Einäugiger Scharfblick

Aus dem Team von „Nius“ kommt ein Lexikon linker Kampfbegriffe — gemeint ist eher: alles, was Julian Reichelt nicht mag.

„Unsere Demokratie“, „Desinformation“, „LGBTQIA+“, „Gebärende Person“ … Ja, der zeitgenössische Medienkonsument hat es schwer, mitzukommen bei all den begrifflichen Neuprägungen, die ihm täglich um die Ohren gehauen werden. Der Gründer des erfolgreichen „konservativen“ Portals „Nius“, Julian Reichelt, trifft sicher einen Punkt, wenn er schreibt: „Nichts ist mächtiger als das Wort, und wir leben in einem Land linker Wörter.“ Nun hat er mit seiner Dauerassistentin Pauline Voss ein Buch mit dem Titel „Links — Deutsch, Deutsch — Links“ herausgegeben. Das klingt wie ein Langenscheidt-Wörterbuch, hat aber eher den Charakter eines Begriffslexikons mit politischer Schlagseite. Objektiv zu sein, geben Reichelt und Voss in keinem Augenblick vor. Vielmehr ist von Anfang an klar: Hier werden aus gemäßigt rechtskonservativer Sicht die Gräuel des linken und woken Milieus aufs Korn genommen, welche von den Leitmedien bis zur Regierungsbank die öffentliche Debatte dominieren. Dabei gilt als links — und somit verdammenswert — auch der Wunsch, soziale Härten solidarisch abzufedern oder Kritik an Massakern an der palästinensischen Zivilbevölkerung. Hat der Leser diese Prämisse erst einmal geschluckt, so ist das Buch überwiegend gut und amüsant. Aufregend neu dürfte es aber nur für Menschen sein, die noch nie zuvor Zweifel an Modebegriffen wie „Hass und Hetze“ oder „Delegitimation des Staates“ hegten und die ohne Reichelt und Voss nicht auf die Idee gekommen wären, dass etwas faul sein muss, wenn „Nichtregierungsorganisationen“ aus Staatsgeldern finanziert werden. Für ohnehin rechtsgerichtete Kritiker des herrschenden Polittheaters bewirkt die Lektüre von „Links — Deutsch, Deutsch — Links“ lediglich eine Stärkung im Glauben — ähnlich der wöchentlichen Rezitation des „Credo“ in christlichen Gottesdiensten. „Ungläubige“ werden sich allerdings an manchem in diesem Buch stoßen. Am besten geht man ohnehin mit dem Spruch aus dem Thessalonikerbrief des Paulus an den Text heran: „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“

Überrascht war ich eigentlich nur darüber, dass Alexander Kissler und Julius Böhm nicht in der Autorenliste vertreten sind. Die Journalisten sind Dauergäste in der täglichen 3-Stunden-Sendung Nius live — ein Frühstücksformat, das sich bis weit in den Vormittag hinein erstreckt. Sonst finden Leser in diesem Sachbuch-Ableger von Nius viele der üblichen Verdächtigen, sodass sich ein Gefühl von Vertrautheit einstellt — ähnlich dem nur wenig variierenden Personaltableau von „Was bin ich?“ mit Robert Lemke in den 1960er-Jahren. Die Entstehungsgeschichte von „Links — Deutsch, Deutsch — Links“ könnte ungefähr so verlaufen sein: Pauline Voss sowie der weniger bekannte Journalist Claudio Casua haben die Initiative ergriffen und die meisten Beiträge selbst verfasst. Dann holten sie ihren Chef Julian Reichelt ins Boot, der das Projekt mit seinem Namen und einem Vorwort adelte.

Anschließend wurden Prominente wie Wolfgang Kubicki, Waldemar Hartmann und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis angefragt, die zwar nicht viel beitrugen, deren Erwähnung auf dem Cover jedoch Eindruck macht und einen gewissen weltanschaulichen Rahmen absteckt. Für das Buch wird natürlich jetzt mit der versammelten Alternativmedien-Macht von Nius Werbung gemacht, sodass sich Käufer zugleich als Widerstandskämpfer gegen linke Kulturdominanz fühlen können.

