Gehirnwäsche durch Geisterbeschwörung
Im öffentlichen Diskurs werden immer öfter metaphysische Kräfte bemüht, um zu verschleiern, wie die Dinge eigentlich stehen.
Allenthalben ist neuerdings die Rede von Geistern. Ob im ukrainischen „Abwehrkampf“, ob auf den permanenten Gipfeln der „Unterstützer“ Kiews — überall werden unsichtbare höhere Mächte invoziert. Dieser Rückzug ins Metaphysische ist Ausdruck einer Verzweiflung des politisch-medialen Komplexes, der sich angesichts der von ihm selbst angetriebenen Akzeleration hin zu einer katastrophalen militärischen Auseinandersetzung nicht anders zu helfen weiß, als Geister zu beschwören.
Geisterbeschwörung für Anfänger: Der Geist von Kiew
Als der russisch-ukrainische Krieg im Februar 2022 begann, kolportierte der ukrainische Geheimdienst SBU, ein ukrainischer Pilot habe innerhalb von drei Tagen zehn russische Kampfflugzeuge abgeschossen — medial getauft wurde dieser heldenhafte Freiheitskämpfer als der „Geist von Kiew“ (1). Videoaufnahmen von Abschüssen wurden per Social Media millionenfach geteilt, auch deutsche Medien griffen die Meldung auf und feierten den Piloten (2); bis heute kann man Postkarten, die besagter Geist ziert, zur Unterstützung der ukrainischen Armee für 9,98 US-Dollar erwerben (3). Die Rheinische Post berichtete jedoch bereits am 4. März 2026:
„Doch der ‚Geist von Kiew‘ ist nur ein Phantom. Die kurzen Filme sind ein Beispiel für eine Propaganda-Schlacht, die offenkundig auch im Ukraine-Krieg geführt wird. Denn die Szene, so wiesen Experten inzwischen nach, stammt aus einem Computerspiel namens ‚Digital Combat Simulator World‘“ (4).
Dies hinderte journalistische Erzeugnisse wie die Frankfurter Rundschau (5), n.tv (6) oder die Bild (7) allerdings nicht daran, Anfang Mai den Tod dieses ominösen Geistes zu vermelden. Die ukrainische Luftwaffe gab zum selben Zeitpunkt zu, dass es sich um eine reine Legende handelte, um die Moral der Ukrainer im Krieg zu stärken (8).
Ektoplasmatische Offensive
Geisterbeschwörung als Psy-Op (psychological operation), also was im Kriegszustand gewiss seine Legitimation besitzt, hat sich — nach über vier Jahren des Schlachtens — zu einem geflügelten Wort entwickelt, das enervierend oft als Motiv herhalten muss. Mit einem Mal tauchen überall Geister auf: Die Tagung des deutsch-französischen Ministerrats Ende August 2025 — ein wahrhaft wenig einflussreiches Gremium — steht plötzlich unter dem Schutz des „Geistes von Toulon“, der übrigens immerhin, wie die Tagesschau berichtet, Gazpacho und Wolfsbarsch servierte (9); am selben Tag — dem 29. August — beschwört die CSU-Fraktion zur Klausurtagung den „Geist von Würzburg“ (10); und Friedrich Merz ließ es sich nicht nehmen, jüngst auch noch den „Geist von Ankara“ um Beistand anzurufen (11). Die Journalisten Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander gingen ebenfalls auf Gespensterjagd und berichteten anlässlich des G7-Gipfels im Juni 2026 vom „Geist von Evian“ (12).
Interessanterweise ist auch die Sport- und insbesondere die Fußballberichterstattung anlässlich der Weltmeisterschaft vor Geistersichtungen nicht gefeit: Die Süddeutsche Zeitung invozierte Ende Mai noch voller Hoffnung den „Geist von Winston-Salem“ (13), das Quartier der deutschen Elf, bei dem es sich jedoch — o Graus! — „ausgerechnet“ um ein „Spukschloss“ handelte, wie uns der BR aufklärte (14). Damit sollte die Diskussion über das frühe Ausscheiden des deutschen Teams endgültig beendet sein.
