Gemeinschaft braucht Freiheit
Eine der häufigsten Verwechslungen in der Debatte über Individualismus besteht darin, den Begriff mit Egoismus gleichzusetzen — eine Replik auf „Frei und verbunden“ von Felix Feistel.
Kritik an einer Gesellschaft, in der Menschen zunehmend vereinzeln, ist erst mal völlig berechtigt. Viele Menschen erleben eine Welt, in der wirtschaftliche Verwertbarkeit, Konkurrenz und ständiger Leistungsdruck einen immer größeren Raum einnehmen. Die Frage, wie Menschen wieder mehr Verbindung, Solidarität und gegenseitige Unterstützung erfahren können, gehört zu den wichtigsten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Aber ist wirklich der Individualismus das Problem? Eine Erwiderung auf Felix Feistels Suche nach einem neuen Miteinander in seinem Artikel vom 17. Juli 2026.
Eine der häufigsten Verwechslungen in der Debatte über Individualismus besteht leider darin, den Begriff mit Egoismus gleichzusetzen. Individualismus ist nicht Egoismus. Egoismus bedeutet, die eigenen Interessen über die Rechte und Bedürfnisse anderer zu stellen. Individualismus bedeutet etwas anderes: die Anerkennung des Einzelnen als eigenständiges Wesen mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Lebenswegen.
Der Grundgedanke ist:
„Kein Mensch darf zum Werkzeug für die Ziele anderer gemacht werden.“
Die Geschichte zeigt viele Beispiele dafür, dass wirtschaftliche Macht missbraucht werden kann. Wenn Unternehmen politischen Einfluss gewinnen, wenn privilegierte Gruppen Gesetze zu ihren Gunsten gestalten oder wenn Monopole entstehen, ist das ein ernstes Problem. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass die Ursache die Freiheit des Marktes oder das individuelle Streben ist.
Denn gerade die enge Verbindung zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht ist problematisch. Unternehmen gewinnen Einfluss, weil Staaten ihnen Möglichkeiten eröffnen, Regeln schaffen oder bestimmte Akteure bevorzugen — freiwillig oder durch Erpressung sei dahingestellt. Das Problem ist dann nicht ein Zuviel an Freiheit, sondern ein Zuviel an konzentrierter Macht.
Anarchokapitalismus: Freiheit ohne Herrschaft
Felix Feistel geht davon aus, dass mit dem Wegfall staatlicher Ordnung zwangsläufig das Recht des Stärkeren entstünde. Doch das entspricht nicht dem Selbstverständnis der anarchokapitalistischen Theorie. Ein zentraler Grundsatz libertärer und anarchokapitalistischer Theorie ist das Nichtaggressionsprinzip: Niemand hat das Recht, Gewalt gegen andere auszuüben oder andere Menschen gegen ihren Willen zu beherrschen.
Man kann darüber streiten, ob dieses Prinzip alle gesellschaftlichen Fragen lösen kann. Man kann ebenso fragen, wie mit Umweltproblemen, extremen Abhängigkeiten oder Machtungleichgewichten umzugehen ist. Aber eine faire Kritik muss die tatsächlichen Grundannahmen berücksichtigen. Erst wenn diese korrekt dargestellt sind, lässt sich sinnvoll darüber diskutieren, ob die daraus gezogenen Schlussfolgerungen überzeugen oder nicht. Alles andere verhindert Erkenntnis und ersetzt Argumente durch Missverständnisse.
Wo Macht wirklich entsteht
Der Staat ist nicht automatisch ein Garant für Freiheit. Geschichte wie Gegenwart zeigen vielmehr, dass staatliche Macht immer wieder genutzt wird, um individuelle Freiheiten einzuschränken.
Durch die enge Verflechtung von Staat und Großkapital wird überhaupt erst möglich, die Menschen durch Firmen von Peter Thiel überwachen zu lassen oder durch Google die Möglichkeit der anonymen Nutzung des Internets zu beschränken.
Es stellt sich die Frage, wie erfolgreich solche Geschäftsmodelle auf einem Markt wären, in dem Unternehmen keine politischen Privilegien und keine staatliche Unterstützung genießen.
