# Entsorgte Symptomträger

Begleiteter Suizid soll Leid vermeiden — auf die Spitze getrieben ist er aber die Verführung zu sozialverträglichem Frühableben.

von 
   * Roland Rottenfußer

Ist es besser, am Leben zu sein oder tot? Schon William Shakespeare setzte sich mit dieser Frage auseinander. Glaubt man seinem Helden Hamlet, hält nur die radikale Unsicherheit über das „Danach“ viele Menschen im Leben fest. Weil „wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn“. Ein Zeitgeist, der sich um ein Jenseits wenig schert, und Gesetze, die in vielen Ländern in Kraft traten, haben aus legalem „begleitetem Suizid“ in den letzten Jahren ein Trendthema gemacht. Viele sehen darin einen Humanitätsfortschritt. Selbstbestimmt könnten unheilbar Kranke ihrem Leid ein Ende setzen. Eine wachsende Zahl von Menschen macht davon Gebrauch. Doch zum niedrigschwelligen Angebot gemacht, birgt die Todesspritze ihre Tücken. Die Sozialsysteme könnten sich auf diese Weise teurerer Kostgänger entledigen wollen. Und anstatt Kranken zu einem würdigen Leben zu verhelfen, assistiert die Gesellschaft ihnen mit zunehmender Leichtfertigkeit beim Sterben.

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Es klingt fast so, als habe der englische Klassiker unsere Epoche kritisieren wollen. So treffend sind William Shakespeares Beobachtungen:

*„Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel,
Des Mächtigen Druck, des Stolzen Mißhandlungen,
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
Den Übermut der Ämter und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,
Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte
Mit einer Nadel bloß?“*

Hamlet, Prinz von Dänemark, ist gewiss keine sonniges Gemüt. In einem der berühmtesten Monologen der Weltliteratur, [„Sein oder Nichtsein“](https://www.gedichte7.de/sein-oder-nichtsein-das-ist-hier-die-frage.html), ringt er mit einem Thema, das nicht nur sein persönliches Schicksal berührt, sondern auch die Frage danach, wann ein Leben noch als lebenswert bezeichnet werden kann. Im Grunde weiß der Prinz schon, wohin es ihn zieht:

*„Und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen“*

Was ihn in letzter Konsequenz zurückhält, ist nur „die Furcht vor etwas nach dem Tod, das unentdeckte Land“.

## Noelias Entscheidung

Was den Theaterzuschauern als ästhetischer Genuss und eher theoretisches Gedankenspiel dienen kann, ist für leidende Menschen eine bittere Realität.

[Noelia Castillo](https://www.aerzteblatt.de/news/besturzung-nach-sterbehilfe-fall-in-spanien-78d9d696-23d1-4820-8382-fe529cca782a), eine 25-jährige Frau, die bei Barcelona lebte, erhielt am 26. März 2026 auf eigenen Wunsch die Todesspritze. „Ich will einfach nur in Frieden gehen und nicht mehr leiden“, begründete sie ihre Entscheidung. Castillo war 2022 Opfer sexueller Übergriffe geworden. Sie sürzte sich daraufhin aus einem Fenster, überlebte aber und war seither querschnittsgelähmt und inkontinent. Die Gedanken an das, was ihr widerfahren war, quälten sie. Aktive Sterbehilfe ist in Spanien seit 2021 legal.

Castillos Fall löste weit über die Grenzen Spaniens hinaus Bestürzung aus. Ihre Jugend und ihr schweres Schicksal berührten viele. Ihre großen, traurigen Augen weckten viel Mitgefühl. Man könnte nun sagen, ihr Tod sei tragisch gewesen, jedoch eindeutig ihre eigene Entscheidung. Interessanterweise galt Noelia Castillos begleiteter Suizid aber als umstritten. An ihn knüpften sich nicht nur ethische, sondern auch politisch-weltanschauliche Konflikte. Noelias Vater zog vor Gericht, um das Weiterleben seiner eigenen Tochter gegen deren eigenen Wunsch zu erzwingen — ein sehr heikler Fall, der die Familie wegen der Schwierigkeit der damit verbundenen Fragen emotional an ihre Grenzen brachte. 

