Gegen den Komplott
Poetik-Ecke LI setzt den „Moment“ des Einzelnen gegen die Maschine der Macht.
Der kritisch-verspielte Blick aufs Geschehen oszilliert bei Rainer Baumgärtel zwischen Lyrik und Liedtext. Die 51. Poetik-Ecke versammelt fünf politische Texte aus seinem neuen und zweiten Lyrik-Band „(D)legitimierung“. Der Bezug auf tradierte Texte zeigt, dass es wiederkehrende Muster der Zerstörung und des Wahns sind, denen der Künstler entgegenwirkt. Nicht mit einer Gegenideologie, sondern mit der Hexenkraft jener, denen die „Henker:innen“ an den Kopf wollen.
eselei
vor allem bin ich nicht so leicht
von einem andren wege als dem meinen
zu überzeugen. wo ich stehe, steht
die welt für den moment, und deinen
plan kannst du vergessen! mit mir geht
es drum, du irrer eselstreiber
auch viel gemächlicher
in den untergang. ich denk
noch drüber nach

Und unsre lieben Henker:Innen
Als der Wind sich wieder einmal drehte,
und was einstmals galt, galt nun nichts mehr,
halfen weder Hymnen noch Gebete,
nur Granaten halfen und das Heer.
Endlich gab es wieder einmal Feinde,
die man töten durfte laut Gesetz,
als die neue woke Volksgemeinde
sich nicht länger abgab mit Geschwätz.
Liberale, Linke und selbst Christen
fanden plötzlich gar nichts mehr dabei,
dass geheime Bundespolizisten
wieder dienten bei der Polizei.
Denn es ging ja immerhin um alles,
was uns lieb und teuer war und wert,
dass im Falle irgendeines Falles
jemand Deserteure fangen fährt.
Ja, die Lumpenpazifisten sollten
endlich einmal spüren, was es heißt,
auch zu müssen, was sie niemals wollten,
weil der Höllenhund gern Hintern beißt.
Sollten sie es allerdings gar wagen,
und Kompromisse fordern — welch Komplott! —
geht es diesem Abschaum an den Kragen:
Da hilft wirklich nur noch das Schafott!
Vollzeitstellen wurden ausgeschrieben
für den Job als Henker:In. Es gab
zehn, die fest bei dem Berufswunsch blieben.
Zwei bekamen ihn, dann ging’s bergab
mit den Drückebergern und Verführern,
die die Jugend warnten vor der Front,
diesen Noch-Staatsdelegitimierern. —
Selten wurde einer mal verschont.
Und die Köpfe rollten und der Dollar
und die Panzer mit dem grünen Punkt.
Wenn der Todestrakt auch manchmal voll war. —
Wir gewinnen! Doch wer etwa unkt,
dass der Feind ja gar nicht zu besiegen
sei, den nennt man einen Kreml-Troll.
Nicht verhandeln — ist uns ein Vergnügen,
und die Kasse ist ja auch noch voll …
Neulich sah man eine von den beiden,
die den Job im Öko-Todestrakt
einst bekommen hatten, live beeiden,
wie human er sei, der Tötungsakt.
Und man achte schließlich beim Entsorgen
der Verbrecher auch auf die Natur!
Gut, sprach da der Moderator: Morgen
müssen Sie ja wieder ran … Doch nur
dank solch selbstlos Wirkenden wie Ihnen,
haben wir noch hier Demokratie.
Ein Applaus für unsre Henker:Innen
und den Sponsor: Rüstungsindustrie!
Unter Verwendung des geistlichen Volkslieds: „Unser lieben Frauen“ von vor 1602

halleluja
wenn dereinst die letzten sklaven
spüren, dass an dem system
irgendetwas faul ist, dass
die macht all ihrer klugen herren
nichts als angstmache und drohung
ist und ihre stolzen büttel
kaum besser dran sind als sie selbst
wird der große turm von Babel
so wanken wie Miss Liberty
und all die blitzeblanken banken
ihrer künstlichen eliten. Gott
ist liebe, nicht die spritze!
von ihrer neuen klimareligion
ganz zu schweigen — ihre pfaffen
kleben sich nicht an. ein kalb
und sei es auch aus purem gold
bleibt ein rindvieh. halleluja!

digitalisierung
im rhythmus der gardinenpredigt
schaltest du jetzt in den nächsten gang
dies ist kein psalm, kein lobgesang!
das leben hat sich für uns selbst erledigt
und steckt in einem schlammloch fest
wühlt sich auch immer weiter ein
gleich einem smarten rechenschwein
das ich mit abfall aus den medien mäst’
es gibt kein jetzt und keine gegenwart
für dieses tier, das sich im morgen suhlt
und um den beifall einer menge buhlt
die sich verirrt hat, die man ständig narrt
und digital verführte, dessen gott
ein kleiner chip ist: dies ist ein komplott!

Stäbchen aus Elfenbein
Kaiser Zhou galt lange als bescheiden,
und er sparte, wo es nur ging,
hörte an, was all seine Gelehrten
dachten und las im Daodejing —
bis ein Dämon ihm
eines Tages riet,
dass dem Kaiser Essstäbchen aus Elfen-
bein zustünden – schon von Geblüt.
Das, so dachte sein Minister Ji Zi, ist
gewiss der Anfang vom Schluss …
Denn bald reichen nicht mehr ird’ne Schüsseln,
er will Jade sehen und muss,
statt Gemüse, gleich
Elefantenschwanz
oder Fleisch von Leopardenjungen
haben und derlei Firlefanz.
Statt im Alltagskleid, wird er in Seide
gehen wollen und auch das Dach,
nur mit Stroh gedeckt, wird er verachten.
Nein, ein Riesenschloss voller Pracht
wird ihm nicht genug
sein und auch kein Tee:
Wein in Strömen wird dann fließen
und sein Harem wächst zur kleinen Armee.
Nur fünf Jahre später war der Kaiser
prompt ein ganz verruf’ner Tyrann.
Seine Untertanen zitterten vor
seinen Launen. Und irgendwann
brach das Reich entzwei,
wie Ji Zi fatal
es vorausgeahnt und klar beschrieben hat:
Ja, Hochmut kommt vor dem Fall.
Nach einer altchinesischen Fabel von Han Feizi (Han Fei) ca. 280 bis 233 v. Chr.
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