Ein Unternehmen wird nicht dadurch mächtig, dass Menschen frei handeln. Es wird mächtig, wenn es gelingt, Einfluss auf politische Strukturen zu gewinnen, Konkurrenz auszuschalten oder privilegierte Bedingungen zu erhalten. Gerade die von ihm angeführten Beispiele (Lobbyismus, Einfluss großer Konzerne, staatliche Aufträge) könnten daher auch anders interpretiert werden: Nicht ein Mangel an staatlicher Kontrolle ist das Problem, sondern die Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Macht. Bei Kapitalismuskritik wären doch diese Fragen interessant: Welche Rolle spielt der Staat bei der Entstehung und Stabilisierung großer Vermögen? Werden große Unternehmen tatsächlich nur durch „freien Markt“ groß, oder profitieren sie von staatlicher Infrastruktur, Subventionen, Forschungsförderung, Rettungsmaßnahmen, rechtlichen Rahmenbedingungen und öffentlichen Aufträgen? Wer trägt die Kosten wirtschaftlicher Risiken, private Akteure oder die Allgemeinheit mit ihren Steuern?
Neoliberalismus ist nicht gleich Individualismus
Feistel beschreibt: Wettbewerb, Selbstverantwortung, wirtschaftliches Vorankommen und Konkurrenz. Diese Phänomene gehören vor allem zu einer bestimmten wirtschaftspolitischen Richtung, die häufig als Neoliberalismus bezeichnet wird. Aber sie sind nicht identisch mit Individualismus. Ein Individualist würde beispielsweise sagen: „Der Staat soll mich nicht zwingen, nach einem bestimmten Lebensmodell zu leben.“ Er leitet daraus aber nicht automatisch ab: „Jeder Mensch muss wirtschaftlich erfolgreich sein, und wer scheitert, ist selbst schuld.“
Das zweite ist eine bestimmte gesellschaftliche Ideologie über Leistung und Markt — nicht die logische Konsequenz des ersten.
Feistel beschreibt Individualismus auch als gesellschaftliche Vereinzelung: Jeder denkt nur noch an sich selbst. Aber das ist nicht die einzige Bedeutung des Begriffs. Ein freiheitlicher Individualismus entstand aus einer anderen Idee: Der Mensch gehört sich selbst. Er ist nicht Eigentum des Staates, der Religion, der Gemeinschaft oder einer sozialen Gruppe.
Das bedeutet nicht, dass Menschen keine Verantwortung füreinander tragen. Im Gegenteil: Freiwillige Hilfe setzt überhaupt erst voraus, dass Menschen frei entscheiden können, zu helfen. Eine Handlung aus Zwang ist keine Solidarität. Solidarität setzt Freiwilligkeit voraus.
Ein Mensch kann seine Individualität leben und sich dennoch solidarisch, hilfsbereit und gemeinschaftsorientiert verhalten. Die Gleichsetzung von Individualismus und Egoismus greift daher zu kurz. Egoismus ist eine mögliche Haltung des Individuums, aber nicht die notwendige Folge individueller Freiheit.
Anarchokapitalismus ist nicht Frühkapitalismus
Felix Feistel setzt einen „ungezügelten Anarchokapitalismus“ mit dem Frühkapitalismus der Industrialisierung gleich. Das ist eine historische und theoretische Gleichsetzung, die begründet werden müsste. Die Ausbeutungsverhältnisse der frühen Industrialisierung waren real. Aber sie beweisen nicht, dass Freiheit und freiwilliger Austausch zwangsläufig zu diesen Zuständen führen. Sie zeigen vielmehr, wie problematisch eine Gesellschaft ist, in der wirtschaftliche Macht auf alte Privilegien trifft und Menschen keine wirklichen Alternativen besitzen.
