# Gefährlicher Fatalismus

Krieg ist niemals unumgänglich — die passive Bevölkerung muss ihr Grundgefühl der Hilflosigkeit überwinden.

von 
   * Manfred   Böhm

Kriegerische Gewalt und die gezielte Zerstörung von Menschenleben sind kein unabwendbares Schicksal, sondern das Ergebnis konkreter politischer und militärischer Entscheidungen. Wenn uns heute angesichts globaler Konflikte Ohnmacht eingeredet wird, müssen wir diesen fatalistischen Glauben an Sachzwänge durchbrechen. Hannah Arendt und Viktor E. Frankl bieten hierfür das zeitlose philosophische Fundament, während Papst Leo XIV. mit seiner jüngsten Enzyklika eine hochaktuelle theologische Vertiefung und Ergänzung liefert. Zusammen beweisen sie: Solange der Mensch atmet, bleibt die Geschichte offen. Wer die Hoffnung verliert, wird zur Manövriermasse kriegstreibender Systeme — wer sie bewahrt, rettet seine Würde und den Mut zum Handeln.

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In den politischen Talkshows und medialen Diskursen unserer Tage schleicht sich ein gefährlicher Ton ein: Der Krieg wird zunehmend als ein unabwendbares Schicksal dargestellt. Eine unerbittliche Gesetzmäßigkeit der Geschichte, der sich das Individuum letztlich fügen muss. Man spricht von „Alternativlosigkeit“ und „historischen Notwendigkeiten“.

Doch diese Sichtweise ist ein praktischer und fundamentaler Irrtum. Geschichte verläuft nicht auf Schienen. Sie gehorcht keinen starren Naturgesetzen. Weil sie von Menschen gemacht wird, bleibt ihr Verlauf bis zum allerletzten Moment gestaltbar und offen. Solange ein Mensch atmet, existiert die Möglichkeit zur Veränderung.

Aus dieser tiefen Einsicht erwächst eine moralische Pflicht: die Pflicht zur Hoffnung als Fundament für den Mut, sich aktiv gegen das organisierte Leiden und Sterben zu stellen.

## Natalität — Die Geschichte ist bis zum letzten Atemzug offen

Um den lähmenden Glauben an eine historische Vorbestimmtheit zu überwinden, hilft ein Blick auf die politische Philosophin [Hannah Arendt](https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt) (1906 bis 1975). Sie begründet die menschliche Freiheit mit dem Prinzip der *Natalität* — der Gebürtlichkeit.

> Mit jeder Geburt eines Menschen kommt etwas völlig Neues, Unvorhersehbares in die Welt. Wir sind keine passiven Rädchen in einem mechanischen Uhrwerk der Geschichte. Wir sind Wesen, die qua Geburt die Fähigkeit besitzen, bestehende Kausalitätsketten zu durchbrechen und einen radikalen Neuanfang zu setzen.

Diese Handlungsfreiheit endet nicht vor den Toren einer Krise. Sie bleibt eine Konstante des Menschseins. Erst der Tod setzt unserer Fähigkeit, die Richtung des Geschehens zu ändern, eine absolute Grenze. Solange wir leben, besitzt die Zukunft keine feste Form. Jede Behauptung, eine Situation sei „ausgeschlossen“ oder „besiegelt“, verkennt diese fundamentale Offenheit der menschlichen Existenz.

*„... dass mit jedem von uns ein Anfang in die Welt kam und das Handeln im Sinne des Einen-Anfang-Setzens nur die Gabe eines Wesens sein kann, das selbst ein Anfang ist. (...) Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen“* — Hannah Arendt (Aus: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper Verlag, 2020, S. 276).

## Die Trotzmacht des Geistes — Mut zum Handeln statt totaler Resignation
Wer diese tiefe Dimension der Hoffnung im Hier und Jetzt bewahren will, benötigt ein unerschütterliches seelisches Fundament. Wie der Psychiater und KZ-Überlebende Viktor Frankl (1905 bis 1997) unter den extremsten Bedingungen der Menschheitsgeschichte bewiesen hat, besitzt der Mensch eine unzerstörbare „Trotzmacht des Geistes“.

> Einem Individuum kann im Krieg fast alles genommen werden — die äußere Freiheit, der Besitz, die Gesundheit und die physische Sicherheit. Doch eine letzte, entscheidende Freiheit bleibt unantastbar: die Freiheit, sich zu den gegebenen Umständen einzustellen, die eigene innere Haltung selbst zu wählen und moralisch „Nein“ zu sagen.