> Was fordert die Liebe in einem solchen Fall? Alles zu tun, damit die geliebte Tochter weiterlebt, oder ihrem Wunsch nach Befreiung von einem als unerträglich empfundenen Leben nachzugeben?

## Sterbehilfe statt Lebenshilfe?

Die streng katholische Organisation Abogados Cristianos, der der Vater angehörte, hatte das spanische Euthanasiegesetz wiederholt als Ausdruck einer „Kultur des Todes“ kritisiert. Aktivisten protestierten mit religiösen Andachten gegen Castillos Entschluss. Aber das Lager des Vaters argumentierte auch gesundheitspolitisch und sah ein Versagen des Sozialsystems, das Noelia über Jahre nicht ins Leben zurückhelfen konnte, um ihr dann am Ende beim Sterben behilflich zu sein. Der Anwalt des Vaters gab zu Protokoll:

*„Wir glauben, dieses Mädchen hätte schon lange wegen psychischer Probleme behandelt werden und eine höhere Pflegestufe erhalten sollen. Das hätte ihr eine höhere Pension und ein würdiges Leben ermöglicht. Aber statt dessen hat sie nur die Euthanasie erhalten.“*

Alicia García von der konservativen Partido Popular stieß in das gleiche Horn:

*„Ich bin Mutter von drei Töchtern, und ich habe das alles sehr bewegt und tieftraurig mitverfolgt. Es handelt sich hier um ein klares staatliches Versagen. Gegenüber einem Kind, einer jungen Frau, deren Rechte nicht ausreichend geschützt wurden vor sexueller Gewalt, einer Frau, die versucht hat sich umzubringen. Dieser Fall geht uns alle an.“*

„Rechte“ Kritiker zogen für sie typische Schlussfolgerungen, als Gerüchte laut wurden, dass Noelia Castillo [Opfer einer Massenvergewaltigung durch Einwanderer](https://www.youtube.com/watch?v=8xCs7JcCJYk) geworden sei. Wer eigentlich hätte eher den Tod verdient: das Opfer oder die Täter? So oder so ähnlich lauteten Debattenbeiträge. Dabei ist die Identität der Täter bis heute nicht klar, da Noelia die Tat nie offiziell zur Anzeige brachte.

Sicher ist, dass alle Parteien der Linken und der Mitte 2021 für das spanische Euthanasiegesetz gestimmt hatten, zwei konservative Parteien jedoch dagegen. Dies wirft Fragen auf, wie weit diese Entscheidungen logisch aus den jeweiligen Ideologien dieser Politiker hervorgegangen waren. 

> Setzen „Rechte“ das Recht auf Leben — notfalls auch gegen den Willen eines Menschen — absolut, weil Leben, Schmerz und Tod von Gott zugeteilte Schicksale sind, über die sich der Mensch nicht hinwegsetzen sollte? Und sehen „Linke“ das deswegen lockerer, weil sie von einem gott- und sinnlosen Universum ausgehen, bei dem das Leben obsolet wird, sobald die Unlust- gegenüber den Lustgefühlen überwiegen?

## „Endlich ausruhen!“

Fakt ist, dass seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes 1.123 Menschen in Spanien ihrem Leben auf diese Weise ein Ende bereitet haben. „Ayuda para morir“ ist der Fachbegriff: Hilfe zum Sterben. Verführt die staatliche Billigung und Mithilfe Kranke somit dazu, vorschnell aufzugeben? Oder muss man eher davon ausgehen, dass die Todessehnsucht schon immer verbreitet war, jedoch vor 2021 schwerer realisiert werden konnte und mit endlosem Leiden im Verborgenen verbunden war? Die Zahl der Freitods außerhalb des geordneten Sterbehilfeverfahrens beträgt in Spanien übrigens jährlich um 4.000 Fälle, 2024 waren es zum Beispiel 3.953 Fälle.

Bei der Bewertung sind einige Besonderzeiten zu bedenken: Begleitete Selbsttötungen können helfen, Schmerzen und Verletzungen wegen „Fehlversuchen“ zu vermeiden — man denke dabei etwa an Noelia Castillos Versuch, sich aus dem Fenster zu stürzen. Bei begleiteten wie bei spontanen Suiziden geht es vielfach nur nur um die Vorverlegung eines ohnehin herannahenden Todeszeitpunkts — typischerweise etwa bei unheilbarem Krebs.

