Ein Kanzler zum Heulen
Vermutlich hat kein Bundeskanzler vor Friedrich Merz so viel in aller Öffentlichkeit geweint. Man darf sich diese emotionalen Ausbrüche nicht als Stärke verkaufen lassen — sie gehören einfach nicht an die Spitze eines Staates.
Da hat es der Bundeskanzler abermals getan: Geweint — diesmal bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises in Berlin. Der wird jährlich von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung für herausragende Schulqualität vergeben. In diesem Jahr gewann die Bertha-von-Suttner-Schule aus Mörfelden-Walldorf, eine hessische Gesamtschule. Der Bundeskanzler war geladen, um den Hauptpreis in Höhe von 100.000 Euro zu übergeben. Entsprechend ausgelassen war die Stimmung im Studio Berlin, wo die Veranstaltung aufgezeichnet wurde. Schulfunktionäre und Schüler jubelten — und sie applaudierten dem Kanzler frenetisch. Lehrer und Schulleiterin warfen sich ihm gar vor Freude an den Hals. Friedrich Merz schien diese gute Laune sichtlich zu genießen. Nachdem ihn alle geherzt hatten, wischte er sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht. Einige Medien griffen den Vorfall auf. Als Grund für seine emotionale Reaktion nannten sie, dass er sich wohl in dieser unbeschwerten Runde endlich einmal wertgeschätzt fühlte. Die Preisverleihung ist schließlich ein annähernd politikfreier Raum, dort wälzt keiner die Probleme, die das Kabinett Merz forciert und erzeugt.
Fernab politischer Realitäten simuliert man beim Deutschen Schulpreis, dass das deutsche Bildungssystem ja doch noch ganz in Ordnung sei — dort macht man auf Hochglanz, der graue Schulalltag bleibt außen vor. Friedrich Merz trat in jener Atmosphäre also befreit vom Ballast seiner bröckelnden Koalition und Kanzlerschaft auf. Keiner buhte und niemand kritisierte seine politische Vorgehensweise — zu hohe Energiepreise, Steuergelder in Milliardenhöhe für die Ukraine oder Aufrüstungswahn bei anhaltender Sozialstaatsverdrossenheit: Alles kein Thema auf der Bühne an diesem Vormittag. Stattdessen Liebkosungen für einen, den offenbar kaum noch einer lieb hat.
Szenen einer am Wasser gebauten Kanzlerschaft
Nur noch zehn Prozent der Bundesbürger sind mit der Arbeit dieses Bundeskanzlers zufrieden, zeigt der ARD-Deutschlandtrend in seiner letzten Auswertung. Dieser Wert ist der Tiefpunkt einer ganzen Reihe von Beliebtheitsumfragen, die allesamt am unteren Ende der Skala angesiedelt waren. Aber beim Schulpreis war für einen Augenblick alles anders, war alles ganz so, wie es sich Friedrich Merz ausgemalt hat, als er in den Jahren vor seinem Amtsantritt von seinem großen Ziel, dem Kanzleramt, träumte. Die Menschen würden ihm in diesem Traum zu Füßen liegen, seine Nähe schätzen, sich mit ihm freuen: Deutschland, ein idyllischer Ort, an dem freudentrunkene Bürger so begeistert sind, dass sie ihren Friedrich, den Mann ihrer Gunst, in die Arme schließen.
Für einen, dessen Lebensrealität vollkommen anders aussieht — so ganz anders als das, was er sich vorgestellt hatte, bevor er Kanzler wurde —, muss dieser Schulpreis eine wundervolle Abwechslung gewesen sein. Für einige Augenblicke tauchte er in ein Szenario ein, das ihm wie sein Sehnsuchtsort vorkommen musste. Dass ihn dieser Moment rührte, muss also sicher auch vor dem Hintergrund seiner Enttäuschung über das Volk betrachtet werden. Denn Friedrich Merz moniert zwar häufig, dass es zu viel Nörgelei im Lande gebe, aber gleichzeitig nörgelt er nicht minder oft über die Bürger, die nicht zu schätzen wüssten, was er und seine Regierung eigentlich bewerkstelligen. Wie gerne hätte er ein Volk, das ihn würdigt — bei jener Preisverleihung fand er endlich dieses Volk, jedenfalls für eine kurze Zeitspanne.
