Ich brauche ein Boot
Mut kommt vor der Handlung und ohne Handlung bleiben Hürden Hürden.
Giuseppe stammt aus einem Land, in dem es roh zu- und hergeht. Aufgewachsen ist er in der Favela Sumare, einem der größten Slums in Rio de Janeiro. Narben für ein Leben sind geblieben. Und seine Hände sind blutig. Um zu überleben, ließ ihm das Leben keine andere Wahl. Alexander dagegen stammt aus dem Land der Feiglinge. Unterschiedlicher könnten zwei Welten nicht sein, aus denen die zwei Männer im Haus des gemeinsamen Freundes Bernardo, im Tigre Delat gelegen, zusammenzufinden. Ein Gespräch über Narben, Herz und Mut und über Entscheidungen. Ein Gespräch aus einem Roman.
„Ich habe auf einem japanischen Walfänger gearbeitet und in den Schlachthöfen von Chicago. Ich bin den Iditarot Trail bis nach Alaska gefahren und habe die Sahara durchquert. Das alles ist wahr, denn ich bin kein Aufschneider. Zur Welt gekommen bin ich, Giuseppe Gitano, in einer regnerischen Nacht zwischen alten, ölgetränkten Laken und einer toten Katze als Sohn einer Carioca und eines sizilianischen Handelsschiffers. Und weil gerade in selbiger Nacht die Polizei zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der Favela Sumare den Hügel stürmte und unsere armseligen Behausungen in Schutt und Asche legte, trage ich am rechten Bein eine Brandnarbe, die mich jedes Mal an diesen Tag und somit an mich selbst erinnert, weil sie dann zu brennen beginnt, rotglühend bis purpur an meinem Bein hinaufwandert und mich auffrisst, in Schmerzen, die nur durch Cachasa, den Zuckerrohschnaps, zu besiegen sind. Kein Sterblicher darf an diesem Tag in meine Nähe kommen, weil ich dann nur daran denke, wie ich alle, die am Elend der Welt Schuld tragen, töten werde. Am Ende dieses Tages verschwinden die Schmerzen und warten geduldig ein weiteres Jahr, um unbesiegbarer zurückzukehren.“
Giuseppe hielt mit dem Essen inne und blickte Alexander klar und unmissverständlich in die Augen, als wolle er tief in dessen Seele blicken, dieser vertraute Fremde, klein und stämmig wie Bob Hoskins, er maß nicht mehr als einssechzig und hatte einen Rücken wie Gerard Depardieu, lange Haare wie Che Guevara, das Gesicht eines Seefahrers und das Lächeln der Mona Lisa. Zur Zierde seiner Erscheinung trug er einen Schnauzer, der weit über sein Kinn hinausragte und an beiden Enden zwei dünne Fäden bildete, ähnlich wie bei alten Chinesen.
Später sollte Alexander erfahren, dass dieser Schnauzer in liebevoller, täglicher Feinarbeit mit einer fettigen Substanz, welche sein Besitzer in einer alten Sardinenbüchse aufbewahrte, in Form gehalten wurde.
„Ich trage schwer an meiner Schuld. Denn bevor ich durch einen unglücklichen Zufall auf einem chinesischen Auswandererschiff nach Japan gelangte, habe ich eintausendvierhundertachtundneunzig Touristen, die mit hocherhobener Brust und in selbstbewusster Eitelkeit über die Copacabana flanierten, überfallen, ausgeplündert und sie höflich zu ihrem Hotel zurückbegleitet, wo ich sie dann, eingetaucht in mein höhnisches Gelächter, nackt in der Vorhalle zurückließ. Einem von ihnen musste ich die Hand abtrennen. Dieser dumme und großschnäuzige Trottel war nicht zur Vernunft zu überreden. Weshalb war er auch mit einer Rolex am Arm nachts im Wald unterhalb des Corcovado (1) herumgelaufen? Ein Deutscher übrigens. Von einer Rolex, das musst du wissen, konnte damals eine achtköpfige Familie in der Favela Sumare fünf Jahre lang leben. Das war schon eine Hand wert, auch, wenn es die eigene gewesen wäre. Seitdem ich meine Stadt verlassen habe, trage ich immer eine Flasche meiner Hausmarke, Caninha 51, in meiner Jacke und den Ehering des handlosen Deutschen an einer Kette um den Hals. Hier vielleicht willst du einen Schluck.“
Giuseppe reichte Alexander eine Flasche, die er aus seiner Jacke zog und zeigte ihm den goldenen Ring. Alexander, von diesem sonderbaren Menschen und dessen Rede auf merkwürdige Weise berührt, nahm die Flasche entgegen, schraubte sie auf, trank und stellte sie zurück auf den Tisch. Er dachte an Lea. Sie trug ihren Ehering ebenfalls an einer Kette um den Hals.