Castillo jedenfalls soll ihre Entscheidung bis zum Schluss nicht bereut haben. Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entgegen der Beschwerde ihres Vaters endgültig ihr Recht auf Suizid bestätigte, sagte die junge Frau im spanischen Fernsehen: „Endlich habe ich es geschafft, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr mit dieser Familie, mit diesen Schmerzen.“ Sie sagte öffentlich auch, sie wolle „endlich gehen, aufhören zu leiden“ und sich „endlich ausruhen“.

## „Unfähig zu pflegen und zu lieben“

Dennoch hatten nicht wenige Zweifel, ob die junge Frau nicht hätte gerettet und zum Leben zurückgeführt werden können. Ein Vertreter der Spanischen Bischofskonferenz sprach von einer „Wohlstandsgesellschaft“, die „unfähig ist, zu pflegen und zu lieben“.

In ähnlichem Sinn sagte Eugen Brysch, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Patientenschutz:

*„Jeder Mensch hat das Recht, seine Therapie zu beenden, auch wenn diese Entscheidung zum Tode führt. (…) Wenn jedoch ein Parlament Tötung auf Verlangen gesetzlich zulässt, befeuert es die gesellschaftliche Spaltung. Die Reaktionen in Spanien zeigen das zweifelsohne.“*

## Ein lebendiger Kopf in einem toten Körper

Wie sich die Einstellung von Politik und Gesellschaft über mehrere Jahrzehnte gewandelt hat, zeigt ein anderer, älterer Fall, ebenfalls aus Spanien. Der Kampf des nach einem Unfall schwerbehinderten [Ramón Sampedro](https://www.spiegel.de/geschichte/suizid-von-ramon-sampedro-sterbehilfe-das-recht-auf-den-eigenen-tod-a-1186882.html) um sein Recht auf selbstbestimmtes Sterben erlangte vor allem durch seinen Erlebnisbericht „Cartas desde el infierno“ (Briefe aus der Hölle) von 1996 Berühmtheit. In der Verfilmung [„Das Meer in mir“](https://www.youtube.com/watch?v=tawwBNJ2q1I) von Alejandro Amenábar (2004) spielte Spaniens Superstar Javier Bardem die Rolle Sampedros. Ramón war Seemann. Im Sommer 1968 sprang er von einer Klippe in viel zu flaches Wasser. Infolgedessen war er vom Hals abwärts gelähmt. „Seit diesem Tag bin ich ein lebendiger Kopf und ein toter Körper“, diktierte er später in sein Buch. „Man könnte sagen, ich bin der sprechende Geist eines Toten.“

Als ihm die Ärzte Monate nach dem Unfall mitteilten, dass er sich „bis auf meinen Kopf nie wieder würde bewegen können“, stellt sich für den schwerbehinderten Mann mit aller Macht die Frage nach dem Sinn eines solchen Lebens. „Es wäre besser gewesen, wenn ich ertrunken wäre.“ 

> Der sprachbegabte Sampedro fasste sein Dilemma in drastische Worte: „Gibt es etwas Absurderes, als einem Kadaver zuzuhören, der leidenschaftlich wie ein Mensch redet, wenn er weder Kälte und Wärme noch Lust und Schmerz spüren kann?“ 

Der Gelähmte beschwor seine Verlobte Aurita, ihn zu verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu werden. Nach einigem Zögern folgte sie der Aufforderung.

Ramón Sampedro sah schon früh im Suizid den einzigen Ausweg. Tragischerweise war ihm dieser jedoch physisch unmöglich, da er gleich einer Puppe ans Bett gefesselt war. Er konnte nicht einfach auf ein Dach klettern und sich in die Tiefe stürzen oder andere Maßnahmen in die Wege leiten. Hinzu kam, dass es legale Sterbehilfe — wie mehr als 50 Jahre später im Fall Noelia Castillos — damals einfach noch nicht gab. Es regierte noch immer der Diktator Franco in einem als erzkatholisch geltenden Land. Kranke hatte sich dem Urteil Gottes zu beugen, der entschied, wann das Leben und Leiden eines Menschen zu Ende waren. Mitfühlende Angehörige konnten nur bei Gefahr einer Verurteilung wegen eines Tötungsdelikts beim Suizid assistieren.

