# Feuer am Dach

Verläuft die Zucht erfolgreich, liebt einen die Welt.

von 
   * Burgi Tötsch

Das ist kein Text aus der Menschheitsfamilienschublade. Oder vielleicht doch? Vielleicht handelt es sich sogar um den authentischsten Text daraus. In dichten Worten fasst Burgi Tötsch den „Entwicklungsweg“ des Menschen dieser Zivilisation zusammen: das Große und Ganze und stets das Beste Wollende. Dass nur aus Positivem zu lernen sei — dieser Text widerlegt es. Der unbedingte Wille zur Freiheit könnte keinen stärkeren Ausdruck finden.   

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Meine Mutter lag in den Wehen, war dabei, mich herauszupressen, aber ich leistete Widerstand. Stundenlang. Nach einem erbitterten Kampf gab ich schließlich auf, beschloss, mich nicht mehr gegen das Licht der Welt zu wehren, das mich von nun an bescheinen würde. Ich glitt aus dem gemarterten Schoß meiner Mutter und schrie, wie es von Neugeborenen erwartet wird. Und dann schrie ich, weil sie sich an mir zu schaffen machten. Die Hebamme und die Tante rubbelten so heftig auf mir herum, dass es richtig wehtat. Endlich ließen sie von mir ab, und nachdem sie mich in Windeln, Höschen, Jäckchen und Häubchen gepackt hatten, betteten sie mich in den Wäschekorb, der in der Nähe des Fensters stand.

Die Sonnenstrahlen eines Herbstnachmittags weckten mich aus meinem ersten Erdenschlaf und die Helligkeit, die mich überflutete, ängstigte mich. Ich versuchte, dem Licht zu entkommen, blinzelte, und verzog mein Gesicht zu einem Lächeln. Die Welt freute sich an diesem Lächeln und diese Freude entflammte mich fürs Leben.

Ich nährte die Flamme mit Glaube und Hoffnung. Denn die Freude der Welt über mein Lächeln, meine Existenz wich bald einer spürbaren Ungeduld. Aufmerksam verfolgte sie meine Wachstumsfortschritte, erkundete meine geistigen Fähigkeiten und es war offensichtlich, dass sie sich etwas von mir erwartete. Ich begriff es nicht gleich, aber geahnt hatte ich es schon: Die Welt erwartete von mir, dass ich mich nützlich machen sollte.

> Sie wetzte bereits ihre Instrumente der Zucht. Sie gab mir Nahrung, um mich zu stärken. Fütterte mich mit scharfen Befehlen und bohrenden Mahnungen. Selten vergaß sie auf den spitzen Nachtisch des Tadels.

Die Zucht zeitigte Früchte. Ich erkannte beschämt, dass ich aus lauter Mängeln bestand.

Ein kalter Hauch blies mein Flämmchen Lebenslust beinahe aus. Aber der heiße Atem des Lebenshungers rettete die Glut. 

Ich bemühte mich, meine Mängel zu verstecken. Ich verbarg sie unter dem breitgefälteten Mantel schamlosen Gehorsams. 

Aber auch Gott stellte Ansprüche. Er erpresste mich. Das Leben sei nur ein ganz kurzer Augenblick im Vergleich zur Ewigkeit. Und die bedeutete entweder Himmel oder Hölle, wurde ich aufgeklärt. Ich entschied mich für den Himmel, strebte nach Tugend und wurde von der Sünde gejagt.

Gott schickte mir Tante Paula in den Kindergarten. Tante Paula bestand darauf, dass jedes Essen schmackhaft und der Nachmittagsschlaf lebensnotwendig ist, und sie verbot mir zu weinen. Sie mochte mich nicht, und ich hasste sie. Gott konfrontierte mich auch mit Klara. Die war kleiner, jünger, aber stärker als ich. Gott und Tante Paula griffen nicht ein, wenn Klara mich biss und kratzte. Die Sünde Neid fraß Löcher in meine Seele, in der schon ein gefährliches Hassfeuer flackerte.

Ich lernte mit der Zeit, in bescheidenem Maß meine Gefühle hinter Schloss und Riegel zu sperren, bewaffnete mich mit Dickfelligkeit. Damit hielt ich das Feuer unter Kontrolle.

Die Welt war zufrieden mit mir. Sie verhieß mir Erfolg und die Erfüllung meiner Wünsche. Das schmeichelte mir, und ich erklärte mich mit ihren Bedingungen einverstanden. Ich stellte meine Arbeitsfreude, mein Pflichtbewusstsein und meinen Verstand zur Verfügung. Das reichte ihr jedoch nicht. Sie forderte Ehrgeiz, Entschlossenheit, Flexibilität und Rücksichtslosigkeit, um im Wettbewerb zu bestehen. Also begab ich mich ins Trainingslager und entwickelte die nötigen Eigenschaften.

Jetzt bin ich erfolgreich.
Die Welt liebt mich.
Ich aber&nbsp;... 


