# Eine digitale Allmende

KI ist nicht das Problem. Im Gegenteil: Wir könnten sie als öffentliche Infrastruktur zu unserem Nutzen einsetzen.

von 
   * Bertram Burian

Die ganze Frage, wie brauchbar, wie bedrohlich KI ist, wird davon abhängen, wie stark und wie zielgerichtet sich ein sinnvoller Widerstand der Menschen entfaltet. Aber nicht vor allem gegen die KI, sondern gegen die Herrschafts- und Bereicherungsverhältnisse. Ein nicht sinnvoller Widerstand ist weitgehend nutzlos. Und der positive Sinn eines Widerstandes kann sich nur aus einem Bild davon ergeben, wie die Gesellschaft sich neu weiterentwickeln kann, wenn die Alarmzeichen des Zusammenbruchs immer deutlicher werden. Wenn wir imstande sind, uns über den Sinn des Widerstandes in diesem Sinne zu einigen, dass wir wissen, wo wir gemeinsam als Menschheit hinwollen, das heißt, wenn wir lernen, Klarheit über Zielsetzungen und Forderungen für unsere selbst geschaffene systemische Zukunft zu gewinnen, dann kann die Zukunft für die Menschheit einen positiven Ausgang nehmen. Wenn wir dafür einen von uns gesteuerten Dialog mit einer KI erfolgreich in die Waagschale werfen können, dann kann die KI auch zu einer vielleicht nicht unwichtigen Hilfe des Widerstandes werden. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „[KI und Digitalisierung](https://www.manova.news/sonderausgaben/10)“.

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Es ist keine Frage, dass jene, die heute herrschen, jene also, die Konzerne, Medien, Thinktanks und Regierungen kontrollieren, die Krieg und eine Vielzahl schier unlösbarer Probleme provozieren, die KI nicht geschaffen haben, um ihr Bestreben zu ändern, sondern um ihre Macht und ihren Einfluss zu zementieren und sich neuen Reichtum und noch größere Macht anzueignen. Es ist ein uraltes Spiel von Ausbeutung und Herrschaft, das durch die Mechanismen des Kapitalismus den Zwang zu exponentiellem Wachstum eingeschrieben erhielt. 

Es ist also keineswegs nur der menschliche Erfindergeist, der heute so etwas wie KI hervorbringt. Aber ja, die neuen technologischen Entwicklungen finden die zuvor getätigten Schritte schon als Sprungbrett vor. Die eigentliche Antriebsfeder stützt sich aber auf das, was Karl Marx den Kapitalismus nannte. Sowohl das Überleben in einer auf Gier getrimmten Gesellschaft als auch die Chance, zu den Gewinnern von Reichtum und Macht zu werden, treiben das Steigerungsspiel voran — mit riesigen Massen an angesammeltem Betrugsgeld, angepeitscht von giftiger Konkurrenz bis hin zur Kriegsbereitschaft. Heute entstehen daraus gleichermaßen die neuen Möglichkeiten der KI wie die KI-Blase und die KI-gestützten Bedrohungen für das Menschsein. (1) 

Was das alles für die Menschheit bedeuten wird, wird davon abhängen, ob die Möglichkeiten der KI ausschließlich dazu dienen, Macht, Kontrolle, Manipulation, Bereicherung, Kriegsführung und Völkermord zu stützen, oder ob der Widerstand sie zu einer Allmende, zu einer Open Source für die kollektive Zusammenarbeit der Menschheit machen kann. (24) Der Ausgang dieser Frage liegt in der Hand von uns Menschen und nicht in der Hand der KI. Er hängt von den Systemregeln ab, die wir gelten lassen. Das „wir“ schließt also vor allem jene ein, die Widerstand leisten.

Einschränkend zu diesem Artikel möchte ich sagen, dass ich persönlich KI-Anwendungen vor allem mit dem „großen Sprachmodell LLM“ betreibe. Darauf beziehe ich mich hier vor allem, wenngleich mir bewusst ist, dass dies nur ein, wenn auch wichtiger, Teil der KI-Anwendungen ist. (2) 