## Das Recht auf einen würdigen Tod

So schien Sampdros Lage aussichtslos, bis er 1993 mit Hilfe der Organisation Right to Die with Dignity (Recht auf einen würdigen Tod) vor das Spanische Verfassungsgericht und später den Europäischen Gerichtshof zog, um sein Recht auf Sterben durchzusetzen. Beide Klagen scheiterten damals. Eine lebhafte öffentliche Debatte schloss sich an, wobei 67 Prozent der Spanier für ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben votierten. Schließlich gelang es ihm 1998, mithilfe einiger Freunde Suizid zu begehen. Die Helfer übernahmen jeweils kleine Handreichungen — etwa die Bereitstellung von Gift und einem Glas —, die für sich genommen nicht illegal waren, ihn am Ende aber in die Lage versetzten, selbst mittels eines Strohhalms mit Zyankali vergiftetes Wasser zu trinken.

Seine wichtigste Helferin, Ramona Maneiro, wurde festgenommen, jedoch bald darauf wieder freigelassen, nachdem sich 4.000 Spanier wegen Beihilfe zum Suizid selbst angezeigt hatten. Maneiro bekannte sich 2005, nach Ablauf der Verjährungsfrist, zu der „Tat“ und begründete sie so: „Sich von einer Person zu trennen, die man liebt, ist sehr schwer. Aber man muss den Willen dieser Person respektieren. Und das habe ich getan.“

Sampedros Fall weckt insgesamt klar Sympathien für das Recht auf Suizid im Fall unheilbarer Krankheit und extremer Behinderung, verbunden mit dauerhaftem schweren Leid. Buch und Verfilmung können beim Rezipienten keinen anderen Schluss zulassen, als den, dass nur die langjährige Verweigerung der Sterbehilfe als Verbrechen gelten kann. Einer der berühmtesten Selbstmörder der Literaturgeschichte, geschaffen von Johann Wolfgang von Goethe, sagte in „Die Leiden des jungen Werther“ (1774):

       *“Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: Sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Maß seines Leidens ausdauern kann, es mag nun moralisch oder körperlich sein.“*

## Wenn Menschen in den Tod getrieben werden

Die Entscheidungen von Privatpersonen zum Suizid sollten respektiert werden, mag man sie auch bedauern und — quasi von der Seitenlinie aus — den Eindruck haben, es hätte noch andere Lösungen gegeben. Etwas anderes ist es, wenn sich staatliche Institionen verbietend oder assistierend einmischen. 

> Es gibt hier eine Grenze, die keineswegs überschritten werden darf. Sie verläuft zwischen bloßer Legalisierung von begleitetem Suizid nach einem geordneten Verfahren und Fällen, in denen der Staat Menschen geradezu in den Tod treibt oder ihnen diesen suggeriert. 

Im Juli 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, kam es auf der japanischen Insel Saipan zu einem [Massenselbstmord von Teilen der Zivilbevölkerung](https://www.derstandard.de/story/3000000227566/schlacht-um-saipan-der-anfang-vom-ende-des-imperialen-japan). Gegen Ende der Schlacht von Saipan stand eine Invasion der Insel durch US-Truppen unmittelbar bevor. Im Norden der Insel trieb das japanische Militär daraufhin Tausende Zivilisten und überlebende Soldaten zusammen. Die Kriegspropaganda verbreitete die Angst, das US-Militär würde Japaner in Massen foltern und vergewaltigen. Soldaten des Feindes wurden als sadistische Monster dargestellt. Rund 1.000 Zivilisten sprangen daraufhin von den Klippen in den Tod, darunter ganze Familien, Mütter mit Babys im Arm, Väter, die ihre Kinder vor sich hertrieben … Es gibt beklemmende Bilder von diesem Massenselbstmord, bei dem Menschenkörper quasi von den Klippen herabregneten. Hier liegt also eine Mischung aus Mord, Überredung und Verführung zum Selbstmord vor. Hintergrund ist auch die im japanischen Faschismus geläufige Idee des [ehrenvollen Todes für Kaiser und Vaterland](https://www.manova.news/artikel/zeitenwende-im-pazifik).

