Gefährliche Friedfertigkeit

Wenn die Menschen die Unwirksamkeit des Pazifismus erkennen, droht noch mehr Gewalt.

Pazifismus ist viel mehr als „Gewaltlosigkeit“. Für diesen Begriff gibt es viele Definitionen und Wikipedia beschreibt ausführlich die Geschichte dessen, was sich Pazifismus nannte. In der Neuzeit galt friedlicher Widerstand vorwiegend als Waffe, mit der Schwächere ein politisches Ziel gegen einen deutlich stärkeren Machthaber durchsetzen wollten. Dass dies aber schon immer mit Gewalt auch der angeblich „Gewaltlosen“ verbunden war, und auch zu noch mehr Gewalt und Leid führen konnte, ist nur wenigen bewusst.

Gabriel Vahanian stellte in seinem Buch von 1961 „The Death of God“ fest, dass Gott tot sein muss, weil die moderne säkulare Kultur jeden Sinn für das Sakrale verlor und kein transzendentes Ziel mehr kennt. Nun ist diese These besonders angesichts der wachsenden Bedeutung der Religion in moslemisch geprägten Ländern unter heftige Kritik geraten. Andererseits erhält sie Nahrung durch die Feststellung eines einsetzenden Wertenihilismus, einen Zerfall von Rechtstaatlichkeit, einschließlich Völkerrecht, und Demokratie. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „Frieden“ eingesetzt, um „totale Unterwerfung“ zu beschreiben, nicht aber Gewaltlosigkeit als Wert an sich.

Dass Pazifismus heute ebenfalls seine Wirkung auf die Gesellschaft verloren hat, ist nicht wegen des Verlustes des Sakralen und Transzendenten, sondern weil diejenigen, gegen die sich Pazifismus richtet, die Vertreter der herrschenden Strukturen des Establishments, jede Moral und Ethik aufgegeben haben, ohne die Pazifismus, interpretiert als Gewaltlosigkeit, aber nicht funktioniert.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Wirkung des Pazifismus daraus besteht, die Gewalt des Stärkeren so deutlich werden zu lassen, dass dieser und die Welt um ihn herum zur Einsicht kommen, dass die Gewalt unmoralisch, unethisch wäre. Waren diese Herrscher während der großen Konfrontation der Mächte im Westen und Osten noch in einem Wettbewerb der Systeme, in denen die Moral und Ethik als Waffe eingesetzt wurde, benötigte man nach der Aufgabe der Ideen des Kommunismus im Osten diese Waffe nicht mehr. Aber der Pazifismus, wenn er denn als Gewaltlosigkeit definiert wird, benötigt einen Rest von Moral und Ethik, damit er überhaupt wirken kann.

Gandhis Gewaltlosigkeit

Bei Wikipedia findet man folgende Beschreibung Gandhis:

„Gandhi … war ein indischer Rechtsanwalt, Widerstandskämpfer, Revolutionär, Publizist, Morallehrer, Asket und Pazifist. (...) Schon zu Lebzeiten war Gandhi weltberühmt, für viele ein Vorbild und so anerkannt, dass er mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. In seinem Todesjahr wurde dieser Nobelpreis symbolisch nicht vergeben. Ebenso wie Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi oder Martin Luther King gilt er als herausragender Vertreter im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit.“

Gandhi soll also gegen Unterdrückung und für soziale Gerechtigkeit gekämpft haben. Hier findet man keine Einschränkung, dass er dies nur für Inder aktiv betrieb. Dazu bemerkt der Sozialwissenschaftler Rainer Roth in seinem Buch Sklaverei als Menschenrecht:

„Gandhi sah die Beteiligung indischer Truppen im Rahmen der britischen Armee als entscheidende Voraussetzung dafür an, dass Indien im Rahmen des Britischen Empire gleiche Rechte auf Selbstregierung zugestanden wurden wie Australien und Kanada. In der Indian Army kämpften unter dem Kommando britischer Offiziere rund eine Million Soldaten. Rund 140.000 kämpften bis Ende 1915 in Frankreich und Belgien, 675.000 standen im Mittleren Osten, 144.000 in Ägypten, weitere in Ostafrika usw. (...) Im Herbst 1914 stellten Inder ein Drittel der britischen Streitkräfte in Indien.

