# Frei und verbunden

Zwischen Kollektivismus und Individualismus gibt es einen Mittelweg — nur auf diesem lässt sich das Zusammenleben erträglich gestalten.

von 
   * Felix  Feistel

Heute stehen sich zwei verschiedene Vorstellungen davon, wie Gesellschaft organisiert werden soll, diametral gegenüber. Während die einen den Kollektivismus eines neuen Sozialismus fürchten, den sie bereits hinter jeder Ecke heraufdämmern sehen, und sich für einen radikalen Individualismus einsetzen, betont die andere Seite das Wohl aller, dem sich die Menschen unterzuordnen hätten. Beide Seiten führen in ihrer Absolutheit in die Barbarei, doch es gibt eine Möglichkeit, sie miteinander zu versöhnen.

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Im Hinblick auf die Uneinigkeiten innerhalb der EU, etwa bei Themen wie Energiewende und „Klimaschutz“, den Hilfen für die Ukraine oder die Verurteilung des Vorgehens Israels, wird oft kritisiert, dass die meisten Menschen und Regierungen nicht willens seien, ihr egoistisches Verhalten zugunsten einer funktionierenden Gemeinschaft zu ändern. Wir befinden uns, so die Schlussfolgerung, auf dem Weg zurück in [die Kleinstaaterei](https://www.fr.de/meinung/kolumnen/da-helfen-nur-verbote-92263493.html). Aus solchen Kommentaren geht natürlich vieles hervor, das mehr über die Geisteshaltung desjenigen, der sich so äußert, verrät, als über die tatsächliche Wirklichkeit. 

Zum einen scheint sich der Kommentator sicher zu sein, selbst zu wissen, was denn eine funktionierende Gemeinschaft ausmacht. Er erhebt sein Ideal einer Gesellschaft, wie sie sein müsste, über das Ideal anderer. Denn klar ist, dass wohl die wenigsten vorsätzlich an einer dysfunktionalen Gesellschaft arbeiten. Doch hat jeder ein anderes Ideal von einer funktionierenden Gesellschaft, und so arbeitet auch jeder auf der Grundlage seines eigenen Ideals. Das ist ganz normal und menschlich.

Weiterhin fordert ein sich solchermaßen äußernder Kommentator faktisch die Unterwerfung unter das Diktat einer bürokratischen Kaste. Wer sich darüber beschwert, dass die Länder im Hinblick auf Klimawandel, Krieg und Sanktionen, Energiewende und so weiter nicht an einem Strang ziehen, der negiert Meinungsverschiedenheiten und fordert die Unterwerfung unter das, was er selbst als vernünftig erachtet, auch wenn es aus der Perspektive anderer ganz und gar unvernünftig ist. Zudem wird damit eine Unterwerfung unter das Diktat einer zentralistischen EU gefordert, die über jede kulturelle, wirtschaftliche und politische Heterogenität hinwegwalzt und einen großen, europäischen Einheitsbrei erzwingen will. Es ist die Forderung nach einer kapitalistischen Massengesellschaft, die den Ländern von internationalen Institutionen aufgezwungen wird. Denn die EU ist das Projekt einer kapitalistischen Elite, das vornehmlich dem Profitmaximierungswahn dient, und das über alle Grenzen hinweg.

> Länder, die sich dem widersetzen, werden dann als individualistisch und egoistisch abgestempelt. Sie seien einfach zu egozentrisch, um sich in eine glückverheißende Gemeinschaft einzufügen, in der sie nur auf die ein oder andere ihrer Eigenheiten verzichten und sich dem Zugriff der bürokratischen EU öffnen müssten. Das kann doch wirklich nicht zu viel verlangt sein — für das absolut Gute. 

Diese Länder seien schuld daran, dass wir uns, anstatt in die glückselige globale Weltgemeinschaft aufzusteigen, wieder auf dem Weg zurück in die Kleinstaaterei befänden. Doch diese Argumentation entbehrt jeglicher Grundlage. Denn mit „Kleinstaaterei“ wird dabei auf eine Zeit angespielt, in der Deutschland und Europa noch aus Hunderten kleiner Königreiche bestanden. Neben Hunderten verschiedener Währungen gab es damals auch Hunderte von Grenzen, an denen jeweils Zoll erhoben wurde und die damit den freien Warenaustausch extrem erschwerten. Schon daran wird ersichtlich, dass es hier einzig und allein um ökonomische Fragen geht, über die man sich heutzutage so vollmundig beschwert. Die Ökonomie wird zum höchsten Gut erklärt, und soll doch bitteschön eine globale sein, der sich jedes Land unterzuordnen hätte.

