Furchtlos dem Schrecklichen entgegen
Marina Silalahi erzählt, wie ein Totschläger zum dienenden Menschen wurde.
Furchtlos auf das Schreckliche zugehen und es in Schönheit verwandeln. So lautet die Losung der Schriftstellerin Djuna Barnes. Ob die Menschen in Gaza mit diesem Credo denen hätten begegnen können, die sie ausradierten? Ob man damit etwas gegen einen neuen Caligula ausrichten könnte? Ob noch genügend Neuronen oder Menschlichkeit vorhanden wären, damit zur Anwendung kommen könnte, was diese Geschichte von Marina Silalahi erzählt? Eine tiefe Wahrheit steckt aber zweifelsohne in dieser Erzählung aus Indonesien.
Jeder aus der Nachbarschaft macht um Irfan einen großen Bogen. Er ist für seine Brutalität bekannt. Wenn er ausrastet, langt er so hart zu, dass Menschen sterben — so wird jedenfalls berichtet. Angeklagt wegen Todschlags wird er nie, dafür sorgt sein hochrangiger, im Militärdienst stehender Vater.
Für meine beratende Tätigkeit im Gesundheitswesen will ich Bilder malen lassen, denn die meisten Frauen in unserem Dorf sind Analphabeten. Ein Bilderbuch soll die Menschen über eine gesunde Ernährung und die Verhinderung von Lungentuberkulose aufklären. Das hat mit Irfan zunächst nichts zu tun. Aber ich bin ihm auch schon begegnet und habe hinter der harten Fassade etwas sehr Feines erkannt. Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass dieser Mann gerne zeichnet und das nicht schlecht.
Wir sitzen uns gegenüber, er lehnt sich zurück, schlägt die Beine übereinander und sieht mich dabei mit einer Zigaretten im Mund grinsend an. „Irfan“, sage ich, „deine Graffitis an den Wänden beweisen, dass du dich aufs Malen und Zeichnen verstehst. Das tust du, um Leute zu ärgern. Mich aber beeindrucken deine Zeichnungen.“. Sofort nimmt er eine gerade Sitzhaltung ein und stellte beide Beine parallel auf den Boden. Sein Grinsen verwandelt sich in einen Ausdruck interessierter Aufmerksamkeit. Entspannt erkläre ich mein Vorhaben und bitte um mindestens zwanzig Zeichnungen.
Irritiert springt er auf, sieht mir ins Gesicht und antwortet: „Die Leute reden, du seist eine Missionarin. Versuch ja nicht, mich von Jesus oder so einem ähnlichen Kram zu überzeugen.“—„Hab ich das jemals getan?“ frage ich verwundert. „Nein, aber viele Muslime holen bei dir Rat. Das gefällt mir nicht.“
— „Wenn Menschen ratlos sind und ich ihnen Auswege aus ihrer verzwickten Lage zeige, was ist daran schlimm? Du könntest ihnen ja auch beratend zur Seite stehen. Nur genießt Du allerdings nicht das Vertrauen der Leute.“
Irfan erhebt sich und springt auf mich los. Als er merkt, dass ich ihm furchtlos in die Augen schaue, lässt er sich in den Sessel zurückplumpsen. „Du kannst in aller Ruhe über mein Angebot nachdenken“, sage ich, „melde dich bei mir, falls du Interesse hast.“
Ein paar Tage später steht Irfan mit nacktem Oberkörper vor meiner Tür. Er trägt eine knielange weite schwarze Hose, in deren Bund eine Machete steckt. Das rote Tuch, das um seine Stirn gewickelt ist, erinnert an einen Krieger. Ich begrüße ihn mit einem freundlichen „Selamat Siang“ und frage ihn scherzhaft, ob er zum Hühnerschlachten zu mir gekommen sei? „Oder warum steckt eine Machete in deinem Gürtel?“
„Ich kann dir die 20 Bilder malen“, meldet er barsch. „Kostet aber was.“ Für die Zeichnungen handele ich sechs Tagelöhne aus. Er willigt ein: „Nächste Woche ist alles fertig, versprochen.“
Eine Woche später liegen die Bilder vor mir. Sie sind gut gelungen. Ich frage ihn, ob er Zeit hat, meine beiden Tischler, die mir eine Küche aus Vollholz anfertigen sollten, zu unterstützen. Er ist einverstanden und kommt am nächsten Tag auch pünktlich zur Arbeit. Beruhigt verlasse ich das Haus. Als ich wiederkomme, hockt Irfan mit einer Zigarette im Mund am Eingang meines Hauses und wartet auf mich. „Wo sind die Arbeiter, was ist passiert, frage ich ihn.“ — „Wir hatten Streit und als ich meine Machete zog, sind sie geflohen.“ — „Du bringst mir sofort meine Arbeiter wieder“, verlange ich empört. „Wie du das anstellst, ist mir egal, die Küche ist in drei Tagen fertig!“
Zwei Tage später kommt Irfan mit den Arbeitern zurück. Er demonstriert seine Reue, indem er sich verbeugend vor den Arbeitern entschuldigt, was diese verwirrt zur Kenntnis nehmen. Die Männer trauen dem Frieden nicht und zögern, ihre Arbeit wieder aufzunehmen.
Also koche ich ein traditionelles Gericht und lade die Handwerker und Irfan zu einem gemeinsamen Mahl ein. Während des Essens an einem runden Tisch löst sich die angespannte Stimmung. Friedlich gehen alle Beteiligten wieder an die Arbeit.
Wenige Tage später fährt mein Sohn mit seinem neuen Fahrrad durch unser Dorf. Die Kinder aus der Nachbarschaft wollen ihm das Fahrrad streitig machen. Sie beginnen, ihn zu schubsen und zu demütigen. Als die Kinder Irfan sehen, laufen sie auseinander.
Ich habe jetzt den besten Aufpasser für meinen Sohn und einen fleißigen und zuverlässigen Handwerker, der sich um alle Reparaturen rund um das Haus kümmert. Als unser kleiner Welpe von Nachbarn blutig geschlagen wurde, ging Irfan säbelrasselnd durch das Dorf. Er konnte den Täter nicht finden. Wahrscheinlich war dieser geflohen. Der Welpe starb nach einigen Tagen an seinen Verletzungen.
Die Dorfbewohner wundern sich über die gewachsene Freundschaft zwischen dem „Totschläger“ Irfan und mir. Sie tuscheln, dass ich die Dämonen mit dem Beelzebub austreiben würde. Sie haben nicht bemerkt, dass Irfans Wandlung durch simple Wertschätzung zustande kam.