Erregende Medizingeschichte

Schon seit Robert Koch wurden Krankheitserreger zu Alleinschuldigen erklärt — die These ist ebenso alt wie unwahr. Exklusivabdruck aus „Heilung Nebensache“.

Ärzte, Apotheker und die Pharmaindustrie wollten schon immer unser Bestes — unser Geld. Der Arzt und Bestsellerautor Dr. Gerd Reuther blickt kritisch auf 2.500 Jahre europäischer Medizingeschichte zurück und stellt fest, dass die sogenannte Schulmedizin schon immer nur für die Eliten systemrelevant war. Ob im antiken Griechenland oder in der Coronakrise – unter dem Deckmantel vermeintlicher Wissenschaftlichkeit haben die Mediziner ihre Eigeninteressen stets über das Patientenwohl gestellt. Exklusivabdruck aus „Heilung Nebensache — Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin von Hippokrates bis Corona“.

Louis Pasteur in Paris (1822 bis 1895) und Robert Koch (1843 bis 1910) in Berlin wurden schon zu Lebzeiten zu Ikonen der Erreger-Medizin stilisiert, weil beide Prototypen menschenverachtender Wissenschaftler im Dienste der militärischen Logik die Keimtheorie verkörperten. Krieg den Mikroorganismen war angesagt. Mikroben wurden zu Monstern stilisiert, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Koch verstieg sich zu der Behauptung, dass schon eine einzige Bazille töten könne. Pasteur verglich den menschlichen Körper gar mit einem Fass voll Bier oder Wein, in das Keime von außen eindrängen und Schaden anrichteten. Infektionskrankheiten waren für Pasteur und Koch zufällige Ereignisse, die nichts mit Umwelt und dem Zustand der Betroffenen zu tun hätten.

Finanzielle Interessen können vieles erklären. Pasteur war seit Jahren Auftragsdienstleister der Chemie- und Agrarindustrie. Impfstoffe wurden entwickelt und weltweit verkauft. Das 1888 gegründete Institut Pasteur spielte eine bis heute zwielichtige Rolle. Dank aufgebauschter Mikroben-angst nahm die pharmazeutische Industrie ihren Aufschwung. Der unerbittliche Mikrobenkrieg fiel auf fruchtbaren politischen Boden, generierte öffentliche Gelder und kostete Millionen von Versuchstieren, aber auch Menschen das Leben. Ausrottung von Mikroorganismen statt friedlicher Koexistenz mit dem Makroorganismus war angesagt: eine Verkennung, die zur Grundlage der Virushysterie unserer Zeit wurde.

Weder Louis Pasteur noch Robert Koch waren Pioniere. Beide sprangen nur auf einen fahrenden Zug auf. Robert Kochs Verdienste blieben bescheiden. Verbesserungen in der Kultivierungstechnik von Bakterien wie das Medium Agar-Agar oder die Petrischale hatte er Mitarbeitern zu verdanken. Seine „Untersuchungen über die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten“ von 1878 beruhten auf der Fehlannahme, dass jeder Erreger ein spezifisches Krankheitsbild verursachen würde. Zwölf Jahre später endete sein Höhenflug schon wieder, als seine Hochstapelei mit Tuberkulin als vorgeblichem Heilmittel für die Tuberkulose aufflog und sein Ansehen ruinierte.

Der Choleraerreger, dessen Entdeckung ihm noch heute zugeschrieben wird, war seit 1854 durch den Italiener Filippo Pacini (1812 bis 83) bekannt. Die Verbreitung der Cholera über das Trinkwasser und die notwendigen Hygienemaßnahmen hatte 1865 bereits der englische Epidemiologe John Snow (1813 bis 58) akribisch erforscht, bevor Koch bei der Choleraepidemie in Hamburg 1892 Furore machte. Auch die von ihm aufgeklärten Schritte im Zyklus des Milzbrandbazillus waren nur ein Detail einer Tierseuche. Den Erreger kannte man seit 1849. (1)

Der Tuberkulosebazillus wurde zwar in seinem Labor gefunden, aber nicht nur dort. Der Pathologe Paul Clemens von Baumgarten (1848 bis 1928) berichtete bereits kurz vor Koch, dass er das Mycobacterium sogar ohne Färbung gesehen hatte. (2) Ebenso wie Pasteur zeichnete sich Koch durch Experimente an Menschen und Tieren aus. In den deutschen Kolonien kostete sein Wirken zahlreiche Menschen die Gesundheit und das Leben. (3) Es stellt der heutigen Medizin ein verheerendes Zeugnis aus, wenn über 100 Jahre nach Kochs Tod noch immer ein Institut seinen Namen trägt.