Ein blendender Redner

Nius wurde 2022 gegründet, nachdem Julian Reichelt 2021 — angeblich wegen privater Verfehlungen — seinen Posten als Chefredakteur bei BILD verlor. Damals war ich ihm recht gut gesonnen, weil er in den Corona-Jahren beinahe der einzige Mainstream-Journalist war, dessen Beiträge ich nicht nur ertragen, sondern sogar genießen konnte. Seine Sätze — irgendwo zwischen Aphorismen-Sammlung und vereinfachendem „Wie-sag-ich’s-meinem-Kind“-Tonfall — zündeten. Reichelt zog binnen kurzem das heute vermutlich erfolgreichste „alternative“ Medium hoch. Er übte damit quasi Rache an Springer, hielt dem Konzern aber ausgerechnet im fragwürdigsten Bereich die Treue: seiner Parteinahme für die gewalttätige Politik Israels. Reichelt hatte einen ausgefeilten Sprachduktus entwickelt, der wie eine Urgewalt alle Zweifel hinwegspülen konnte. Kraftvoll, polemisch, pointiert und stets so, dass sich Leser in ihrem Unbehagen an politischer Manipulation unbedingt „mitgenommen“ fühlten: „Endlich sagt’s mal einer und zeigt es den Mächtigen so richtig.“

Das ist begeisternd, wenn es sich um Freiheitsthemen dreht. Das ist zumindest amüsant im Zusammenhang mit den Schattenseiten der Zuwanderung und der „woken“ Kultur.

Leider vermag Julian Reichelts rhetorisches Talent aber auch „Produkte“ zu verkaufen, die mir weniger behagen. Dazu gehört die Kernkraft. Dazu gehört sein wie selbstverständlich vorgetragenes kapitalfreundliches Idealbild von Wirtschaftspolitik. Dazu gehört auch seine — von ihm selbst eingeräumte — Liebe zu Israel, die sich durch schwere Verbrechen der dortigen Regierung nicht beirren lässt.

So kann es sein, dass sich mancher Nius-Zuschauer, hinweggespült von des Meisters Wortgewalt, nach der Sendung als passionierter Befürworter des Massakers in Gaza wiederfindet. Das ist bedauerlich, sollte aber den Blick auf die vielen Stärken des Buches jedoch nicht völlig verstellen.

Aufstieg eines „rechten“ Alternativmediums

Reichelt startete sein Comeback mit der Videomonolog-Reihe „Achtung Reichelt“, die beim Publikum groß einschlug. Bald darauf ging „Nius live“ auf Sendung, zunächst „nur“ einstündig und in einem unprofessionell anmutenden, jedoch kultigen Radio-Studio gedreht. Der Chefredakteur hatte Glück mit seinem ersten Moderator Alex Purucker, der eine grundsympathische, stets zu Scherzen aufgelegte Munterkeit, ähnlich dem frühen Thomas Gottschalk mitbrachte. Purucker — damals nie ohne sein Käppi auftretend — federte die Härten in der Rhetorik einiger seiner Gäste witzelnd ab, wirkte verbindlich und zugänglich, auch für Zuschauer, die noch keine libertär-konservative Glaubensgewissheit mitbrachten. Später kamen weitere, vergleichsweise blasse Moderatoren wie Alexander Kissler („Kissler kompakt“ sowie Norbert Dobeleit hinzu, die Purucker tageweise ablösten. Das Studio wurde edler und größer, das weiße „Sofa der Mehrheit“ entstand. Ein System zyklisch auftretender Stammgäste wurde etabliert, von denen ich auf einige bei der Besprechung des Buches noch eingehen werde.

Was man bei einer solchen Veröffentlichung nicht erwarten kann, ist Meinungsdiversität. Die einzige Nius-Schaffende, die Julian Reichelt ab und zu widerspricht, ist die erfrischende und scharfsinnige Giovanna Winterfeld in ihrem Format „Gio unzensiert“. Die ist im Buch jedoch nicht vertreten. Die anderen sind „auf Linie“. Wobei speziell Pauline Voss durchaus Lob verdient. Die Autorin des Bestsellers „Generation Krokodilstränen: Über die Machttechniken der Wokeness“ ist fleißig, immer gut informiert und vielseitig tätig — unter anderem mit Hintergrund-Recherchen. Sie bildet zum oft vernichtend-polemischen Tonfall mancher ihrer männlichen Mitstreiter ein wohltuend sachliches Gegengewicht.

Kleines gallisches Dorf gegen linke Kulturdominanz

Julian Reichelt beschreibt in seinem Vorwort zunächst die politische Atmosphäre, die ein Buch wie seines notwendig mache.