‚Es kann keine Freundschaft zwischen dem Mutigen und dem Verweichlichten geben‘, erklärte Gandhi. ‚Wir werden als ein Volk der Ängstlichen betrachtet. Wenn wir uns von diesem Verdacht befreien wollen, müssen wir lernen, die Waffen zu gebrauchen.‘ (...) Nur auf diese Weise werde sich das ‚große Britische Empire‘ davon überzeugen lassen, die Diskriminierungen aufzuheben, die auf den Indern lasteten, erklärte Gandhi. Es gehe darum, den Status der white dominions (wie Australien, Kanada usw.) zu erlangen und die Selbstregierung zu erhalten, die diese haben. (...) Bis zu 70.000 indische Soldaten fielen im Weltgemetzel für die imperialistischen Interessen der Weltmacht Großbritannien. (...)

Auch dank der Gandhi’schen Predigt waren diese Soldaten keine widerwilligen Rekruten, sondern Freiwillige, ja sogar begeisterte Freiwillige. (...) Sie dachten, sie kämpften für die Selbstregierung Indiens. Die Kolonialbehörden schafften es dank ihrer Zusammenarbeit mit Gandhi und anderen Vertretern der indischen Nation, dass es nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Indien keine Unruhen und keine Angriffe auf die britische Armee gab. Diese Ruhe war auch im Sinne Gandhis. Die indische Bourgeoisie wollte sich selbst regieren, aber den englischen König als Staatsoberhaupt anerkennen“ (1).

Hier lesen wir also, dass es nicht um „Unterdrückte“ ging, die unterstützt werden sollten, sondern darum, dass die indische Bourgeoisie von der britischen als gleichberechtigt anerkannt wurde. Fast verzweifelt versucht Wikipedia, nicht am Pazifismus Gandhis zu rütteln, kann aber nicht umhin, wenigstens die Beteiligung am Krieg gegen die Zulus zu erwähnen:

„Er rückte mit nur 24 Mann an und half Verwundeten beider Seiten. Gandhi war von der Gewalt der militärisch weit überlegenen Briten bestürzt, die den Aufstand im Juli 1906 brutal niederschlugen und die Überlebenden sowie sympathisierende Zulu inhaftierten oder deportierten. (...) und warf sich seit dem grausam niedergemetzelten Zulu-Aufstand häufig vor, Gewalttaten anderer nicht verhindern zu können.“

Laut Wikipedia war Gandhi von der Gewalt der Briten also bestürzt. Roth und die von ihm zitierten Autoren sehen die Person Gandhi und seine Taten in diesem Zusammenhang in einem ganz anderen Licht:

„Gandhi unterstützte das rassistische British Empire in dessen Kriegen gegen die Buren (1899–1902) und gegen die Zulus in Natal (1906). Er diente im Burenkrieg (1899–1902) in einer indischen Sanitätseinheit. Er unterstützte die Unterdrücker seines eigenen Volkes, indem er sich an der Unterdrückung anderer Völker beteiligte. Um den Widerstand der Buren niederzuschlagen, richteten die Briten erstmals Konzentrationslager ein, in denen sie bevorzugt Frauen und Kinder internierten. Viele von ihnen starben. (...)

Nachdem eine Kopfsteuer erhoben worden war, töteten Zulus 1906 in Natal zwei Polizisten. Die schwachen bewaffneten Kräfte der Zulus wurden mit Maschinengewehren niedergemäht. Viele Zulus wurden ausgepeitscht bzw. öffentlich erhängt. Gandhi kannte keine Gnade gegenüber den Zulus, auch wenn er keinen nennenswerten Widerstand von ihnen wahrnehmen konnte und erst recht keinen Aufstand. Er stand bedingungslos auf der Seite des britischen Empire.