Doch dass die Kleinstaaterei zurückkehrt, ist mehr als unwahrscheinlich. Ein Königreich Hannover wird kaum wieder auferstehen, weil es ökonomisch überhaupt nicht überlebensfähig wäre. Ein Königreich Preußen wird schon deshalb nicht wiederkehren, weil Teile dieses Reiches heute zu Polen und Russland gehören. Die Wiedererrichtung Preußens würde sofort einen größeren Krieg nach sich ziehen, den ein solches Staatsgebilde aufgrund fehlender militärischer Stärke augenblicklich verlieren würde. Das Argument von der wiederkehrenden Kleinstaaterei ist nichts als Populismus. Denn das ressourcenarme und winzige Europa kann gar nicht anders, als auf internationale Kooperation zu setzen. Tut es das nicht, tritt es den Weg in den absoluten Niedergang an, wie man derzeit, da Europa beschlossen hat, die Kooperation mit weiten Teilen der Welt einzustellen, gut beobachten kann. Die Welt ist heutzutage so vernetzt und wechselseitig voneinander abhängig, dass Kleinstaaterei keine Chance hat.

Hinter diesem Populismus steht etwas vollkommen anderes: Es ist der Streit zwischen Kollektivismus und Individualismus. Gefordert wird ein internationaler Kollektivismus, in dem sich alle Staaten einem gemeinsamen Ziel zu beugen, und sich hinter diesem zu vereinen haben. Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten und Weigerungen, bestimmte Entwicklungen mitzutragen, sind im Kollektivismus immer eine Bedrohung, denn sie gefährden dessen Ziele. So muss jeder, der Auslöser solcher Meinungsverschiedenheiten ist, hemmungslos niedergemacht und auf Linie gezwungen werden. 

Die EU ist dafür ein gutes Beispiel, doch auch auf internationaler Ebene dienen der IWF, die Weltbank und andere Institutionen dazu, ganze Länder finanziell unter Druck zu setzen. Die Eurokrise in Griechenland war dafür ein anschauliches Lehrbeispiel. Die Regierung unter Alexis Tsipras ließ damals das eigene Volk darüber abstimmen, ob es das neoliberale Spardiktat der EU wirklich wolle. Die überwältigende Mehrheit sprach sich dagegen aus. Die Folge war die Erpressung Griechenlands durch EU, IWF und Europäische Zentralbank, die damit drohten, Griechenland von allen Finanzhilfen und dem internationalen Kapitalmarkt abzuschneiden. Das Ergebnis war, dass die Regierung die Maßnahmen schließlich doch umsetzen musste. Die griechische Infrastruktur wurde privatisiert, neue Schulden wurden aufgenommen, und die Lebensbedingungen der Griechen verschlechterten sich dramatisch.

Damit stoßen wir bereits auf das nächste Problem dieses internationalen Kollektivismus. 

> Denn dieser Kollektivismus hat mit Demokratie nichts zu tun. Stattdessen bestimmen einzelne Institutionen, meist aus der Finanzindustrie, die Ziele des Kollektivismus. Und diese laufen in der Regel darauf hinaus, dass einzelne Institutionen oder Oligarchen noch mehr Geld und Macht erhalten, während es den Menschen immer schlechter geht. 

Sichtbar wurde das auch in der Corona-Fake-Pandemie, als die Genspritzen, Impfung genannt, zum Allheilmittel erklärt wurden. Milliarden Euro wurden in die Taschen der Pharmaindustrie und der Oligarchen umverteilt, und die Welt wurde im Gleichschritt in den Impfzwang getrieben. Totalitäre Maßnahmen, Erpressung und Zwang waren die Mittel der Wahl, die dafür sorgen sollten, dass jedem Einzelnen mehrere dieser Injektionen mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verabreicht wurden. Dieser neue, extreme Kollektivismus ging von einer kleinen Kaste aus, bestehend aus Oligarchen, deren Stiftungen und Think Tanks, einigen Konzernen und internationalen Organisationen, und wurde der ganzen Menschheit übergestülpt. Das Ziel war von Anfang an die Umverteilung von Geld von unten nach oben.