Giuseppe legte Messer und Gabel zur Seite, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, brachte eine Zigarre zum Vorschein und bot auch Alexander und Bernardo eine an. Kubanische. Alexander lehnte ab, Bernardo nahm an und wenig später hing der Rauch zweier Montecristo über dem Tisch.
„Und nun zu dir mein Freund.“
Giuseppe hielt seine Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und ließ Alexander nicht aus den Augen. „Nun bist du an der Reihe. Erzähle mir, wer du bist.“
Alexander schwieg.
Giuseppe Gitano wartete und rauchte. Ein Blick zu Bernardo. Der saß ebenso wie Giuseppe rauchend am Tisch. Kein Laut war zu hören, nicht einmal das Zirpen der Grillen, das zu der Nacht gehörte wie die Dunkelheit. Alexander betrachtete seine Hände, die nicht wussten, was sie tun sollten und sich deshalb gegenseitig kneteten. Er nahm einen großen Schluck Caninha 51 und spürte dem Brennen im Hals nach.
Von diesem Menschen, da neben ihm, ging eine sonderbare Kraft aus, die, beständig und ohne Zweifel, ihm keine andere Wahl ließ, als zu sich selbst zu stehen.
„Ich komme aus einem Land, in dem die glücklichsten Menschen der Erde leben könnten.“
Alexander hörte seine Stimme, klein, schwach, nicht tragfähig, wie er glaubte.
„Doch findet man in diesem Land nur Unglückliche, Unglückliche und Feiglinge wie mich. Es ist merkwürdig. Ich habe zweiundvierzig Jahre lang dort gelebt und erst jetzt, wo ich hier bin, weit weg von der Heimat, fällt mir auf, wie fremd wir uns geworden sind.“
Alexander nahm noch einen Schluck Schnaps und überwand die letzten Reste der Zurückhaltung.
„Ich musste das Land der unglücklichen Feiglinge verlassen, weil ich eine Frau habe, die mich liebt und die erkannte, was aus uns geworden war.“
Er hielt den Kopf gesenkt, seine Hände ruhten jetzt auf seinen Schenkeln.
„Dummkopf“, schrie Giuseppe Gitano, „wieso glaubst du nicht, was dein Herz dir sagt?“
Alexander schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht.“
„Wieso nicht?“
Alexander schwieg.
„Es ist nur eine Frage des Mutes. Du bist ein Feigling. Aber das ist nicht allein deine Schuld. Du bist das, was sie dich glauben ließen, was du bist. Doch eines sei dir versichert, ab heute wirst du keine Ausrede mehr haben.“
Alexander hörte die Stimme, als dringe sie von weit her durch einen dichten Nebel.
„Wenn der Deutsche mir seine Uhr freiwillig gegeben hätte, besäße er heute noch seine Hand. Er war kein Feigling aber dumm“, lachte Giuseppe.
„Ich brauche ein Boot, jetzt sofort“, forderte Alexander und erhob sich.
Bernardo hob entschuldigend die Hände: „Mein Boot ist leckgeschlagen.“
Giuseppe paffte an seiner Zigarre.
„Wozu braucht ein Feigling wie du ein Boot?“
Alexander sah ihn an, diesen Fremden, der ihm so vertraut war wie ein Bruder, mit Augen, die verrieten, was seit jeher allem menschlichen Streben seinen Erfolg verhieß, Wille und Entschlossenheit.
„Ich brauche ein Boot.“
Jedwede Schwäche war aus Alexanders Stimme gewichen, ohne dass er sich dafür hatte anstrengen müssen. Giuseppe lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und wies dem Feigling, der keiner mehr sein wollte, die Zigarre zwischen den Zähnen, ein allwissendes Grinsen.
Die Textpassage stammt aus dem Roman „Alle, heilige Narren“. Eine Abenteuergeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Reise bis ans Ende der Vernunft, dorthin, wo ein neuer Anfang zu finden ist. Sie lassen alles hinter sich und ziehen in die Welt, jeder für sich und in unterschiedliche Richtungen. Nur die Kraft der Liebe soll entscheiden, ob sie sich jemals wiedersehen. Denn: Im Grunde sind wir immer da, auch wenn wir weg sind.
Die Sehnsucht nach dem richtigen Leben verlangt die Entscheidung zu einer radikalen Umkehr. Dabei verfolgt jeder der beiden ungewöhnlich Liebenden einen geheimen Plan, der garantieren soll, dass sie sich wiederfinden können. Doch wie es sich so verhält mit wohldurchdachten Plänen, sie werden durchkreuzt. So führt der Aufbruch ins Ungewisse der grenzenlosen Freiheit in neue Gefangenschaften. Nicht nur die Zeit stellt die Liebe vor ungeahnte Herausforderungen.
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