‚Doch ich glaubte damals, das britische Empire bestehe zum Besten der Welt. (...) Ich hatte das Gefühl … der Regierung von Natal meine Dienste anbieten zu müssen‘, schrieb er. (...) Die Regierung Natals zeichnete sich durch besonders rassistische Gesetze zur Vertreibung von Indern aus. Gandhi wurde im Rahmen eines indischen Ambulanzkorps der britischen Armee zum Feldwebel ernannt. Er wollte damals auch bewaffnete indische Militäreinheiten zur Unterdrückung der Zulus aufstellen, aber die britische Militärbehörde lehnte ab“ (2).

Demnach wollte Gandhi dem britischen Empire sogar bewaffnete indische Militäreinheiten zur Verfügung stellen, um damit noch besser Zulus zu unterdrücken. Eine Tatsache, die weitgehend verschwiegen wird, zum Beispiel auch in Wikipedia.

Roth ist nicht der Einzige, der erklärt, dass Gandhi ein Rassist war, der am indischen Kastensystem festhalten, und es nicht, wie immer wieder behauptet wurde, beseitigen wollte. In einem Interview mit der Zeit sagte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy:

„Gandhi hat darauf bestanden, alle Kasten sollten bei ihrer erblichen Arbeit bleiben, aber keine Kaste solle für nobler gelten als eine andere — damit wollte er die Menschen dazu bringen, sich über ihre Erniedrigung sogar noch zu freuen.“

Es ging also keineswegs um das Auflösen des indischen Kastensystems, sondern vielmehr um das Anpassen an die Bedingungen der Zeit, um sicherzustellen, dass billige Arbeitskräfte auch weiterhin zur Verfügung standen, mit denen der Mittelstand seinen Wohlstand mehren konnte. Nur deshalb hat Gandhi das Thema Unberührbarkeit bekämpft. Es passte nicht mehr in die moderne Organisation der Gesellschaft. Die wirkliche Problematik der Kasten in Indien ist aber die Frage „von Rechten — auf Land, Bildung, öffentliche Dienstleistungen“.

Auch die Behauptung, Gandhi wäre ein Vertreter der Gewaltlosigkeit gewesen, ein absoluter Pazifist, ist ein längst widerlegtes Narrativ, wie es schon weiter oben über seine Zeit in Südafrika anklang. Wolfgang Dietrich schreibt über einen Autor, der Gandhi kritisierte:

„Gandhis Zugang zum Thema Gewaltlosigkeit lehnt er noch entschiedener ab als Krishnamurti … weil er ihn für Gewaltunterdrückung im asketischen Stil indischer Tradition hält. (...) Der Asket aber wendet die Gewalt gegen sich selbst — und das wirft er Gandhis asketischen Inszenierungen vor.

Er geht so weit, Gandhi als für den Ausbruch der kollektiven Gewalt im Zuge der indischen Unabhängigkeit ursächlich zu sehen, weil dieser zuvor die Unterdrückung der Gewalt gepredigt habe. So habe Gandhi und mit ihm ganz Indien die Gewalt des Aggressors in sich aufgeladen, ohne sie zu transformieren. Oshos gänzlich energetisches Verständnis vom Sein schließt daraus, dass die im langen Freiheitskampf unterdrückte Energie sich letztlich in einer Orgie physischer Gewalt entladen musste. Ein Befund, in dem ihm so mancher westliche Psychoanalytiker folgen könnte, auch wenn das politisch inkorrekt ist“ (3).

