Halleluja auf Amerikanisch
So zu tun, als sei es Donald Trump, der die heile Welt der regelbasierten Ordnung ins Wanken gebracht hat, verkennt, dass er sich damit in bester Tradition seines Landes befindet.
Dieser Jahresbeginn hatte es in sich: Kaum einen halben Monat ist das Jahr alt, schon ereigneten sich Manöver, die man bis neulich so noch nicht auf dem Plan hatte. Die Vereinigten Staaten fegten jenen Vorhof, den sie sich vor 200 Jahren bereits als Domäne festschreiben ließen; das war James Monroes Verdienst. Der fünfte Präsident der damals noch jungen Republik wartete mit einer Doktrin auf, die fortan seinen Namen trug und sich den amerikanischen Kontinent als Einflussgebiet der ehemaligen britischen Kolonie sicherstellte. Widerrede gab es damals kaum; Mittel- und Südamerika waren für die Europäer im wahrsten Sinne eine andere Welt, weit weg und schwer erreichbar. Dieser Doktrin folgend ging es jetzt dem nicht anerkannten Präsidenten Venezuelas an den Kragen — Halleluja! Warum dieser biblische Ausruf? Dazu kommt der Autor gleich.
Alles habe sich nun geändert, weiß die deutsche Hauptstadtpresse zu predigen, das Völkerrecht habe nun einen Abbruch erfahren, die Vereinigten Staaten zeigten jetzt den Weltmächten, die es da so gibt, wie man seinen Einflussbereich behandelt und gar ausdehnt. Denn nachdem man handstreichartig in Venezuela eingefallen war, hat man nun in Washington ein Areal in nördlicheren Gefilden fest im Blick: Grönland. Notfalls würde man sich das Autonomiegebiet, das sich unter der dänischen Krone verwaltet, mit Gewalt holen, macht der derzeitige US-Präsident schon mal klar. Halleluja! Ist das wirklich alles neu? Was ist denn mit unserem schönen Völkerrecht? Sollte man nicht auch eine Lobpreisung herausschreien, wenn es um das Völkerrecht geht? Ein Halleluja also?
Eine Lebenslüge namens Völkerrecht
Für die Kommentatoren in Deutschland ist klar, dass Donald Trump etwas Unerhörtes anstellt, das über die Intervention in Venezuela und das Begehren Grönlands hinausgeht: Er will das Völkerrecht aushöhlen. Die 08/15-Presse aus Berlin leistet sich wie so oft eine Blindheit, die nicht dazu geeignet ist, die Weltgeschehnisse realiter zu dokumentieren. Sicherlich trifft es zu, dass der aktuelle US-Präsident sich wenig um jenes Recht schert. Aber dass er dieser eine amerikanische Präsident sein soll, der es bricht, ist ein tragischer Irrtum. Oder sagen wir es so, dass es der Wahrheit näherkommt: Es sind die Restbestände jener Lebenslüge, die sich in Deutschland seit einigen Jahrzehnten breitmacht, nämlich dass die US-Demokraten das gute Amerika und die US-Republikaner das schlechte Amerika darstellen würden.
Biden war demgemäß ein feiner Kerl, der Außenpolitik unter Maßgabe eines universellen Anstands gemacht habe. Sein Nachfolger aber soll nun das Gegenteil dessen sein. Er ist der Dammbruch — ein Unfall der Geschichte? Doch dieser Unfall historischer Art ereignete sich weit vor Trump — er ist gewissermaßen bereits in der Geschichte jener aufstrebenden Republik angelegt, die sich Ende des 18. Jahrhunderts vom Schicksal befreit hat, nur britische Kronkolonie sein zu dürfen. Bevor wir dazu kommen, noch mal geschwind zurück zum Völkerrecht.
Für Imperien, Weltreiche oder Weltmächte — nennen Sie es, wie Sie wollen —, galten Vereinbarungen solcher Art zu keiner Zeit. Sie nahmen nie Rücksicht und werden es vermutlich auch nie tun. Der Grund lässt sich recht leicht erklären, in einem Satz und für jedermann verständlich: weil sie es können! Das ist keine befriedigende Erklärung und auch keine zufriedenstellende Erkenntnis. Aber wer hat gesagt, dass Wirklichkeit eine Zufriedenheitsgarantie in sich trägt?
Unter moralischen Gesichtspunkten ist die Rücksichtslosigkeit von Weltmächten wirklich unerträglich. Vermutlich ist das aber kaum zu ändern. Und es war übrigens nie anders, auch vor Trump nicht — oder ist der Ukrainekrieg vom Himmel gefallen?
Das haben viele der bedeutenden Kommentatoren dieses Landes — zumeist Nulpen, die zu viel Einfluss haben — nun über Jahre kundgetan. Sie simulierten abseits von Russland eine Welt, in der alle Staaten moralisch astrein vorgingen. Das Völkerrecht gelte schließlich, nur die Russen achteten es nicht, vielleicht auch noch Weißrussland, Nordkorea und China nicht. Das war auf allen Ebenen Augenwischerei; die Vereinigten Staaten achteten es allemal äußerst selten. Und wenn sie es nicht achteten, erklärten sie auch noch keck, man würde das für das Schöne, Gute und Wahre tun: für Menschen- und Frauenrechte, für Demokratie und Brunnenbau. Das hat sich in diesem noch jungen Jahr tatsächlich geändert: Man ist ehrlicher als einstmals. Nun sagt man ungeniert, dass es um Erdöl geht, gegen den Drogenexport in die USA und allgemein um Sicherheitsbedenken — übrigens auch gegen China, das günstiges Erdöl aus Venezuela bezog.