## Selbsttötung aufgrund von „Klimatrauer“

Während die Idee, eine Welt ohne den japanischen Faschismus sei nicht mehr lebenswert, wie eine sehr abseitige geistige Verirrung wirkt, könnte ein anderer Selbstmordgrund zumindest unbewusst bei einigen Menschen eine Rolle spielen. [Der US-Anwalt David Buckel](https://www.bbc.com/news/world-us-canada-43773650) setzte sich 2014 selbst in Brand, um ein Zeichen gegen die von Menschen gemachte Klimakatastrophe zu setzen. „Mein früher Tod durch fossile Brennstoffe spiegelt wider, was wir uns selbst antun“, hieß es in einem Abschiedsbrief.

im April 2022 zündete sich [der Klimaaktivist und Buddhist Wynn Bruce](https://insideclimatenews.org/news/22042023/wynn-bruce-earth-day/) vor dem Obersten Gerichtshof der USA in Washington, D.C. selbst an. Aus seinem Umfald verlautete, Bruce habe an einer extremen Form von „Climate Grief“ (Klimatrauer) gelitten und insbesondere das Wegschauen der Mehrheitsgesellschaft nicht länger ertragen können.

Ein vergleichbares Szenario wird in [M. Night Shyamalans Thriller „The Happening“](https://www.youtube.com/watch?v=TJ71uf635hM) auf unheimliche Weise auf die Spitze getrieben. Die USA werden darin von einer Welle unerklärlicher Selbstmorde heimgesucht. Menschen purzeln von den Dächern auf den Asphalt, was an den Massensuizid auf den Klippen von Saipan erinnert. Es stellt sich heraus, dass die Ursache für die viral gehende Todessehnsucht darin liegt, dass die vom Menschen gequälte Natur nun endlich zurückschlägt. Pflanzen sondern ein Nervengift in die Luft ab, das in Menschen den unwiderstehlichen Wunsch zu sterben erzeugt. Das Phänomen taucht nur in größeren Menschenmengen auf, sodass sich Held und Heldin des Films (Mark Wahlberg, Zooey Dechanel) in eine möglichst abgelegene Gegend zu retten versuchen. Es ist, als ob die mörderischen Pflanzen eine Aversion gegen zu großen Dichtestress hegen würden, welcher sensiblen Menschen schon jetzt oft zu schaffen macht.

## Ästhetische Inszenierung des Sterbens

Zu viele Menschen — das ist auch der Aufhänger des Science-Fiction-Klassikers „Soylent Green“ mit Charlton Heston aus dem Jahr 1973. In diesem beklemmenden Zukunftsszenario ist die Überbevölkerung in einer Großstadt bedrängend geworden. Man kann nicht durch sein Treppenhaus gehen, ohne über Dutzende dort Herumlungernde zu steigen oder sich an ihnen vorbeizudrücken. In der Folge wird auch die Nahrung für die aus dem Ruder gelaufene Menschenpopulation knapp. Alten und schwer kranken Menschen wird daher vom Staat ein niedrigschwelliges Angebot gemacht, die Allgemeinheit mittels begleiteter Sterbehilfe von der Last, die ihre Existenz darstellt, zu befreien.

In der [Sterbeszene des alten Sol Roth](https://www.youtube.com/watch?v=hKndJzCKKcE) wird für diesen ein ästhetischer, einladender Sterbeprozess inszeniert, mit sanfter klassischer Musik und schönen Bildern jener Blumen, Wälder und Fischschwärme, die draußen, in der Realität, schon längst infolge der unersättlichen menschlichen Raumnahme verschwunden sind. Das Titel gebende Präparat Soylent Green wird von den meisten Überlebenden als Büchsennahrung aus Meeresalgen konsumiert. Die Wahrheit ist jedoch weitaus makabrer, wie Protagonst Robert Thorn (Heston) am Ende enthüllt:

*„Der Ozean stirbt. Plankton stirbt. (...) Sie machen unser Essen aus Menschen. Als Nächstes züchten sie uns wie Vieh — für Nahrung.“*

> Die Idee hinter dem Film ist: Nur Menschen gibt es in so großer Anzahl, dass man alle damit ernähren könnte, ohne dass damit unverantwortliche Ressourcen-Entnahme aus der Tier- oder Pflanzenwelt verbunden wäre.