Peter Conzen nennt in seinem Buch „Erik H. Erikson: Grundpositionen seines Werkes“ dessen Meinung zu Gandhi:

„Gerade in Gandhis moralischem Rigorismus zeige sich viel an unterdrückter Gewalt gegen sich selber und andere. Ein verkappter Sadismus spreche beispielsweise aus Äußerungen, in denen Abscheu gegen Sinnlich-Triebhaftes sich mit Vorwürfen gegen Frau und Kinder koppelt. Schonungsloser als andere Biographen rechnet Erikson mit Gandhis Frauenbild ab, vor allem der bisweilen herabsetzenden Behandlung von Kasturba“ (4).

Gandhis Aufruf zur Gewaltlosigkeit war im Prinzip ein Aufruf zur Gewalt gegen sich selbst. Gandhi hat so seine Anhänger aufgefordert, durch Gewaltlosigkeit gegenüber dem Feind sich selbst Gewalt anzutun oder antun zu lassen. Was nicht nur zu späteren Explosionen der Gewalt führte, sondern auch zu vielen Opfern der Gewalt, gegen die man nicht vorging.

„Widersprüchlich ist Gandhi auch wegen seiner Rezeption. Eine Linie führt in Richtung Bürgerrechtsbewegung und insbesondere Martin Luther King (MLK), damit verbunden dann in gewisser Weise auch der palästinensische Widerstand.

Die andere in Richtung Dalai Lama und Farbrevolutionen. Der Unterschied besteht m.E. darin, dass im zweiten Fall der manipulative Charakter von Gandhis Methode der ‚Gewaltlosigkeit‘ im Zentrum steht, von sozioökonomischen und geopolitischen Zusammenhängen losgelöst wird und sich hervorragend vereinbaren lässt mit einer Politik (im Dienste) des Westens, die von kodifiziertem Recht und rechtsstaatlichem Handeln nichts mehr wissen will, die Moral von diesem Recht isoliert und sie zur ‚Opfermoral‘ entwertet (‚unterdrückte Frauen im Iran‘, ‚unterdrückte Schwule in Russland‘, ‚unterdrückte Muslime in China‘, ‚friedliche Demonstranten in Venezuela‘ usw.), die wiederum auf einem geschickten Emotionsmanagement beruht — demgegenüber im ersten Fall immer noch die Beseitigung von real bestehender Diskriminierung im Vordergrund steht“ (5).

Sowohl bei Martin Luther King als auch bei Nelson Mandela erkennt man schon, dass der Pazifismus an seine Grenzen stößt, obwohl immer noch der Wettbewerb der Systeme zu einer gewissen Zurückhaltung der Herrschenden führte. Wäre der bewaffnete Aufstand gegen das Apartheid-Südafrika oder der Freiheitskampf der Vietnamesen ohne Waffen möglich gewesen?

Maidan versus Gaza

Der Putsch von 2014 in der Ukraine ist ein Beispiel, wie „Pazifismus“ heute eingesetzt wird. Zunächst waren die Demonstrationen gewaltlos, aber auch wirkungslos. Dann wurden bewusst Gewalttaten provoziert, dem verhassten System sogar durch False-Flag-Misshandlungen noch mehr Gewalt zugeordnet als sowieso schon vorhanden und die Spirale der Gewalt gegen die Demonstranten bewusst eskaliert.

Aber als der Herrscher immer noch nicht zu der entscheidenden Gewaltanwendung griff, die zu seiner moralischen Diskreditierung dienen konnte, entschloss man sich zu den Schüssen und damit Massenmorden auf dem Maidan, bei dem sowohl Demonstranten, als auch Polizisten getötet wurden. Mit diesem False-Flag Ereignis war erreicht worden, dass die „friedlichen Demonstranten“ sich zur Gewaltanwendung legitimiert fühlten und von einer Mehrheit in der Umgebung dabei unterstützt wurden. Katchanovski hat es brillant analysiert (6).