Dieser Artikel soll also keinesfalls wegwischen, welche Bedrohungen von den neuen Entwicklungen ausgehen beziehungsweise ausgehen können. Allerdings sollten wir sehen, dass die Bedrohung in erster Linie von der Brandbeschleuniger-Funktion der KI und ihren Anwendungen kommt: Wenn KI eingesetzt wird, um Waffen und Völkermord zu steuern, so sind das menschliche Entscheidungen. Wenn die Gefahr eines dritten Weltkrieges — und sei es „aus Versehen“ — zunimmt, weil man KI in die Entscheidungen dazwischenschaltet, so ist das ebenfalls eine menschliche Entscheidung, genauso wie dies bei der Aufkündigung der Rüstungsbegrenzungsverträge der Fall war, die ja in besseren Zeiten gezeigt hatten, dass vernunftbezogene Regelungen möglich sind. (3) Auch wenn die KI-gesteuerte Forcierung der Blasenbildung auf den Finanzmärkten eine weitere Zuspitzung erfährt, ist das keine Frage der KI, sondern eine Frage dessen, wie unser Geldsystem konstruiert ist. Wir sind gezwungen, uns auf die Kernfragen zu konzentrieren. Die KI ist dafür in den meisten Fällen ein Beschleuniger, aber eher kein Verursacher. 

Eine besonders dramatische Zuspitzung erfahren die Widersprüche dieser Welt, wie wir sie kennen, durch die KI im Bereich der Verteilung der Arbeit und des Welt-Einkommens, das wir alle gemeinsam schaffen — mit oder ohne KI. Die „Verteilungsfrage“ rückt, beschleunigt durch die gegenwärtigen technologischen Entwicklungen, noch mehr in den Fokus und schreit nach einer neuen Lösung, wenn die einen immer mehr Milliarden und Macht anhäufen und die anderen nicht einmal mehr prekäre Bullshit-Jobs erlangen können, egal wie sehr sie sich anstrengen, um im mörderischen Konkurrenzkampf individuell bestehen zu können. 

Zu dieser Frage gehört auch die profitorientierte Nutzung des Urheber- und Patentrechts im Gegensatz zur gemeinwohlorientierten Nutzung von Open Source, Open Weight (20) und Allmende. 

>Wir erarbeiten uns als Menschheit das Wissen gemeinsam. Jede Erfindung steht auf den Schultern früherer Erfindungen. Kein Wissen entsteht nur im Kämmerlein ohne Vorbildung. 

Die Daten, die in Büchern und im Internet abgelegt sind, sind deshalb nicht nur Privatbesitz. Patent- und Urheberrecht sind entscheidende Faktoren im kapitalistischen Steigerungsspiel. Die Belohnung von Erfindungen und neuen Erkenntnissen kann anders geregelt werden als durch die Gestattung eines Monopolzugangs zum Markt! Auch diese Frage wird durch den katalytischen Verstärkungsfaktor der KI erneut auf den Tisch der Menschheit gelegt.

Wir sind dramatisch aufgerufen, all diese grundlegenden gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Sehen wir dabei die KI nur als unseren Feind, so stützen wir vielleicht, ohne es zu wollen, den Fortbestand all dieser inneren Widersprüche, weil wir den Kampf gegen die KI anstatt gegen die Unmenschlichkeiten der grundlegenden Verhältnisse richten. Wir haben dann nicht erkannt, worum es im Kern geht: um die Regeln, nach denen wir unsere Weltgemeinschaft bezüglich Ökonomie, bezüglich Verteilung, bezüglich Kontrolle der Macht gestalten. 

Ob die KI auch an sich eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen könnte, kann ich nicht ausreichend beurteilen. Es ist selbstverständlich eine Frage, die unsere dringendste Aufmerksamkeit bekommen muss. (4) Aber es ist schwer vorstellbar, dass das Problem einfach dadurch gelöst werden kann, dass man ein Verbot der KI-Entwicklung zur Superintelligenz fordert, wie es Bernie Sanders vorschlägt. (5) Regulierung in weltweiter (!) Zusammenarbeit — entschieden ja. Aber nicht Scheinregulierung, damit US-Konzerne ihren Vorsprung behalten. (22) Verbieten? Fraglich. Eher wohl die Kraft darauf richten, die Macht der Konzerne und der Milliardäre zu brechen! Nur am Rande gesagt: Die Welt würde auch in dieser Hinsicht anders aussehen, wenn es einen Gesellschaftsvertrag über ein Höchsteinkommen gäbe.

In diesem Artikel hier beschäftige ich mich mehr mit der Frage: Was bedeutet eigentlich dieser neuerliche Sprung in der technologischen Entwicklung und wo liegen die Chancen für uns, die wir diesem System, unter dem wir leben, einen perspektivischen Widerstand leisten wollen.