Auch die Landflucht der Industrialisierung lässt sich nicht ausschließlich als Vertreibung durch das Kapital erklären. Zweifellos verloren viele Menschen durch Veränderungen der Agrarstrukturen ihre bisherigen Lebensgrundlagen und waren gezwungen, neue Einkommensquellen zu suchen. Gleichzeitig war der Zug in die Städte für viele Menschen auch eine bewusste Entscheidung in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, höhere Einkommen und neue Möglichkeiten. Die Städte boten nicht nur Ausbeutung und Elend, sondern auch Chancen, die das traditionelle Landleben häufig nicht bieten konnte: mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit, neue Berufe, soziale Mobilität und größere persönliche Freiräume. Viele Menschen verließen das Land nicht nur, weil sie mussten, sondern auch, weil sie sich ein anderes Leben erhofften.
Das Menschenbild hinter der Kritik
Der Punkt, der mir am deutlichsten beim Lesen des Artikels auffiel: Feistel argumentiert nicht nur mit historischen Entwicklungen, sondern immer wieder mit einer bestimmten Annahme über menschliches Verhalten. Diese Annahme könnte man ungefähr so zusammenfassen: Gibt man Menschen individuelle Freiheit und wirtschaftliche Handlungsmacht, werden sie diese Freiheit nutzen, um sich auf Kosten anderer zu bereichern.
Das ist ein durchaus nachvollziehbares Menschenbild. Es sieht im Menschen starke Triebe: Eigennutz, Machtstreben, Konkurrenzdenken, Dominanz. Aber dann gestatten sie mir diese Frage: Warum sollte genau derselbe Mensch in einer Gemeinschaft plötzlich anders handeln? Denn Feistel setzt an einer Stelle voraus: Im Kapitalismus führt menschlicher Eigennutz zu Ausbeutung. In einer Gemeinschaft führt menschliches Handeln jedoch zu Kooperation und gegenseitiger Unterstützung.
Mein Menschenbild geht nicht davon aus, dass Menschen grundsätzlich gut oder grundsätzlich schlecht sind. Menschen sind fähig zu beidem. Sie können helfen oder ausnutzen, teilen oder horten, kooperieren oder dominieren, Verantwortung übernehmen oder sich entziehen.
Gerade deshalb ist die entscheidende Frage doch nicht nur, welche Eigenschaften Menschen besitzen, sondern welche Strukturen diese Eigenschaften fördern.
Aus meiner freiheitlichen Perspektive würde ich argumentieren, dass Machtkonzentration menschliche Schwächen verstärkt. Wo Menschen über andere entscheiden können, entstehen Anreize für Einflussnahme, Vorteilsnahme und Abhängigkeiten. Der entscheidende Unterschied ist nicht, dass Menschen eigene Interessen verfolgen — das gehört zum menschlichen Handeln dazu —, sondern ob sie diese Interessen mit Zwang gegen andere durchsetzen können. Ein Unternehmer kann seinen eigenen Vorteil suchen, indem er bessere Produkte entwickelt und Kunden überzeugt. Er kann aber auch versuchen, politische Privilegien zu erhalten, Konkurrenten auszuschalten oder Gesetze zu seinen Gunsten beeinflussen zu lassen. Ein Staat kann und wird seine Macht nutzen, um bestimmte Interessen durchzusetzen, Abhängigkeiten zu erzeugen oder individuelle Freiheiten einzuschränken. Aus dieser Sicht liegt das Problem nicht im menschlichen Eigennutz selbst, sondern darin, dass Menschen über politische Machtmittel verfügen, mit denen sie anderen ihre Interessen aufzwingen können.
Felix Feistel erklärt Konkurrenz, Leistungsdenken und Selbstoptimierung vor allem als Folge des Kapitalismus. Ich aber frage, ob diese Prägung nicht viel früher beginnt und ob sie tatsächlich allein aus wirtschaftlichen Strukturen entsteht. Wenn über Egoismus, Konkurrenz und Leistungsdruck gesprochen wird, wird oft ausschließlich auf wirtschaftliche Strukturen verwiesen. Doch die Prägung eines Menschen beginnt schon nach der Geburt, also lange bevor er überhaupt am Arbeitsmarkt teilnimmt. Kinder lernen früh, sich zu vergleichen. Das Bildungssystem vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch bestimmte Vorstellungen davon, was Erfolg bedeutet. Feistel selbst hat zu diesem Thema einen großartigen Artikel verfasst.