> Kollektivismus ist also lediglich eine Form der Diktatur Einzelner, wobei dieser Wille der politischen und wirtschaftlichen Eliten durch die Medien und viele Politiker zur Vernunft oder zum Allgemeinwohl erklärt wird.

Das hat Anklänge an die beste Sowjetpropaganda oder an Deutschland zwischen 1933 und 1945. Auch hier wurde die jeweilige Ideologie zum absolut Guten erklärt, das angeblich zum Wohle des Volkes begangen wurde. Krieg, Massenmorde und Millionen politischer Gefangener waren das Ergebnis.

Wer sich diesem Kollektivismus entgegenstellt, wird als Egoist bezeichnet. Er habe nur sein eigenes Wohl im Kopf und interessiere sich nicht für das Wohl anderer. Stattdessen wolle er sich auf Kosten anderer hemmungslos selbst entfalten. Individualismus ist also, so der Gedanke, etwas hoffnungslos Veraltetes, das in die Kleinstaaterei führe. Es ist eine rücksichtslose Einstellung, die andere Menschen in Gefahr bringe, unter der Menschen leiden müssten. Das kennen wir noch aus dem Pandemie-Fake, als Menschen, die sich den Maßnahmen nicht beugen wollten, zu egoistischen Gefährdern erklärt wurden – und das ohne jeden Nachweis. Diese Argumentation birgt jedoch mehrere Schwächen, die über das reine Moralisieren hinausgehen.

Zum einen suggeriert sie, dass, sobald sich alle dem Kollektivismus unterwerfen, dem Wohle aller gedient sei, niemand zu kurz komme und niemand leiden müsse. Nichts könnte weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. Der Kollektivismus dient einer kleinen Minderheit und walzt über die Mehrheit der Menschen einfach hinweg. So haben die kollektivistischen Fantasien der Nazis bis zu 20 Millionen Menschen getötet; die Opfer des Zweiten Weltkriegs sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Allein die Ideologie der Herrenmenschen und des bedrohten deutschen Volkes, also eines Kollektivs, hat zu massenhaften Tötungen von Minderheiten geführt, die eben kein Teil dieses Kollektivs sein durften. Dasselbe gilt für die kollektivistische Ideologie in sozialistischen Staaten, die immer wieder Teile des eigenen Volkes aus dem Kollektiv aussondern musste, um sie dann in Lager zu sperren oder hinzurichten.

Was allerdings ebenso ignoriert wird, ist der derzeit herrschende Kollektivismus des Kapitalismus. Dieser ordnet alle Staaten und alle Menschen dem einzigen Ziel des Wachstums unter und verschafft den Führern dieses Kapitalismus wachsende Profite. Immer wieder werden dabei neue Wirtschaftszweige – wenn nötig auch mit Gewalt – eröffnet, neue Anlage- und Wachstumsmärkte geschaffen, auch wenn dafür Menschen sterben. Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung von Menschen, unterwirft sie seinen ökonomischen Zwängen, die immer wieder auch Kriege einschließen. So fördern Kinder unter zerstörerischen Bedingungen Coltan im Kongo, um hierzulande die Energiewende zu ermöglichen. Die fossile Industrie zerstört ganze Landstriche und verseucht sie mit Öl. Der Lithiumabbau vergiftet das Grundwasser, sodass die Menschen diese Gebiete verlassen müssen. Seit jeher treibt der Kapitalismus Menschen vom Land in die Stadt, wo sie sich Arbeit suchen und sich menschenverachtenden Bedingungen unterwerfen müssen. Auch dieser Kollektivismus ist also mörderisch und menschenverachtend und produziert mehr Opfer als Gewinner.

Trotzdem wird dieser Kollektivismus eingefordert, indem suggeriert wird, dass sich alle Staaten zum Wohle der Allgemeinheit dem Diktat der EU, der WHO, der USA oder wem auch immer unterwerfen müssten. Was auf internationaler Ebene stattfindet, setzt sich im Zwischenmenschlichen fort. Auch hier wird die Unterwerfung unter die Regeln des Staates gefordert, und seien sie noch so absurd und schädlich. 