Die Frankenpost versuchte noch, den „Geist von Campo Bahia“ (15) zurückzurufen — für die nicht Fußballfesten: Campo Bahia war die Residenz der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014, wo der letzte Titel geholt wurde — doch dieser schien in absentia begriffen zu sein. Auch andere Teams wurden heimgesucht: Nach dem 0:0 gegen Ghana in der Vorrunde berichtete die Sport Bild — unter Berufung auf eine spanische Tageszeitung —, dass der „Geist von Southgate“ über England „schwebe“, Southgate ist der ehemalige englische Nationaltrainer (16). Auch „Portugal wird von einem Geist begleitet“ (17) — nämlich dem eines toten ehemaligen Mitspielers —, „Frankreich kämpft gegen die bösen Geister von Seoul“ (18) und so weiter und so fort.
Wer die WM verfolgt haben sollte, ohne all dieser Geister ansichtig zu werden, sollte sich Gedanken machen. Die Parallelen zwischen den Geistersichtungen im politischen Betrieb und im Sportbetrieb sind wahrhaft frappierend.
Unreine unreine unreine Geistergeschichte
„Es gibt auch eine Produktionsweise des Gespensts, sie selbst eine Weise gespenstischer Produktion. Wie bei der Trauerarbeit nach einer Traumatisierung muß die Beschwörung sich versichern, daß der Tote nicht wiederkehrt: Bloß schnell alles tun, damit die Leiche am sicheren Ort verwahrt bleibt, in Auflösung selbst da, wo sie bestattet oder einbalsamiert wurde, wie man es in Moskau gerne tat“ (Jacques Derrida, „Marx’ Gespenster“, 2016).
Nach dem Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Vladimir Putin in Alaskas Hauptstadt Anchorage am 15. August 2025 klangen russische Medien hoffnungsvoll (19). Mittlerweile äußerte Außenminister Sergei Lawrow, dass Russland angesichts der kontinuierlichen Aggression der EU-Staaten jegliche Hoffnung auf eine Einigung mit „dem Westen“ verloren habe:
„Wir werden dem Westen nicht länger glauben, dass er auf Verhandlungslösungen setzt. Der Vorrat an gutem Willen und Hoffnungen ist vollständig erschöpft“ (20).
Davor jedoch — und das ist beachtlich — waren auch die Russen plötzlich zu Geisterbeschwörern geworden: Hier berief man sich wiederholt auf den „Geist von Anchorage“ (21) — der allerdings, in schöner semantischer Verschiebung, alsbald zum „Gespenst“ (22) degradiert wurde.
Der permanente Rekurs auf freischwebende Geister indiziert einen Mangel an Konkretem: Was in Anchorage tatsächlich vereinbart wurde, wissen wir nicht; vermutlich gab es nichts außer wohlfeilen Absichtserklärungen der US-amerikanischen Seite, die schon bald durch Trumps erratisches Verhalten — unter anderem erwog er, Tomahawk-Marschflugkörper an Kiew zu übergeben (23) — zunichte gemacht wurden, sodass schließlich nicht mehr als ‚ein Hauch von Nichts’, eben ein Geist, übrigblieb. Auf russischer Seite hat man konsequenterweise schließlich die Geisterrhetorik aufgegeben.
Ein Kanzler als Geisterseher
Beim Nutzen der Google-Suchfunktion stellt man rasch fest, dass die Geistermetaphorik im Westen erst seit Amtsantritt des Charismatikers Merz ostentativ bedient wird. Auch der „Geist von Toulon“ geht bereits auf ihn zurück. Merz sagte damals wörtlich:
„Wir teilen die Überzeugung, dass eine starke deutsch-französische Partnerschaft und ein starkes, einiges Europa unsere beste Antwort ist. Ein klarer Blick für die Realität und der feste Wille, sie zu gestalten, ist für mich — lassen Sie mich das so sagen — der Geist von Toulon. Dieser Geist prägt unsere Freundschaft vom ersten Tag an.