Welche gesellschaftlichen Strukturen verstärken also diese Werte oder bringen sie hervor, und wer legt eigentlich fest, welche Ziele Bildung verfolgen soll? Wer bestimmt Lehrpläne und Bewertungssysteme?
Eine Gesellschaft, die Kinder früh darauf ausrichtet, sich ständig mit anderen zu messen, erzeugt zwangsläufig Konkurrenzverhalten. Das ist nicht ausschließlich ein Ergebnis wirtschaftlicher Prozesse, es ist vor allem eine Folge institutioneller Prägung.
Der Autor kritisiert den Kapitalismus, weil er aus seiner Sicht den Menschen zum Konkurrenten macht. Meine Gegenfrage wäre: Ist der Konkurrenzgedanke wirklich erst durch den Kapitalismus entstanden — oder ist er ein älteres menschliches und gesellschaftliches Muster, das durch staatliche Institutionen verstärkt oder gar hervorgerufen wird?
Sind also Gemeinschaften die Lösung?
Genau an diesem Punkt sehe ich den entscheidenden Widerspruch in Feistels Argumentation.
Der Wunsch nach Gemeinschaft ist zutiefst menschlich. Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen Beziehungen, Zugehörigkeit, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, Teil von etwas Sinnvollem zu sein. Die Kritik an einer Gesellschaft, in der Menschen zunehmend vereinzeln, ist deshalb berechtigt. Hier bin ich völlig einer Meinung mit ihm.
Doch Gemeinschaft allein garantiert noch keine Freiheit. Denn auch eine Gemeinschaft besteht aus Menschen. Und wenn Menschen — wie Feistel selbst im ersten Teil seines Artikels beschreibt — zu Machtstreben, Egoismus und Unterdrückung fähig sind, dann gilt diese Möglichkeit nicht plötzlich nicht mehr, sobald sie sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen.
Der Autor betont zu Recht, dass Gemeinschaft nicht mit Kollektivismus gleichzusetzen ist. Eine Gemeinschaft sollte freiwillig entstehen. Menschen schließen sich zusammen, weil sie ein gemeinsames Ziel verfolgen, nicht, weil sie dazu gezwungen werden, und nicht, weil sie keine andere Wahl mehr haben.
Der Artikel beschreibt das Ideal einer Gemeinschaft, die nicht nur gemeinsam arbeitet oder wirtschaftet, sondern die auch Kultur, Spiritualität und Werte umfasst. Das kann sehr bereichernd sein. Aber je umfassender eine Gemeinschaft gedacht wird, desto größer wird auch die Gefahr, dass sie nicht nur gemeinsames Handeln organisiert, sondern eine bestimmte Vorstellung vom guten und richtigen Leben vorgibt.
Denn wo Menschen gemeinsam definieren, was richtig ist, was sinnvoll ist, was bewusst ist, was zum Wohle aller geschieht, entsteht immer die Gefahr, dass diejenigen, die abweichen, als Problem betrachtet werden.
Gerade Gemeinschaften, die mit besonders hohen Idealen starten, stehen vor einer besonderen Herausforderung. Eine Gemeinschaft, die sagt: „Wir wollen friedlicher, bewusster und verbundener leben“, hat zunächst ein sehr löbliches Ziel. Aber irgendwann entsteht die Frage: Wer entscheidet denn, was „friedlich“, „bewusst“ oder „verbunden“ bedeutet? Wenn jemand Fleisch essen will, keine spirituellen Praktiken ausüben möchte, andere politische Vorstellungen hat: Bleibt er dann vollständig Teil der Gemeinschaft, oder entsteht ein neuer Anpassungsdruck?
Eine gute Gemeinschaft erkennt nicht nur das Bedürfnis nach Zugehörigkeit an, sondern auch das Bedürfnis nach Eigenständigkeit (Individualität!). Der Mensch braucht beides: Bindung und Autonomie. Eine Gemeinschaft, die nur Bindung fordert, wird über kurz oder lang wieder zum Kollektiv. Ein Individualismus, der nur Autonomie kennt, führt zwangsläufig zur Isolation.
