# Fluchtpunkte

Bei der lyrischen Betrachtung bekannter Filme kommt deren Essenz zum Vorschein.

von 
   * Werner Köhne

In der Poetik-Ecke LVI mit Short Cuts von Werner Köhne poppen drei Mini-Szenen aus Filmen mit großer Handschrift auf: Lost Highway, Blade Runner, Spiel mir das Lied vom Tod. Der Autor zeichnet mit wenigen Strichen Gesten nach, bis sie sich auflösen in einer Ewigkeit, die nichts weiter ist als ein Bild und dann nicht mal das. Eine Art Frieden geht auf. Eine Vorwegnahme dessen, was in dem Film geschieht, bei dem wir mitspielen&nbsp;…? 

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*Lost Highway* 

I’m deranged
(David Bowie in Lost Highway)

Gelbe Mittelstreifen
stechen ins Dunkel
die Fahrt auf dem Highway
endet im Stau des Schocks
Feuerwalzen jagen
nach willfährigen Opfern
und an verlassenen Orten
lodert das Herz der Finsternis auf
 
bis sich plötzlich in einer Autowerkstatt
das Ereignis löst
aus dem Schatten der Verfügungen und Abfolgen:
girl meets boy boy meets girl
 
der Traum
einer augenblicklichen
Verschmelzung

*Blade Runner*
 
ein Replikant — der letzte seiner Art —
von seinem Schöpfer längst
der Jagdgier freigegeben
fernab von Rache und Gewinn
schon tief in die Vergeblichkeit versunken  
ruft er noch einmal Bilder ab 
von seiner Flucht
durch Myriaden von Galaxien

Wie der auf Golgatha Gezeichnete 
neigt er sein Haupt
bis auf die Brust
und stirbt

seht welch ein Wesen
das da verschied ohne alle Bitternis
dafür dem warmen Hauch des Lebens
schmerzlich zugetan
 
Regen mischt sich zuletzt
in seine Tränen
lässt auf seinem Gesicht Flüsse entstehen
Rinnsale der Erinnerung
 
welche Sanftmut
spricht aus dieser Ikonographie
welches humane Fade Away 
aus der Mitte einer 
verwaisten Welt

*Spiel mir das Lied vom Tod*

eine verlichtete Wüstenlandschaft
spiegelt sich
in den wässrigen Augen
des Duellanten
der einzige Move
in der gestählten Hitze des Mittags 
ist das leichte Zucken
im Mundwinkel des Todgeweihten

*Molière*

Auf dem Gang hinauf 
in die oberen Gemächer

die letzte Stufe geht ihm aus 
ziellos schon schwankt er
hin und her
im Rhythmus eines Pendels

Molière stirbt

Man zieht und zerrt an ihm
will ihn dem Tod entreißen  
Für uns jedoch
tänzelt er  
im leichten Flügelschlag eines Nachtvogels
dem Offenen entgegen

Molière stirbt

noch einmal dreht sich das Karussell
seiner auf der Bühne geschärften Sinne
im Spiel der Masken
und im Spott erprobt
gegen allzu menschliches Geschick

in dieser Stunde aber
zerreißt es ihn
in ein wundes und gewundenes Etwas
bleibt er zurück
irgendwo zwischen Sein und Nichts 
tief schöpfend
aus dem dunklen Becher
des Vergessens

dagegen
Molière spiele auf 
spiele auf für uns
 
und tanze
 