> Die Corona-Fake-Pandemie hat gezeigt, dass die Menschheit unglaublich leicht in einen Zustand zu versetzen ist, in dem sie sich dem kollektiven Wahn unterwirft, und dabei um jeden Preis Gehorsam leistet — und sei es auch zum eigenen Nachteil. 

Masken, soziale Isolation, Genspritzen — all das machte die Mehrheit einfach mit und unterwarf sich dabei den Profitinteressen von Pfizer, BioNTech, Bill Gates und Co. Wer nicht folgsam war, wurde zum Außenseiter erklärt und gesellschaftlich isoliert. Der kollektivistische Mensch ist von einem religiösen Fanatiker nicht zu unterscheiden.

Dem Kollektivismus entgegen steht der Individualismus. Er betont die Rechte des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv, stattet ihn mit Rechten gegenüber einem allzu übergriffigen Staat aus und lehnt staatliche Eingriffe oder die Einmischung des Kollektivs in die eigenen Belange ab. Das Individuum steht im Mittelpunkt der Betrachtung, und es wird auf eigenständiger Entscheidungsfindung, Selbstentfaltung und Eigenverantwortung beharrt. 

Das führt jedoch tatsächlich zu einer Neigung zum Egoismus. Das eigene Leben wird zu Recht als die Angelegenheit des Individuums betrachtet, doch das führt schnell dazu, die Rücksicht auf andere außer Acht zu lassen oder sich auf Kosten anderer zu bereichern. Der Neoliberalismus hat den Individualismus gekapert und in ein Solo-Unternehmertum gewandelt. Das eigene wirtschaftliche Vorankommen, auch auf Kosten anderer, wurde zum Ideal erklärt. Jeder war plötzlich ausschließlich seines eigenen Glückes Schmied, und wer es nicht schaffte, sich im Dschungel der Arbeitswelt zu behaupten, der war eben auch selbst schuld. 

Eigenverantwortung wurde zur Ausrede für Verantwortungslosigkeit gegenüber anderen. Das führte zu einer hemmungslosen Rücksichtslosigkeit, denn jeder war dazu gezwungen, nur noch auf sich selbst zu achten und dabei im beständigen Wettbewerb, im ewigen Kampf aller gegen alle, zu brillieren und sich zu behaupten. Konkurrenz wurde das vorherrschende Denkmodell.

Auch heute, seit der Corona-Wahnsinn die ganze Absurdität des Kollektivismus zur Schau gestellt hat, ist der Individualismus wieder im Trend. Man fordert weniger Staat und weniger von der Gesellschaft, nennt sich wohlklingend libertär. Dieser Libertarismus ist ein egoistischer, auf das eigene Wohl bedachter Libertarismus, der sich frei von äußeren Einflüssen und Zwängen sehen will. Man redet einem Anarchokapitalismus das Wort, der hemmungslos und ohne Gesetze agieren will, und sieht sich dabei stets der Regulierungswut des Staates gegenüber. Auch das birgt mehrere Schwächen. Zum einen ist ein ungezügelter Anarchokapitalismus eine übersteigerte Form des Frühkapitalismus, die zu Beginn der Industrialisierung herrschte. Ohne Arbeitsschutzgesetze, Arbeitszeitgesetze und Mindestlöhne schufteten die Fabrikarbeiter, darunter auch Kinder, in Großbritannien, Deutschland und anderen industrialisierten Ländern für einen Hungerlohn. Sie lebten in engen Behausungen, die oft überfüllt waren. Die hygienischen Zustände waren ein Albtraum, Infektionskrankheiten wie Pocken, Cholera und Typhus waren mehr die Regel als die Ausnahme. Die solchermaßen Schuftenden wurden in der Regel nicht sehr alt und es gab für sie keine Möglichkeit, diesem destruktiven Zwangssystem in irgendeiner Weise zu entkommen. Sie schufteten sich wortwörtlich zu Tode. Gesellschaftlicher Aufstieg war nicht möglich. 

Den Arbeitern gegenüber standen die Unternehmer, die in der Regel aus dem früheren Adel hervorgegangen waren und damit genug Geld gehabt hatten, um Unternehmen gründen zu können. Sie diktierten die Arbeitsbedingungen und den Lohn und zwangen damit die Arbeiter in die Armut und in den frühen Tod. Gleichzeitig wurden durch die Privatisierung des Landes viele Menschen vom Land in die Stadt vertrieben, wo sie als Reservearmee des Industriekapitalismus den Arbeitern jeden Verhandlungsspielraum nahmen. Denn wenn sie streiken wollten, wurden sie einfach durch andere, noch ärmere Arbeitskräfte ersetzt. Auch dieser Prozess war eine Folge der Machtergreifung des Kapitals. Denn erst in dessen Folge wurden die Menschen vom Land vertrieben und waren gezwungen, sich in den Städten und damit in den Fabriken eine neue Einkommensquelle zu suchen.  

