Ganz nach unten zum Himmel hoch

Poetik-Ecke LIII wendet die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ in die andere Richtung.

„Der Weg aus Verzweiflung, Angst und Determination führt an die frische Luft, ein Akt der Befreiung“, sagt die Dichterin Maria Frank angesichts der Lage der Welt. Ihre Texte oszillieren zwischen Einsicht ins Verderben und einem tief angelegten Impuls zur Gegenbewegung. Sie schöpfen aus der Ohnmacht Energie, führen übers dunkelste und hinterste Zimmer hinaus ... an die Luft. „Die lehmige Anhaftung an die Welt der Materie braucht Heilung.“ So sagt sie. Ein anderes Bild: Nietzsches Mensch balanciert auf einem Seil. Unter dem Seil der Abgrund. Blickt er hinein und sieht die Dinge endlich, wie sie sind, wird seine Würde groß. Was daraus entsteht, sind Gedichte wie diese.

Besuch in der Unterwelt

Oberste Etage — Erstes Zimmer

Erotik der Macht
Knisternde Luft
Rotschwarze Nacht
Samt und Seide
Rosenblatt und Rosenduft
Für die Elite — nicht für uns beide

Oberste Etage — Zweites Zimmer

Pharaonenpalast
Hallen für Götter
Quellen, die leise rieseln
Katzen auf den Säulen
Grünes glänzendes Geschmeide
Edles Beige auf glitzerndem Grün
Türkise Steine an schmalen Hälsen
Luxus pur

Oberste Etage — Drittes Zimmer

Am Ende des Ganges
Hinterzimmer der Macht
Schallgedämmt
Diffuses Licht
Kein Ton dringt jemals nach außen
Beige Samtkassettentüren
Geheime Treffen

Noble Teppiche
Diskrete Beleuchtung
Auf den Fluren

Mittlere Etage — Erstes Zimmer

Galeerenruderer
Stumpfer Blick
Arme ölig vom Schweiß
Ausweglose Gleichgültigkeit
Ohne Hoffnung

Mittlere Etage — Zweites Zimmer

Bergbaustollen
Gesichter schwarz von Kohle
Fast Kinder noch
Früh gealtert
Mitgefühl und Solidarität
Selbstachtung
Trotz allem

Mittlere Etage — Drittes Zimmer

Alleingelassen die Frau
Viele Mäuler
Jeden Alters
Ratten und Müll
Hunger nimmt die Kraft
Und die Liebe
Wo bleibt die Würde?
Hoffnungslos

Enger Gang
Mit Schlamm und Abfall
Und Gestank

Unterste Etage — Erstes Zimmer

Venezianisches Ankleidezimmer
Masken, Roben aller Art
Paravents geheimnisvoll
Truhen voll mit Accessoires
Spielerische Bewegungen
Und Flirt
Rollen wechseln sehr erwünscht

Unterste Etage — Zweites Zimmer

Glasballons mit
Blubbernder Flüssigkeit
Brodelnde dicke Säfte
Schmelzende Metalle im Feuer
Glitzern schwarz und rot
Weißer Kragen, langer Bart
Alchemie sucht Lösungen

Dunkler Gang, zugehängt,
geheimnisvoll

Unterste Etage — Am Ende des
Ganges
Durch den Türspalt dringt

Frische Luft und Licht
Himmelblaue Freiheit
Ein Ausweg?
Ein Abgrund?
Innehalten erst
Dann Schwellenangst
Entscheidung folgt auf dem Fuß
Fliegen können

Wundervoll

Beschützt

Die samtige sanfte Nacht ist nicht mehr freundlich/
Unheilvolle Wesen bewegen sich in ihr/
Ziehen als Schatten an den Fenstern vorbei/
Und schicken ihre lautlosen Bedrohungen in die Häuser der Menschen/
Doch es kommt auf dich an/
Geh aus dem Haus in die Nacht/
Stelle dich der Angst/
Rieche den Duft der Blüten/

Rufe aus tiefstem Herzen deine Beschützer/
Verbinde dich, bleib nicht allein

Sprich endlich Zarathustra

Wählen lässt du die Menschheit zwischen Gut und Böse

Aber siehe doch, wozu das immer wieder führt!

Ich wünsche mir dich wütend!

Zerschmettere die Knochen derer, die uns das Unheil bringen!

Merze die mit Feuer aus, die Not und vielfach Tod bringen!

Und zerstampfe die, die Unschuldige bitter leiden lassen!

Ich bitte dich! Ich halte es nicht mehr aus, noch weiter zuzusehen!

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, ich rase, ich weine!

Entscheide du! Greife ein!

Und bringe du Licht denen/
Die im Finsteren stochern

Ich fühle mich so klein und hilflos/ Sehenden Auges/
Ohnmächtig/
Furchtbares Unrecht, das geschieht/
Immerzu und überall

Was kann ich tun?

Wiedererwachen der Menschheit

Kehrt zurück nach Kos
mit einer neuen Vision/
Das goldene Zeitalter
Wiedererschaffend

In magischer Einheit mit den Naturreichen entsteht ein Land von Früchten, Milch und Honig

Hebt gemeinsam den Schleier der Isis im Tempel zu Sais/
Und legt Gold für Eros Flügel auf/
Die grau gewordenen

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit/
Und die Sehnsucht nach Heiliger Sprache/
Lange schon vergessen

Durchs Fegefeuer der Selbsterkenntnis kann Mensch die Trennung aufheben

Die Hüter des Glücks sind die Besitzer der Welt