## Die eigene Existenz als Last für die Allgemeinheit

Die erwähnten fiktiven Ereignisse umreißen einen Graubereich zwischen der Nötigung von Menschen zur Selbstvernichtung und der Einsicht, die eigene Existenz könne sich für die Gemeinschaft oder das Ökosystem als störend, zumindest aber als überflüssig erweisen. Als Ergebnis käme die eigene Nichtexistenz einem Befreiungsschlag gleich, der die Mitmenschen von einem Teil des Dichtestresses befreien könnte, unter der sie leiden. Die Gründe für Zweifel an der Legitimität der eigenen Existenz können verschieden sein:

* Man stellt für seine Familie eine untragbare Belastung dar: durch verstärkten Pflege- und Finanzbedarf aufgrund von Alter oder Krankheit.
* Diese Belastung kann auch die Gemeinschaft beziehungsweise die Sozialsysteme als Opfer treffen.
* Nicht nur als chronisch Kranker wie im Fall Ramón Sampedros, auch als Langzeit-Arbeitsloser könnte jemand die Selbstauslöschung als „mutigen“ Schritt zum Wohle der Allgemeinheit ansehen.
* Als chronischer CO<sub>2</sub>-Ausstoßer durch Ausatmen wie auch durch Emissionen und Ressourcenverbrauch wird die eigene Existenz als Mensch für viele obsolet.
* Die erwartbare Zukunft mit Finanzknappheit, Ökokatastrophe kann vielleicht kein lebenswertes Leben für alle mehr garantieren. Durch das Selbstopfer würden die Chancen für die verbleibenden Menschen auf ein Überleben in Würde steigen. Der sanfte, selbstgewählte Tod bewahrt vor einem fremdbestimmten, vielleicht qualvolleren Tod, zum Beispiel durch Hungersnöte.
* Wer den Suizid scheut, könnte eine „weichere“ Form der Bevölkerungsreduktion wählen: Kinderlosigkeit. Wenn man schon die eigene leidige Existenz bis zum natürlichen Ende weiterführen möchte, hinterlässt man wenigstens keine kleinen CO<sub>2</sub>-Ausstoßer, die das Problem über Generationen potenzieren würden. Dieses Mittel wird — zumindest kollektiv unbewusst — schon jetzt reichlich genutzt.

## Was fangen wir mit „überflüssigen“ Menschen an?

Natürlich ist der politisch, sozial oder ökologisch motivierte Bilanz-Selbstmord noch relativ wenig verbreitet. Doch besteht die Gefahr, dass eine Psychodynamik, wie ich sie skizziert habe, unbewusst zum Tragen kommt. So könnten Methoden des langsamen, indirekten Suizids, zum Beispiel durch Zigaretten- und Alkoholkonsum, durch Überarbeitung und vernachlässigte gesundheitliche Selbstfürsorge zur Anwendung kommen.

Weiter können Narrative wie „Du bist überflüssig“, „Du bist schädlich“, „Du bist ein Schmarotzer“ oder „Ohne dich wäre die Menschheit besser dran“ durch in den Medien geführte Debatten auch geschürt werden. Gegenüber Arbeitslosen, chronisch Kranken, Behinderten, Flüchtlingen, Ungeimpften auch Reichen, die ein energieintensives Leben führen. 

> Das Gefühl, eigentlich gar nicht hier sein zu dürfen, könnte wie ein schleichendes Gift allmählich die Seele zerfressen und in eine Suizidentscheidung münden.

Der Autor Yuval Noah Harari, der auch Gastredner beim World Economic Forum in Davos war, sprach in seinem Bestseller-Buch „Homo Deus“ (2015) in kühlem Tonfall über Menschen, die sich im Zuge der neuesten ökonomischen und technischen Entwicklung als nicht mehr verwertbar erweisen könnten:

*„Im 21. Jahrhundert werden wir Zeuge der Entstehung einer neuen, riesigen Klasse werden: der Menschen, die keinen militärischen und keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr haben. (...) Die wichtigste Frage der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts wird schlicht lauten: Was fangen wir mit all den überflüssigen Menschen an? Wie können intelligente Wesen zufrieden sein, wenn sie keinerlei Beschäftigung haben und keinen Sinn in ihrem Leben sehen?“*

Es bleibt dem Urteil der Leser überlassen, ob sie in diesen Äußerungen nur die Sorge angesichts drohender Massenarbeitslosigkeit sehen wollen oder einen verhängnisvollen ersten Schritt, dessen letzter dann bewusst gesteuerte Bevölkerungsreduktion sein könnte.