## Die exponentielle Kurve der Evolution

Als ich noch Lehrer war, habe ich in jedem Jahrgang meiner Physikklassen folgendes „Experiment“ über ein Muster unseres Denkens gemacht:

Ich habe einen langen waagerechten Strich über die Tafel gezeichnet. Die Entstehung der Erde war der Beginn des Striches und die Auslöschung der Erde — durch die Ausdehnung der Sonne zum roten Riesen — war das Ende des Striches. Dann zeigte ich mit einem kurzen senkrechten Strich an, wo das Heute ist, und ließ die Schüler ebensolche Striche machen, wo sie meinten, dass die Spezies Mensch entstanden sei.

<img src="/media/images/59845a0c4176f921b8a68899da6f3040.png">

Die Striche, die die Schüler intuitiv machten (6), entsprachen niemals den uns bekannten Verhältnissen der Evolution, die so aussehen:

<img src="/media/images/d0c5c1bdd394dc3e384effcf4eb3b92a.png">

>Stellt man sich die Entwicklung der Erde von ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Mrd. Jahren bis heute als Ablauf einer 24-Stunden-Uhr vor, so gibt es die ersten Primaten, die vor etwa 55 Millionen Jahren auftauchten, erst seit 17 Minuten. 

Die ersten Menschen kann man in einer solchen Grafik gar nicht wirklich darstellen, weil es erst einen Wimpernschlag der Evolution her ist, dass es uns als Menschen gibt. In einer Grafik, in der 20 cm (etwa die Breite eines A4-Papiers) die Entfernung von der Entstehung der Erde bis heute darstellen, wäre die Entstehung des ersten „geschickten“ Menschen (Homo habilis) vor ca. zwei Millionen Jahren gerade einmal 0,09 mm von heute entfernt.

<img src="/media/images/b90a5dccfa0432ef9ac8ce5f15069a35.png">

Der Homo habilis taucht auf unserer 24-Stunden-Uhr erst vor 38 Sekunden auf. Und seit der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 12.000 Jahren sind gar erst 0,2 Sekunden vergangen! 

Zoomt man nun in dieses Evolutionsbild weiter hinein und betrachtet nun den Abstand zwischen dem ersten Menschen (Homo habilis) und heute in einer gedachten 24-Stunden-Uhr, so ergibt sich das gleiche Bild: So ziemlich alles, was uns als modernen Menschen, oberflächlich betrachtet, heute ausmacht, hat sich in den letzten Minuten und Sekunden ereignet.

<img src="/media/images/ef800b664f632895b04b20a40e0281ac.png">
 
Die ersten Siedlungen (Sesshaftwerdung) entstehen in dem hineingezoomten Bild vor 9 Minuten, die erste Schrift entstand vor 3,8 Minuten und das World Wide Web entstand vor 1,4 Sekunden.

Und selbst wenn man die 24-Stunden-Uhr erst ab der Sesshaftwerdung des Menschen laufen lässt, zeigt sich, dass sich die Ereignisse, die die Kommunikationsmöglichkeiten der Menschheit entscheidend beeinflusst haben, alle erst in den letzten Stunden, Minuten oder Sekunden abgespielt haben:

<img src="/media/images/f18b2afcd319f60569fa1d3ff67cd1f2.png">

Auf einer 24-Stunden-Uhr, die nun erst mit der Sesshaftwerdung beginnt, wird der Buchdruck vor einer Stunde erfunden und das erste Überseekabel für Telegraphie vor 18 Minuten auf dem Meeresboden verlegt. Die Möglichkeit der Funkübertragung entsteht vor 14 Minuten, die Grundlagen für die Entwicklung von Computern vor elf Minuten. Die Erklärung der Menschenrechte wurde vor neun Minuten beschlossen. Das erste Internet gibt es seit sieben Minuten, das World Wide Web und das erste Klapphandy seit vier Minuten. Das iPhone 3G gibt es seit zwei Minuten, was zusammenfällt mit dem Beinahe-Totalzusammenbruch des Finanzsystems im Crash von 2008. Und die KI wurde mit ChatGPT erstmals vor 29 Sekunden gestartet, was zugleich dem Jahr entspricht, in dem die Eskalation in Richtung offenen dritten Weltkrieg losgeht, mit dem Bestreben, Russland in einen Krieg zu verwickeln, der für das größte Land der Welt eine „Ruinierung“ bedeuten soll.