Aus der Gewalt „gegen sich selbst“ wurde dann in der Folge der blutige Bürgerkrieg gegen den Osten des Landes, der sich dem Putsch nicht unterwerfen wollte. Auch hier sahen wir zunächst Menschen, die versuchten sich mit bloßen Händen gegen Panzer zu wehren. Aber auf der Woge der Maidan-Morde als Legitimation gab es nun kein Halten mehr, und die gleichen Kräfte, die als „Pazifisten“ die Spirale der Gewalt in Kiew bewusst zur Explosion brachten, waren nun enthemmt und selbst im Gefühl der Macht ohne jede „Gewaltlosigkeit“ dabei, den Krieg zu beginnen. Schließlich hatte sich ja gezeigt, dass „Gewaltlosigkeit“ erst wirksam geworden war, nachdem sie in Gewalt umgeschlagen war.

Medien und westliche Politik hatten zunächst die „friedlichen Demonstranten“ unterstützt, als diese an der Macht waren, obwohl sie den Putsch mit Gewalt erzwangen, und dann auch noch später, als sie selbst gegen zunächst gewaltlose Demonstranten im Osten des Landes vorgingen. So hatten zunächst die Unterdrückten Milliarden Dollar, Medien, Politik hinter sich, und, als sie den Herrscher gestürzt hatten, sofort die Legitimation „der freien Welt“, einen Bürgerkrieg zu beginnen.

Der Gaza-Konflikt

Ende März 2018 begannen die Demonstrationen „Der Große Marsch der Rückkehrer“ an der Grenze zwischen Gaza und Israel. Palästinenser forderten ihr Rückkehrrecht, das von der UNO ausdrücklich bestätigt worden war, und die Aufhebung der Belagerung des Gaza-Streifens. Hunderte ließen im Laufe der nächsten Monate während der Demonstrationen ihr Leben, Tausende wurden durch Scharfschützen Israels verwundet, viele verloren ihre Gliedmaßen.

Jason Cone, der Exekutivdirektor von Ärzte ohne Grenzen (USA), erklärte am 11. Mai 2018, welche Verwundungen die Munition der israelischen Scharfschützen bei unbewaffneten palästinensischen Demonstranten, die an der Grenze für ihr von der UNO bestätigtes Rückkehrrecht demonstriert hatten, verursachten.

„Die Austrittswunde des Geschosses hat die Größe einer Faust. Der Knochen wurde pulverisiert. Das ist die Realität für die Hälfte der verletzten Patienten, die in den Kliniken meiner Organisation seit Beginn des Großen Marsches in Gaza behandelt wurden“ (7).

Bis zum Dezember 2018 waren Tausende verwundet worden, die dauerhaft behindert bleiben werden. Ende Dezember wurde in der Zeitung Haaretz festgestellt, dass seit dem Beginn der Proteste im März ungefähr 240 Palästinenser getötet worden waren. Und bezüglich der Erklärung Israels, die Schüsse wären in Selbstverteidigung abgegeben worden, las man:

„Der gemeinsame Operationsraum der Widerstandsfraktionen erklärte, dass die vier Getöteten in einer Distanz von 300 bis 600 Meter entfernt vom Zaun waren und die Verwundeten 150 bis 300 Meter vor dem Zaun.“

Wenn man die Geschichten der Getöteten und Verwundeten ansieht, erkennt man den Versuch des gleichen Systems, das Gandhi anwandte. Obwohl sie bereits verwundet worden waren, eilten sie zurück in die Nähe des Zauns, um mit der gegen sie wirkenden Gewalt der Welt deutlich zu machen, was in Gaza passierte. Ein Demonstrant, der bereits beide Beine verloren hatte, begab sich mit dem Rollstuhl in die Schusslinie, in dem Bewusstsein, dabei sterben zu können, was dann auch passierte. Ihr Leben war im Kampf gegen einen übermächtigen Herrscher das einzige Gewaltmittel, das sie hatten.

