Entlarvte Honigtopf-Praxis
Selbst die Geheimdienste wollen lange nichts von den Vorgängen auf Epsteins Insel gewusst haben — dies lässt den Schluss zu, dass die Erpressung von Politikern geplant war.
Viel Geschrei — kaum konkrete Folgen. So kann man den bisherigen Stand der „Aufarbeitung“ der Epstein-Files zusammenfassen, die so effizient verlief wie eine Corona-Enquete-Kommission. Zudem stellt sich im Lichte neuerer Erkenntnisse die Frage, warum das alles erst so spät bekannt wurde. Haben die Geheimdienste — allen voran der „beste der Welt“, der Mossad — auf ganzer Linie versagt? Bei all dem keimt der böse Verdacht, dass eine Befreiung gequälter Kinder oder die Verhinderung weiterer Verbrechen auf der Prioritätenliste der Hintergrundmächte ganz hinten rangiert. Um internationale Würdenträger effizient mit furchtbaren Taten erpressen zu können, müssen diese erst einmal stattgefunden haben. Also musste das Leiden der Opfer weitergehen. Die Epstein-Affäre, so deutet es Autor Wolf Wetzel in diesem Beitrag, erfüllt gleichzeitig verschiedene Funktionen. Unter anderem tritt ein Gewöhnungseffekt bei erschreckenden Nachrichten dieser Art ein. Mit der Zeit wenden sich Bürger mit einem genervten „Das wissen wir doch alles schon“ ab, ohne dass die Vorgänge hinter den Skandal-Enthüllungen beendet würden. Auch Wladimir Putin kann man auf diese Weise eins auswischen. Denn bringt nicht schon der Satz „Putin war nicht auf Epsteins Insel“ die beiden Akteure in einen Zusammenhang, der ersteren verdächtig erscheinen lässt? In Israel dagegen wird jugendlichen Palästinensern Furchtbares angetan, ohne dass sich das sonst so empfindliche Gewissen des Westens im Mindesten regt.
Die ersten öffentlichen Hinweise auf „Missbrauch“ reichen bis in das Jahr 1996 zurück, als Maria Farmer erstmals die Polizei über „sexuelle Übergriffe“ durch Jeffrey Epstein informierte. Doch es erfolgte keine Anklage. So ging das verdeckte, exklusive System der sexuellen Ausbeutung auf der Privatinsel „Little Saint James“, seit mindestens 2002, und anderen Anwesen ungestört weiter. Was dort über Jahrzehnte Politikern, Bankern, Royals und Business-Männern auch „angeboten“ wurde, nennt man bis heute beschönigend „sexuellen Missbrauch“ an Kindern (Pädophilie). Das ist weniger eine zutreffende Beschreibung als eine regierungsamtliche Erlaubnis für „sexuellen Gebrauch“ von Kindern.
Dass es keinen sexuellen Gebrauch von Kindern geben darf, in welcher Form auch immer, unter welchen Vorzeichen auch immer, ist keine systemische „Lücke“, sondern Absicht und im Sinne der Täter.
Ob Epstein darüber hinaus direkt oder indirekt mit dem israelischen Geheimdienst Mossad kooperierte, ist weder aus der Welt noch ausgeschlossen. Dass der ehemalige israelische Regierungschef Ehud Barak auch den Weg zu Epstein gefunden hatte, legt sehr nahe, dass damit auch der Mossad mit dieser „Adresse etwas anfangen“ konnte.
Die bisher veröffentlichten Dokumente belegen, dass Barak mehrfach in Epsteins New Yorker Apartment und auf dessen Privatinsel war, und beide auch gemeinsame Geschäftsprojekte verfolgten. Dazu gehörte zum Beispiel die Vermarktung israelischer Überwachungstechnologie für Nigeria, die ursprünglich im besetzten Palästina entwickelt wurde.
Dass genau dazu so gut wie nichts veröffentlicht wurde, liegt nicht nur an den etwa 10 Prozent der, zum Teil geschwärzten Dokumente, die bisher veröffentlicht wurden.
Alleine die folgende Frage würde die Tür zur Hölle, also zum deep state öffnen, von dem auch Slavoj Žižek spricht:
Wer hatte und hat Interesse daran, etwas Strafbares per Videos festzuhalten und dies ohne die Zustimmung beziehungsweise gegen den Willen der „Kunden“ zu praktizieren?
