Eine planetare Krise

Für Klimaveränderungen, Nahrungsmittelknappheit und ökologische Zerstörung ist nicht „der Mensch“ verantwortlich, sondern eine kleine Gruppe besonders mächtiger Akteure.

Das Artensterben, die Klimazerrüttung und die Ernährungskrise sind Symptome und Folgen der Gewalt eines Krieges gegen die Erde und die Erdbewohner, der durch die Gier des 1 Prozent entfesselt wurde. Dieses 1 Prozent beutet aus und hegt ein, verschmutzt eine empfindungsfähige Umwelt und zerstört die Lebensbedingungen auf der Erde, indem es sich die Ressourcen aneignet, welche die Lebensgrundlage der Menschen sind. Das fossile, „versteinerte“ Hirngespinst einer „toten“ Erde in Verbindung mit einer Wirtschaft der Ausbeutung und Einhegung hat den vielschichtigen Notstand geschaffen, der unsere Zukunft bedroht.

Unser Zeitalter wird häufig als Anthropozän bezeichnet. Ich lehne diesen Begriff ab, denn nicht die gesamte Menschheit ist egoistisch. Nicht der Mensch als Spezies hat die Klimakatastrophe oder das Artensterben verursacht, sondern die ausbeuterische, ungezügelte Handlungsweise des 1 Prozent.

Wir haben es nicht mit von der gesamten Menschheit verursachten anthropogenen, sondern mit „kapitalogenen“ Auswirkungen der rücksichtslosen Handlungen des 1 Prozent zu tun.

Ich verwende den Begriff Anthropozän auch deshalb nicht, weil wir den Anthropozentrismus überwinden und eine Zukunft unter Einbeziehung allen Lebens auf der Erde erreichen müssen. Die Erde ist für alle Lebewesen da, nicht nur für die Menschen.

Das oberste 1 Prozent der Emittenten verursacht über tausendmal mehr Umweltverschmutzung als das unterste 1 Prozent. Wie aus dem Oxfam-Bericht 2023 hervorgeht, sind die Kohlenstoffemissionen des 1 Prozent größer als die der ärmsten zwei Drittel der Menschheit. Da es sowohl an Verständnis als auch an Wissen über die ökologischen und sozialen Auswirkungen der „Gier-Wirtschaft“ mangelt und die wirklichen Lösungen für die ökologischen Probleme verkannt werden, führt die eigentlich mehrheitliche Ablehnung der Herrschaft des 1 Prozent zu einer Leugnung der schwerwiegenden ökologischen Krisen, die nicht nur das menschliche, sondern das gesamte Leben bedrohen.

Klimakatastrophen verstärken die zerstörerischen Auswirkungen des Kolonialismus mit all seinen Fehlentwicklungen; Profit wird über Natur und Menschen gestellt. Durch Greenwashing entsteht ein neuer „grüner“ Kolonialismus, wobei eine komplexe, zusammenhängende ökologische Krise in einzelne, unzusammenhängende Krisen und eindimensionale Symptome aufgespalten wird. So kommen wir unversehens zu falschen Lösungen, die nur zu mehr Profit und einer größeren Kontrolle über die Erde, ihre Ressourcen und unser Leben führt.

Es sind die Länder des Südens, die den höchsten Preis für die ökologische Zerstörung zahlen, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben. Sie bekommen die schlimmsten Auswirkungen von Überschwemmungen und Dürren, Wirbelstürmen und Hitzewellen zu spüren. Ich habe in Gemeinden gearbeitet, die vom Superzyklon in Odisha 1999 betroffen waren, bei dem 10.000 Menschen ihr Leben verloren, ebenso wie in Gemeinden, die von der Kedarnath-Katastrophe 2013 betroffen waren, bei der 6.054 Menschen starben, und in den von der Rishi-Ganga-Katastrophe 2021 betroffenen Gemeinden, bei der 250 Menschen starben.

Umweltkrisen machen deutlich, dass wir die anthropozentrische Anmaßung überwinden müssen, die den Krieg gegen die Erde anheizt. Das 1 Prozent bleibt gegenüber der Zerstörung der Vielfalt und der ökologischen Prozesse gleichgültig. Vielmehr weiten die Umweltverschmutzer die Zerstörung aus und beschleunigen sie, indem sie sich internationaler Umweltverträge bemächtigen, die eigentlich dazu gedacht waren, ihre Praktiken zu regulieren. Sie jedoch verwandeln diese Verträge in Instrumente zur Schaffung neuer Märkte, die zu Umweltverschmutzung und Umweltschäden führen.