Wie Journalisten berichteten, hatte eine Mutter in Indien den britischen Soldaten ihr Baby als Märtyreropfer angeboten, als Zelebrierung der Gewaltlosigkeit, die sich aber hier gegen das eigene Kind und erst indirekt durch Delegitimation gegen den britischen Soldaten richtet.

Dabei wird klar, dass auch „Pazifismus“ nicht gewaltlos ist. Und wenn die palästinensische Freiheitsbewegung Hamas in Gaza die Menschen zu Demonstrationen aufruft, obwohl sie wissen müsste, dass sie ihr Leben in Gefahr bringen, ähnelt das sehr Gandhis Politik, seine Gefolgsleute aufzufordern, ihr Leben und ihre Gesundheit für das große Ganze zu opfern. Und die „Opfer“, die die Führer des Putsches in Kiew im Jahr 2014 von ihren Demonstranten verlangten, waren von denen genau so wenig freiwillig erbracht worden wie das Opfer des Neugeborenen in Indien. Aber es zeigt die heutige Richtung des so genannten Pazifismus.

Das Opfermanagement, das auf Gandhi zurückgeht, passt hervorragend zur Politik eines rechts- und wertenihilistisch gewordenen Westens. Aber nicht zu einer linken, antimilitaristischen Haltung, wie sie Führer der Arbeiterbewegung und der antikolonialen Befreiungskämpfe forderten.

Und jetzt erkennt man die Unterschiede der Gewaltanwendungen gegen Palästinenser an der Grenze im Vergleich zum Maidan. Diesmal schweigen die westlichen Medien weitgehend. Allenfalls verurteilen sie „Gewalt auf beiden Seiten“. Statt Milliarden für den Umsturz werden humanitäre Hilfeleistungen gekürzt, die sowieso kaum das Lebensnotwendige gewährleisten (8).

Statt Völkerrecht und Menschenrechte zu unterstützen, gilt nun das Recht des Stärkeren.

Der Pazifismus, die Provokation von Gewalt gegen sich selbst, um den übermächtigen Gegner zu schwächen, funktionierte 2018 nicht mehr, wenn er sich gegen den nihilistischen Westen richtete. Aber das zu erwartende Ergebnis wird das gleiche sein, das schon die angebliche Gewaltlosigkeit Gandhis in Indien provozierte: „…schließt daraus, dass die im langen Freiheitskampf unterdrückte Energie sich letztlich in einer Orgie physischer Gewalt entladen musste.“

Völkerrecht, Menschenrechte, Demokratie

Die Werte Völkerrecht, Menschenrechte, Demokratie verdanken ihre Einführung Menschen, die unter dem Eindruck ungeheurer Kriege und Grausamkeiten standen, um in der Zukunft den Menschen und Völkern Alternativen zur Gewalt aufzuzeigen, wenn sie sich mit einem mächtigeren Gegner konfrontiert sahen. Das funktionierte einigermaßen, solange es den Wettstreit der Systeme, den kalten Krieg gab. Als der jedoch weggefallen war, und die Machthaber im Westen sich als Herrscher des ganzen globalen Systems glaubten, verloren Völkerrecht, Menschenrechte und Demokratie ihre Funktion. Sie wurden zu Propagandawaffen ohne reale Bedeutung.

Die Zustände der letzten Jahre in Syrien sind dafür ein deutliches Beispiel. Obwohl selbst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages die Anwesenheit der USA und damit auch Frankreichs in Syrien als völkerrechtswidrig erkannte, obwohl die Unterstützung von Terroristen und die Bombardierung von Zivilisten und ziviler Infrastruktur eindeutig gegen Menschenrechte verstieß, wagte niemand, das offen auszusprechen.