Die kollektivistische Vorstellung einer Gemeinschaft lautet: Der Einzelne findet seinen Sinn darin, dem Ganzen zu dienen. Die freiheitliche Vorstellung lautet: Gemeinschaften sind wertvoll, weil sie Menschen ermöglichen, ihre Fähigkeiten und ihr Leben besser zu entfalten. Das klingt ähnlich, ist aber grundlegend verschieden. Im ersten Fall ist der Mensch Mittel zum Zweck. Im zweiten Fall ist die Gemeinschaft Mittel zum Zweck des menschlichen Lebens.
Zu Beginn seines Artikels zeichnet Feistel ein Menschenbild, in dem individuelle Freiheit zu Egoismus, wirtschaftliche Freiheit zu Ausbeutung und Macht nahezu zwangsläufig zu Missbrauch führt. Konkurrenz und Eigennutz erscheinen als prägende Kräfte menschlichen Handelns. Später setzt er aber auf Gemeinschaft, Verbundenheit und Spiritualität.
Aus freiheitlicher Sicht frage ich mich: Welches Bild vom Menschen liegt einer solchen Spiritualität zugrunde? Viele spirituelle Traditionen gehen — trotz großer Unterschiede — von der Annahme aus, dass im Menschen auch etwas vorhanden ist, das über reinen Eigennutz hinausgeht: Mitgefühl, Empathie, Verantwortungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die Möglichkeit, eigene Impulse zu hinterfragen.
Eine spirituelle Sichtweise würde vermutlich nicht davon ausgehen, dass der Mensch erst durch äußere Strukturen gut gemacht werden muss, sondern dass er bereits die Fähigkeit zur Entwicklung, Erkenntnis und Mitgefühl in sich trägt. Wenn das so ist, dann stellt sich die Frage, weshalb ausgerechnet dauerhafte Herrschaftsstrukturen die Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben sein sollen.
Wer die Welt als Schöpfung versteht, könnte vielmehr argumentieren, dass dem Menschen bereits alles mitgegeben wurde, was er für ein freies und verantwortliches Leben braucht. Politische Herrschaft wäre dann keine natürliche Voraussetzung des Menschseins, sondern eine spätere menschliche Erfindung.
Eine weitere Frage, die ich gerne stellen möchte ist: Wenn man grundsätzlich davon ausgeht, dass Menschen ohne äußere Struktur überwiegend aus Macht- und Eigennutz handeln, woher soll die Fähigkeit zur freiwilligen Kooperation in der Gemeinschaft plötzlich kommen? Anders gefragt: Wenn der Mensch im freien Austausch vor allem ein potenzieller Ausbeuter ist, warum wird derselbe Mensch innerhalb einer Gemeinschaft plötzlich zum selbstlosen Mitgestalter? Woher kommt diese Fähigkeit zur Verbundenheit? Ist sie eine grundlegende menschliche Eigenschaft — oder entsteht sie erst durch die richtige gesellschaftliche Ordnung?
Und viel grundsätzlicher: Wenn der Mensch zur Machtkonzentration und Unterdrückung neigt, dann müsste diese Gefahr auch in spirituellen Gemeinschaften bestehen. Wenn der Mensch aber die Fähigkeit zu Bewusstwerdung und Kooperation besitzt, dann ist die Freiheit nicht der Feind dieser Entwicklung. Freiheit setzt nicht voraus, dass Menschen perfekt sind. Sie setzt voraus, dass Menschen entwicklungsfähig sind. Feistel aber scheint zu sagen: Wir brauchen die richtige Gemeinschaft, damit Menschen gut handeln.
Ich, aus meiner weniger spirituellen, aber freiheitlichen Sicht, würde eher sagen: Menschen können lernen, bewusster zu handeln, und deshalb brauchen wir Strukturen, die diese Entwicklung ermöglichen aber nicht erzwingen. Freiwillig entstandene Hierarchien sind etwas anderes als dauerhaft institutionalisierte Herrschaft. Wer über besondere Kenntnisse verfügt, kann zeitweise Verantwortung übernehmen — solange diese Rolle freiwillig übertragen wird und jederzeit wieder beendet werden kann.