Das ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Immer wieder konnte man sehen, wie dieser Bundeskanzler um Fassung ringen musste. Im September 2025 besuchte er die Münchner Synagoge zu ihrer Wiedereröffnung. Er sprach dort über seine Scham angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen und über die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander, deren Familie den Holocaust überlebt hatte — dann brach ihm die Stimme, er rang einige Sekunden, sprach dann in gedrückter Tonlage weiter. Der Bundeskanzler zeigte Emotionen. Einige Medien fanden dafür auch lobende Worte, schließlich gehe Anteilnahme nur so. Am Ende sei dieser Regierungschef ja dann doch empathisch, auch wenn seine Kritiker gerne das Gegenteil behaupteten.
Im Dezember 2025 dasselbe emotionale Bild, nur in einer anderen Stadt — in Berlin sprach er auf dem deutsch-ukrainischen Wirtschaftsforum. Erneut brach ihm die Stimme, abermals rang er gegen die Tränen an. Offenbar übermannte ihn ein Satz, den er gleich zu Beginn seiner Rede platzierte:
„Manchmal wache ich morgens auf und ich denke einen kurzen Augenblick: Ist das alles nur ein böser Traum?“
Nein, es ist kein böser Traum — leider. Teile dieses vermeintlichen Albtraumes könnten allerdings verunsichern, denn dieser Krieg war nicht einfach in der Welt, man wachte nicht einfach auf und er war da. Es gab Ursachen und eine Vorgeschichte. Und es gibt Strukturen, die ihn am Leben halten — und die in weiten Stücken von Berlin aus bedient werden.
Steckt am Ende gar ein wenig Traurigkeit über diese kriegsfördernde Rolle seiner Bundesregierung in den Tränen, die er auf dem Forum zu unterdrücken versuchte?
Das kann man nicht wissen — was man jedoch wissen kann: Die Welt blickte auf einen deutschen Regierungschef, der seine Gefühlslage nicht ganz im Griff hatte. Merz‘ Biografin Miriam Lau führt dieser Tage in den Medien noch einige Fälle auf, bei denen der Bundeskanzler heulte — oder zumindest kurz davorstand.
Kein Bundeskanzler vor ihm hatte so oft feuchte Augen — man erinnert sich eigentlich an gar keinen, der jemals so um Fassung ringen musste. Bis neulich galt es nicht als Leistungsnachweis einer Kanzlerschaft, wenn man hier und da, am besten aber an den richtigen Stellen, von Gefühlen gepackt wurde — ja, es gab sogar mal eine Zeit, in der man unbedingt vermeiden wollte, dass ein ranghoher Politiker öffentlich weint.
Bitte keine Vertraulichkeiten mit dem Regierungschef
Eine Weile lang galt der „heulende Merz“ noch als Sensation. Aber mittlerweile hat sich die deutsche Öffentlichkeit daran gewöhnt, dass sie einen Regierungschef aushalten muss, der offenbar zu nah am Wasser gebaut hat. Seine Tränen in der Synagoge wurden öffentlich kaum kritisiert, vermutlich hatte sich der Medienbetrieb in seiner Blase mehr oder weniger darauf verständigt, dass man einen Kanzler, der im Angesicht der deutschen Geschichte weint, durchaus lobend hervorheben sollte.
So fand Ulrich Pick vom SWR, dass „das Verhalten des Kanzlers angemessen, respektabel und zudem authentisch“ gewesen sei — der Artikel ist auf der Website leider nicht mehr abrufbar, die zitierte Passage lässt sich jedoch weiterhin über den Suchmaschinenindex nachvollziehen. Klaus Hillenbrand von der taz lobte ausdrücklich die Glaubwürdigkeit der Kanzlertränen – und die FOCUS-Chefredakteurin verlegte sich auf plakative Worthülsen und gratulierte zum Mitgefühl, das Hass und Angst überwinde. Ist man einem ein Regierungschef emotional näher, viel vertrauter vielleicht sogar, wenn er auch mal Gefühle zeigt, wenn er öffentlich weint und zu seinen Tränen steht? Diese Frage beschäftigte mal für einen Augenblick die NDR Talk Show in einer Ausgabe aus dem Jahr 1986. Damals zu Gast: der Altkanzler Helmut Schmidt, vier Jahre nach seinem Rückzug aus dem Kanzleramt.