Es ist das, was wir heute unter „Landflucht“ kennen, wobei es sich mehr um eine Vertreibung als um eine Flucht handelte. Es ähnelt dem, was der Westen heutzutage in anderen Ländern anrichtet, und darüber hinaus auf globaler Ebene, indem billige Arbeitskräfte aus anderen Ländern beispielsweise nach Deutschland gebracht werden, um hier schlecht bezahlt unwürdige Arbeiten zu leisten. Diese Form des Kapitalismus gibt es also heute noch immer, nur nicht mehr so sichtbar in Deutschland.

> Anarchokapitalismus würde hier nun noch die letzten staatlichen Regulierungen und Schranken einreißen und damit Mensch und Natur der vollkommenen Verwertung ohne Schranken unterwerfen. Der Staat würde lediglich durch die Herrschaft der Kapitaleigner ersetzt. 

Die vorläufige Endstufe dieses Prozesses ist die Einrichtung von Privatstädten, in denen sich vor allem wohlhabende Bürger niederlassen können. Sie werden wie Unternehmen geführt, und die Einwohner begründen ihre Rechte dort nicht qua Geburt oder Verfassung, sondern durch die Unterzeichnung eines Vertrages. Dies stellt die vollkommene Unterwerfung der ganzen Vielschichtigkeit des Lebens unter wirtschaftlich-vertragliche Verhältnisse dar.

Weiterhin suggeriert die Einstellung mancher Libertärer, dass der von der Wirtschaft unabhängige Staat dieser ständig im Weg herumstünde und nichts lieber täte, als diese zu behindern. Dabei werden Phrasen von „Sozialismus“ und „Kommunismus“ bemüht, der hier angeblich die Freiheit jedes Einzelnen einschränke. Gleichzeitig sind es aber gerade die Wirtschaftsvertreter, die mittlerweile auf nationaler und internationaler Ebene in die Politik metastasiert sind. Lobbyismus bestimmt die Schwerpunktsetzung, Wirtschaftskanzleien schreiben ganze Gesetze, welche von den Abgeordneten nur noch abgenickt werden. Vertreter von BlackRock sitzen in den Ministerien, etwa in Form von [Elga Bartsch](https://www.handelsblatt.com/politik/international/bundeswirtschaftsministerium-elga-bartsch-wird-habecks-chefoekonomin-erste-frau-in-dieser-position/28810156.html) im Wirtschaftsministerium, Pharmavertreter stehen in Gestalt von [Emer Cooke](https://www.epochtimes.de/politik/ausland/ema-praesidentin-emer-cooke-war-jahrelang-lobbyistin-der-groessten-europaeischen-pharmaorganisation-a3486580.html) der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) vor. Stiftungen und Thinktanks reicher Oligarchen bestimmen die Politik auf nationaler und internationaler Ebene. Beispiele dafür sind die Gates-Stiftung, der Wellcome Trust, die Rockefeller-Stiftung oder das World Economic Forum (WEF). Das Finanzkapital IST damit bereits der Staat und alle überstaatlichen Institutionen.

Beim WEF werden ebenfalls ganze Gesetze entworfen, Politiker und Ökonomen nicht nur miteinander in Kontakt gebracht, sondern mittels des Young Global Leaders Programms auf eine einheitliche, ideologische Linie gebracht. Es regiert also bereits das Kapital durch das Mittel des Staates und der internationalen Organisationen. Es ist ein Korporatismus großer Monopolisten, die den Staat nutzen, um sich weiter zu bereichern. Über den Staat werden einfach mit Gewalt neue Märkte geschaffen, wie etwa für die Covid-Genspritzen, Masken und Tests oder, im Falle des Ukrainekrieges, Panzer, Haubitzen und Munition.