Drei Jahrzehnte des internationalen Klimavertrags

Seit den 1970er-Jahren gibt es ökologische Bewegungen. Sie waren eine Reaktion auf die ökologische Zerstörung, die durch ein extraktives — äußerst ausbeuterisches — Wirtschaftsmodell vorangetrieben wird, das sich als „Entwicklung“ und „Wachstum“ ausgibt, jedoch Globalisierung zugunsten der Konzerne bedeutet. Die Zerstörung der biologischen Vielfalt während der letzten vier Jahrzehnte in Wäldern und Meeren und in der Landwirtschaft führte zur Entstehung von Bewegungen zu deren Schutz. Die Verschmutzung der Luft und der Atmosphäre durch fossile Brennstoffe und daraus gewonnene giftige Chemikalien, die in einem aus dem Lot geratenen Klima, in Klimaextremen und in der Klimakatastrophe gipfelte, führte zur Einführung von zwei internationalen Umweltverträgen, die 1992 auf dem Erdgipfel in Rio von den Regierungen der Welt unterzeichnet wurden: das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) und das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) über Klimaänderungen (UNFCCC). Beide Verträge sind miteinander verknüpft, denn Biosphäre und Atmosphäre hängen ebenfalls miteinander zusammen.

Der Erdgipfel von 1992 in Rio fand vor dem Treffen in Marrakesch 1994 statt, auf dem die Welthandelsorganisation (WTO) gegründet wurde. Er fand in einer Ära vor der Globalisierung und Kontrolle durch Konzerne statt, in der es um dringende ökologische Belange ging und in der die Ökobewegungen nationale Regierungen und internationale Organisationen zwangen, sich für den Schutz der Umwelt und der indigenen Völker einzusetzen.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene UN-System beruht auf dem Prinzip „ein Land, eine Stimme“. Auf dem Erdgipfel wurden sowohl das Übereinkommen über die biologische Vielfalt als auch das Klimaabkommen von den Ländern des Südens mitgestaltet, weil dort nicht nur die meisten der 36 überlebenswichtigen Hotspots der biologischen Vielfalt liegen, sondern auch über zwei Milliarden Menschen leben, darunter einige der Ärmsten der Welt, die für ihren Lebensunterhalt und ihr Wohlergehen ganz unmittelbar auf gesunde Ökosysteme angewiesen sind.

Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt sollte die Biodiversität, das Wissen der indigenen Völker und die Souveränität der Länder schützen und bewahren. Im Laufe der Zeit wurde diese Konvention allerdings völlig ausgehöhlt, weil Vorschriften zur Verhinderung von Biopiraterie unterlaufen, Regelungen zur biologischen Sicherheit durch digitale Kartierung und gentechnisch veränderte Organismen (GVO) umgangen werden und die Zerstörung der biologischen Vielfalt unter dem Deckmantel des „Biodiversitätsausgleichs“ stattfindet.

Die Verkehrung der internationalen Umweltverträge, mit denen eigentlich die ökologische Krise des Planeten angegangen werden sollte, findet also sowohl auf der umwelt- als auch auf der wirtschaftspolitischen Ebene statt. Heute ist die internationale Ebene nicht mehr zwischenstaatlich, sondern ein von den Globalisten, dem 1 Prozent, kontrollierter Bereich.

Dreißig Jahre sind seit dem Weckruf des Erdgipfels vergangen, und die Erosion der biologischen Vielfalt ist inzwischen zu einem Notstand des Artensterbens geworden. Die Klimakrise ist zu einer Klimakatastrophe geworden, trotz der jährlichen Klimakonferenzen (COP), die stattfinden, um Strategien für die Bewältigung der Klimaveränderungen und diesbezügliche Fortschritte zu diskutieren.

Der abschüssige Weg von Deregulierung und Korporatisierung

Korporatisierung ist der Prozess der Umwandlung und Umstrukturierung von Staatsvermögen, Regierungsbehörden, öffentlichen Organisationen oder kommunalen Organisationen in privatwirtschaftliche Unternehmen.