Warum liste ich das in einem Artikel über die KI alles so genau auf? Weil ich ein Gefühl dafür vermitteln möchte, wie sehr die Fähigkeit des Menschen in den letzten „Sekunden“ der Evolution zugenommen hat, die Außenwelt zu begreifen, die Erkenntnisse auszutauschen und daraus ein selbst gezimmertes System der (Nicht-)Zusammenarbeit, des (Nicht-)Zusammenlebens, der (Nicht-)Kommunikation und der (Nicht-)Konfliktlösung zu schaffen. Es ist eine steile Kurve der exponentiellen Entwicklung, die man intuitiv so darstellen könnte:

<img src="/media/images/41011141da4df29d6a3a71ba65068293.png">

Völlig offensichtlich ist: Die technischen Fähigkeiten nehmen im Laufe der Evolution rasant zu, wissenschaftliche Erkenntnisse häufen sich, neue Möglichkeiten entstehen — allerdings vor allem angetrieben von einem kapitalistischen Steigerungsspiel, das Expansion in sich eingeschrieben hat. 

Offensichtlich ist dabei zugleich, dass die Fähigkeit des Menschen, ein gutes, friedliches und erfüllendes Zusammenleben für alle zu organisieren, in vielerlei und entscheidender Hinsicht katastrophal scheitert. Insbesondere sehen wir — KI hin oder her —, wie wir uns gegenwärtig beschleunigt in Richtung auf die Möglichkeit der Selbstauslöschung zubewegen. (7)

Während unsere originäre Menschlichkeit uns durchaus „im Grunde gut“ (8) macht, sind es die Systemregeln, die wir selbst schaffen, die uns in Richtung Spaltung, Krise und Krieg treiben — wobei Lüge, Hybris und Gier von den Herrschenden heldenhaft verteidigt werden, nur um ihren Vorteil mit Macht aufrechtzuerhalten.

## Und an diesem Punkt der Evolution taucht Künstliche Intelligenz auf. 

Der „Pionier der KI-Forschung“, Jürgen Schmidhuber, formuliert die Bedeutung dieser Entwicklung mit solch dramatischen Worten:

*„Diese letzten 13 Jahre [der KI-Entwicklung] werden vielleicht mehr Änderungen bringen als die letzten 13.000 Jahre Zivilisation, als die letzten 13 Millionen Jahre, als die letzten 13 Milliarden Jahre. Das heißt also, wir sind an so einem unwahrscheinlich bedeutsamen Punkt angelangt.“* (9)

Gewiss ist diese „künstliche Intelligenz“ keine Intelligenz im menschlichen Sinn, sondern eine Chip-Maschine, die die Statistik des angehäuften menschlichen Wissens modelliert und daraus etwas sampelt, das wie Wissen aussieht — oder es aber auch tatsächlich und bewundernswert richtig abbildet. Etwas aber auf jeden Fall, das aus dem großen Topf des kollektiven Wissens der Menschheit kommt.

Ebenfalls gewiss: Den Rahmen für diese neuen Möglichkeiten setzen heute großteils private Bereicherungs-Monarchen. Teil der gesamten Rahmenbedingungen ist auch, dass die „Everything-Bubble“ des ganzen (westlichen) Finanzsystems früher oder später platzen wird. Gut möglich, dass die KI-Entwicklung den Anstoß dafür gibt. (10)

Dass es überhaupt diese Möglichkeit gibt — dass Schrift, Buchdruck, elektromagnetische Wellen und schließlich Maschinen, die aus Nullen und Einsen Wirklichkeitsausschnitte darstellen und Eingriffe in die Wirklichkeit ermöglichen, aufeinander aufbauen —, ist äußerst beachtlich. Und nun kommt eben die KI hinzu, die tatsächlich in neuer Art und Weise ermöglicht, auf das kollektive Wissen der Menschen zuzugreifen und es äußerst dienlich aufzubereiten.

>Würde die KI wie eine Allmende genutzt, wie ein gemeinsames Instrument, um auf das Wissen der Menschen zugreifen zu können, auf ein Wissen, das gemeinsam verwaltet wird, dann wären zumindest die großen Sprachmodelle, wenn sie richtig angewendet werden, zweifelsohne ein brauchbarer neuer Schritt nach der Erfindung der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks, der Nutzbarmachung der elektromagnetischen Wellen, des Internets und anderem mehr. 

Und auch andere Formen der KI, sowie KI-gesteuerte Roboter und KI-gesteuerte Arbeitsprozesse können eine positive Entwicklung in unserer weltweiten kollektiven Zusammenarbeit in der Produktion und Verteilung darstellen.