Damit steht der Staat nicht dem Kapitalismus im Weg, sondern der Kapitalismus herrscht mittels des Staates. Es ist ein de facto Anarchokapitalismus in seinem vorläufigen Endstadium, nämlich die Übernahme der Staatsmacht durch die Monopolmacht der Großkapitalisten. Eine solche Entwicklung kann man genauso gut als Neofeudalismus beschreiben, in dem Privatinteressen die Politik und damit die öffentliche Sphäre und das Leben aller Menschen bestimmen. 

Diese dem Individualismus entspringende Ideologie findet also längst ihre Verwirklichung und vereint sich am Ende wieder mit dem Kollektivismus, indem die absolute Mehrheit der Menschheit den Profitinteressen des Finanzkapitals unterworfen wird. Die Folgen sind Ausbeutung, Unterdrückung und eine totalitäre, mit ökonomischen Mitteln durchgesetzte Diktatur. Kollektivismus und Individualismus scheinen zwei unvereinbare Extreme zu sein, sie sind aber zwei Seiten derselben Medaille.

# Gemeinsam und doch individuell

Damit stellt sich die Frage, wie eine Gesellschaft gestaltet werden soll, wenn der Kollektivismus zu ideologischen Abirrungen und zu Millionen von Toten führt, und der Individualismus zur Bereicherung einiger Weniger auf Kosten der Mehrheit, und damit im Grunde dieselben Ergebnisse zeitigt und zudem in seinem Endstadium wieder in den Kollektivismus führt. Das Zauberwort könnte hier Gemeinschaft heißen.

> Gemeinschaft ist nicht mit Kollektivismus gleichzusetzen. Denn im Idealfall beruht sie zunächst auf einer freien Entscheidung, nämlich der freien Entscheidung, mit wem man Gemeinschaft bilden will.

In einer Gemeinschaft kommen mehrere Menschen zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Sie tun das aufgrund einer freien Vereinbarung untereinander. Jeder Einzelne bringt sich nach seinen eigenen Fähigkeiten und Kräften in diese Gemeinschaft ein und erfüllt seinen Teil zur Erreichung dieses gemeinsamen Zwecks. Denkt man Gemeinschaft nun ein bisschen größer, so kann eine Gemeinschaft auch eine Gruppe von Menschen sein, die zusammenkommt, um eine Grundlage für das Leben aller zu schaffen, und zwar vollumfänglich. Sei es durch das gemeinsame Verdienen von Geld oder den gemeinschaftlichen Anbau von Lebensmitteln, den Bau von Wohnraum oder die Schaffung von Bildungs- oder Gesundheitseinrichtungen — all das kann im gemeinsamen Wirken geschaffen werden.

Dabei bildet die Gemeinschaft keine kollektivistische Ideologie, der sich der Einzelne unterwerfen muss. Stattdessen bildet sie einen Rahmen, der den Einzelnen mit allem versorgt, was er braucht, und ihm so die Möglichkeit, aber auch den Freiraum eröffnet, sich selbst frei zu entfalten, seine Stärken und Talente zu entwickeln, ohne ihn dazu zu zwingen, seine Schwächen oder schlicht sein Desinteresse auszuleben. 

Wer also mit Mathematik, Maschinenbau oder Schreinern nichts anfangen kann, der muss sich eben auch nicht damit auseinandersetzen, sondern kann sich auf die Dinge fokussieren, die ihm liegen und für die er Begeisterung hat. Gleichzeitig leistet er dabei, sozusagen nebenbei, einen Beitrag für die Gemeinschaft. Denn jeder hat individuelle Fähigkeiten, die er nicht nur zur eigenen Freude, sondern auch zum Wohle anderer einbringen kann. 

In der heutigen kapitalistischen Massengesellschaft werden diese nur zugunsten der einheitlichen Massenproduktion oftmals untergepflügt und der Einzelne dazu gezwungen, sich mit ökonomisch verwertbaren Fähigkeiten zu beschäftigen, die ihm aber vielleicht gar nicht liegen. In einer Gemeinschaft entfaltet jede Fähigkeit ihren Nutzen, und so kann jeder seine Individualität ausleben, ohne dies auf Kosten anderer tun zu müssen. Zudem wird niemand gezwungen, sich sein ganzes Leben lang mit einer einzigen Sache zu beschäftigen. Man kann Ingenieur, Fischer, Künstler und Architekt in einem sein, ohne sich auf ein Gebiet festlegen zu müssen.  