Alle „Kunden“ wählten Epsteins Insel vor allem deshalb, weil sie annehmen durften, dass alles absolut diskret und geheim bleibt, was dort möglich gemacht wurde. Dass genau das Gegenteil der Fall war, ist offensichtlich. Wer hatte also Interesse daran, dass diese Überwachung nicht auffliegt? Wem nutzt/e das brisante Material und zu welchem Zweck? Wie viel Erpressungspotenzial gelangte auf diese Weise in welche Hände?
Man kann also dem Philosophen Slavoj Žižek in diesem Fall zustimmen, dass das Epstein-Kartell gerade nicht für einen Ausfall der herrschenden Ordnung steht, sondern als Bestandteil verstanden werden muss:
„Die Botschaft der Epstein-Affäre lautet: kein Staat ohne deep state. Das heißt: keine Staatsmacht ohne ihr obszönes Gegenstück.“
Genau diese Sichtweise ermöglicht es zu begreifen, wie groß das Interesse sowohl von „republikanischer“ (zum Beispiel vom aktuellen US-Präsident Donald Trump) als auch „demokratischer“ Seite (wie Ex-US-Präsident Bill Clinton zum Beispiel) ist, dass die selektiven Epstein-Files zur Verwirrung, aber auf jeden Fall nicht zur Aufklärung beitragen sollen.
Jenseits der konkreten Vorwürfe gegen Einzelne, wäre doch das allerwichtigste, die Verjährungsfristen für sexuelle Gewalttaten aufzuheben, um das zu ermöglichen, was jetzt scheinbar bedauert wird — eine Strafverfolgung. Warum beschließen nicht die demokratische und die republikanische Partei gemeinsam eine solche Gesetzesänderung?
Dasselbe Desinteresse gilt für die US-Geheimdienste, denn sie müssten erklären, wovon sie plus/minus 30 Jahre nichts gewusst haben wollen.
Und sie müssten die nahe liegende Frage beantworten: Gehört nicht gerade ein solch reizvoller Ort zu der „Honigtopf“-Praxis von Geheimdiensten, um die „Erkenntnisse“, die man dort sammelt, abzuschöpfen?
In der sehr gängigen und krimitauglichen Version wird ein von Geheimdiensten eingesetzter „Honigtopf“ mit attraktiven und verführerischen Frauen in Verbindung gebracht, die sich an eine Zielperson heranmachen, um so an wichtige Informationen zu gelangen.
Tatsächlich stellen die „Honigtöpfe“ heute vor allem jene Orte dar, die eng mit Kriminalität verknüpft sind. Dazu gehört neben der Prostitution Waffen- und Drogenhandel. Zum einen will man wissen, woher die Waffen und die Drogen kommen und wohin sie gehen, wie das System also funktioniert. Die Geheimdienste selbst nutzen diese illegalen Strukturen, schwimmen mit und schöpfen sie ab.
Sehr präzise wurde dies durch die Iran-Contra-Affäre in der Amtszeit des republikanischen US-Präsidenten Ronald Reagan (1981 bis 1989) aufgedeckt. Sie beinhaltet nicht nur geheime Waffenlieferungen an den Iran. Parallel dazu wurden durch den Verkauf von Kokain in den USA die konterrevolutionären „Contras“ finanziell und militärisch unterstützt, um so das sandinistische Regierung in Nicaragua zu stürzen.
Die Verbindung zwischen der CIA, den Contras und dem Drogenhandel wurde erstmals 1996 durch die Artikelserie Dark Alliance des Journalisten Gary Webb publik gemacht. Webb beschrieb darin, wie große Mengen Kokain in den Ghettos von Los Angeles auf den Markt gebracht wurden, was zur Ausbreitung der Crack-Welle beitrug.
Sicher belegt ist für Deutschland, dass der neofaschistische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) durch das Gewährenlassen und aktive „Nichtstun“ des deutschen Geheimdienstes sieben Jahre lang morden konnte und nicht auffliegen sollte.
Das belegen schon alleine die über 45 aufgedeckten V-Leute, die im Netzwerk des NSU aktiv waren. (Grafik/siehe Anlage)
Dass die Privatinsel von Epstein „Little Saint James“ ein Honigtopf par excellence darstellte, bedarf keiner hemmungslosen Fantasie.
Bekannt ist mittlerweile, dass dort republikanische wie demokratische US-Spitzenpolitiker gern gesehene Gäste waren. Nehmen wir also an, ein demokratischer Senator stört und gefährdet durch schwerwiegende Vorwürfe das politische System. Natürlich kann man ihn denunzieren und unglaubwürdig machen — was ja oft genug passiert. Aber die viel ruhigere Art, ihn zum Schweigen zu bringen, liegt mit dem Honigtopf auf der Hand: Man legt ihm ganz vertraulich Videos und Fotos von seinem Aufenthalt auf „Little Saint James“ auf den Tisch und fügt lapidar hinzu, dass man dies auch an die Öffentlichkeit bringen könne.
„Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Herr Senator, diese Videos und Fotos bekommen Ihre Frau und Ihre Kinder zu sehen? Wollen Sie das?“
Was im trumpistischen Verständnis als Deal deklariert wird, ist eine Erpressung — die in aller Regel für den Erpresser erfolgreich endet.
Kinder als Sex-Sklaven und/oder Geisel
Dass in Kreisen des israelischen Kriegskabinetts Kinder so viel Schutz genießen wie Ameisen, beweist die „moralischste Armee der Welt“ jeden Tag:
Stand 2026 hält Israel über 360 palästinensische Kinder als Geiseln in Foltercamps gefangen, berichtet die unabhängige Medienorganisation Itidal. Davon befinden sich 147 Kinder, also 41 Prozent, in sogenannter Administrativhaft — ohne Anklage, ohne Verfahren und ohne Rechtsschutz.
Laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem, Human Rights Watch und Amnesty International werden sie systematisch gefoltert, unter anderem durch Schläge, Tritte, dauerhaftes Fesseln, Nahrungs- und Schlafentzug sowie sexuelle Gewalt. Das Sde Teiman-Foltercamp wird als Beispiel genannt, wo Betroffene laut Berichten „Welcome to hell“ entgegengebrüllt bekamen.
Die israelische Regierung nutzt die Kinder als Faustpfand in Verhandlungen, etwa im Rahmen von Gefangenenaustauschabkommen. So wurden am 13. Oktober 2025 mehrere Kinder im Zuge eines Waffenstillstandsvertrags freigelassen. Die Bundesregierung hat zu keinem Zeitpunkt die sofortige Freilassung der palästinensischen Kinder gefordert und kein einziges Wort darüber verloren, dass diese Kinder als Geisel und Tauschmaterial gefangen gehalten werden.
Abgebrühtheit als Selbstschutz
Es gibt nicht wenige, die sehr abgebrüht tun und für die Skandalisierung von sexueller Ausbeutung nur ein müdes Lächeln übrighaben. Das sei doch nichts Neues, vom Römischen Reich über „Bunga Bunga-Sexpartys“ im Italien des ehemaligen Präsidenten Berlusconi, vom „Sachsensumpf“ bis hin zu den VIP-Bordellen. Alles schon gehabt. Nichts Neues. Was soll’s.
Ich halte dieses müde Abwinken vor allem für eine Art des Selbstschutzes. Denn er signalisiert einem selbst und anderen: Das gab’s schon immer und wird es immer geben. Ab in die Alltagsroutine.
Tatsächlich gab es schon fast immer sexuelle Ausbeutung. Sie ist quasi ein Grundstock des Patriarchats. Und selbstverständlich sind die Bordelle keine Erfindung von Epstein.
Auch Autos gibt es seit Jahrhunderten und dennoch lohnt es sich, einen VW von einem Mercedes unterscheiden zu lernen.
Im Normalfall sind Bordelle kein sicherer Ort. Die Überwachung durch Gesundheits- und Ordnungsamt et cetera ist halbwegs vorhanden. Die Namen der dort tätigen Prostituierten und des dort angestellten Personals sind meist registriert, also bekannt.
Die Überwachung ist also vor allem eine externe. Man will die Prostitution im Griff behalten und sie genau an diesen Orten, sogenannte „Sperrgebiete“, festnageln. Und man führt in der Regel auch Razzien durch, um die Bordellbesitzer gefügig zu halten.
Genau das Gegenteil ist auf der Privatinsel von Epstein über 30 Jahre passiert. Es gab keine staatliche Kontrolle, keine Razzien. Man wollte nichts wissen. Scheinbar, um die prominente Kundschaft in Sicherheit zu wiegen.
Das ist alles andere als normal und gängig. Es ist exklusiv. Das liegt aber nicht alleine an dem Multimillionär Epstein, der seinen Reichtum im Investmentsektor verdient hat: Sein Vermögen wurde nach seinem Tod im Jahr 2019 offengelegt und betrug 577,7 Millionen US-Dollar. Das unterscheidet ihn auch finanziell ganz erheblich von Bordellbesitzern mit Goldkettchen.
Das Besondere an der Epstein-Insel sind die Kunden, die dafür sorgen können, dass diese „Partys“ ohne staatliche Störungen und Zugriffe ablaufen.