Aber was ist der Kern dieses Prozesses der Kommunikation, der da „mit uns geschieht“?

## Sokrates warnte noch vor den Gefahren der Schrift

Die Buchstaben können nicht den Dialog ersetzen, in dem man nachfragen und sich stets eine korrigierte Meinung bilden kann, während die Schrift nur ein starres Abbild liefert, argumentierte Platon, Sokrates zitierend.

Über die niedergeschriebenen Reden sagt Sokrates bei Platon: 

*„Du könntest meinen, sie sprechen, als verständen sie etwas: Wenn du aber in der Absicht, dich zu belehren, nach etwas von dem Gesprochenen fragst, zeigen sie immer nur eines und dasselbe an.“*

Während die gesprochene Rede und der Dialog 

*„ein ernstliches Bemühen um diese Dinge“ zeigt und ermöglicht, „die dialektische Kunst anzuwenden“ … und „sich selbst und dem Pflanzenden zu helfen, … einen Samen zu säen … der ihn so glücklich macht, als es einem Menschen nur irgend möglich ist.“* (11)

Hat Sokrates recht? Steht der eingehende Dialog über der stummen niedergeschriebenen Rede? Hätten Sokrates (bzw. Platon) auf die Nutzung der Schrift verzichten sollen, um die Menschheit vor den negativen Wirkungen der Schrift zu schützen? Die Antwort liegt am Tisch der Geschichte.

Niemand hätte die Entwicklung der Schrift aufhalten können, und das geschah schon lange vor der Entstehung des Kapitalismus, wenngleich die Sklaverei auch schon damals die Kehrseite der Entstehung der „Hochkultur“ war.

Aber die Schrift hatte eben ihre Vorteile, und niemand anderer als Platon hat diesen Umstand durch sein eigenes Handeln selbst eingestanden, indem er Sokrates und seine Gedanken zu Papier brachte.

Und nicht anders war es beim Buchdruck, der Entstehung des Rundfunks, des Computers, des Internets und nun der KI.

Das hat aber nichts damit zu tun, wie wir es anwenden. Gewiss, nicht alles müssen wir entwickeln. Niemand braucht Atombomben, und man hätte lieber auf ihre Entwicklung verzichtet. Das gilt aber nicht wirklich für die Vertiefung unserer Kommunikationsformen.

## Ermöglicht uns die KI einen Dialog mit großen Teilen des Wissens der Menschheit?

Zuerst lernen wir als Spezies Mensch — nach dem händischen Be-Greifen — sprechen und reden. Wir lernen die Sprache im Gespräch und im gemeinsamen Nachdenken anzuwenden. Dann erkennen wir die Möglichkeit der Schrift. Das einzelne Gespräch oder die Rede vor einigen Hunderten erreicht nun Tausende oder Hunderttausende und die Gedanken werden unvergänglich, insbesondere seit der Entstehung des Buchdrucks. Schließlich können unsere Gedanken Viele erreichen, schnell, über Zeitungen, über Rundfunk und Film, und das verschriftlichte Wissen ist nicht mehr nur in Büchern, sondern auch im Internet abgelegt. Die Richtung der Vermittlung bleibt aber bis dahin immer einseitig. Einer spricht über seinen Lautsprecher (Buch, Radiosendung, Film), die anderen hören zu — und lassen sich beeinflussen. Das ist kein sokratischer Dialog. 

Dann aber können wir plötzlich (über Internet, Handy und so weiter) mit Menschen am anderen Ende der Welt reden und schließlich kann sich Einer — im Prinzip jeder — an die ganze Menschheit wenden. Wer heute zum Beispiel den Podcast von Prof. Glenn Diesen verfolgt (12), der sieht, wie sich Einer an Alle wenden kann und man kann jedem beliebigen Dialog, der dort geführt wird, überall auf der Welt beiwohnen. Und man kann kommentieren oder aber auch seinen eigenen Video-Podcast aufmachen, ohne dass man erst einen Verlag für den Druck des eigenen Buches finden müsste.