Schmidt zeigte sich damals bestens aufgelegt, eloquent und witzig — Qualitäten, die wir heute freilich von einem Spitzenpolitiker nicht mehr erwarten dürfen.
An einer Stelle spricht ihn Moderator Hermann Schreiber auf jene Tränen an, die Schmidt nach dem Deutschen Herbst vergossen haben soll — nicht öffentlich, wohlgemerkt, und die deutsche Öffentlichkeit wusste lange auch nichts davon. Irgendwann nach seiner Kanzlerschaft hatte Helmut Schmidt bestätigt, dass es so gewesen sei. Schreiber fragt ihn nun, warum er das erst mit dem Abstand zum Amt publik gemacht habe. Schmidt erwidert, „dass jemand, der im Amt eines Regierungschefs ist, […] nach Möglichkeit der öffentlichen Meinung seines Heimatlandes nicht mit Tränen im Knopfloch vorgeführt werden sollte“. An dieser Stelle hakt Co-Moderatorin Marie Louise Steinbauer jedoch ein, sie sehe das ganz anders, teilt sie im leicht aufgeregten Ton mit. Ein Staats- oder Regierungschef wäre ihr nämlich viel näher, viel vertrauter, sie würde ihn auch weitaus mehr schätzen, wenn er auch mal Emotionen zeige. Hanseatisch trocken erwiderte der Altkanzler:
„Ich glaube Ihnen das — auf der anderen Seite ist seine Hauptaufgabe nicht, Ihnen vertraut vorzukommen.“
Großes Gelächter im Studio. Dabei hatte Helmut Schmidt hier nicht nur einen Witz gemacht, sondern etwas ganz Substanzielles thematisiert: Er skizzierte mit seiner schnodderigen Erwiderung, dass zwischen dem Menschen und dem Amt, das dieser Mensch ausfüllt, eine Diskrepanz bestehe, ja zu bestehen habe — dazu kommen wir gleich noch genauer.
Im Laufe der letzten Jahre hat sich allerdings ein neues Gefühl oder eine neue Wahrnehmung etabliert — oder wurde etabliert, quasi als Teil einer Agenda —, wonach ein Politiker immer auch ganz nah an der Emotionalität ausgerichtet sein sollte. Die sogenannten sozialen Netzwerke haben eine solche neue Schwerpunktsetzung sicherlich begünstigt, denn plötzlich lassen auch hochrangige Politfunktionäre zu, dass man ihnen ganz nah kommt.
Der Content Creator aus der Münchner Staatskanzlei etwa, bekannt unter seinem bürgerlichen Namen Markus Söder, lässt das Publikum an allerlei Nichtigkeiten seines Alltages teilhaben: Vom Spaziergang am See bis zum Burgerverdrücken bei McDonald’s. Söder will auf diese Weise zeigen, dass er ein ganz normaler Mensch ist, dessen Leben von Dingen bestimmt ist, die auch in einem zivilen bürgerlichen Leben von Bedeutung sind. Was dabei verwischt wird: Söders Menschsein, seine Gefühlslagen und Vorlieben, seine Wünsche und Ängste etwa, sind nicht Gegenstand der politischen Ordnung, in der er sich als gewählter Vertreter bewegt. Seine Regungen sind Privatsache — er ist aber nicht als Privatmann gewählt worden, sondern weil er in Aussicht stellte, eine gewisse systemische Funktion erfüllen zu wollen. Seine Hamburger, seine Wanderschuhe und seine etwaigen Tränen — hat er je öffentlich geweint? —, sind nicht Gegenstand seines Ministerpräsidentenamtes.
Weinen um die Würde des Amtes
Man könnte nun auch einwenden, dass Markus Söder das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten als Trittbrett missbraucht, um seine Persönlichkeit als Mensch in die Welt hinauszutragen.
Ohne dieses Amt, ohne das Mandat, das er vom Wähler verliehen bekommen hat, würde sich wohl kaum jemand um dieses banale Bürgerleben scheren. Erst das Amt gibt ihm die Möglichkeit, als Mensch aus dem Hintergrund zu treten, sich „da Maggus“ zu zeigen, als fränkischer Bürgersmann, der lebt wie mehr oder weniger alle leben.
