foundation](https://www.sormas.org/foundation/about-us) leisten. Die Stiftung geht auf Gérard Krause, einen deutschen Infektionsepidemiologen, zurück, der Initiator und Entwickler des Überwachungssystems SORMAS (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System) ist, das während der Corona-Krise nicht nur in Deutschland genutzt wurde. Krause war von 1998 bis 2000 Epidemic Intelligence Service (EIS) Officer an den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, USA. Im Jahr 2000 wechselte er ans Robert Koch-Institut (RKI), wo er von 2005 bis 2013 die Abteilung für Infektionsepidemiologie leitete. Die Stiftung wurde von seinem früheren Arbeitgeber, dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, praktischerweise 2022 ins Leben gerufen. Im März 2023 übernahm Krause dann die Leitung der neu eingerichteten Abteilung [„Surveillance Systems“](https://www.dzif.de/de/epidemiologe-gerard-krause-wechselt-zur-who) bei der WHO in Genf, wo er sicher schon ganz ungeduldig auf die nächsten tödlichen Erreger wartet.

Hier ist ein kleiner Einschub nötig, da ich während meiner Recherchen zu Krause auf eine Stiftung gestoßen bin, auf die ich hier nicht eingehen kann, die ich aber jedem Leser, der verstehen möchte, was gerade in Deutschland geschieht, ans Herz legen möchte. Es geht um die [„Falling Wall Foundation“](https://falling-walls.com/de/foundation/people/gerard-krause), gegründet 2010 auf [Initiative von Sebastian Turner](https://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Turner), dem ehemaligen Verleger des Berliner Tagesspiegels, der eine hochinteressante Vita hat. Auch ein Blick auf die honorigen Partner der Stiftung lohnt sich.

Doch weiter mit der SORMAS Stiftung, die sich folgendes Motto auf die Fahnen geschrieben hat: „A world in which all countries are prepared to respond to epidemics and pandemics digitally and collaboratively.“ (Eine Welt, in der alle Länder darauf vorbereitet sind, auf Epidemien und Pandemien digital und in Zusammenarbeit zu reagieren). Zu diesen Zielen passt der [Mann im Beraterteam](https://www.sormas.org/foundation/advisory-board), Paul Bondich, ganz ausgezeichnet. Der Amerikaner ist Medizininformatiker und Kinderarzt am Regenstrief Institute und Professor für Pädiatrie an der Indiana University School of Medicine. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Informatik in ressourcenarmen Umgebungen, Entscheidungshilfesystemen und internationalen Gesundheitsinformationsarchitekturen, unter anderem [OpenHIE](https://ohie.org) und [WHO Collaborating Centre in Medical Informatics](https://www.who.int/about/collaboration/collaborating-centres). Außerdem ist er Fellow der [International Academy of Health Sciences Informatics (IAHSI)](https://imia-medinfo.org/wp/iahsi/). Freie Fahrt also für die totale Digitalisierung des Gesundheitssystems, zu Lasten der Bürger und zur Freude der internationalen Konzerne.

Der Startschuss für diese „globale Kollaboration“, was in der Praxis nichts anderes als das Abgreifen von Steuergeld bedeutet, kam dann am 12. Oktober 2026 durch die Bekanntgabe der WHO: Die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete an diesem Tag die [„Politische Erklärung zur Prävention, Vorsorge und Reaktion im Hinblick auf Pandemien“ (PPPR)](https://www.who.int/news/item/12-10-2026-who-welcomes-adoption-of-united-nations-political-declaration-on-pandemic-prevention-preparedness-and-response). Gleichzeitig rief die UN-Generalversammlung zu nachhaltigen Investitionen und Maßnahmen durch die unterzeichnenden Länder auf.

Die OECD schlägt exakt in dieselbe Kerbe. Die zentrale Botschaft in ihrem Leitfaden [„Wirtschaftliche Argumente für die Pandemievorsorge und ‑reaktion“](https://www.oecd.org/de/publications/wirtschaftliche-argumente-fur-die-pandemievorsorge-und-reaktion-auszugsweise-ubersetzung_d4a02780-de.html) vom Oktober 2026 lautet: Mehr Geld für Pandemievorsorge und kluge Investitionen in die öffentliche Gesundheit sowie die wirtschaftliche Resilienz. Die Zusammenfassung lässt dann auch keine Fragen offen: 

*„Durch die frühzeitige Umsetzung von Maßnahmen wie Händehygiene, das Tragen von Masken und Maßnahmen zur physischen Distanzierung, lassen sich mehr Leben retten und wirtschaftliche Verwerfungen begrenzen. Wird verspätet gehandelt, kann es notwendig sein, Ausgangsbeschränkungen einzuführen, um die Krankheitsübertragung unter Kontrolle zu bringen. Für eine zeitnahe und wirksame Reaktion sind robuste Krankheitsüberwachungs- und Bevorratungssysteme unerlässlich.“*

Das klingt schon fast wie eine Drohung, sollte ein Staat es wagen, sich unsinnigen Maßnahmen und der Finanzierung wirkungsloser Produkte zu verweigern.