Allerdings gilt das nur, wenn die Herrscher über die Medien (hier YouTube) es zulassen, keine Zensur ausüben oder die Demokratie sich das Recht auf die Nutzung dieser Medien erobert. Aus den technischen Möglichkeiten heraus aber gilt jedenfalls: Jeder kann jeden hören, jeder kann sich im Prinzip an alle wenden. Aber noch immer liegt das Wissen in den Händen von den Verwaltern des Wissens. Es ist, wenn es den Weg an die Öffentlichkeit findet, stets unsicheres Wissen, das nur scheinbar sicher ist — mindestens genauso unsicher wie das der KI heute. Es ist Wissen von einzelnen Menschen, Wissenschaftlern vorgetragen, die ihre Teilerkenntnisse oft für ewige Wahrheit halten, und trotz aller wissenschaftlichen Falsifizierung setzt sich häufig das Prinzip durch, dass wahr ist, wodurch sich Reichtum für Einzelne gewinnen lässt. Die Corona-Pandemie ist — verkürzt gesagt — „wahr“, weil sie Bill Gates und Uğur Şahin reich macht. 

Aber da öffnet die KI eine Türe, die bisher verschlossen war. Wir können uns, wenn wir sie geschickt genug nutzen, tatsächlich mit einem erheblichen Teil des gemeinsamen Wissens und der angesammelten menschlichen Erkenntnisse verbinden. Und wir können diesen Umstand nutzen, um uns größere Klarheit darüber zu verschaffen, wo unser Weg als Menschheit hingehen soll, und diese Klarheit untereinander auszutauschen. Idealerweise ist es wie der sokratische Dialog. Aber mit einer Maschine? Ja, leider, so wie wir „leider“ die Schrift entwickelt haben. 

Aber natürlich können wir die KI genauso wie die Bücher nutzen, um daraus zu lernen, aber eben aus einem unvergleichlich größeren und vielschichtig aufgefüllten Topf der Erkenntnis. Und die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen, können wir letztlich im persönlichen, echten sokratischen Dialog nutzen. Denn sowieso wird die Erfüllung des Menschen nicht im Haben (der Gier), sondern im Sein der Menschlichkeit liegen. (13) Nur so wird es eine Zukunft geben.

## KI als öffentliche Infrastruktur im Sinne einer Allmende

Gewiss haben wir heute nicht die Kontrolle darüber, wie die KI angelegt wird. Sie kann mit einseitigen Daten gefüttert werden, sie kann über verschiedene Wege manipuliert werden, sie kann als Waffe gegen uns eingesetzt werden. Aber entscheidend sind die Umstände, die es den Herrschenden ermöglichen, sie gegen uns einzusetzen. Aber sie können es nicht beliebig. Der Buchdruck kann sowohl für Herrschaftswissen als auch für revolutionäres Wissen genutzt werden. Und in gewisser Weise gilt das auch für die KI. Man kann die KI zwar mit Manipulation füttern, aber sie würde dadurch letztlich für alle wertlos, was bedeutet, dass der Manipulation gewisse Grenzen gesetzt sind — ja, umgekehrt gibt es ein notwendiges Interesse, ihr möglichst alles Wissen zugänglich zu machen. Also muss das Ringen nicht darum gehen, ob wir diese neue Möglichkeit nutzen, sondern wie wir sie nutzen und wie wir sie zu unseren Gunsten, zu Gunsten des Widerstandes gestalten.

Könnten wir KI so gestalten, dass sie allen dient, wie eine öffentliche Infrastruktur? Man denke an Wasserversorgung oder Eisenbahn. (23) Um die KI als Allmende zu nutzen, hat mir beispielsweise eine KI selbst, nachdem ich sie dorthin geführt habe, einen Forderungskatalog vorgeschlagen, den ich in der Fußnote zitiere und verlinke. (14) Diese Zusammenstellung hätte ich selbst nach langem Studium nicht so einfach machen können. Nun sage ich nicht: Was die KI hier zusammengestellt hat, ist der Weisheit letzter Schluss. Hier können gewiss Halluzinationen der KI drinnen stecken, die ich nicht erkenne. Aber im Vergleich dazu, dass ich kaum etwas von den Manipulationsmöglichkeiten und ihrer Abwehrmöglichkeit gewusst hätte, ist das für mich eine sehr brauchbare Zusammenstellung, die ich in wenigen Minuten erhielt. Darauf lässt sich reale menschliche Intelligenz und realer menschlicher Dialog hervorragend aufbauen. 

Und tatsächlich sehe ich in der Gestaltung der KI als öffentliche Ressource eine Chance, die ganze KI-Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken — weg von der Macht der Konzerne, weg von der Eröffnung einer neuen Front im „leisen“ dritten Weltkrieg und hin dazu, sich die neuen Möglichkeiten dienstbar zu machen — im Interesse aller Menschen. 