Das Völkerrecht ist in so einem Kontext freilich nur Folklore für liebenswürdige Sonntagsreden, wird vielleicht von Ländern wie Dänemark benötigt, ohne dass es grundlegend helfen würde. Das ist der Lauf der Welt und nicht das Produkt eines Mannes, der nun als Unfall der Geschichte angesehen wird — die Amerikaner tun gerade das, was sie immer tun. Halleluja!
Halleluja!
Wie gesagt, Weltmächte waren nie anders. Das zeitgenössische Amerika ist aber vielleicht eine Weltmacht neuer Dimension, denn es agiert global, kulturimperialistisch und totalitär. Und das nicht erst seit gestern. Daher die Halleluja-Zwischenrufe. Dieser liturgische Freudengesang kommt mir immer in den Sinn, wenn ich mit der rücksichtslosen Großmannssucht der Vereinigten Staaten konfrontiert werde.
Halleluja! So heißt ein Buch aus dem Jahr 1977: „Halleluja. Die Geschichte der USA“. Autor: Joachim Fernau. Zu dem Mann sollte man vorab drei Sätze verlieren. Fernau wurde 1909 in Bromberg geboren. Er war Journalist und Kriegsberichterstatter der Waffen-SS. Später, in seinem bundesrepublikanischen Leben, schrieb er ganz besondere Geschichtsbücher. Sein bekanntestes Werk dürfte „Cäsar lässt grüßen. Die Geschichte der Römer“ sein — eine Gesamtschau des alten Roms bis zu dessen kuriosem Ende. Fernau pflegte einen lakonischen, fast ins Zynische gehenden Schreibstil; damit zeichnete er ein recht lebendiges Bild von Zeiten, die schon längst vergangen sind. Seine Bücher wurden meist zu Bestsellern. Auch jene Geschichte der Vereinigten Staaten, die heute aber mehr oder weniger vergessen ist.
Zweifelsohne merkt man in diesem Buch ganz deutlich, dass der Schriftsteller Vorbehalte gegen die amerikanische Lebensart pflegte. Immerhin schrieb er über eine Nation, die 30 Jahre vorher noch der Feind aus dem Westen war. Dennoch kann man sich Fernaus Stil und Einsichten kaum entziehen, und so liest man über eine Nation, die von Anbeginn ihrer Existenz jenem protestantischen Ethos frönte, von dem viel später Max Weber künden würde. Glaube und Geld waren das Schmiermittel des neu entstandenen föderalen Staatswesens in Nordamerika.
Und alles was man anstellte — und das gilt bis heute zumindest in der Rhetorik —, untermauerten die Amerikaner mit dem Willen eines Gottes, der wohl seit langer Zeit US-Bürger sein muss. Das Buch erschien, wie schon erwähnt, gegen Ende der Siebzigerjahre. Zu einer Zeit also, als die Vereinigten Staaten in einer tiefen inneren wie äußeren Krise steckten. Fernaus Abriss der US-Geschichte endet mit der Präsidentschaft Gerald Fords. Bis zum Zweiten Weltkrieg erklärt er seinen Lesern, wie viel Halleluja im amerikanischen Weltgeltungsanspruch steckte. Sympathisch kommen die Amerikaner dabei selten rüber. Aber als diese Nation unter Gott nach den idyllischen Jahren der Fünfziger und Sechziger zu einem Vorort der Hölle transformierte, in dem Drogensucht um sich griff und Arbeitslosigkeit ein Massenphänomen wurde, als man plötzlich merkte, dass die politischen Führer „Crooks“ sind, also Gauner wie jener Richard Nixon, der noch sagte, er sei kein Crook, ist Fernau in seinem Element. Gerade rauschhaft beschreibt er, wie der Amerikanismus die Welt zugrunde gerichtet hat und sie weiter in diese Richtung führen wird, auch weil das gute alte Europa die Vereinigten Staaten schalten und walten lasse, wie es beliebt.
„Für die Amerikaner zerfällt die Welt heute in zwei Teile. Da gibt es die schlechten Völker, die erzogen werden müssen, und es gibt die anderen, die ‚so gut sein wollen wie wir‘ — um es wörtlich zu zitieren“, schreibt Fernau am Anfang seines vorletzten Kapitels.