## Kanada: Sterbehilfe für Depressive

Hart an der Grenze zur Entsorgung von Schwerkranken zum Zweck der Entlastung des Gesundheitssystems scheint sich das [kanadische System der Sterbehilfe](https://www.imabe.org/bioethikaktuell/einzelansicht/sterbehilfe-spart-kosten-kanadas-oekonomen-favorisieren-sterbehilfe-ausweitung) zu bewegen, das seit 2016 in Kraft ist: Medical Assistance in Dying (MAID). Gegen MAID erhob sich immer wieder scharfe Kritik. So sagte die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer:

*„Das Beispiel Kanada zeigt uns auf erschreckende Weise, dass Kostenreduktion durch Sterbehilfe eine offenbar viel größere Rolle spielt als in der Öffentlichkeit wahrgenommen.“*

Auf die Idee kam Kummer nach der Lektüre eines  Report mit dem Titel „Cost Estimate for Bill C-7. Medical Assistance in Dying” (2020). Darin stellen die Autoren eine Rechnung auf, wonach das kanadische Gesundheitssystem durch aktive Sterbehilfe schon 89,6 Millionen kanadische Dollar (56 Millionen Euro) eingespart hätte.

2021 wurde das Sterbehilfe-Gesetz in Kanada um einen Personenkreis erweitert. Ursprünglich galt es nur „für Personen, deren natürlicher Tod absehbar ist“, mit der Erweiterung jedoch auch „für Personen mit schweren chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, deren Tod *nicht* unmittelbar bevorsteht, die aber unter unerträglichen, unheilbaren Leiden leiden“. 

> Auch der zweite Paragraf wirkt nachvollziehbar, könnte aber, zu Ende gedacht, auch bedeuten, dass der vielleicht nur vorübergehende negative Gemütszustand eines Patienten zu einer zügigen Abwicklung des Tötungsvorgangs führt. 

Susanne Kummer kritisiert vor allem den Wegfall der Wartefrist von 10 Tagen bei Schwerkranken: „Damit wäre eine Soforttötung am selben Tag möglich.“ Sie argumentiert, Sterbewünsche könnten sich rasch ändern, speziell bei psychisch kranken und labilen Menschen.

## Die Entstehung einer Easy-Dying-Kultur

Dies ist vor allem im Zusammenhang mit permanenten Klagen über explodierende Kosten im Gesundheitswesen bedenklich, wie es sie in Kanada ebenso wie in Deutschland gibt. Speziell die Behandlungskosten von als unheilbar krank geltenden Menschen in den letzten Lebensjahren gelten als unverhältnismäßig hoch. Tatsächlich zeigt die Statistik einen drastischen Anstieg der Fälle von aktiver Sterbehilfe in Kanada seit der Erweiterung des Geltungsbereichs im Jahr 2021. Von 7.469 Fällen im Jahr 2020 erhöhte sie sich auf 16.499 Fälle im Jahr 2024. Man kann von einem stetigen Wachstum im Lauf der Jahre sprechen.

Negativ gesprochen, scheint sich eine Easy-Dying-Kultur zu etablieren, die zumindest im Verdacht steht, sozialverträgliches Frühableben zu begünstigen. Führend auf dem Gebiet der Sterbehilfe sind in Europa bisher die Niederlande und Belgien. In Deutschland ist Tötung auf Verlangen mit Beteiligung eines externen Tötenden verboten, nicht jedoch assistierter Suizid, bei dem der Kranke zum Beispiel ein tödliches Medikament selbsttätig einnimmt.