>Dabei ist klar, dass alles, was in Richtung der Organisation der KI als Allmende, als Open Source geht, einen ganz anderen Weg geht, etwas ganz Anderes darstellt als die gigantischen Investitionen der großen Tech-Konzerne der USA, die auf den totalen Durchbruch und die Explosion ihrer Profite — oder einer Blase — setzen und die die totale Kontrolle zwangsweise brauchen, um ihr Modell durchzusetzen. 

Chinesische Modelle gehen hier scheinbar viel eher in Richtung der Nutzung der KI im Sinne einer Allmende, zumindest indem sie „Open Weights“ bevorzugen. (15)

## Die Systemregeln sind’s — nicht die KI an sich.

Was die Bedrohung für die menschliche Gesellschaft und möglicherweise für die ganze Menschheit betrifft, so müssen die Alarmglocken sich vor allem auf die Systemfragen konzentrieren, die den Herrschenden die Macht geben, alle neuen Möglichkeiten in ihrem Sinn zu nutzen. Das ist — wie oben schon angesprochen — keine Frage der KI, sondern eine Frage, welche Regeln sich die Menschen selbst geben und ob wir diese Herrschaft zulassen oder nicht.

Nur ein kurzes Beispiel: In einem Interview auf Everlast AI mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky, der seine Weisheiten auf unzählige Gespräche mit den Spitzen der Know-how, Geld- und Machtelite in dem Bereich der KI stützt, sagt dieser, nach einer Fülle von, mit Verlaub, dümmlichem Sensationsgeschrei, Folgendes: 

*„Wir leben heute ja noch in einer Gesellschaft, die sich um diese Lohnarbeit dreht. Um acht Stunden Lohnarbeit am Tag und dafür wirst du bezahlt und so weiter, jedenfalls bei den allermeisten Menschen. Diese acht Stunden Lohnarbeit werden Schritt für Schritt verschwinden. … das heißt einfach nur, dass die Wertschöpfung, die entsteht in der Welt, nicht mehr aus menschlicher Lohnarbeit entsteht, sondern aus Kapitaleinsatz. … Das ist irre. Also es geht richtig hoch. Viel mehr Geld, viel mehr Produktivität, nur eben nicht durch Lohnarbeit, sondern durch Kapitaleinsatz.“* (16)

Kann „Kapitaleinsatz“ arbeiten? Nein, definitiv nicht. Kann KI „arbeiten“? Nein, nicht in dem Sinne, wie wir Menschen arbeiten: Wir Menschen arbeiten zusammen, indem wir Arbeitsteilung organisieren und die Ergebnisse unserer Arbeit einem Austausch zuführen — möglichst zum fairen Nutzen aller. Nur das macht Sinn. Wer das Märchen glaubt, dass der „finanzialisierte“ Kapitalismus den Stein der Weisen gefunden hat, wie sich aus „Kapital“ Geld und Reichtum machen lässt, ganz ohne dass Andere dafür echte Arbeitsleistung erbracht haben, der hat nicht verstanden, wer sich in Wahrheit auf Kosten von wem bereichert — und zwar ohne oder mit KI. 

Es ist ja sonnenklar: Wenn die KI uns Arbeit abnimmt, dann müssen wir alle weniger arbeiten. Geschieht das nicht so, werden durch den „Kapitaleinsatz“ nur die Ungleichheiten der Menschen exponentiell gesteigert. Es bleibt aber dabei, dass der Reichtum auf der Arbeit Anderer beruht, die so gut wie nichts vom Kuchen, den sie selbst erarbeitet haben, abbekommen sollen. (17) Das bleibt auch mit der KI so, oder wird, wenn wir nicht dagegen aufstehen, durch die KI noch verschärft. Aber das ist klarerweise eine Frage, wie wir Gesellschaft organisieren und nicht eine Frage, ob KI gut oder böse ist. Die Arbeitslosigkeit ist kein Naturgesetz!