Demokratische Entscheidungen
Auch der Begriff der Demokratie erfordert in dem Artikel eine genauere Betrachtung. Demokratie als reines Entscheidungsverfahren und Freiheit sind nicht identisch. Eine Mehrheit kann demokratisch entscheiden und dennoch die Rechte einer Minderheit beschneiden. Eine Gemeinschaft ist daher nicht allein deshalb frei, weil Entscheidungen „demokratisch“ getroffen werden. Entscheidend ist, ob der Einzelne das Recht behält, anderer Meinung zu sein, eigene Wege zu gehen und sich Entscheidungen zu entziehen, die seine persönliche Lebensgestaltung betreffen.
Der Autor kritisiert zu Recht eine Demokratie, die nur aus Wahlen besteht und den Menschen nach den Wahlen keinen Einfluss auf ihr tatsächliches Leben lässt, aber die Alternative kann nicht einfach heißen: „Wir entscheiden gemeinsam“, und das ist dann „demokratischer“.
Wer ist dieses „Wir“ überhaupt? Alle? Eine Mehrheit? Die Eigentümer eines Grundstücks? Die Ältesten? Und mit welcher Mehrheit dürfen Entscheidungen getroffen werden, die andere binden?
Eine freie Gesellschaft braucht nicht nur das Recht, gemeinsam zu handeln, sondern auch das Recht, nicht mitzumachen. Das Recht, in Ruhe gelassen zu werden! Und auch das Recht, sich nirgendwo zu beteiligen oder mitzubestimmen. Denn die Freiheit des Einzelnen zeigt sich nicht daran, ob er an gemeinsamen Entscheidungen teilnehmen darf. Sie zeigt sich besonders daran, ob er ihnen widersprechen oder sie ignorieren darf.
Uns verbindet dennoch mehr, als uns trennt
Am Ende verbindet Felix Feistel und mich vermutlich mehr, als unsere unterschiedlichen politischen Begriffe zunächst vermuten lassen. Uns eint die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der Menschen nicht vereinzeln, sondern füreinander einstehen; in der Arbeit nicht bloß Mittel zum Zweck ist und der Mensch nicht auf seinen wirtschaftlichen Nutzen reduziert wird. Eine Gesellschaft, in der der Mensch Verantwortung für seine guten — aber natürlich auch schlechten — Handlungen übernimmt, ist wahrscheinlich eine gemeinsame Sehnsucht.
Der Unterschied liegt weniger im Ziel als im Weg dorthin: Während seine Perspektive stärker auf gemeinsame Strukturen setzt und den Kapitalismus grundsätzlich ablehnt, vertraut meine stärker auf die Fähigkeit freier Menschen, sich freiwillig zu verbinden und verantwortlich zu handeln. Beides verbindet jedoch die Hoffnung auf ein menschlicheres Zusammenleben. Auch ich teile die Sorge, dass eine Gesellschaft mehr braucht als bloßen Wettbewerb und materiellen Erfolg. Wir setzen nur auf unterschiedliche Wege: Während Sie, Herr Feistel, stärker auf gemeinschaftliche Strukturen als Grundlage des Zusammenlebens setzen, sehe ich im freien Markt, freiwilligen Zusammenschlüssen und Austausch ein wichtiges Instrument menschlicher Kooperation — vorausgesetzt, Machtkonzentrationen und vor allem politische Einmischung verhindern nicht diesen freien Wettbewerb. Letztlich verbindet uns dieselbe Frage: Wie erschaffen wir eine Gesellschaft, in der Menschen frei, selbstbestimmt und zugleich verbunden miteinander leben können?
Dem hier nachzugehen, wie freiwillige Gemeinschaften konkret aussehen und wie Menschen sich jenseits staatlicher Vorgaben organisieren können, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Mit diesen Fragen beschäftige ich mich ausführlicher in meinem Buch „Organisiert Euch!“. Vielleicht bietet es einen Anstoß, die Diskussion an dieser Stelle weiterzuführen.
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