Diesen Geist habe ich gespürt, als wir vor zwei Wochen gemeinsam mit Keir Starmer und anderen zusammen in Washington waren, um unsere europäischen Sicherheitsinteressen zu vertreten. Diese Woche haben wir zusammen mit Donald Tusk in Moldau vor rund 80.000 überwiegend jungen Menschen, die sich auf den Weg nach Europa begeben wollen, Flagge für Europa gezeigt. Ich habe diesen Geist gespürt, als wir im Juni im Europäischen Rat mehr Wettbewerbsfähigkeit und weniger Bürokratie durchgesetzt haben“ (24).
Der Kanzler ist empfänglich für die Geisterwelt — vier Geister in sechs Sätzen, die er „gespürt“ haben will, häuft Merz da an, sodass er sich die Fragen Immanuel Kants gefallen lassen muss, die dieser einst in seiner Schrift „Träume eines Geistersehers“ (1766) an den Mystiker Emanuel Swedenborg richtete:
„Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können. Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen an Bauzeug nicht ermangeln. (…) Nichts desto weniger getraue ich mich zu behaupten, daß, wenn es jemand einfiele, sich bei der Frage etwas zu verweilen: was denn das eigentlich vor ein Ding sei, wovon man unter dem Namen eines Geistes so viel zu verstehen glaubt, er alle diese Vielwisser in die beschwerlichste Verlegenheit versetzen würde.
Das methodische Geschwätz der hohen Schulen ist oftmals nur ein Einverständnis, durch veränderliche Wortbedeutungen einer schwer zu lösenden Frage auszuweichen, weil das bequeme und mehrenteils vernünftige: *Ich weiß nicht, auf Akademien nicht leichtlich gehöret wird. Gewisse neuere Weltweisen, wie sie sich gerne nennen lassen, kommen sehr leicht über diese Frage hinweg. Ein Geist, heißt es, ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn keine Wundergabe, Geister zu sehen; denn wer Menschen sieht, der sieht Wesen, die Vernunft haben“* (25).
„Wer Menschen sieht, sieht Wesen, die Vernunft haben“ — zu Zeiten des berühmten Königsbergers mag das der Normalzustand gewesen sein. Heute hingegen sehen wir eifrige Wesen, die bar aller Vernunft einen Krieg anzetteln und Geistwesen um Beistand anflehen. Die Rede vom „Geist von ...“ verhüllt ein Nichts, das bedauerlicherweise mit der Leere des eigenen Geistes korrespondiert.
Die Zuflucht zu Geistern ist nicht mehr das Privileg des faustischen Menschen, sondern zum Gemeinplatz derer geworden, die schon vor langer Zeit von allen guten Geistern verlassen worden sind.
Anlässlich der Verleihung des „Europa-Ordens“ durch Präsident Wolodymyr Selenskyj (26) tat sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit einer weiteren, höchst eigenwilligen Interpretation der Geisterhierarchie hervor. Sie ließ es sich nicht nehmen, auf X zu verkünden:
„Der Geist der Ukraine ist einzigartig. (…)
Unzerbrechlich und unzerstörbar.
Stoisch und unerschütterlich.
Es ist der Gründungsgeist Europas.
Denn die Ukraine ist Europa“ (27).
Hinweise zum Verständnis: Invokation bezeichnet die Anrufung einer höheren Macht, um sie in sich aufzunehmen (im Gegensatz zur Evokation, bei der die Macht im Außen präsent wird). Zum Ektoplasma sei auf den Film „Ghostbusters“ verwiesen. Der Terminus der unreinen unreinen unreinen Geistergeschichte findet sich bei Jacques Derrida, „Marx’ Gespenster“, 2016, S. 135 bis 171.