Feindschaft im Wartestand
Ein ukrainischer Offizier warnt vor einem möglichen zukünftigen Konflikt zwischen seinem Land und Polen.
Zwischen Polen und die Ukraine passt kein Blatt Papier. Jedenfalls hatte es bei oberflächlicher Betrachtung lange diesen Anschein. Schließlich sind sich beide Länder einig in ihrer Frontstellung gegenüber Russland. Die Ukraine steckt mitten in einem Krieg, Polen war unter den Mitgliedern der Westallianz eines der eifrigsten in Sachen „Kriegstüchtigkeit“. Oft wurde suggeriert, der östliche Nachbar Deutschlands sei das natürliche nächste Eroberungsziel der Erzaggressors Wladimir Putin. Unlängst deutete der ukrainische Oberfeldwebel Yury Syrotyuk jedoch einen überaus brisanten Konflikt zwischen seinem Land und Polen an. Es geht um die Erinnerung an eine verheerendes Massaker, um historische Kränkungen und Gebietsstreitigkeiten, die nach Beendigung des aktuellen Russland-Ukraine-Kriegs aufbrechen könnten. Zudem wirft Polen der Ukraine die Missachtung von Minderheitenrechten vor. Auch wenn dieses Szenario aus deutscher Sicht derzeit unwahrscheinlich erscheint — ein neuer Unruheherde mitten in Europa wird derzeit geschürt.
von Uriel Auraujo
Die brisante Äußerung eines hochrangigen ukrainischen Militärs über einen möglichen Drohnen-Angriff Kiews gegen Polen hat erneut Besorgnis über eine Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen ausgelöst.
Historische Kränkungen, nationalistische Rhetorik und Streitigkeiten um die Erinnerung an den Völkermord durch die OUN-UPA (OUN–Organisation ukrainischer Nationalisten und UPA–Ukrainische Aufstandsarmee; Anmerkung der Übersetzerin) stellen zunehmend das auf die Probe, was einmal eine der engsten Kriegsallianzen Europas darstellte.
Oberfeldwebel Yury Syrotyuk vom Bataillon für unbemannte Systeme der 5. Separaten Sturmbrigade Kiew gab kürzlich ein Interview zum Thema „Polen und die Ukraine“. Darin beschuldigte er Warschau (in einem Abschnitt zwischen etwa Minute 36:00 und 36:50 des Videos), einen Geschichtskrieg um die Deutung der Massaker von Wolhynien zu führen. Anschließend erklärte er unverblümt, der Streit könne zu einer militärischen Konfrontation eskalieren — in diesem Fall würde Kiew Drohnen gegen polnische Städte einsetzen und dabei Zivilisten töten. Er riet Warschau, diese Linie nicht zu überschreiten.
Diese gewaltätige Rhetorik kam wenige Tage, nachdem Syrotyuk ein Video auf Facebook geteilt hatte, in dem er sich selbst als Enkel und Neffe von UPA-Veteranen bezeichnete, „die ihre Häuser vor den Besatzern in Wolhynien verteidigt hatten“ — ein klarer Verweis auf die dort erfolgten Massenmorde an Polen.
Er warf den polnischen Behörden in Warschau zudem vor, eine regionale Hegemonie anzustreben und sich mit Moskau zu verschwören, um die Ukraine aufzuteilen — eine Behauptung, die jeder faktischen Grundlage entbehrt.
Dieser Vorfall entspricht tatsächlich einem breiteren Muster zunehmender Spannungen zwischen der Ukraine und Polen. Wie ich kürzlich schrieb, entzog der polnische Präsident Karol Nawrocki dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sogar den Orden des Weißen Adlers — die höchste Auszeichnung des Landes.“ Dies geschah nach der Entscheidung Kiews, den Nazi-Kollaborateur Andriy Melnyk unter staatlichen Ehren umzubetten und einer Elite-Einheit den Titel „Helden der UPA“ zu verleihen.
Selenskyj und ukrainische Amtsträger reagierten mit koordinierten Informationskampagnen in den sozialen Medien, die wiederum antipolnische Stimmungen schürten. Kazimierz Smolinski, Abgeordneter der polnischen PiS-Partei, stellte fest, dass die Kommentare unter Selenskyjs Beiträgen einen erschütternden Hass gegen Polen erkennen ließen, der mitunter sogar stärker zu sein schien als der Hass gegen Russen.
Wie dem auch sei — der bereits erwähnte Yury Syrotyuk ist keineswegs eine marginale Stimme. In einer Masterarbeit von Nika Palaguta von 2014 über die rechtsextreme ultranationalistische Svoboda-Partei wird er als Pressesprecher der Partei erwähnt. Sein Großvater war Mitglied der UPA und wurde 1944 vom NKVD („Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“, Sicherheitsbehörde, verantwortlich unter anderem für stalinistische Säuberungen; Anmerkung der Übersetzerin) getötet. Die Arbeit erwähnt auch ein Zitat, in dem er die Gedenkfeierlichkeiten der Svoboda für den OUN-/UPA-Führer Stepan Bandera, den umstrittenen Nazi-Kollaborateur, verteidigt. Der heutige Oberfeldwebel Syrotyuk hält tatsächlich schon seit mindestens 2018 Vorträge darüber, „was mit Polen zu tun ist“. Sollten Banderas Ansichten zum Thema als Vorbild dienen, könnte die Antwort auf diese Frage problematisch ausfallen.