„Der sogenannte vorpolitische Raum ist nichts anderes als eine Industrie linker Sprachdominanz, die dann wiederum linke Politik und Umverteilung und somit wieder sich selbst absichert.“

Er konstatiert quasi eine Überanpassung von Konservativen an eine gefühlte linke Schreckensherrschaft. Diese gehe so weit, dass selbst Rechte „über viele Themen nur in linker Sprache sprechen können, weil alle anderen Sprachen verkümmert sind“. Als Folge mangele es dem rechten Lager an Selbstbewusstsein und einem seiner denkerischen Brillanz angemessenen Standing. „Während Linke ihr Linkssein skandieren können, müssen Rechte ihr Rechtssein zaghaft umschreiben, um sich bloß nicht verdächtig zu machen.“ Schon im Vorwort nimmt Reichelt in gekonntem Sprachduktus die Propagandafloskel „Unsere Demokratie“ aufs Korn.

„Mit dem genial-possesiven ‚Unsere Demokratie‘ gelang es dem linken Lager, die Definitionsmacht über unser ganzes Staatssystem zu erobern und alles außerhalb ‚Unserer Demokratie‘ zu stellen, was ihnen nicht ins Weltbild passt. Gleichzeitig suggeriert das ‚Unsere‘ Fürsorglichkeit und aufrichtige Sorge, aber auch Frömmigkeit und reinliche Gesinnung wie im ‚Vaterunser‘.“

Politisch Tür an Tür mit Alice

Wer derartige Analysen schätzt, wird im Buch „Links — Deutsch, Deutsch — Links“ reichlich fündig. Natürlich zielen viele der Diskurse auch darauf ab, die AfD — Stichwort „Bandmauer“ — als politische Zukunftskraft für Deutschland zu entdämonisieren. Diesbezüglich haben Nius und Julian Reichelt ihren Schwerpunkt in den letzten zwei Jahren etwas verschoben. Hatte man anfangs noch den Eindruck, die Redematadoren des Senders favorisierten eine schwarz-blaue Regierung — jedoch klar unter Unionsführung —, so reifte in ihnen aus Verzweiflung über die Merzregierung wohl die Erkenntnis, dass Blau-Schwarz oder gar pures Blau eine Rettungstat für die Republik darstellen könnte.

Entsprechend sind Alice Weidel oder auch Ulrich Siegmund auf dem „Sofa der Mehrheit“ gut gelitten. Dies ist nach meiner Beobachtung aber nicht auf einen „Rechtsruck“ innerhalb des Redaktionsteams zurückzuführen, sondern auf einen drastischen Unfähigkeitsruck beim etablierten politischen Personal.

Wie Leser das vorliegende Buch empfinden, wird weitgehend von zwei Faktoren abhängen: Erstens von der Weltanschauung, die man als Leser mitbringt, und zweitens vom Vorwissen, mit dem man an die Lektüre herangeht.

So gibt es viele Lexikoneinträge, bei denen ich dachte: „Das ist korrekt, aber auch nicht gerade aufregend neu.“ Etwa: „Der Begriff ‚Brandmauer‘, der aus dem Bauwesen entlehnt ist, dient als Alibi für den Ausschluss eines Teils der Opposition.“ (Jan Karon) Oder: „Kritik an der Macht sichert die Freiheit. Dieser demokratische, kritische Diskurs wird abgewürgt, wenn Machtkritik als Delegitimierung des Staates interpretiert wird.“ So der Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler, dessen Auftritte bei unabhängigen Kanälen ich immer gern verfolge, weil er ein verlässliches Bollwerk gegen die Aushöhlung des Grundgesetzes darstellt. Ebenso erfreulich sind in der Regel die Auftritte von Anwalt Joachim Steinhöfel bei Nius und anderswo. Dieser spricht sich nicht nur öffentlich andauernd für die Meinungsfreiheit aus, sondern verteidigt diese auch vor Gericht — oft erfolgreich.

„Wer Bürger mundtot machen will, braucht keine Argumente“, schrieb Steinhöfel im vorliegenden Buch. „Er braucht nur die richtigen Vokabeln: ‚Hass und Hetze‘ — zwei Worte genügen, um kritische Stimmen verstummen zu lassen. Die Formel wirkt. Menschen zögern, ihre Meinung zu äußern, aus Furcht, in die Nähe von etwas gerückt zu werden, das nach Straftat klingt.“

Bekennend genderunsensibel

Manchmal bekommen auch Menschen, die die politische Landschaft schon lange kritisch betrachten, einen Denkanstoß. So definiert Pauline Voss den Begriff „digitale Gewalt“ als Teil der Kampagne des Staates und „seiner“ Medien gegen die Meinungsfreiheit. Ziel sei es, „die Definition von Gewalt so auszudehnen, dass Äußerungsdelikte im Netz mit derselben Härte wie physische Angriffe bestraft werden können“.