Nur die Herausforderer dieser neuen Weltordnung, die nicht auf Völkerrecht und Menschenrechten basierte, sondern auf dem Recht des Stärkeren, erhoben ihre Stimme und wurden prompt selbst beschuldigt, gegen Völkerrechte und Menschenrechte zu verstoßen. Denn diese Behauptungen sind die Waffen der Mächtigen. Aber sie werden immer stärker durchschaut. Schon lange von den Menschen außerhalb des Einflusses der NATO-Medien, zunehmend aber auch von Menschen in den NATO-Ländern selbst. Und Letzteres kann furchtbare Folgen haben, wenn es zusammentrifft mit der Erkenntnis, dass die so genannte repräsentative Demokratie nur ein Schauspiel ist, das die Massen beruhigen soll, aber keineswegs die Vertretung der Interessen der Massen.

Wenn als weitere Erkenntnis hinzukommt, dass Gewaltlosigkeit nichts bewirkt, entsteht eine Gemengelage der Gefühle, die hinterfragt, warum sich die Massen an Regeln und Gewaltlosigkeit halten sollen, wenn die Herrschenden diese weder international noch national beachten.

Die Gelbwesten

Wie sich die Entwicklung der Gelbwesten zukünftig darstellen wird, ist ungewiss. Aber wenn die durch den Herrscher angewandte tödliche und nicht-tödliche Gewalt wie in Israel nicht zu einem moralischen Zerfall und Sieg der Gelbwesten führt, ist zu befürchten, dass auch hier irgendwann der Damm brechen wird, und die unterdrückte Wut und Erniedrigung sich in einem Gewaltexzess entlädt, gegen den ein paar brennende Geschäfte und Autos wie ein Junggesellenabschied wirken.

Wenn die Herrscher überall auf der Welt glauben, abgesichert durch eine sie stützende Medienpropaganda, Waffen und Unterdrückungswerkzeuge des 21. Jahrhunderts, „schlachterprobt“ in Palästina , keine Rücksicht mehr auf altmodische Werte wie Moral, Ethik, Völkerrecht und Menschenrechte nehmen zu müssen, wird es eines Tages zu einem Gewaltexzess kommen, bei dem die Menschen sich vielleicht selbst vernichten, aber auch gleichzeitig die Herrscher. Ein Vorbote dieser Entwicklung ist die Zunahme von Selbstmordattentaten.

Sie sind die Erweiterung von Gandhis Lehre der Selbstaufopferung, nur unter der Annahme, dass sie nur noch sinnvoll ist, wenn man dadurch einen wesentlichen Schaden verursacht. Wenn das eigene Leben weniger wichtig wird als das Ziel, das Verhasste zu zerstören, ähnlich wie bei Gandhi, aber man nicht mehr an die Macht der Gewaltlosigkeit glaubt.

Statt „Allahu Akbar“ könnten dann wieder die Rufe erschallen, die schon Caesars und Abraham Lincolns Tod begleiteten: „Sic semper tyrannis“!


Quellen und Anmerkungen:

(1) Rainer Roth: Sklaverei als Menschenrecht, Argument Verlag, Hamburg 2015, S. 519–521.
(2) Rainer Roth: Sklaverei …, a. a. O., S. 523.
(3) Wolfgang Dietrich: Variationen über die vielen Frieden, Band 1: Deutungen, Springer VS, 2008, S. 343.
(4) Peter Conzen: Erik H. Erikson: Grundpositionen seines Werkes, Kohlhammer, Stuttgart 2010, online: https://books.google.de/books?id=NnFt-DAAAQBAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PT233#v=twopage&q&f=true
(5) Aus privater E-Mail eines Freundes, mit dem das Thema diskutiert wurde.
(6) https://www.academia.edu/8776021/The_Snipers_Massacre_on_the_Maidan_in_Ukraine
(7) https://www.doctorswithoutborders.org/what-we-do/news-stories/research/gaza-avoiding-greater-blood-bath
(8) https://www.timesofisrael.com/un-announces-cuts-in-food-aid-to-gaza-west-bank/