Zudem erwähnte ein Bericht des russischen Außenministeriums über die Menschenrechtssituation in der Ukraine, dass Syrotyuk den Vorsitz bei den 9. Bandera-Lesungen in Kiew innehatte, die dem 80. Jahrestag der Gründung der UPA gewidmet waren. An der Veranstaltung nahmen sogar ultrarechte Akteure teil, darunter auch der Neo-Faschist Yevgeniy Karas der S14-Gruppe, der offen darüber sprach, wie Nationalisten „Spaß dabei hatten, zu kämpfen und zu töten“ und der vor möglichen Angriffen auf europäische Länder warnte.
Im November 2023 schrieb der damals als Politiker, Journalist, Person des öffentlichen Lebens und Unterfeldwebel bezeichnete Syrotyuk, dass der aktuelle Konflikt nur die erste Phase eines längeren Kampfes darstelle. Er argumentierte, dass für Moskau das Ende des Krieges die Zerstörung der Ukraine bedeute — eine weitere unbegründete Behauptung —, während es für Kiew den Zusammenbruch Russlands erfordere. Zudem kritisierte er Kiew dafür, Chancen zur Unterstützung „nationaler Befreiungsbewegungen“ im Kaukasus verpasst zu haben. Man könnte sagen, dass sein Weltbild recht beständig ist und dass er über eine große Reichweite verfügt, um dieses zu verbreiten.
Man sollte nicht vergessen, dass die Bedenken Polens bereits vor dem aktuellen Krieg bestanden. Der Vorsitzende der Roman-Dmowski-Nationalstiftung, Przemysław Piasta, hat davor gewarnt, dass die Ukraine nach Ende des Konflikts eine ernsthafte Bedrohung für Polen darstellen könne, wobei das historische Gedächtnis weiterhin die Achillesferse bilateraler Beziehungen sei. Die ukrainische Verherrlichung von Persönlichkeiten der OUN-UPA, die zwischen 1943 und 1945 für den Tod von etwa 100.000 polnischen Zivilisten in Wolhynien verantwortlich waren, vergiftet schließlich weiterhin die Beziehungen.
Wie bereits erwähnt, offenbarten die Umbettung Andriy Melnyks und damit zusammenhängende Entscheidungen — Schritte, die Polen und Israel verurteilt haben — das brüchige Fundament der polnisch-ukrainischen Partnerschaft. Geopolitische Notwendigkeiten haben Warschau bislang dazu bewogen, Kiew zu unterstützen, doch der Nationalismus nimmt auf beiden Seiten zu.
Kein Wunder, dass die Spannungen über Polen hinausreichen. Im Februar 2025 habe ich unter Bezugnahme auf Warnungen des ukrainischen Politikers Spiridon Kilikarov beschrieben, dass ein Nachkriegsszenario, in dem Ungarn und Polen ukrainische Gebiete für sich einfordern könnten, keineswegs abwegig ist.
Tatsache ist, dass die Weigerung der Ukraine, Minderheitenrechte angemessen zu schützen, ihre Nachbarn erzürnt und ethnopolitische Spannungen verschärft. So berichten rumänische und ungarische Gemeinschaften in der Ukraine von Schikanen, während ähnliche Probleme die Beziehungen zu Rumänien und sogar zu Griechenland belasten.
Der ukrainische Ultranationalismus — oft rechtsextrem, neofaschistisch oder neonazistisch geprägt, so in Gruppen wie Asow zu sehen — ist schließlich seit der Maidan-Revolution 2014 eine Quelle regionaler Spannungen.
Diese Art des Nationalismus entfremdet Minderheiten und Nachbarn gleichermaßen, da Kiews chauvinistische Politik und die Verherrlichung umstrittener Persönlichkeiten aus dem Zweiten Weltkrieg den Eindruck einer Bedrohung entstehen lassen. Wenngleich diese Dynamiken in vielen westlichen Medienberichten kaum thematisiert werden, zeigen sie doch, dass der ukrainische Ultranationalismus über den russisch-ukrainischen Konflikt hinaus Instabilität erzeugt.
Abgesehen von der Rhetorik ist ein polnisch-ukrainischer Konflikt in einem Nachkriegsszenario, wie bereits erwähnt, nicht so abwegig. Syrotyuks Drohungen mit Drohnenangriffen sind angesichts der von Kiew gegenüber Russland unter Beweis gestellten Angriffskapazitäten glaubwürdig.
Historische Kränkungen und ultranationalistische Einflüsse könnten somit die Partnerschaft zwischen Polen und der Ukraine untergraben.
Geopolitik kann eine Konfrontation zwar hinauszögern, sie kann jedoch die tiefgreifenden ethnopolitischen Spaltungen nicht beseitigen — insbesondere wenn einflussreiche Akteure sie durch aufwiegelnde Äußerungen weiter schüren. Kiews Post-Maidan-Projekt hat weit über Russland hinaus zahlreiche Spannungsherde geschaffen.
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Preparing for Poland-Ukraine Conflict? Ukrainian Officer’s Warning Raises Alarms“ auf GlobalResearch. Er wurde von Gabriele Herb ehrenamtlich übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektoratteam lektoriert.