## Steht ein neues „Unfreezing“ bevor?
Eine der wichtigsten Fragen aber lautet nun: Wann kommt die nächste Krise, die die Welt endlich zur Kooperation zwingt, und wie wird sie aussehen? Möglicherweise weiß das britische „Chatham House“ schon etwas mehr als wir, denn es veröffentlichte im März 2026 ein Dokument mit dem vielsagenden Titel [„Breaking the deadlock on AI governance — How a crisis could lead to global coordination“](https://www.chathamhouse.org/2026/03/breaking-deadlock-ai-governance) (Die Blockade bei der KI-Governance durchbrechen — Wie eine Krise zu globaler Koordinierung führen könnte). Da haben wir sie wieder, die globale Zusammenarbeit, die wohl einfach nicht gelingen will. Also versuchen wir es dieses Mal vielleicht mit einer amoklaufenden KI? Gleich in der Einleitung kommen die Autoren zum Punkt: 

*„Die internationale KI-Governance ist bisher nicht aufgrund mangelnder Weitsicht gescheitert, sondern weil die gegenwärtige politische Ökonomie der KI eine Koordination nahezu unmöglich macht. Angesichts dieser Sackgasse müssen sich Staaten und Unternehmen auf eine mögliche KI-bedingte Krise vorbereiten und Wege finden, die globale Koordination im Nachgang voranzutreiben.“*

Wörtlich schreiben die Autoren: 

Eine KI-Krise — sei es ausgelöst durch ein Versagen des Finanzsystems, den Missbrauch autonomer Waffensysteme oder den Kontrollverlust über ein KI-System — könnte ein kurzes Zeitfenster schaffen, in dem die zuvor unmöglich erscheinende Koordination und Zusammenarbeit unerlässlich werden. Extrem wichtig sei in einem solchen Falle das Kommunikationsmanagement: Es müssten wirksame Darstellungsformen und Narrative entwickelt werden. Entscheidungsträger, technische Experten und Kommunikatoren müssten in der Lage sein, eine KI-Krise so darzustellen, dass sie öffentliches Verständnis und politische Unterstützung für Gegenmaßnahmen erzeugt und gleichzeitig Panik, Fehlinformationen und falsche Zuordnungen vermeidet. 

> Da Katastrophen Angst und Panik auslösen würden, weil sie folgenschwer und öffentlichkeitswirksam sind, könnte eine solche Situation, so die Autoren, dazu führen, dass der Widerstand gegen Veränderungen zusammenbricht und eine zuvor für unmöglich gehaltene Koordination sowohl machbar als auch unerlässlich würde.

Die katastrophale Krisensituation würde Entscheidungsprozesse beschleunigen, Vetos schwächen und die globale Koordination als einzigen Lösungsansatz in den Vordergrund rücken. Fast sieht es so aus, als wenn die dauernden Wiederholungen der jüngsten KI-Vorfälle nur den Boden für eine größeres Ereignis bereiten sollen.

## Weshalb das funktioniert und wie man es durchbrechen kann
Dass es sich hier um psychologische Steuerung handelt, daran gibt es wohl keinen Zweifel. Doch wie schützt man sich nun vor solchen Angriffen auf die Psyche? Ganz einfach: indem man sie durchschaut. Denn die Grundvoraussetzung für das Funktionieren solcher psychologischen Steuerungsexperimente ist, dass die Person im Feld nicht weiß, dass sie sich in einem solchen Feld befindet. Lewins Formel B = f (P, E) funktioniert nur dann, wenn P, also die Person, keinen Zugang zu E, der Karte der wirkenden Kräfte, hat. In dem Moment, in dem das Individuum das Kraftfeld erkennt — „Ach so, das ist es also, was mit mir gemacht wird“ —, verliert das Feld seine Wirkung. Der Werkzeugkasten muss also unsichtbar sein, er darf sich nur in den Händen derjenigen befinden, die sich außerhalb des zu verändernden Systems befinden. Die Betroffenen dürfen die Karte der wirkenden Kräfte niemals in die Hände bekommen. 

Die Rahmung der Corona-Krise als „natürliches Experiment“, das Herrick und Bell 2024 in ihrem Aufsatz beschrieben haben, macht eine Offenlegung sogar überflüssig: Wenn der Vorgang als „natürlich“ gilt, gibt es keine steuernde Instanz, der man Rechenschaft schuldet. Das Verständnis für den Prozess, der erklärt, warum und wie eine Veränderung zustande kam, bleibt dann im Dunkeln. Man nutzt ja nur die Psychologie der Person/Gruppe und setzt sich nicht über ihren Willen hinweg. Vielmehr gestaltet man das Umfeld so um, dass ihr eigener Wille das gewünschte Ergebnis hervorbringt. Die Person hat das Gefühl, sich selbst dafür entschieden zu haben. 

Doch weil die Technologie nur funktioniert, solange die Person im Feld nicht weiß, dass sie sich in einem Feld befindet, ist die Bewusstwerdung entscheidend. 

> Das Bewusstsein ist die einzige Kraft, die das Modell durchbrechen kann. Seien wir also wachsam und verhindern wir bewusst eine neue Krise, die bereits geplant sein könnte.

Das Verlassen des Feldes ist gar nicht so schwer; wir müssen nur die Dimension des Feldes verlassen und uns in eine höhere Dimension begeben, in der die Feldstrukturen als solches klar erkennbar werden. Anschließend gilt es, sie laut auszusprechen und, wenn möglich, sie einfach zu ignorieren. Die Fallen sind aufgestellt — treten wir nicht erneut hinein.


