Gespräch mit einem Nahrungsmittel

Für ein Forschungsprojekt zum Thema der Kommunikation mit Tieren traf Barbara Kovats auf die Kuh Choupis und bezeugte den Schmerz der Tiere durch unseren respektlosen Umgang mit ihnen.

Normalerweise ist es so: Entweder wir sprechen mit einem Lebewesen oder wir töten und essen es. Schon deshalb ist Tierkommunikation eine Provokation, die die Mehrheit von uns in ihrem „normalen“ Lebensvollzug aufscheucht. Wer sich auf ein „Nutztier“ wirklich einlässt — eine Kuh zum Beispiel —, der merkt, dass da „jemand“ ist, ein Wesen mit einer Seele, mit Schmerzempfinden und einer gewissen Intelligenz. Sensible Menschen spüren vielleicht durchaus eine Unstimmigkeit, wenn sie als Angehörige der schlachtenden Spezies mit einer Vertreterin der geschlachteten in einen tiefer gehenden Kontakt treten. Vielleicht aber geschieht Katharsis und vollzieht sich ein Bewusstseinssprung, wenn wir realisieren, wie unwürdig Menschen sonst mit Tieren umgehen. Die Autorin erlebte dies auf eindrucksvolle Weise, als sie sich in Begleitung von Vertretern indigener Völker an einem Forschungsprojekt zum Thema Tierkommunikation beteiligte.

Im Rahmen eines workshops des Projektes ANICOM war ich, gemeinsam mit Vertretern indigener Völker aus Kanada, Indien, Europa und Südafrika, mit professionellen Tierkommunikatoren, mit Künstlern und ja, sogar einem Tier, einem Kater, für 6 Tage zusammen.

ANICOM macht sich zum Ziel, das Thema der Kommunikation mit Tieren, Kommunikation eines Menschen mit Lebensformen, die keine menschliche Sprache sprechen, mit der wissenschaftlichen Welt zu verbinden. Die Zeit verband verschiedene Welten, die scheinbar getrennt und unverbunden nebeneinander stehen: die Wissenschaft und die Intuition, die indigene Verbundenheit mit allen Wesen und professionelle Tierkommunikation, Friedensforschung und Analyse, Kunst und Forschung, die reiche Welt der Nordhalbkugel und die unterdrücke Welt der südlichen Halbkugel, Afrika und Europa — und nicht zuletzt die Welt des Menschen und die Welt der Tiere. ANICOM geht dabei so weit, dass sie Tiere als gleichberechtigte Forschungspartner miteinbeziehen wollen.

Im Rahmen dieser Forschung hat die Gruppe eine Produktionsfarm besucht, die zur Universität gehört. Es war einer der experimentellen Tage, aufregend. Die Tierkommunikatoren unter uns waren aufgefordert, mit den dort lebenden Kühen zu kommunizieren. Dabei wurden sie gefilmt, während ebenso die Tiere, mit denen sie „sprachen“, mit Wärmekamera und Kamera gefilmt wurden, um Synchronizitäten im Verhalten und emotionelle Veränderungen möglichst objektiv dokumentieren zu können.

Als uns gesagt wurde, wir würden eine Produktionsfarm besuchen, wusste ich schon, auf was ich mich einlassen würde. Ich informiere mich seit Jahren über die respektlosen, unwürdigen und brutalen Umgangsformen mit Kühen in der Milchindustrie: künstliche Besamung, Trennung von ihren Kindern direkt nach der Geburt, Trennungsschmerz über Tage, ein Leben, oft auf Spaltboden in den eigenen Exkrementen, auf den immer gleichen paar Quadratmetern ohne frische Luft und Sonnenschein, erwartete Hochleistung — mit dem Menschen verglichen entspricht die Leistung einer Milchkuh einer Laufstrecke von rund 82 Kilometern pro Tag — und schreckliche Schlachtung, bereits nach fünf kurzen — oder elend langen? — Jahren, wenn die Kuh diese Leistung nicht mehr erbringt.

Mit einer Kuh in so einer Situation sollte ich Kontakt aufnehmen? Wie dem gewachsen sein? Wie denn ehrlich sein in dieser Situation? Ich hatte keine andere Wahl, als es einfach zu machen und zu vertrauen.

Ich saß ihr gegenüber, sie heißt Choupis. Ab dem Moment, in dem ich den inneren Kontakt aufgebaut hatte, flossen die Tränen. Ich sah die große, die majestätische Gestalt der Kuh, mit mächtigen Hörnern — sie hat sie nicht mehr, sie wurde als junges Kalb enthornt. In meiner Wahrnehmung ihrer spirituellen Gestalt waren die Hörner voll da als das mächtige Organ, das sie sind.