*„Dem Menschen kann man alles nehmen, nur eins nicht: die letzte menschliche Freiheit, seine Haltung zu den gegebenen Verhältnissen zu wählen, seinen eigenen Weg zu gehen“* — Viktor E. Frankl (Aus: ... trotzdem Ja zum Leben sagen, Kösel-Verlag, 2024 / Penguin Verlag, 2018, S. 113).

Aus dieser bewussten Sinn-Orientierung speist sich der Mut zum gemeinsamen Handeln und der zivile Ungehorsam. Wer diese Hoffnung und Sinnhaftigkeit jedoch verliert, bricht innerlich zusammen. In diesem Zustand der totalen Resignation verliert das Individuum seine Autonomie und zieht sich kapitulierend aus der Welt zurück.

## Humanitas im Zeitalter der Technokratie — Die päpstliche Allianz des Widerstands

Diese Gefahr der Resignation erlangt im heutigen technokratischen Zeitalter eine völlig neue, systemische Dimension. Genau hier setzt Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas an. Das päpstliche Lehrschreiben verwebt theologische Prinzipien mit moderner Zivilisationskritik und greift dabei explizit auf Hannah Arendts Analysen zur totalitären Herrschaft und zur Machtkonzentration zurück. Der Papst nutzt diesen strukturellen Ansatz, um vor der schleichenden Entpersonalisierung des Menschen durch monopolistische Digitalkonzerne und unkontrollierte technologische Systeme zu warnen. Er kombiniert dies mit Viktor Frankls existenzanalytischer „Trotzmacht des Geistes“, um die unantastbare Würde des Einzelnen gegenüber solchen Riesenstrukturen göttlich zu verankern.

Das Lehrschreiben warnt eindringlich vor einer antihumanen Vision, die das Individuum zu bloßem Datenmaterial herabgestuft. Wo moderne Technologien, Künstliche Intelligenz oder automatisierte algorithmische Systeme zur Herrschaftssicherung und Kriegsführung eingesetzt werden, wird der Mensch systematisch entmündigt. Wenn der Mensch seine Hoffnung verliert, degeneriert er zum bloßen Funktionsträger, zur wehrlosen Manövriermasse und letztlich zum biologischen „Abfall“ einer kriegstreibenden, machtversessenen politischen Elite, die das menschliche Leben nur noch als kalt berechenbares Instrument im Dienste zerstörerischer Zwecke verbucht.

*„Künstliche Intelligenz und technologische Macht müssen entwaffnet werden, befreit von den Logiken, die sie zu einem bloßen Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen. Der Mensch darf niemals zu Datenmaterial im Dienste zerstörerischer Zwecke degradiert werden“* — Papst Leo XIV. (Aus der Enzyklika: Magnifica Humanitas, Mai 2026, vgl. u. a. Abs. 223).

> Menschlichkeit lässt sich weder algorithmisieren noch durch strategische Notwendigkeiten aufheben. Sie verwirklicht sich in der unbedingten Anerkennung des Anderen, in der Empathie und in der bewussten Verweigerung, den Mitmenschen zum bloßen Werkzeug militärischer Zwecke zu degradieren.

## Das richtige Geschichtsverständnis als Schutz der Freiheit

Um der kollektiven Verzweiflung endgültig zu entgehen, müssen wir den fatalistischen Irrtum des Historizismus entlarven. Herrschende Eliten legitimieren ihre Aggressionen fast immer mit dem Argument der „Alternativlosigkeit“. Dies ist eine psychologisch kalkulierte Strategie: Dem Bürger soll eingeredet werden, dass sein Widerstand zwecklos sei, um ihn in die Passivität und den blinden Gehorsam zu treiben. Wer an die Unvermeidbarkeit des Krieges glaubt, hat bereits kapituliert, noch bevor der erste Schuss fällt.

Die Geschichte besitzt keinen geheimen Weltplan, kein eingebautes, deterministisches Ziel und keine unerbittlichen Gesetze. Aussichtslosigkeit ist niemals ein objektives Faktum, sondern eine psychologische Falle. Jede Sekunde der Gegenwart ist ein offenes Tor, in dem die Katastrophe durch eine neue, mutige Entscheidung abgewendet werden kann.

> Die Absage an jeglichen historischen Determinismus ist der erste, unumgängliche Schritt zur Freiheit. 

Die Anerkennung unserer Fähigkeit, in jedem Moment einen neuen Anfang zu setzen (Arendt), das Festhalten an einem unzerstörbaren Sinn (Frankl) und das mutige Ergreifen der Hoffnung gegen die technokratische Degradierung zum bloßen Material (Papst Leo XIV.) bilden unsere wirksamsten Schutzschilde.

Wir sind der Geschichte und den Entscheidungen der Eliten nicht hilflos ausgeliefert — wir sind es, die Geschichte durch unser Handeln oder unser Schweigen schreiben.