Halb amüsant, halb erschreckend wirkt der Beitrag von Birgit Kelle, die auf Manova bereits von Elisa Gratias interviewt wurde, über die Wortneuschöpfung „Gebärende Person“.

„Im Lager gendersensibler Gesellschaftsschichten, unter non-binären Personen und Transaktivisten führt die Nutzung des Wortes ‚Mutter‘ regelmäßig zu verletzten Gefühlen, weil die Bio-Frau, die zum Trans-Mann wird, um damit als Vater auch endlich Mutter zu werden, im Kreißsaal nicht mit der diskriminierenden Aussage konfrontiert werden will, sie sei gar kein Mann, sondern nur eine ganz normale Frau und Mutter.“

Wer die Debatte in „gendersensiblen“ Medien nicht verfolgt hat, wird Mühe haben, diesem Gedankenwirrwarr, das jedoch nicht auf Birgit Kelles Konto geht, zu folgen.

Journalistischer Mehrheitenschutz

Kelles Beitrag hat im Buch mit den größten Unterhaltungswert, auch weil sie eine gewisse Schalkhaftigkeit der Sprache mitbringt. So karikiert sie gekonnt die Macken des „gegnerischen Lagers“ beim Stichwort „zugewiesenes Geschlecht“. Laut Genderexperten würde „bereits im Kreißsaal ein gefährliches Misgendern von Neugeborenen“ beginnen. Schon die Aussage „Es ist ein Mädchen“ schränke das frisch geborene Lebewesen in seinen Wahlmöglichkeiten ungebührlich ein.

„Diese erste Zuschreibung wird dann später unüberlegt durch Elternhaus und Gesellschaft reproduziert durch einen Mädchennamen, pinke Strampler, die Lillifee-Tapete im Kinderzimmer, Kleidchen, Spängchen, Glitzernagellack, Barbiepuppen und sonstiges sexistisch-stereotypisches Spielzeug, und am Schluss endet das arme Wesen als katholische Hausfrau und Mutter oder Tradwife auf Instagram und wählt rechts. Alles nur, weil ein Arzt oder eine Hebamme ihm das Geschlecht „weiblich“ zugewiesen hat, ohne erst abzuwarten, was das Menschenkind selbst dazu sagen will.“

Hier zeigt sich die satirische Könnerschaft einer erfahrenen Buchautorin („Gender Gaga“, „Muttertier“).

Die Nius-Szene definiert sich klar als Schützerin der Mehrheitsgesellschaft, die sich der sprachpolizeilichen Zumutungen durch „aufdringliche“ Minderheiten zu erwehren habe.

So mokiert sich Claudio Casula über Migranten, bei denen schon der Satz „Dein Deutsch ist ja perfekt“ eine „traumatische Belastungsstörung“ auslöse, „denn auch lieb gemeinte Äußerungen können zarte Seele verletzen, wenn sie schon nicht Opfer einer handfesten Aggression oder wenigstens einer Beleidigung oder Drohung werden“. Die Autoren des Buches reagieren somit sensibel auf vermeintliche migrantische Hypersensibilität. Dabei beruht die Darstellung deutscher Realität eher auf „gefühlten“ Eindrücken.

„Gutmenschen“ — schlecht für unser Land

Pauschalisierend, so als wollte Autor Claudio Casula partout jedem Klischee über die „rechte“ Medienszene entsprechen, ist zum Beispiel die Aussage über „Geflüchtete“, die wie folgt definiert werden: „Migranten, die sehr häufig unter Missbrauch des deutschen Asylrechts illegal ins Land eingedrungen sind, um die Segnungen des deutschen Sozialstaats zu genießen.“ Diese Formulierung schließt aus, dass es Flüchtlinge mit ehrlicher Absicht und nachvollziehbaren Fluchtgründen geben könnte.

Weiter definiert Casula die „Willkommenskultur“ so:

„Uneingeschränkte Begeisterung, die man für die Invasion von Millionen ‚Flüchtlingen‘, hauptsächlich junge Männer — oft ohne Arbeitsethos und lästigen Bildungsballast —, empfinden soll. (...) In der Rolle des Helfers der Mühseligen und Beladenen fühlt sich der Gutmensch richtig wohl, auch wenn er die Kosten seiner zur Schau getragenen Großherzigkeit vollständig auf die Gesellschaft abwälzt.“

Das ist kaltschnäuzig und zumindest sehr einseitig, denn es gibt auch ehrlich gemeinte Fürsorge für Menschen in Not, die nicht von persönlicher Psychopathologie herrührt und Hilfsbedürftige keineswegs maßlos idealisiert.