Gleichzeitig führt ein solches Leben zu einem höheren Maß an Zufriedenheit. Da jeder in voller Verwirklichung seiner Potenziale lebt, gibt es weniger Anlass für dauerhafte Frustration, Depressionen oder Hoffnungslosigkeit, die einen immer dann befällt, wenn man sich an einen Job gebunden fühlt, den man eigentlich verabscheut. In einer solchen Gemeinschaft wird es weniger Streit und Aggression und damit weniger Potenzial für Gewalt und Krieg geben. Statt Konkurrenz und Kampf herrscht Kooperation vor, da alle Menschen am selben Strang für dasselbe Ziel einstehen, dabei aber gleichzeitig auch ihre eigenen Potenziale verwirklichen. Konkurrenz ist nicht notwendig, weil es das Konzept begrenzter Arbeitsplätze oder Gehälter nicht mehr gibt. 

Jeder lebt von dem, was die Gemeinschaft hergibt, und jeder weiß genau, dass er seinen Teil dazu beiträgt und damit eben auch sein eigenes Leben bereichert, gleichzeitig aber auch das aller anderen. Gemeinschaften sind daher im fernen Idealfall nicht mehr zwingend auf Geld angewiesen. Sie leben von den Früchten ihrer Arbeit.

Diese müssten dabei jedem Menschen ohne Ansehung seiner Leistungen oder anderer Merkmale grundsätzlich zustehen. 

> Auch derjenige, der sich gemeinschaftlichen Regeln entzieht, darf von der Versorgung nicht ausgeschlossen werden. Und ein solcher Rückzug von gemeinschaftlichen Regeln muss zwingend möglich sein. Denn Freiheit ist nur dann vollumfänglich möglich, wenn dem Einzelnen das Recht zusteht, Nein zu sagen. 

Daher ist auch niemand gezwungen, der Gemeinschaft in allen Aspekten zu folgen, all ihre Rituale mitzumachen oder Entscheidungen mitzutragen. Es genügt, wenn es einen gemeinsamen Kern — etwa einen gemeinsamen Zweck — gibt, ohne dass der Einzelne dadurch jede Entscheidung der Gemeinschaft mittragen muss.

Solche Gemeinschaften bestehen wahrscheinlich aus einer begrenzten Zahl von Menschen, die sich im besten Fall untereinander kennen. Sei es im Dorf oder im Stadtteil: Die örtlich zusammenlebenden Menschen können sich zusammentun und beginnen, diese Gemeinschaften zu gründen. Sie können ihre Fähigkeiten und Potenziale zusammenwerfen, um sich daran zu machen, eine andere Gesellschaft aufzubauen, die auf Kooperation und Symbiose beruht, anstatt auf Kampf und Konkurrenz, Profitinteressen und Verdrängung.

Gleichzeitig ist damit aber nicht die Rückkehr in die Kleinstaaterei verbunden, denn Gemeinschaften bilden im Idealfall keine abgeschlossenen, umgrenzten Gruppen, sondern stehen im offenen Austausch mit anderen Gemeinschaften, nehmen Menschen von außerhalb auf und begeben sich zum Teil auch in andere Gemeinschaften. Auch ein Austausch von Waren, Dienstleistungen und Wissen kann stattfinden, sodass Gemeinschaften nicht für sich selbst existieren, sondern sich auf ihre Weise und an ihrem Platz in eine Weltgemeinschaft integrieren.

Kennzeichnend für eine Gemeinschaft sind die gänzlich anderen Ansätze des gemeinschaftlichen Lebens und der Konfliktlösung. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, nicht von einer oligarchischen Kaste aufgezwungen. Dabei werden Für und Wider erörtert und am Ende ein Konsens gebildet. Es gibt verschiedene Konzepte der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung, die aber alle gemeinsam haben, dass sie demokratischer sind als die staatliche Verordnungs- und Regelungswut, die heutzutage vorherrscht und bei der die Interessen der Menschen überhaupt nicht zur Debatte stehen.