## Politisch bedingte Bilanz-Selbstmorde

Wir sind noch relativ weit von einem Szenario entfernt, wie es der Film „Soylent Green“ aufzeigt. Allerdings ist eine Entwicklung in diese Richtung denkbar, für die einige Grundlagen schon jetzt vorhanden sind:

* Steigende Menschendichte bei gleichzeitig eskalierendem Mangel an Geld, Platz und Ressourcen.
* Eine wachsende Neigung von Politikern zur Bürgerbeschimpfung — diese seien zu faul und lägen der Gemeinschaft auf der Tasche.
* Eine Pandemie leichter bis schwerer psychischer Leiden, die ein überfordertes Gesundheitswesen nicht mehr auffangen kann.
* Ein Überhandnehmen pauschalen Menschen-Bashings, speziell auch wegen deren unglücklicher Rolle als CO<sub>2</sub>-Ausstoßer.
* Eine wachsende Schwierigkeit, Erfüllung in Partnerschaft und Familien zu finden, was teils auf einen medial angeheizten Geschlechterkrieg sowie Familienfeindlichkeit zurückzuführen ist.
* Steigende Arbeitslosenzahlen aufgrund von Firmenpleiten und einer generell sinkenden Wirtschaftskraft.
* Das Gefühl, wegen der Überlegenheit von künstlicher Intelligenz zunehmend weniger gebraucht zu werden.
* Ein durch die Multikrise und fortdauerndes Politikversagen stimuliertes allgemeines Lebensgefühl der Ausssichtslosigkeit und Sinnlosigkeit.

> Sieht man diese und andere Negativentwicklungen, so könnte eine Dynamik entstehen, bei der sich sowohl Pull- als auch Pushfaktoren in Richtung Suizid häufen. Weiterzuleben könnte sich zunehmend als die unattraktivere Alternative erweisen, verglichen mit der Möglichkeit, sich kurzerhand selbst „abzuschalten“. 

Menschen, die aus den hier angedeuteten Gründen mit ihrem Leben hadern, wären eigentlich Symptomträger, die die Mehrheit unserer Gesellschaft nicht anschauen will und denen sie nicht zu helfen vermag. Als brutale Alternative böte sich dann deren Entsorgung durch ein geordnetes, legales Tötungsverfahren an, welches überdies auch noch das Budget der Krankenkassen schont.

## Der erstaunliche Lebenswille des Stephen Hawking

Dass sich jemand auch unter äußerst ungünstigen Umständen für das Leben entscheiden kann, zeigt das Schicksal des genialen Physikers [Stephen Hawking](https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Hawking), der bekanntlich bis auf die Gesichtsmuskeln vollständig gelähmt war und dessen Schicksal insofern dem von Ramón Sampedro ähnelte. Hawking hatte den Suizid immer wieder erwogen, sich aber dann dagegen entschieden, obwohl er ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben grundsätzlich bejahte. „Wie schlecht das Leben auch scheinen mag, es gibt immer etwas, das man tun und worin man erfolgreich sein kann. Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung“, sagte er. Aber auch:

*„Ich würde einen assistierten Suizid in Betracht ziehen, wenn ich große Schmerzen hätte oder das Gefühl, nichts mehr beitragen zu können, sondern nur noch eine Last für meine Mitmenschen zu sein.“*

Wissenschaftliche Neugier war es auch, was ihn am Leben hielt: „Ich wäre verdammt, wenn ich sterbe, bevor ich mehr vom Universum entschlüsselt habe.“ Schließlich gibt es von ihm auch ein berühmtes Zitat an die Nachgeborenen, eine Art Vermächtnis:

*„Erstens: Denkt daran, nach oben in die Sterne zu blicken und nicht nach unten auf eure Füße. Zweitens: Gebt niemals die Arbeit auf. Arbeit gibt euch Sinn und Zweck, und das Leben ist leer ohne sie. Drittens: Wenn ihr das Glück habt, die Liebe zu finden, denkt daran, dass sie da ist, und werft sie nicht weg.“*

## Gibt es ein „Danach“?

Hawkings Gründe dafür, trotzdem zu leben, sind plausibel und liebenwert, allerdings können sie nicht beliebig auf Menschen übertragen werden, die in ganz anderen Lebenssituationen feststecken. Weder liebe Angehörig noch ein Beruf, der Erfüllung und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit bedeutet, sind jedem gegeben. Allenfalls eine nicht müde werdende Neugier auf das Leben könnte vielen Benachteiligten bleiben.

Religiöse Menschen halten sich auch noch an etwas anderem fest: der Einbettung des persönlichen, schweren Schicksals in einen höheren Sinnzusammenhang und der Hoffnung auf ein Danach, das alle Tränen trocknet. Doch was das „unentdeckte Land“ — wie es Shakespeares Hamlet sagte — bereithält, ist ungewiss.