Auf dem Sofa mit Wolfgang

Schwierig wird es auch, wenn der Eindruck entsteht, zwischen die Nius-Mannschaft und die seit Jahrzehnten gegen den Sozialstaat wetternden neoliberalen Hardliner von der FDP passe kein Blatt Papier. Wolfgang Kubicki, der sich nach Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Parteivorsitz der Huldigungen seitens Julian Reichelts kaum erwehren konnte, gab zum Besten:

„Deshalb sind ‚Profit‘ und ‚Rendite‘ kein Gegensatz zum Gemeinwohl, sondern seine Voraussetzung. Die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen ist die Grundlage für das Wohlergehen aller. Eine ‚Gemeinwohl-Ökonomie‘ kann daher nur eine marktwirtschaftliche Ordnung sein, die Gewinnerzielungsabsichten ausdrücklich fördert.“

Damit zeigt Kubicki, dass er Konzepte der Gemeinwohlökonomie, wie sie etwa Christian Felber vertritt, nicht verstanden hat oder nicht verstehen will.

Kubicki und Nius versuchen, den Kälbern die Mär von der Gutwilligkeit der Metzger aufzuschwatzen und ihnen renditefreundliche Wahlentscheidungen nahezulegen.

Was haben nur alle gegen Donald Trump?

Zu den eher unangenehmen Aspekten im Buch gehört auch die klare Parteinahme für Donald Trump, die speziell im Anbetracht des laufenden Iran-Kriegs und der Brutalität der US-Einwanderungsbehörde gegen Flüchtlinge sauer aufstößt. So lautet der „Lexikoneintrag“ über Trump:

„Person, maskulin. Idealer Prügelknabe, Hau-den-Lukas und Universalschuldiger an allem Übel der Welt. Gäbe es ihn nicht, müsste das polit-mediale Establishment ihn erfinden. Auch nur irgendetwas an diesem Mann gut zu finden, ist einem deutschen Haltungsjournalisten schlicht unmöglich.“ (Claudio Casula)

Aber sind nicht auch solche Formulierungen Ausdruck von „Haltungsjournalismus“ — eines Journalismus also, der sich nicht der Wahrheitssuche verpflichtet fühlt, sondern eher dem repetitiven Beharren auf den einmal für richtig befundenen szeneüblichen Narrativen?

Völkerrecht? Überbewerter Krimskrams!

Besonders schlimm finde ich die Aussagen von Claudio Casula zum Begriff „Genozid“ — die das potenzielle Leserfeld des Buches noch dazu unnötig spalten. Denn man erwartet im Kontext der Kritik an linken Narrativen ja nicht notwendigerweise auch Ergebenheitsadressen gegenüber gewalttätigen, Massaker verübenden Regierungen.

„Dieser Tage versuchen Antizionisten weltweit den jüdischen Staat zu verleumden, indem sie ihm einen Genozid im Gazastreifen anlasten, obwohl es sich um einen Krieg zwischen kämpfenden Parteien — der israelischen Armee und der Hamas — handelt, in dem aufgrund der Taktik der islamistischen Terroristen, sich in Wohngebieten zu verschanzen, zweifellos auch Zivilisten in Mitleidenschaft gezogen werden.“

Wo sollen sich palästinensische Kämpfer denn sonst verschanzen in Gaza? In den Wäldern? Oder im Hochgebirge? Die israelische Regierung verfährt hier nach dem Motto: „Lieber 100 Unschuldige töten, als dass uns vielleicht ein Unschuldiger entgeht.“

Ich habe Verständnis dafür, wenn der palästinensische Schuldanteil an der Gewaltdynamik im Nahen Osten bei Nius stärker akzentuiert wird als bei anderen Alternativmedien. Aber es kann nicht angehen, zehntausende Opfer völlig auszublenden oder ihre Tötung als unvermeidlich durchzuwinken.

