# Ein Kurs in Klimawandeln

Intelligentes Regenwassermanagement kann auch regionale Klimaerwärmung rückgängig machen — das nötige Wissen dazu vermitteln immer mehr Experten in Online- und Präsenzkursen. Ein Erfahrungsbericht.

von 
   * Elisa  Gratias

Warum thematisieren Medien so selten das Thema Wasser, während der Klimawandel Dauerthema ist? Industrie und Landwirtschaft folgen einem Profitstreben, Regierungen führen Klimagespräche, und Wissenschaftler suchen nach technologischen Lösungen zur Anpassung an die angeblich unvermeidbare Klimakatastrophe. Währenddessen setzen lokale Initiativen an verschiedenen Orten der Welt bereits Schritte um, die regionalen Klimaveränderungen entgegenwirken können. Aline Van Moerbeke und Juan Pedro Franco Marin arbeiten vor allem auf der iberischen Halbinsel an einigen davon mit und gaben zum Internationalen Tag des Wassers auf Mallorca einen Wochenendkurs zum Thema Regenwassermanagement. Die seit 12 Jahren auf der Insel lebende Manova-Mitherausgeberin Elisa Gratias nahm daran teil. Ein Beitrag zum [#Wasserspezial]( https://www.manova.news/sonderausgaben/1).

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Das Zauberwort lautet Bodenregeneration. Die fruchtbare Schwammschicht der Böden fehlt inzwischen großflächig; ohne diese kann Regenwasser nicht mehr in den Boden einsickern, fließt ungenutzt ins Meer zurück und nimmt dabei auch immer mehr der sich zaghaft neu entwickelnden Vegetation und Humusschicht mit. Durch Bodenerosion entsteht immer mehr Trockenheit, und als Folge davon Überschwemmungen; denn wenn Wasser nicht mehr einsickern und im Boden gespeichert werden kann, fließt es vor allem bei starken Regenfällen schnell ab und reißt weitere Bodenschichten mit sich, wodurch der Teufelskreis verstärkt wird. Grundwasserspeicher leeren sich zunehmend, da der Mensch sie aus immer größeren Tiefen abpumpt, anstatt die Bodenschichten zu regenerieren, die für ein natürliches Auffüllen des Grundwassers unverzichtbar sind.

Durch Bodenversiegelung und den oben beschriebenen Teufelskreis steigen wiederum die Temperaturen, was sich in regionalen Klimaveränderungen und Ausbreitung von Wüsten zeigt — oft auch als Klimawandel bezeichnet.

> Deshalb lautet die einfache Lösung für solche regionalen Klimaveränderungen, dass Regenwasser verlangsamt werden muss, anstatt in Kanäle gelenkt zu werden. Dafür gibt es das Wasserretentionslandschaftsdesign. Wasserretention bedeutet Zurückhalten von Wasser. 

Dafür haben verschiedene Menschen [an verschiedenen Orten der Welt](https://www.youtube.com/watch?v=hGoeiiayDYU) unterschiedliche Methoden entwickelt. Auch alte Kulturen hatten dafür ihre Strategien, die nach und nach von der industriellen Landwirtschaft und Bodennutzung abgelöst wurden. In den Bergen Mallorcas gibt es hierfür die über tausend Jahre alten Terrassen mit ihren charakteristischen Mauern.

Wichtig ist auch, dass diese Techniken immer in Kombination mit Permakultur verwendet werden — einem ganzheitlichen Ansatz für lokale Artenvielfalt, der die zerstörten Böden nach und nach heilt und gleichzeitig Nahrung liefert, während Pflanzen durch Evapotranspiration die Temperaturen senken, vor allem bei großflächiger Renaturierung.

All dies lernen wir — acht Frauen und acht Männer im Alter von 20 bis 70 Jahren — von den beiden Kursleitern Aline und Juan Pedro. Sie betreiben zusammen mit Freunden die Organisationen [PermaMed](https://permamed.org/) („Mediterrane Permakultur“) und [La Casa Integral](https://lacasaintegral.org/?lang=en) („Das ganzheitliche Haus“). Der Kurs beginnt mit der Frage, was wir wissen — und was wir glauben zu wissen, aber eigentlich nicht wissen. Heutzutage streiten und debattieren Menschen gern über Themen, mit denen sie sich nicht wirklich auskennen. Das ist menschlich, aber auch gefährlich, weil wir dann vielleicht manchmal bei einer Meinung bleiben, die wir mit Wissen verwechseln — und auf dieser Grundlage entweder ohnmächtig sind oder sogar Schaden anrichten, was eine nachhaltige Lebensweise angeht. 

Der jüngste Teilnehmer dieses Wochenendkurses heißt Max und ist gerade einmal 20 Jahre alt. Er studiert Biokonstruktion und findet diesen Kurs nützlich als Ergänzung. Später möchte er in seiner Heimat Mallorca zum Wandel in Richtung wirklicher Nachhaltigkeit beitragen. Viele seiner Freunde haben das gleiche Ziel und fokussieren sich auf andere Aspekte. Zusammen wollen sie eine Gemeinschaft gründen. Junge Menschen wie Max machen mir Hoffnung.