Hörner sind wichtig für die Körpersprache, und sie sind wichtig für Körperkühlung und für Verdauung — Menschen enthornen die Kühe, damit sie sie enger zusammenpferchen können und nehmen ihnen damit wichtige und würdevolle Ausdrucksmöglichkeiten.

Mit dem ersten Kontakt kamen neben den Tränen ein tiefer Schmerz und eine große Kraft — beides gleichzeitig.

Der Schmerz gilt vor allem der Tatsache, dass so viele Menschen vergessen haben, dass die Kuh ein spirituelles Wesen ist und eine innere Größe hat. Eine Teilnehmerin, Marjorie Icebound aus Eeyou Istchee im Norden von Quebec (Kanada), dem Heimatland der Cree-Nation sagte es so: „Never forget that you always speak with a spirit.“

Ich stelle mir den Schmerz des Nicht-Erkannt-Seins bei den Kühen vor, des Nicht-Wahr-Genommen-Seins, des Drucks, permanent zu funktionieren und nie als die gesehen zu werden, die man wirklich ist. Es beschlich mich ein Vergleich: Ist es nicht auch der Schmerz des Menschen? Übertragen wir das, was wir mit uns tun, auf die Tiere?

Ich fühlte beim Kontakt mit der stolzen Kuh ihren großen Wunsch, einmal das Kind behalten zu dürfen und mit ihm zusammen zu leben, es aufwachsen zu sehen. Wer sich viel mit Kühen beschäftigt und viel Zeit mit ihnen verbringt, weiß — und auch jeder andere Mensch kann sich vorstellen, dass es nicht ihrem Wesen entspricht —, immer mit Gleichartigen zu sein, ohne die Jungen, ohne die Alten, ohne die Bullen. Ihr Wesen verlangt nach mehr Einbindung in ein natürliches Biotop, in eine Gruppe mit Freundschaften und einer gesunden Führung, mit der Möglichkeit der Jungen zu lernen.

Als ich Choupis gegenübersaß, sah ich in ihren Augen die Kraft der Kuh, ihre große Gestalt trotz allem noch zu kennen und von dort aus mit mir in Kontakt zu gehen. Nicht zu klagen, die liebevolle Behandlung der Menschen, die sie versorgen, wertzuschätzen. Den Kühen in diesem Betrieb geht es ein Stück besser als den Kühen in der industriellen Milchindustrie, sie dürfen im Stall herumlaufen, haben Streu auf den Stellen, wo sie sich hinlegen, sie können immer wieder nach draußen und auf die Weide — trotzdem scheint es sie Kraft zu kosten, nicht wahnsinnig zu werden. Das Projekt ANICOM ist eine große Hoffnung für die Tiere: Ihre Stimme ist gefragt! Wird sie auch gehört werden?

Was für eine Kraft sie ausstrahlen! Ich danke der Größe und der Kraft dieser Kühe! Während unseres Kommunikationsexperiments hat sie mit ihrer feuchten Nase an meinem nackten Fuß geschnuppert — das war ein Zeichen, das auf dem Film jetzt gut zu sehen ist. Was mehr zu lesen ist durch die Aufzeichnungen muss noch herausgearbeitet werden — ich bin gespannt!

Eines war mir klar: Ich muss auch die Kälber besuchen gehen. Ich muss ihre Lebenssituation bezeugen. Dort leben sie, auf kleinem Raum, etwa 3 Quadratmeter, jedes für sich — kein Raum für Rennen, Spielen, Kontakt. Ein Gummizapfen an einem Eimer anstatt des warmen Euters der liebenden Mutter. Das jüngste Kalb, ein kleiner Bulle, hatte noch ein Stück Nabelschnur. Wie alt? Zwei Tage? 10 Tage? Ich weiß es nicht, aber jünger als zwei Wochen. Da lag er, stand sofort auf, als ich kam, wollte an allem, wozu er Kontakt bekam, saugen — sein Urimpuls.

Und, woran ich mich noch sehr lange erinnern werde: Er weinte. Tränenflüsse aus beiden Augen. Tränenfluss kann bei Kühen durch massiven emotionalen Stress ausgelöst werden.

Frühere Mitarbeiter im Schlachthof bezeugen, dass die Kühe vor ihrem Tod weinen. Es sei deswegen fast unmöglich, den Tieren in die Augen zu schauen beim Bolzenschuss, der das Tier betäubt vor der Tötung durch Ausbluten.

