# Frauen an die Front

Soldatinnen sind längst keine Seltenheit mehr, doch Gleichberechtigung im Militär hat ihren Preis. 

von 
   * Wolfgang Sachsenröder

In Deutschland spielte der Dienst an der Waffe für Frauen bis vor 30 Jahren kaum eine Rolle, anders als beispielsweise in der Sowjetunion, wo Soldatinnen schon in der Roten Armee durchaus präsent waren. Seit Mitte der 90er-Jahre steigt der Frauenanteil und ist zu einer relevanten Minderheit innerhalb der Bundeswehr geworden. Vorreiter diesbezüglich sind Israel und die USA. Doch an der militärischen Realität scheitern romantische Gleichberechtigungsansprüche regelmäßig. Dass Rückkehrer aus Kriegsgebieten häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, ist keine Neuigkeit. Bei Frauen hat dies jedoch häufig seinen Ursprung in sexuellen Übergriffen, denn Krieg ist ein grausames Pflaster, in dem jede physische Vulnerabilität ausgenutzt wird. Die meisten Länder schreiten fort auf dem Weg, Frauen ins Militär zu integrieren, denn im Ernstfall zählt eben nicht nur jeder Mann, sondern auch jede Frau. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „[Wehrdienst und Militarisierung](https://www.manova.news/sonderausgaben/9)“.

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Knapp drei Wochen vor Beginn der russischen Invasion nahm die amerikanische Ausgabe der britischen Boulevardzeitung *The Sun* eine Story auf, die schon fünf Jahre vorher begonnen hatte: Olena Bilozerska, 42, eine freiwillige ukrainische Scharfschützin, hatte im August 2017, am Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit, aus einem der langen Schützengräben um den Donbass zwei russische Separatisten erschossen und einen dritten verwundet. Die Bilder aus ihrem Nachtsichtgerät gingen durch die sozialen Medien und machten Olena sofort zur Nationalheldin. In einem Interview 2022 mit dem Chef-Auslandskorrespondenten der *Sun* erklärte die Heldin, dass sie inzwischen mindestens zehn Russen getötet hätte und das absolut nicht bereue. Der Artikel enthält auch ein glamouröses Foto der blonden jungen Frau als Cinderella mit dem Untertitel „assassin-derella“, etwa als „Killerella“ zu übersetzen.

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##### Foto: *The Sun*
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Weibliche Scharfschützen — von der Wehrmacht abschätzig „Flintenweiber“ genannt, aber gefürchtet — waren in der Sowjetarmee zahlreich und weitgehend gleichberechtigt. 2.000 hatten sich gleich zu Beginn des deutschen Überfalls freiwillig gemeldet, insgesamt kämpften 800.000 Frauen in der Sowjetarmee. Die Weltkriegserinnerungen in der Ukraine und jetzt der Abwehrkampf gegen Russland tragen vermutlich dazu bei, dass Frauen in der kämpfenden Truppe und auch an vorderster Front als normal angesehen werden, sich entsprechend freiwillig melden und immer mehr in Kampfverbände integriert werden.

In den meisten westlichen Armeen steigt der Frauenanteil seit Jahren an. Ihre Integrationsfähigkeit und besonders ihre Teilnahme an unmittelbaren Kampfeinsätzen werden allerdings weiterhin kontrovers diskutiert — in der Truppe und in der Politik. 

In der deutschen Bundeswehr wurde die Wehrpflicht für Männer im Januar 2011 ausgesetzt; die knappe Personaldecke half offensichtlich mit, die Bundeswehr für mehr Frauen zu öffnen. Ihr Anteil stieg von 0,2 Prozent im Jahr 1985 auf mehr als 13&nbsp;Prozent heute, in Zahlen um rund 25.000. Den Durchbruch brachte die Ablehnung einer jungen Frau, die sich 1996 als Zeitsoldatin beworben hatte. Denn im Grundgesetz hieß es damals noch, dass Frauen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten dürften. Die Klage der Bewerberin führte im Jahr 2000 zu einem Urteil der Europäischen Gerichtshofs, dass die Ablehnung eine unzulässige Diskriminierung und damit rechtswidrig sei.