Darin steckt mehr als die Ausnutzung eines politischen Amtes zu privaten Zwecken — auch wenn man natürlich erklären würde, dass das alles gar nicht privat ist, sondern Teil des „politischen Geschäftsmodelles“. Dieses Vorgehen entweiht das politische Amt und pinkelt der Würde des Amtes unmittelbar ans Bein. Denn Söder drängt dem Amt seine persönlichen Befindlichkeiten auf, zerrt es in die Zivilität, in der es eben nicht sein dürfte — es ist keine Privatsache, sondern geht weit darüber hinaus: Es ist ein öffentliches Amt, eine Funktion, die den Anspruch erfüllen sollte, über den allzu menschlichen Regungen zu stehen.
Staatsämter, auch auf niederer Ebene, werden natürlich von Menschen ausgefüllt — aber die Person hat hinter der Funktion zurückzutreten. Soweit das Ideal. Vor diesem Hintergrund sollte man Institutionen wie Uniformen oder Roben betrachten. Wer vor Gericht zitiert wird, der sitzt vor einem menschlichen Richter — aber das ganze Setting der im Saal versammelten Juristen ist der Banalität des Alltäglichen enthoben, denn alle laufen sie in Roben herum — in Großbritannien kommen sogar noch Perücken dazu. Das Tragen solcher Umhänge sollte einst — und sollte es noch immer — betonen, dass hier nicht einfach Menschen über einen Angeklagten richten, sondern ein staatlich legitimiertes Amt vorsitzt, eine vom Gemeinwesen geschaffene Institution, die mehr als die Summe der sich hier einfindenden Personen ist. Die im Gericht tätigen Menschen treten zurück, sie fungieren als Funktionsträger — mit dem Menschen, der hintangestellt werden soll, hofft man auch, Befindlichkeiten und persönliche Emotionen aus dem Gerichtssaal zu verbannen. Dass das nicht immer funktioniert, muss wohl nicht gesondert erwähnt werden — aber der Anspruch steht im Raum, an ihm muss man sich messen lassen. Der Richter ist ein fehlbarer Mensch, aber seine menschliche Gefühlslage ist keine Messeinheit, mit der er über andere zu richten hat. Seine Entscheidungen sollten darüberstehen.
Nun tragen Politiker keine Roben — auch Bundeskanzler nicht. Vielleicht sollten sie es aber tun, um stets daran erinnert zu werden, dass das Amt, das sie bekleiden, nicht durch das Schaulaufen ihrer menschlichen Regungen belästigt werden sollte.
Sie fungieren als Funktionsträger, die Emotionen sollten so gut es geht kanalisiert werden. Ein unpersönlich geführtes Amt ist das Ideal — nicht nur, weil die Bevölkerung einen weinenden Regierungschef als schwächlich empfinden könnte, sondern auch, weil die Amtsführung ein solches Banalisieren auf Dauer nicht aushalten kann.
Bürgernähe ist freilich ein Wert, über den heute gesprochen werden muss, denn obgleich die politische Klasse immer stärker die emotionale Karte spielt, um sich bei der Wählerschaft anzubiedern, findet parallel dazu ein Abschottungskurs von der Wirklichkeit des bürgerlichen Alltags statt. Ein Amt jedoch, das durch Tränen aufgeweicht wird, verträgt keine Bürgernähe auf Grundlage feuchter Augen. Hier braucht es nüchterne Distanz, die dem heutigen Emo-Gehabe der postbürgerlichen Klientel — ein bekannter deutscher Journalist nennt sie „Shitbürger“ — entgegensteht und die demgemäß auf Kritik stößt. Wer Ämter emotional aufweicht, delegitimiert auf seine Weise den Staat — er macht ihn banal, profaniert die Amtsweihen und sorgt am Ende eben nicht für mehr Vertrautheit, sondern sorgt dafür, dass das Amt zu einer Hanswurstiade wird.
Ob dann am Ende Friedrich Merz wirklich gerührt ist oder nur vorgibt es zu sein, wie ihm manche Kritiker ebenso emotional geleitet unterstellen, ist eigentlich gar nicht mehr von Belang. Ob echte oder nur Krokodilstränen: Ein Bundeskanzler sollte nicht vor der Öffentlichkeit weinen. Tut er es doch, so degradiert er das Amt, das er ausfüllen sollte, zu einer Peepshow der Gefühle.