Die Klimaveränderungen sind eine Frage der Gerechtigkeit und letztlich eine Frage von Leben und Tod. Das Ziel des UN-Klimavertrags war es, Umweltverschmutzung und Klimaungerechtigkeit zu beenden, und er war rechtlich bindend: Die Verursacher müssen die Verschmutzung stoppen. Die Verursacher müssen zahlen. Da die Industrieländer für die durch fossile Brennstoffe verursachte Verschmutzung verantwortlich waren, galten die Emissionsreduktionsziele des Vertrags ursprünglich für 37 Industrieländer, die auf der COP 3 in Kyoto 1997 als Anhang-B-Länder festgehalten wurden. In der ersten Phase des Kyoto-Protokolls, das 1997 verabschiedet wurde, aber erst ab 2005 in Kraft trat, wurden die reichen Länder, die historischen Verschmutzer, dazu verpflichtet, ihre Emissionen von 2008 bis 2012 um fünf Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Die Verursacher verwandelten diese rechtsverbindlichen Beschränkungen von Verschmutzung und Emissionen jedoch durch die Doha-Änderung des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 in einen Handel mit Verschmutzung, den sogenannten Emissionshandel.

Die beiden wichtigsten COP-Treffen fanden 2009 in Kopenhagen und 2015 in Paris statt. 2009 flog US-Präsident Barack Obama nach Kopenhagen, schlug mit einer kleinen Gruppe von Ländern außerhalb der Konferenzverhandlungen die Abschaffung des rechtsverbindlichen Rahmens und dessen Ersetzung durch freiwillige Verpflichtungen vor, hielt eine Pressekonferenz ab und flog dann wieder nach Hause. Deshalb stand der bolivianische Präsident Evo Morales im Verhandlungssaal auf und sagte: „Wir sind hier, um die Rechte von Mutter Erde zu schützen, nicht die Rechte der Verschmutzer.“ Er ergriff die Initiative und mobilisierte die Bürger der Welt, um die Universal Declaration for the Rights of Mother Earth zu verfassen, ein Vorgang, an dem ich beteiligt war.

Für den Kopenhagener Gipfel im Jahr 2009 habe ich das Buch „Soil Not Oil“ (Erdboden, nicht Erdöl) geschrieben. Damals erstellten wir auch eine gemeinschaftliche Studie mit dem Titel „Climate Change at the Third Pole“ (Klimaveränderungen am dritten Pol) und unternahmen eine Rundreise durch den westlichen Himalaya, um die Auswirkungen der Klimaveränderungen auf die Bevölkerung und die Ökosysteme im Himalaya zu untersuchen. Die Menschen im Himalaya haben nicht zu der Verschmutzung beigetragen, die ihre Gletscher schmelzen lässt, doch durch sie drohen ihnen Katastrophen.

Die COP 21, die 2015 in Paris stattfand, markierte das Ende eines rechtsverbindlichen Rahmens.

In Paris ging es nur noch um „freiwillige“ Verpflichtungen. Vor allem aber bedeutete es das Ende der UN-Abkommen als Übereinkommen zwischen Ländern, die durch ihre gewählten Regierungen gegenüber den Menschen rechenschaftspflichtig sind.

Mit dem Pariser Abkommen verlagerte sich das Ziel der konkreten und rechtlich verbindlichen Verpflichtung, dass die Verursacher ihre Emissionen reduzieren, auf freiwillige Zusagen von 196 Ländern, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur deutlich unter 2°C zu halten.

Paris leitete auch einen neuen Prozess ein, bei dem „Ergebnisse“ und „Entscheidungen“ von Milliardären wie Bill Gates bestimmt wurden: außerhalb und unabhängig von den formellen Verhandlungen zwischen Regierungen.

Die COP 28 im Jahr 2023 wurde von Sultan Ahmed Al Jaber geleitet, dem Chef der Abu Dabhi National Oil Company (ADNOC), an der BlackRock Inc., Eni SpA und KKR & Co. Inc. weltweite Beteiligungen halten. Al Jaber ist außerdem Vorsitzender von Masdar, dem führenden Bauunternehmen in Saudi-Arabien. Es war das erste Mal in der Geschichte der Klimarahmenkonvention — deren Ziel es ist, Emissionen aus fossilen Brennstoffen zu reduzieren —, dass der Vorstandsvorsitzende eines Ölgiganten die Verhandlungen leitete. Ironischerweise fand das Treffen zur Emissionsreduzierung in der Ölhauptstadt der Welt statt, und über die Zukunft der Landwirtschaft wurde in der Wüste beraten.