Deutschland korrigierte danach den Artikel 12a des Grundgesetzes dahingehend, dass Frauen „auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden“ dürfen, nur auf freiwilliger Basis. Viele arbeiten in der Verwaltung und im Sanitätsdienst, aber die technische Entwicklung der modernen Kriegsführung hat viele neue Tätigkeitsfelder für Frauen eröffnet: Aufgaben, die eher töten lassen als unmittelbar zum Töten zwingen — etwa die Drohnensteuerung aus sicherer Entfernung vom tatsächlichen Einsatzort. Trotzdem gibt es immer mehr Frauen mit direktem Kampfbezug in der Bundeswehr, seit 2008 auch Kampfpilotinnen. Die Einstellungsvoraussetzungen sind — vor allem, was die körperliche Fitness angeht — für viele Bewerberinnen extrem hart. Dazu findet sich im Internet eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen, in denen die Offiziersanwärterinnen bei Gepäckmärschen und Hindernisparcours in völliger Erschöpfung hinter den Männern zurückbleiben. Aber eine planbare Karriere mit vielen Weiterbildungskursen und die Studienmöglichkeit an den Bundeswehr-Hochschulen mit Bachelor- oder Magisterabschluss sind für viele attraktiv. 

>Für die Frauen hat das Thema Kameradschaftlichkeit allerdings zu häufig einen ganz anderen Stellenwert — wenn sie nämlich in Zudringlichkeit und sexuelle Übergriffe ausartet. 

Diese sind inzwischen durch die Covid-Jahre und weniger Alkoholkonsum zurückgegangen und scheinen weniger verbreitet zu sein als in der amerikanischen Armee. Besonders bei den gefährlichen Einsätzen im Irak und in Afghanistan stiegen dort die Zahlen dermaßen an, dass die Kongressabgeordnete Jane Harman sagte, dass eine Soldatin im Irak eher in Gefahr sei, von einem Kameraden vergewaltigt als von Feindfeuer getötet zu werden. Nach einer Studie der Brown University von 2021 sind bei einer sehr hohen Dunkelziffer mindestens 23 Prozent der Soldatinnen betroffen.

Parallel dazu hat sich ein eigenes Symptom und Forschungsgebiet entwickelt, genannt „Military Sexual Trauma“ oder MTS, das bei 71&nbsp;Prozent der Soldatinnen mit posttraumatischen Belastungsstörungen als ursächlich diagnostiziert wird. Das ist ein hoher Preis für das Ziel Gleichberechtigung im Militärdienst und in allen Waffengattungen. Die USA sind neben Israel bei der vollen Integration von Frauen in Kampfverbände vermutlich am weitesten fortgeschritten. Die Öffnung wurde im Januar 2013 von Verteidigungsminister Leon Panetta verkündet und erschloss zehntausende von Positionen in der kämpfenden Truppe, viele davon unmittelbar an der Front und mit gefährlichem Feindkontakt. Ähnlich wie die Bundeswehr nach der Aussetzung des Wehrdienstes, haben auch die amerikanischen Streitkräfte langfristig Probleme, die benötigte Anzahl von Freiwilligen anzuwerben, zumal ihr Bedarf durch die Anzahl der Kriegsbeteiligungen sehr viel höher ist. Deshalb wurden in den letzten Jahren auch zunehmend die Dienste von Private Military Companies (PMCs) in Anspruch genommen.

Diese Söldnertruppen werden weit besser bezahlt als die reguläre Armee, aus der sie sich zum großen Teil auch rekrutieren, aber in Krisensituationen sitzt im Pentagon das Geld auch ziemlich locker. Für die lukrativen Positionen in einer PMC — für lebensgefährliche Einsätze werden bis zu 1.000 Dollar pro Tag gezahlt — muss man fit und kampferprobt sein. Diese speziellen Qualifikationen müssen sich die Frauen erst einmal in der Armee erarbeiten — seit 2013 sind sie dabei. Die von Leon Panetta und Präsident Barack Obama eingeführte Reform wurde natürlich kontrovers diskutiert; schließlich ging es um eine grundsätzliche Neudefinition der Rolle von Frauen und die Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern unter extrem schwierigen Umständen in Kampfsituationen. Gewarnt wurde vor allem vor einer Zulassung zu den Waffengattungen mit hoher Nahkampf-Wahrscheinlichkeit, also auch Frau gegen Mann.