Nicht einmal die sogenannten Koch‘schen Postulate für die Existenz einer Infektionskrankheit hat er formuliert (4). Sie stammen von Friedrich Loeffler (1852 bis 1915), einem Mitarbeiter von Koch, der 1884 drei Forderungen für das Vorliegen einer Infektionskrankheit fixierte: Der Erreger muss in jedem Fall einer Krankheit nachgewiesen werden, er darf bei keiner anderen Krankheit auftreten, muss vermehrbar sein und im Tierexperiment die bekannte Erkrankung auslösen. Robert Koch übernahm lediglich diese Thesen und fügte als weiteres Kriterium eine messbare Immunreaktion hinzu.

Die Fixierung auf Krankheitserreger war kontraproduktiv, denn eine Infektionskrankheit hat immer zwei Seiten: einen Erreger und die Abwehrlage des Infizierten.

Das Abwehrsystem ist für das Entstehen und den Verlauf einer Krankheit entscheidender als der Keim. In dieser Hinsicht war eine Wiederherstellung ausgeglichener „Körpersäfte“ durch hippokratische Ärzte als Schutz vor „miasmatischen“ Krankheiten dem Gesundheitsnutzen näher, obwohl ihnen Krankheitserreger unbekannt waren. Durch die einseitige Ausrichtung der Mikrobiologie auf Mikrobenjagd und Impfungen wurden Forschungen ausgesetzt, durch ein Gleichgewicht von Mikroben einen besseren Schutz vor Infektionskrankheiten zu erzielen. Das Immunsystem blieb noch jahrzehntelang ein Buch mit sieben Siegeln. Erst nach 1890 wurden Antikörper und Bakterien fressende Phagozyten im Blut nachgewiesen. (5)

Die Keimtheorie war nicht alternativlos

Eigentlich hätte man es besser wissen können. Spätestens mit der Aufklärung des Gärungsprozesses durch Hefen war klar, dass Mikroorganismen keineswegs nur schaden. Frankreich hatte mindestens einen anderen „Helden“ der Keimentdeckung als Louis Pasteur. Der Chemiker Antoine Béchamp (1816 bis 1908) sah um 1850 — 15 Jahre vor Pasteur — „kleine Körperchen“ außerhalb von Zellen. Er war im Gegensatz zu Pasteur davon ausgegangen, dass Krankheiten in uns entstehen und Keime für uns nicht völlig fremd und feindlich wären. Obwohl seine Theorie von den „Mikrozymen“ sich als falsch erwies, enthielt sie doch im Kern bereits die Erkenntnisse unserer Zeit, dass die Mitochondrien der Zellen inkorporierte Bakterien und Teile unserer DNA integrierte Gensequenzen von Viren sind.

Béchamp hatte erkannt, dass Menschen nicht keimfrei existieren, wie Pasteur behauptete. Der Mensch befände sich nicht in einem steten Abwehrkampf gegen feindliche Mikroben. Zellen fungierten nicht wie Festungen. Vom Entstehen bis zum Vergehen gehörten Keime zum menschlichen Organismus. Sie bildeten die Zellen, sorgten für die Stoffwechselvorgänge und lösten Zellen beim Tod wieder auf. Pasteurs Theorie, wonach gewisse Keime immer bereit seien, Organismen aus der Luft anzugreifen, bezeichnete er als „monstruös“. Sein Landsmann Charles Joseph Bouchard (1837 bis 1915) erkannte 1887 als einer der Ersten, dass wir so gesund sind wie die Zusammensetzung der Mikroorganismen, die in und auf uns leben. (6)

Pasteur hielt Béchamps Entdeckung von Mikroben zunächst für Unsinn, kopierte aber dann die Idee von Kleinlebewesen und gab sie als seine eigene aus. Der Plagiatsstreit verlief zu Pasteurs Gunsten, da er die besseren Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit hatte. Auf dem Sterbebett soll Pasteur jedoch zugestanden haben, dass die Mikrobe nichts, das Milieu alles sei. Was so viel bedeutet, dass über eine Regulierung des Milieus Krankheiten durch Bakterien und Viren verhindert werden könnten, ohne einen Krieg führen zu müssen.