Konzerne, die die Verschmutzung durch fossile Brennstoffe vorantreiben, sowohl durch direkte Nutzung als auch durch ihre industrialisierte, chemieintensive Landwirtschaft, waren in Dubai vorherrschend. Waren Lebensmittel und Landwirtschaft bisher auf den meisten COP-Konferenzen kein Thema, so war nunmehr die Vereinnahmung der Lebensmittel- und Landwirtschaftsagenda durch die Konzerne auf der COP 28 unübersehbar.

Die Klimakonferenz wurde mit einer Sondersitzung eröffnet, die der „COP 28 UAE Declaration on Sustainable Agriculture, Resilient Food Systems, and Climate Action“ gewidmet war. Die Staats- und Regierungschefs von 134 Ländern unterzeichneten diese bahnbrechende Erklärung, um Nahrungsmittelsysteme zu stärken, die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Klimaveränderungen zu erhöhen, globale Emissionen zu verringern und zum weltweiten Kampf gegen den Hunger beizutragen. Die Vereinigten Arabischen Emirate sagten lediglich 100 Millionen US-Dollar zu, verpflichteten sich aber gleichzeitig, 30 Milliarden US-Dollar in einen neuen, in Dubai ansässigen Private-Equity-Fonds für grüne Investitionen, Alterra, zu investieren, der mit BlackRock und anderen Vermögensverwaltern zusammenarbeitet, um „Klimainvestitionen“ im Süden zu tätigen.

Die Agrarindustrie, vertreten durch ADM, Bayer, Cargill, Danone, Nestlé, Olam, Syngenta und Google, die systematisch die biologische Vielfalt in den Böden und in der Umwelt zerstört haben, startete eine Initiative, mit der sie den Menschen vorgaukelte, sie trüge zu dem bei, was sich „regenerative Landwirtschaft“ nennt. Die „Dairy Methane Action Alliance“ wurde von Big Dairy — Danone, General Mills, Kraft Heinz und Nestlé —, Big Ag und Big Food — Bayer, Cargill, Danone, Louis Dreyfus, Nestlé, Olam, Pepsi, Tyson und Yara — gegründet, womit sie eine Initiative zur „Dekarbonisierung“ der Nahrungskette ankündigten. (Big Dairy ist der Oberbegriff für die großen milchverarbeitenden Konzerne, Big Ag für die weltweit tätigen Agrarkonzerne und Big Food für die globalen Lebensmittelkonzerne.) Dabei verursachen ihre Geschäfte 50 Prozent der Umweltverschmutzung im Zusammenhang mit industriellen Nahrungsmittelsystemen.

Wie üblich betrat Bill Gates am Ende der Sitzung zum Thema Landwirtschaft die Bühne, um eine Partnerschaft zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Bill & Melinda Gates Foundation mit einem 200-Millionen-Dollar-Fonds für Lebensmittelsysteme, landwirtschaftliche Innovation und Klimaschutz anzukündigen.

Dieser Fonds wird sich auf die landwirtschaftliche Forschung, die Verbreitung von landwirtschaftlichen Innovationen und die Finanzierung von technischer Hilfe für die Umsetzung der COP-Erklärung konzentrieren. Wie The Guardian — ebenfalls von Gates mitfinanziert — schwärmte: „Endlich gibt es Nahrung auf dem Tisch.“

In diesem Buch befasse ich mich mit den Ursachen der Klimaveränderungen, erforsche die engen Zusammenhänge zwischen unserer Ernährung und dem Klima und gehe der Frage nach, ob Bill Gates' „Innovationen“ für künstliche Lebensmittel eine Lösung für die weltweite Unterernährung, den Hunger und die Klimaveränderungen sein können oder ob sie die Krisen noch verschärfen. Ich stelle zudem Alternativen vor, die mit der Natur und ihren ökologischen Gesetzen zusammenarbeiten und die damit die wahren Lösungen für die Klimaveränderungen sind, Lösungen, die zudem die Erde regenerieren und die Ernährungssicherheit verbessern.



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