Aline hält eine Präsentation über die großen und kleinen Wasserkreisläufe. Sie erklärt, wie sie durch den Menschen zerstört wurden — und wie sie regeneriert werden können. Auch die Frage, welche Rolle der Mensch als Teil des Ökosystems hat, ist zentral. Denn oft begreifen wir den Menschen als außerhalb liegenden Parasiten und Herrscher über die Natur. Doch wir sind nie getrennt von der Natur und können diese zugleich schöpferisch oder zerstörerisch mitgestalten. Eine bewusste Mitgestaltung, die im Einklang mit den Gesetzen der Natur ist, nutzt den anderen Lebewesen — Mikroorganismen, Tieren, Pflanzen, Wasser — und den Menschen. Eine unbewusste Mitgestaltung, die nur auf kurzweilige Profite für Menschen ausgerichtet ist, schadet langfristig uns allen. Es geht um das Maß und darum, auf welche Art und Weise Menschen in ihre Mitwelt eingreifen.

Wir lernen auch die Pioniere der Permakultur und des Wasserretentionslandschaftsdesigns kennen — zum Beispiel [Rajendra Singh](https://tarunbharatsangh.in/) in Indien, [Brad Lancaster](https://www.harvestingrainwater.com/) und [Brock Dolman](https://oaec.org/about-us/staff/brock-dolman/) in den USA, [P.A. Yeomans](https://en.wikipedia.org/wiki/P._A._Yeomans) in Australien, [Sepp Holzer](https://seppholzer.at/) in Österreich und [Sergi Caballero](https://www.sergicaballero.com/) in Spanien. Es gibt viel zu entdecken und zu lernen.

> Nach dem Essen gehen wir an die frische Luft und lernen die erste Grundvoraussetzung für das Wasserretentionslandschaftsdesign: Beobachten. 

Welche Pflanzen wachsen, wie fühlen sich die Böden an, wie steil oder flach ist das Gelände, wo fließt Wasser hin, wenn Regen fällt, wo gibt es vielleicht eine Quelle, ein Wasserauffangbecken, wo gehen die Wege lang, gibt es Anzeichen für Erosion? 

An diesem Wochenende geht es um Lösungen. Deshalb schließt sich gleich ein Praxiskurs an, in dem wir lernen, die verschiedenen Instrumente zu bedienen,  die ebene Linien in der Landschaft finden, denen entlang kleine Gräben angelegt werden können. Diese Methode heißt Keyline-Design. So fließt Wasser nicht ungehindert den für das Tramuntana-Gebirge auf Mallorca charakteristischen steilen Hang hinab, sondern wird in den Gräben gebremst, in die Breite verteilt und kann einsickern.

Am nächsten Morgen steht ein neues Thema an: die Gestaltung der Häuser und Wohnräume für nachhaltige Wassernutzung. Jetzt verstehe ich auch, warum für einen solchen Kurs die beiden Organisationen zusammen so viel Sinn ergeben: Permakultur im Mittelmeer (PermaMed) und das ganzheitliche Haus (La casa integral). Wie kann Wasser über das Dach aufgefangen,  für den Haushalt genutzt und Abwasser wiederum im Garten weiterverwendet werden? Auch dafür haben Aline und Juan Pedro eine Präsentation vorbereitet. Am Nachmittag geht es wieder raus, um zu schauen, wie das Haus und das Gelände darum umgestaltet werden könnten, um Regen- und Abwasser zu nutzen. Es gibt viele naturbasierte Lösungen, die wir kennenlernen. 

Aline und Juan Pedro bieten nicht nur Kurse an, sondern wenden ihr Wissen auch bei konkreten Projekten ihrer Kunden an: in Schulen, auf Privatgeländen und auf Gemeindeflächen. Sie sind mit Begeisterung und voller Motivation im Einsatz. Auch uns Teilnehmer stecken sie mit ihrer Schaffensfreude und ihrem Humor an. Es ist eine Wohltat, Teil einer solchen Gruppe zu sein, in der Männer, Frauen, Alt und Jung zusammenwirken.

> Ich frage Aline, ob sie glaubt, dass die kleinen Flüsse auf Mallorca wieder ganzjährig Wasser führen könnten. Sie ist überzeugt davon, dass das möglich wäre, wenn auf genügend Flächen Wasserretentionslandschaften umgesetzt werden. 

Dafür müssen natürlich erst einmal immer mehr Leute für das Thema sensibilisiert werden, wie es beispielsweise der Film „[Water is Love](https://www.youtube.com/watch?v=hGoeiiayDYU)“ tut. 

Wenn Menschen sich fragen, was sie selbst tun können, so erscheint dies als ein sehr konkreter Weg. Dafür ist es selbstverständlich nötig, sich gründlich zu informieren, vielleicht indem man selbst solche Kurse besucht — die beispielsweise auf Englisch von der Gemeinschaft Tamera [online](https://www.tamera.org/learn/online-course-rainwater-management/) und [vor Ort in Portugal](https://www.tamera.org/learn/water-retention-landscape-of-tamera/) angeboten werden — oder sich über ähnliche [Projekte in Deutschland](https://www.wasser-retention.de/) informiert.

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##### Das Anwesen Son Rullán, wo der Kurs stattfand, thront majestätisch auf einem steilen Hügel in den Hängen der Tramuntana über dem Mittelmeer, Foto: Elisa Gratias
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##### Der Ausbilck von Son Rullán auf das Mittelmeer, Foto: Elisa Gratias
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##### Der Ausblick von Son Rullán auf die Hänge der Tramuntana mit ihren charakteristischen alten Terrassen, die der Wasserretention dienen, Foto: Elisa Gratias
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##### Aline hält eine Präsentation zu verschiedenen Pionieren im Bereich der Wasserretentionslandschaft und ihren Projekten, Foto: Elisa Gratias
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##### Aline und Juan Pedro halten zusammen eine Präsentation zum Wassrkreislauf, Foto: Elisa Gratias
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##### Juan Pedro erklärt die Bodenbeschaffenheit, Foto: Elisa Gratias
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