Auf der Seite der Befürworter entstanden ausgiebige wissenschaftliche Studien zur Sportbiomechanik und Ergonomik von Frauen, die Verletzungen verhindern und dabei Gleichberechtigung und physische Leistungssteigerung fördern sollten. Es ging um Muskelmasse und Fettanteile und führte am Ende zu differenzierten Eignungstests und truppenspezifischen Ausbildungsgängen. Mit intensivem Krafttraining können Frauen mit vielen Männern mithalten und sich damit so gut wie alle Armeekarrieren erschließen. 

>Noch wichtiger als Kraft — so eine berühmte Studie aus dem Jahr 2014, die von der Webseite „femuscleblog“ immer noch zitiert wird — sei allerdings die physische Aggressivität, die bei Frauen besonders intensiv gefördert werden muss. 

Viele, auch offiziell von der US-Armee herausgegebene Videos, die im Internet zu finden sind, zeigen die Methoden der Ausbilder beim „Schleifen“ der „Soldat:innen“ bis hin zu physischen und psychischen Grenzerfahrungen. Wegen immer wieder auftauchender Probleme wurden der „Army Combat Fitness Test (ACFT)“ und andere Spezialprüfungen immer wieder angeglichen. Gleichzeitig finden sich, ebenfalls im Internet, tausende von Glamour-Fotos, die das Leben der Soldatinnen als sexy darstellen, oft mit Uniform und Bikini nebeneinander. Das mag mit dem feministischen Ansatz kollidieren, dass der alte Mythos von der physischen Inferiorität überwunden werden muss. Der militärische Foto-Spezialmarkt bedient sowohl männliche Fantasien als auch weibliche Eitelkeiten und zeigt, dass die Gleichberechtigung in der Truppe erotische Spannungen, ob ein- oder beidseitig, eher erhöht als ausgleicht.

Die USA sind allein von den Zahlen her weit führend, aber Israel und Australien folgen in der militärischen Gleichberechtigung dicht auf. Großbritannien hat alle Ausnahmeregelungen 2016 abgeschafft, mit der Begründung des damaligen Premierministers David Cameron, dass das Land eine Weltklasse-Armee brauche — mit allen Talenten und Fähigkeiten, die zur Verfügung stehen. Und Norwegen, das erste europäische Land mit allgemeiner Wehrpflicht auch für Frauen, geht in einer Studie seines Thinktanks „Norwegian Defence Research Establishment (FFI)“ noch einen Schritt weiter: Demnach durchstehen Frauen extremen Stress besser als Männer und erholen sich nach Dauerbelastung auch schneller. Die norwegische Armee hat in Friedenszeiten 16.000 Soldaten, davon 17&nbsp;Prozent Frauen. Seit 2014 gibt es zusätzlich eine rein weibliche Spezialtruppe, „Jegertroppen“ oder „Jägertruppe“ genannt, die vor allem für Aufklärung in städtischem Umfeld zuständig ist. Der Krieg in Afghanistan hatte gezeigt, dass Männer ungeeignet waren, die notwendigen Kontakte mit lokalen Frauen zu halten, was für die Partisanenbekämpfung notwendig ist.

Wie der Ukrainekrieg zeigt, sind alle Debatten über die Rolle von Frauen in Kriegssituationen sofort überholt: Dann zählt jeder Mensch, der zu kämpfen bereit ist, unabhängig vom Geschlecht. Ob das die Frage der Gleichberechtigung unwiderruflich lösen wird, darf man bezweifeln. Das Thema ist zu vielschichtig, als dass es ganz vom Tisch verschwinden kann. Aber die Teilnahme von Frauen an militärischen Einsätzen jeglicher Art wird überall und zunehmend zur Selbstverständlichkeit. In den vielen Interviews mit jungen Frauen in der Ausbildung, die im Internet kursieren, wird die Frage nach Todesangst oder Angst vor schweren Verwundungen von den Befragten heruntergespielt. Ja, das habe man im Hinterkopf, aber erst einmal sehr weit hinten. Immerhin sind diese Frauen realistisch genug und würden sich vermutlich nicht mehr den altrömischen Spruch zu eigen machen, dass es süß und ehrenvoll sei, für sein Vaterland zu sterben. Er hing an einer Marmortafel in der Aula meines Gymnasiums und hat mich damals erheblich irritiert.