Dann setzt er zu einem Parforceritt durch die Historie eines vorbestimmten Niederganges an. Die Weltmacht habe sich die Welt untertan gemacht und sei von innen her verrottet, sie spiele sich „als Heilsapostel der Rassen“ auf, sei aber „Rassenhasser im eigenen Land“. Tue so, als sei sie „Erfinder der Lebensqualität“, sei aber synchron dazu auch „Erfinder der tödlichsten Waffen“. Der Amerikanismus sei die neue Religion einer gottlosen „Nation unter Gott“; deren Kirchen stehen in der Wallstreet, die Hochfinanz sei die Priesterkaste, und die Welt sei nur ein lästiges, aber an sich lohnenswertes Anhängsel. Die USA hätten alle Welt geschwächt, außer der Sowjetunion. Fernau konnte das Ende des Ostblocks noch nicht absehen, er starb ein Jahr vor Fall der Berliner Mauer. Die Amerikaner hätten sich, so erklärt er außerdem, stark gemacht für die Kolonien der Europäer und in deren Sinne die Entkolonialisierung forciert, während sie ihre eigenen Kolonien weiterhin fest im Griff hatten und sie „Territorien“ nannten, damit sie sie nicht aufgeben müssen — ein Europa ohne Kolonien sei für die Amerikaner nun mal eine gute Geschäftsgrundlage gewesen. Nie zuvor dominierte ein Imperium so vollumfänglich und so total. Halleluja!
Moskau und Peking: Kleine Fische
Es ist ein wortgewaltiger Schwanengesang, den Joachim Fernau ans Ende seines Buches packte. Dass er geradezu hasserfüllt spreche, das weiß er, denn er schreibt es genau in diesen Schlusspassagen seines Buches, und er entschuldigt sich dafür. „Was wollen wir retten? Was denn? Was wollen wir bewahren?“, fragt er und meint damit: Was hat der Amerikanismus geschaffen, was die Zeiten überdauern wird? Die Europäer schufen Kunst und Kultur, Kathedralen und manches Weltwunder. Was bleibt von der amerikanischen Welt? Er hat Fragen als Antwort auf diese Fragen: „Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die Atommeiler? Die Supermärkte? Die Partei-Silos?“ Fernau scheint mit diesen Zeilen klar zu werden: Es war alles eine Sackgasse, ein Weg ohne Wiederkehr. Wir Europäer haben uns dem Reich aus Übersee an den Hals geworfen und uns nicht nur abhängig gemacht, sondern es kopiert und damit unsere Kultur und unser Brauchtum aufgegeben. War es das wert? Diese Frage wird sich in den nächsten Jahren sicherlich stellen; Fernau stellte sie schon in den Siebzigerjahren. Und ja, es war damals die Fragestellung aus einem Milieu, das wir als eher rechtskonservativ betrachtet hätten. Aber wir spüren jetzt, da die Vereinigten Staaten abermals schamlos nach Europa greifen — weil sie es können, weil wir mit unserer Anbiederung über Jahrzehnte dafür gesorgt haben, dass sie es können! —, dass das auch die Frage derer sein wird, die so gar nicht rechtskonservativ sind und es auch nicht sein wollen.
Am Ende fragt sich der Autor ein letztes Mal: „Haben wir eine Zukunft?“ Und er beantwortet sich dieses Rätsel selbst:
„Na klar! (…) Zukunft ist uns sicher. Gewinnt der Amerikanismus, so wird er in 150 Jahren die Menschheit zugrunde richten, und die Erde wird als erstorbener Mars im Weltall weiterkreisen. Gewinnt die neue Religion (*Anmerkung: So nennt Fernau den Kommunismus, der für ihn eine Religion ohne Gottesbezug war, weil er viele Verhaltensnormen der Religiosität spiegelte), so wird die Menschheit 150 Jahre lang in großer Not leben, und dann wird wieder das Jahr Eins kommen und alles von vorne beginnen. So oder so. Halleluja!“*
Der Kommunismus ist nicht mehr, der Amerikanismus blieb übrig. Der eine Wahn, der nicht vergehen wollte, dominiert nun die Welt. Er tut das im Moment ungeniert. Es werden auch wieder Zeiten kommen, da er zurückhaltender wirkt, aber es ist nur die Außenwirkung, man darf sich nicht täuschen lassen.
Diese Welt wird von amerikanischen Institutionen verwaltet. Niemals gab es ein Imperium, das so zielgerichtet die Welt beherrschte; zwangsläufig wird das den Planeten um seine Substanz bringen.
Es gibt freilich andere Weltmächte. Von den Russen und Chinesen sprachen wir bereits. Indien wird aufschließen. Brasilien liegt im amerikanischen Vorhof, es ist damit chancenlos. Aber Moskau und Peking weisen einen großen Unterschied zu Washington auf: Sie sind kleine Fische, wenn es darum geht, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Dort sitzen regionale Weltmächte. In ihrem Einflussbereich, ja sicherlich, da sind sie Herr im Haus und führen sich auch so auf. Aber alle Welt einnorden nach russischer oder chinesischer Lebensart? Das machen nur unsere guten Freunde aus Übersee. So ein Sendungsbewusstsein kennen nur die Amerikaner. Sie sind noch immer beseelt von einem religiösen Eifer, der die Nation einst antrieb, der sich aber im Laufe des amerikanischen 20. Jahrhunderts in einen gottlosen Wahn verwandelte, der uns immer tiefer in eine Sackgasse drückt.