Im Schnitt sterben 5 bis 9 Prozent unbetäubt wegen technischen Versagens. Die ehemalige Schlachthof-Veterinärin Nicole T. berichtet, wie Rinder in ihren letzten Momenten immer wieder verzweifelt versuchen, Augenkontakt mit Menschen herzustellen. Ihre Hilfesuche bleibt jedoch vergeblich. Sie sagt:

„Einem Rind ins Gesicht zu sehen, dem vor Angst und Verzweiflung Tränen aus den Augen laufen, hinterlässt einen bleibenden Bildabdruck im Gehirn.“

Ich halte dieses junge unschuldige Gesicht mit beiden Händen, schaue ihm in die Augen — ein fast unaushaltbarer Moment für mein Herz.

Ich reise innerlich zurück zu einem Besuch bei einer Hare-Krishna-Gemeinschaft in der Nähe von Madrid. Sie retten Kühe und Bullen vor Vernachlässigung, Ausbeutung, Missbrauch. Ihnen sind diese Tiere heilig, sie sind die Vertreter von Mutter Erde. Die Kuh repräsentiert die schöpferische und nährende Kraft der Natur, die alles Leben erhält. Durch Milch und Sanftmut steht sie für Wohlstand, Frieden und innere Sicherheit. Ihre gelassene Art erinnert daran, im Moment zu sein und Vertrauen in das Leben zu haben.

In dieser Gemeinschaft werden die Tiere in ihrer spirituellen Essenz und Größe gesehen und dementsprechend behandelt. Die Kühe und ihre Gaben wie Butter, Ghee und Milch spielen eine wichtige Rolle im spirituellen Ritual der Gemeinschaft. Entsprechend sieht der Stall aus, die Tiere sind tagsüber im Freien, nachts kommen sie zurück in ihre Schlafboxen, auf den mit Stroh bedeckten Boden. In den Wänden der Ställe sind kleine Nischen, da stehen Statuen mit Darstellungen von Krishna und von heiligen Kühen, die Stimmung ist ruhig, es werden Mantren gespielt, gerade wird gemolken. Die Frau streckt mir ein Glas Milch hin, frisch gemolken — ich trinke es — mit Hochgenuss, es ist süß und warm – wie die Kuh selbst. Ich kann sogar zu der Kuh hingehen und mich bei ihr bedanken.

Hier — und auch in anderen Hare-Krishna Gemeinschaften wird gesagt: „Eine Kuh gibt Dir alles, wenn Du freundlich bist zu ihr.“ Sie haben eine tragende Kuh gerettet, sie hat ein weibliches Kalb zur Welt gebracht. Das junge Kalb durfte natürlich bei seiner Mutter bleiben, die Milch trinken, und es wurde zusätzlich jeden Abend freundlich gegrüßt und am Bauch gekrault. Eines Abends hat der Mann gemerkt, dass seine Hand feucht wurde dabei. So hat er herausgefunden, dass diese junge Kuh begann, Milch zu geben — ohne je ein Kalb zur Welt gebracht zu haben!

In dieser Umgebung wurde mir klar: Ja, ich lebe zurzeit vegan, aber ich bin nicht vegan. Was meine ich damit? Wenn ich die Gaben der Kühe in dieser Art geschenkt bekomme, genieße ich ein Brot mit Frischkäse! Und ich weigere mich, bei der Ausbeutung der Tiere mitzumachen und diese qualvolle Industrie zu unterstützen mit meinen Gewohnheiten. Es ist mein täglicher Aktivismus, meine Erinnerung an eine Parteinahme für das Leben.

Noch ein Gedanke, um den Kreis noch ganz rund zu machen: Das Leben ist in einem unsichtbaren Netzwerk verbunden — das, was wir den Tieren antun, kommt auf uns zurück, als Angst, vielleicht Abstumpfung …

Der Trennungsschmerz dieser Tiere hat ein Echo in unserer Innenwelt. Die permanente Ausbeutung der Weiblichkeit und aller weiblichen Organe macht es vielleicht für uns Frauen unendlich viel schwerer, unseren authentischen Stolz zu finden. Der abrupte und grausame Tod der männlichen Wesen gräbt vielleicht eine tiefsitzende Angst in die Seele der Menschen, die mit männlichem Körper zur Welt gekommen sind. Heilung kann hier auch heißen, Tiere wieder als das anzuerkennen, was sie sind: fühlende, liebende Wesen mit einem Recht auf Selbstbestimmung. Sie gehören zur großen Gemeinschaft der Schöpfung, so wie wir Menschen auch.


Barbara Kovats und Choupis, Foto: Barbara Kovats