So landete denn auch das Völkerrecht auf der von Voss und Reichelt zusammengetragenen Liste der Unworte. Nius-„Politikchef“ Ralf Schuler gehört für mich zu den besten Analysten der Szene. Fast ein bisschen schüchtern wirkend, versteht er, mit seinen kenntnisreichen, subtil ironischen Attacken gegen die Etablierten zu fesseln. Hier aber hat er meines Erachtens mächtig daneben gelangt:

„Völkerball kann man wenigstens noch spielen. Mit dem Völkerrecht spielen in der Regel jene, denen es gerade in den Kram passt. Linke Diktaturfreunde zum Beispiel, wenn in Venezuela von den USA ein ungewählter Despot gestürzt und entführt wird oder Israel die Terrororganisation Hamas im Gaza-Streifen bekämpft.“

Pralinenschachtel, bei der Einiges sauer aufstößt

Im Film „Forrest Gump‘“ mit Tom Hanks heißt es: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt.“ Auch im Buch „Links — Deutsch, Deutsch — Links“ ist das so. Sehr vieles ist genießbar, aber gelegentlich beißt man unversehens auf Saure-Gurken-Stücke, eingehüllt in rhetorische Zartbitter-Schokolade. Wer Nius schon kennt, ist abgehärtet, wer diese Gedankenwelt als Neuling betritt, weiß dagegen nie, was er kriegt. Es werden teilweise recht unverdauliche weltanschauliche Pakete geschnürt. Wer Nius die Tür öffnet, weil ihm die Kritik der Autoren an Freiheitsabbau à la Nancy Faeser oder an Transfrauen in der Frauensauna gefiel, der muss damit rechnen, dass unversehens auch noch die Liebe zu Donald Trump, zur Atomkraft und zur israelischen Regierung mit durch den Türspalt schlüpft.

Das Grundproblem dieses in vieler Hinsicht durchaus lesenswerten Buches zeigt sich schon im Titel. Die Herausgeber präsentieren sich dort — fernab aller multiperspektivischen Differenzierungsversuche — bekennend unterkomplex. Wir sind rechts. Wir sind gegen links. Punkt.

Dass es dieselbe Einseitigkeit auch im gegnerischen Lager gibt, macht die Sache nicht besser. Voss & Co. hätten hier ein Beispiel vielschichtiger und fairer Politikanalyse geben und die Gegenseite damit beschämen können. Stattdessen wurden streckenweise deren Manipulationsmuster kopiert — nur mit umgekehrten politischen Vorzeichen. Wer sagt uns denn, dass rechte Begriffe nicht ebenso konstruiert, nicht ebenso haarspalterisch und zum Teil unfreiwillig komisch sind?

Ein kurzes Lexikon „Rechts — Deutsch“

Ein Lexikon „Rechts — Deutsch“ wäre nicht weniger lohnend.

„Gutmensch“: Jemand, der sein Handeln nach ethischen Grundsätzen ausrichtet, speziell gegenüber Minderheiten und Einwanderern.

„Sozialismus“: Eine Weltanschauung, die sich nicht allein an den Interessen der Vermögens- und Aktienbesitzer orientiert und Arbeitnehmern einen angemessenen Anteil am von ihnen erwirtschafteten Wohlstand zusprechen will.

„Marktwirtschaftliche Ordnung“: Ökonomischer Ansatz, der die Schicksale hart arbeitender Menschen dem sozial blinden „freien Spiel der Kräfte“ überlässt, sodass oft den skrupellosesten Zockern der Löwenanteil am gesellschaftlichen Reichtum zufließt.

„Antisemit“: Jemand, der die israelische Regierung trotz oder gerade wegen der Erfahrungen aus der deutschen Geschichte angemessen kritisiert.

Und so weiter.

Alles für die Pointe

Vieles im vorliegenden Buch ist gut und erhellend, anderes nur Wortgeklingel, bei dem die gut gesetzte Pointe offenbar Selbstzweck ist. Henryk M. Broder ist der Meister des Aufmerksamkeit heischenden, jedoch rasch verpuffenden Bonmots. Wer gegen Waffenlieferungen an die Ukraine protestiert, so Broder, „der sollte sich gut überlegen, worauf er sich einlässt. Er glaubt, ein As im Ärmel zu haben, am Ende des Spiels könnte es die Arschkarte sein“. Damit kann Broder vielleicht der netten Moderatorin von „Meine Welt, meine Meinung“ ein höfliches Lächeln entlocken — er vermag aber niemanden zu überzeugen, der sich mit der Ukraine-Thematik näher befasst.

Ich weiß: Die Rhetorik von Reichelt & Co. ist „blendend“. Man kann die meisten ihrer Analysen und Ansichten deshalb vorurteilsfrei auf sich wirken lassen, sollte aber niemals blind werden für deren Schattenseiten.


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