Und dennoch oder gerade deshalb gehören über 2.000 Videos und 180.000 Fotos zu den bisher freigegebenen Files. Da dies nur die Spitze des Eisberges ist, kann man nur erahnen, welches Belastungsmaterial dort aufgetürmt wurde.
Little Saint James. Das Panoptikum einer nackten Barbarei
Was in Deutschland mit allen Mitteln verhindert werden soll, passiert — trotz alledem — in den USA — nicht in den Ghettos, sondern in der Glitzerwelt des Show-Business:
Trevor Noah nutzte seine Rolle als Moderator der 68. Grammy-Verleihung am 1. Februar 2026, um mit einem gekonnten Witz deutlich zu machen, dass die Epstein-Affäre kein Ende finden wird, sondern nur an einem anderen Ort weitergeht.
Im Zuge der Verleihung des Preises für den „Song des Jahres“ an Billie Eilish sagte Trevor Noah:
„Song of the year — Das ist ein Grammy, den jeder Künstler will, fast so sehr wie Trump Grönland will, was Sinn macht, denn seitdem Epsteins Insel weg ist, braucht er eine neue, um mit Bill Clinton abzuhängen.“
Denn es wissen alle, die Gelangweilten und die Aufgeregten: Das System „Epstein“ schüttelt sich nur kurz und macht hemmungslos weiter. Alles wird wie bei der Iran-Contra-Gate-Affäre ausgehen: straffrei.
Daran werden weder Gerichte etwas ändern noch eine bessere parlamentarische Opposition.
„Wie viele von Ihnen wären zu den Partys zu Epsteins Insel gegangen?“
Selbst im weit entfernten Europa, womit die EU-Institutionen gemeint sind, herrscht vor allem Schweigen. Solange man nicht weiß, was in den 90 Prozent der Dokumente zu finden ist, die noch nicht öffentlich sind, hält man die Füße still. Sie wissen alle: Es geht nicht um Einzelne, um schwarze Schafe, die man jetzt zum Schutz der Herde aussortiert.
Genau dies hat die spanische Europaabgeordnete Irene Montero auf den Punkt gebracht:
„Dass die Mächtigen Pädophile oder Vergewaltiger sind, ist kein Fehler des Systems — es ist das Herz des Systems.“
Sie schließt ihre Rede vor dem EU-Parlament mit den Worten:
„Damit ihre Party weitergeht, muss die Welt brennen.“
Der Applaus der dort versammelten Parlamentarier war sehr überschaubar.
Putin war auf der Epstein-Insel — so gut wie.
Man kann es auch so sagen: Wenn Wladimir Putin auftaucht, dann ist die Kacke am Dampfen. Während sich die westlichen Laufstallmedien in Sachen Investigativjournalismus auffallend zurückhalten und partout keine Nachfragen stellen, sind sie hyperaktiv, wenn ihnen ein Köder angeboten wird, der vom Eigentlichen ablenken soll. Tagelang beherrschte orchestriert Putin die Epstein-Files. Er sei dort mehrfach erwähnt! Was bei anderen erwähnten „Kontakten“ zu Epstein mit dem ausdrücklichen Hinweis versehen wurde, dass dies alleine keine strafbare Handlung sei, wird dies im Fall Putin einfach ignoriert.
Doch auch diese gelegte Fehlspur erweist sich als Bumerang:
Es stimmt, dass Epstein versucht hatte, mit Putin Kontakt aufzunehmen. Es ist aber auch eindeutig belegt, dass Putin diesen Kontakt ausgeschlagen hatte und kein einziges Mal auf Epsteins Privatinsel war.
Stattdessen weisen die Dokumente auf das eigentliche Motiv Epsteins hin: Er wollte Zugang zu russischen Millionären bekommen, um ihnen sichere Fluchtorte, also Anlagemöglichkeiten für ihr erraubtes Vermögen anzubieten. Denn Epstein war als Investment-Dealer breit aufgestellt und fungierte sowohl als „Vermögensberater“ also auch als „Geldwäscher“ für Oligarchen der Welt. Ihm kam es dabei nicht auf die Nationalität an, sondern einzig und alleine auf die Höhe des Anlagevermögens. Seitdem dies öffentlich geworden ist, ist Putin wieder aus den Schlagzeilen verschwunden.
Die gewollte Gewöhnung an diese obszönen HERRschaftsorgien fängt bei Epstein an und hört in Gaza/Palästina nicht auf. Sie hat eine zivile und eine militärische Seite.
Wenn wir die Verachtung zulassen, die bis in unser Leben hineinreicht, wenn wir sie spüren, dann werden wir auch neue Wege finden, uns damit nicht abzufinden.