## Klarheit unter den verstreuten Kritikern der Verhältnisse?

Gehen wir zurück zu meiner Ausgangsthese: 

*„Die ganze Frage, wie brauchbar, wie bedrohlich KI ist, wird davon abhängen, wie stark und wie zielgerichtet sich ein sinnvoller Widerstand der Menschen entfaltet. Aber nicht vor allem gegen die KI, sondern gegen die Herrschafts- und Bereicherungsverhältnisse.“*

Nehmen wir die Summe der verstreuten Kritiker der heutigen Verhältnisse. Ein Teil davon war sich in der Zeit der staatlichen Corona-Vergewaltigung einig. Andere, die durchaus auch wichtige Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen leisteten, wie zum Beispiel Noam Chomsky, waren sich mit den Kritikern dieser Corona-Zwangsmaßnahmen keineswegs einig. Dann gibt es jene, die seit Jahrzehnten den Prozess der „neoliberalen“ oder „marktradikalen“ Umgestaltung unserer Wirtschaft als Ursache der Zuspitzung vieler gesellschaftlicher Entwicklungen erkennen (21), während andere auf die Kettensägen-Aufrufe und Maßnahmen eines Javier Milei setzen. Da ist keinerlei Klarheit herausgearbeitet, wie es denn nun mit der Menschheit in ihrer fundamentalsten Krise weitergehen soll.

Da gibt es in der Szene der Kritiker einen Markus Krall, der zweifelsohne viele der dramatischen Zuspitzungen im Finanzbereich richtig wahrnimmt, aber jede Erkenntnis aus einer tiefen Analyse des Kapitalismus entschieden ablehnt, während er absolut gläubig darauf vertraut, dass der Markt alles richten würde, wenn man ihn nur ohne staatliche Eingriffe agieren lassen würde. Das ist offensichtlich absurd, wenn man zugleich beobachten kann, wie jede Form des Kapitalismus auf die absolute Vorherrschaft des Monopols zusteuert. Das ist es gerade, was Leute wie Peter Thiel verherrlichen, um die Kontrolle über die ganze Welt zu bekommen. Zugleich setzt sich Markus Krall für „Freiheit“ ein, lobt Donald Trump und erkennt an, dass die Chinesen dem Westen davonziehen. Ausgerechnet jene Chinesen, die sich das Recht des Staates bewahrt haben, in die Privatwirtschaft regulierend einzugreifen. (18) 

Die eigentliche Perspektivlosigkeit eines Markus Krall, die sich hinter seiner scheinbar tiefen Analyse verbirgt, ist nur ein Beispiel unter vielen. Und gewiss kann seine Gedankenwelt nicht ganz frei sein von seinen Interessen im Endspiel des finanzialisierten Kapitalismus als Goldgroßhändler. 

Auch unter Manova-Redakteuren und Redakteurinnen gibt es ganz verschiedene Ansichten. Das ist zweifelsohne kein Nachteil. Aber es verlangt nach einem Ringen darum, wie denn nun die Menschheit aus ihrer Existenzkrise wieder herauskommen soll, in die sie sich selbst gebracht hat. Durch ein weiteres Erkennen und Gestalten der Außenwelt mittels Sprache, Schrift, Büchern, Wissenschaft, Computern, Internet, Handy und nun KI — allerdings auf dem Boden dieses aggressiven kapitalistischen Steigerungsspiels? Oder wie sonst? 

>Alles passiert heute auf dem Boden von Bereicherungs- und Machtverhältnissen, die alle positiven Ansätze des Menschseins in einen gierigen und selbstzerstörerischen Mechanismus verwandelt haben. Das ist der Punkt, der sich ändern muss.

Da herauszukommen, also dem Weg der Menschheit wieder Sinn zu geben, das muss unser Ziel sein. Dafür müssen wir viele Fragen klären, die wir für geklärt halten, die aber wie ein Schleier über unserem gesellschaftlichen Bewusstsein liegen, den zu durchbrechen es gilt. Zum Beispiel indem wir die „Geldfrage“ klären, wobei uns die KI unterstützen könnte, wenn wir sie richtig nutzen. Auch hier verweise ich auf einen höchst interessanten Dialog von mir mit der KI DeepSeek, den sich jeder unter diesem Link (19) ansehen kann.

Wenn uns der Zugriff auf Teile des kollektiven Denkens der Menschheit dabei helfen kann, unsere kollektive Klarheit voranzubringen, so kann das ein enormer Gewinn für einen sinnvollen Widerstand sein. Gewiss werden wir in diesem Prozess nicht vergessen, dass die Mächtigen dieser Welt diese „Waffe“ der KI auch vor allem gegen uns einsetzen wollen. Aber sie können es nicht beliebig. Das steht fest! Und wir können immer und ganz unabhängig von jeder KI uns dem Menschsein widmen, zum Beispiel in einem echten zwischenmenschlichen sokratischen Dialog!