Entscheidend für das Gelingen von Gemeinschaft ist die Bildung einer neuen Kultur. Die heutige kapitalistische Massenkultur hat nicht nur beinahe alle kulturellen Eigenschaften beinahe aller Völker zugunsten einer Verwertungsideologie verdrängt, sie hat diese auch durch eine Kultur der Gewalt, des Egoismus, des ständigen Kampfes und Wettbewerbs ersetzt — auch wenn all diese Phänomene nicht erst mit ihr aufgetaucht sind. Kommerz steht über Gemeinschaft, Individualismus führte zur vollständigen Atomisierung der Gemeinschaft und der Materialismus hat jede Religion, aber damit auch jede Anbindung an ein verbindendes, höheres Ideal zerstört.

Wie diese Kultur aussieht, darüber müsste jede Gemeinschaft für sich entscheiden — und es ist durchaus möglich, dass Gemeinschaften hauptsächlich um eine gemeinsame Kultur herum entstehen. Denkbar wäre es, religiöse oder spirituelle Aspekte in den Vordergrund zu stellen, dies ist aber nicht zwingend notwendig.

Kultur heißt aber auch, die das Leben bestimmenden Grundsätze neu zu gestalten, die schon so selbstverständlich sind, dass wir sie nicht einmal mehr als solche wahrnehmen. So ist das Christentum die kulturelle Grundlage für die meisten europäischen Völker. Auch wenn sich heute viele nicht mehr als religiös bezeichnen und die kirchlichen Institutionen verlassen, ist die Denkweise doch grundlegend für unsere Kulturen. Sie drückt sich aus in unserer Kunst, die von Engeln, Gott, Dämonen und Teufeln ganz selbstverständlich handelt, in der Sprache und in der Denkweise. 

Selbst der Moralismus heutiger Tage ist vom Geist des Christentums geprägt, das ebenfalls schon eine einzige Weltanschauung zur einzig richtigen und alle Abweichler zu Sündern erklärte. Diese christlich geprägte Kultur müsste nicht unbedingt vollständig ersetzt werden, sondern könnte wieder auf ihren lebendigen Kern zurückgeführt werden, sodass sich daraus eine lebendige, von der Figur eines Gottes und von Institutionen unabhängige Spiritualität ergibt. Kulturbildung ist also ein wichtiger Teil funktionierender Gemeinschaften. Doch wie genau diese kulturellen Wurzeln ausgestaltet werden und ob sie nicht doch zugunsten anderer vollständig ersetzt werden, bleibt jeder Gemeinschaft selbst überlassen.

> Der Vorteil von Gemeinschaften, die Spiritualität in ihren Mittelpunkt stellen, ist, dass sie zu einer Achtung der natürlichen Mitwelt führen könnten. Wer in Verbindung mit dem Großen Ganzen steht, wer die Verbundenheit aller Lebewesen ganz selbstverständlich lebt, der kann die Natur nicht mehr rücksichtslos zerstören. 

Industrie, synthetische Stoffe, Ausbeutung der Natur, Abfälle und Abwässer sind auf diese Weise nicht mehr denkbar. Stattdessen gehen die Menschen achtsam mit der Natur um, überlegen sich jeden Eingriff ganz genau und helfen so dabei, die vom Menschen schon stark zerstörte Umwelt wieder zu heilen. Mit der Heilung der Menschen geht somit auch eine Heilung der Natur einher. Es ist also ein ganz und gar verlockendes Konzept, das Wirklichkeit werden kann, wenn sich nur genügend Menschen auf den Weg machen.

Allerdings ist jeder Gemeinschaft im Kern schon die Gefahr inne, in einen neuen Kollektivismus umzuschlagen. Dies zu verhindern und die Freiheit des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, ist keine Frage einer einmaligen Entscheidung, sondern ein Prozess, den jede Gemeinschaft immer wieder neu aushandeln und mit Leben füllen muss — genauso wie jeder heutige sogenannte demokratische Staat.

Gemeinschaften vereinen also die positiven Aspekte von Individualismus und Kollektivismus, ohne in die negativen Kehrseiten von hemmungsloser Ausbeutung, Egoismus und striktem Gehorsamszwang abzugleiten. Sie sind wahrhaft demokratisch in dem Sinne, dass die in ihnen Lebenden über all ihre Belange mitentscheiden, ohne dass einfach eine Diktatur der Mehrheit etabliert wird. Sie tragen den Bedürfnissen, Interessen und Stärken jedes Einzelnen Rechnung. Zudem führen sie, richtig gelebt, zu einer neuen Kultur des Friedens, die auch auf der Welt und in den Menschen Frieden ermöglicht.