Bei Kirche, Staat und Wissenschaft stieß Béchamps Denkgebäude allerdings auf Ablehnung. Dabei hatten auch Jacob Henle und Rudolf Virchow gewarnt, den Nachweis von Erregern mit Krankheit gleichzusetzen. Der mechanische Kontakt zwischen Erreger und Wirt würde nur unter bestimmten konstitutionellen, geografischen und sozialen Faktoren zu einer Erkrankung führen. Andere Gesundheitskonzepte wären nötig:

  • Senkung der Sterblichkeit und Verbesserung der Rekonvaleszenz durch eine bessere Krankenpflege,
  • Verbesserung der Gesundheit in der Bevölkerung durch „Bildung, Wohlstand und Freiheit“, wie dies von Rudolf Virchow schon 1852 eingefordert wurde,
  • Verhütung von Krankheiten durch Umweltschutz, sodass Nahrung, Atemluft und Wasser möglichst wenig durch Gifte und Krankheitserreger beeinträchtigt sind,
  • Verhütung von Krankheiten durch ausreichende Ernährung,
  • Verminderung behandlungsbedingter Krankheiten und Sterblichkeit.

Die weitere Entwicklung belegte den Nutzen der sozialhygienischen Maßnahmen. Mit der Erstellung von Kanalisationen, der Trinkwasserversorgung aus wenig oder unbelasteten Reservoirs, der Stilllegung belasteter Brunnen, besseren Wohnquartieren und einem höheren Einkommen der Menschen, das eine ausreichende Ernährung ermöglichte, verschwanden Cholera und Typhus in Europa ohne Medizin. Soziale Fortschritte waren Impfungen zuvorgekommen. Es war ein Erfolg dessen, was man schon über ein Jahrhundert früher erkannt und „medicinische Polizey“ (7) genannt hatte.

Eine späte Bestätigung erfuhr Béchamps Auffassung, als die Australier Barry Marshall (geboren 1951) und John Robin Warren (geboren 1937) 1984 das Bakterium Helicobacter pylori, einen uralten Mitbewohner unseres Magens, als Ursache für die Entstehung von Zwölffingerdarmgeschwüren ausmachten, wenn die Zusammensetzung des Magenschleims (zum Beispiel durch Medikamente) verändert war. (8)

Solange hatte das noch aus Pasteurs Denken stammende Dogma gegolten, dass im sauren Mageninhalt keine Bakterien überleben könnten, nur weil die Standardfärbungen diese unter dem Mikroskop nicht erkennen ließen! (9) Es sind nicht einzelne Mikroorganismen, die uns krank machen, sondern ein Ungleichgewicht der Arten.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Zitiert nach: Winkle, Stefan: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen. Seite XXV folgende; Artemis & Winkler; Düsseldorf/Zürich 1997.
(2) Gradmann, Christoph: Krankheit im Labor. Robert Koch und die medizinische Bakteriologie. Seite 105 fortfolgend; Wallstein; Göttingen 2005.
(3) Eckart, Wolfgang Uwe: Die Kolonie als Laboratorium. In: Griesecke, Birgit; Krause, Marcus; Pethes, Nicolas; Sabisch, Katja: Kulturgeschichte des Menschenversuchs im 20. Jahrhundert. Seite 199 bis 227; Suhrkamp; Frankfurt/Main 2009.
(4) Gradmann, Christoph: Alles eine Frage der Methode: Zur Historizität der Kochschen Postulate 1840−2000. Medizinhistorisches Journal 2008; 43(2):121−48.
(5) Jäck, Hans-Martin; Radbruch, Andreas; Chang, Hyon-Dong: Vom Antitoxin zur modernen Antikörpertherapie. Trillium Immunologie 2017; 1.
(6) Manon, Mathias: Autointoxication and historical precursors of the microbiome-gut-brain-axis. Microb Ecol Health Dis 2018; 29(2):1548249.
(7) Frank, Johann Peter: System einer vollständigen medizinischen Polizey. Friedrich Vieweg; Berlin 1792.
(8) Marshall, Barry J.; Warren, John Robin: Unidentified curved bacilli in the stomach of patients with gastritis and peptic ulceration. Lancet 1984; 1(8390):1311−5.
(9) Leiß, Ottmar: Helicobacterisierung psychosomatischer Konzepte? Deutsches Ärzteblatt 2001; 98(14):A-886−90.