# Im falschen Film

Sinnvoller als der Kampf gegen das Bestehende ist es, ein neues Kapitel unserer Geschichte zu beginnen.

von 
   * Kerstin  Chavent

Epidemien, Klimanotstand, Energie- und Ernährungsengpässe, die Gefahr eines dritten Weltkriegs, die Invasion von Außerirdischen: Darunter wird es nicht gemacht. Das gesamte Arsenal wird ausgepackt, um die Menschen weiter zu verängstigen, zu isolieren, gegeneinander aufzubringen und letztlich immer mehr zu entmenschlichen. Und wenn dieses Szenario nichts weiter wäre als ein schlechter Film, gedreht, um uns vom Eigentlichen abzulenken, nämlich unserer Schöpferkraft? An dem Film können wir nichts mehr ändern. Doch wir können etwas anderes tun.

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In einem Film von Woody Allan verlässt die Hauptfigur die Leinwand und tritt vor das Publikum. „The Purple Rose of Cairo“ ist eine Fiktion, in der eine Brücke zwischen virtueller und realer Welt geschlagen wird. Für einen Moment wird der Film angehalten. Der Held ist „draußen“ — und so können auch alle anderen nicht weiterspielen. Letztlich aber kommt alles wieder in die alte Ordnung: Der Protagonist kehrt auf die Leinwand zurück, der Schauspieler setzt seine Karriere fort, und die Zuschauerin sucht sich neue Traumwelten.

Seit Platons Höhlengleichnis zieht sich die Idee der Vermischung von Fiktion und Realität durch die Geschichte der Menschheit. Ende des 19. Jahrhunderts erschuf der spanische Gelehrte Miguel de Unamuno mit seinem Roman „Nebel“ eine neue Gattung: Als der Hauptdarsteller am Ende des Romans sterben soll, macht dieser sich auf den Weg nach Salamanca, um den Autor in Fleisch und Blut von seiner Idee abzubringen.

Die Grenzen sind fließend zwischen den Welten. Auch dem Rezipienten kommt eine wichtige Rolle zu. An ihm liegt es, wie er das Kunstwerk aufnimmt. „C’est le spectateur qui fait la pièce“ — der Zuschauer macht das Stück, so der französische Künstler Marcel Duchamp (1887 bis 1968). Das Publikum bestimmt mit, was aus einem Werk wird und wie es sich weiterentwickelt.

## Auf dem Holzweg

Im Zusammenspiel zwischen Sender und Empfänger gibt es eine Menge Möglichkeiten. Darunter auch die, etwas falsch zu verstehen. Wie zum Beispiel die Annahme, an einem Geschehnis, das bereits geschrieben steht und demnach Vergangenheit ist, noch etwas ändern zu können. Allein auf unser Verhalten als Empfänger haben wir einen Einfluss. 

Als Zuschauer des aktuell ablaufenden Welttheaters können wir uns wie Mia Farrow in „The Purple Rose of Cairo“ mit dem Film identifizieren. Wie Don Quijote de la Mancha können wir gegen Windmühlen ankämpfen, die wir für Riesen halten, oder wie Emma Bovary unseren Hang, Fiktion und Wirklichkeit miteinander zu verweben, mit dem Leben bezahlen. 

Wir können die verschiedenen Szenen des Films, der gerade abgewickelt wird, analysieren, interpretieren, kritisieren; wir können protestieren, spekulieren und uns immer wieder von Neuem über die Ereignisse aufregen. Wir können unsere Zeit damit verbringen zu versuchen, den Wahnsinn zu verstehen, können weiter unsere Ohnmacht pflegen und uns darauf beschränken zu fordern, dass sich etwas ändert. 

Wir können das Geschehen und das Verhalten der Protagonisten unmöglich finden, skandalös, unerhört. 

> Unsere Energie können wir unserer Empörung zum Opfer bringen, unsere Talente damit vergeuden, dagegen zu sein. Eine Sprache können wir erfinden und Worte wie Minen abfeuern. Wir können eine gewisse Genugtuung daraus ziehen zu glauben, mehr verstanden zu haben als andere. Doch ändern tun wir damit nichts. 

## Eine Frage der Bequemlichkeit

Warum tun wir das? Warum halten wir so sehr daran fest, zu kritisieren, anstatt aufzustehen und den Kinosaal zu verlassen? Warum haben Kanäle, die sich auf Protest spezialisiert haben, mehr Erfolg als solche, in denen Visionen und konkrete Projekte entwickelt werden? Was gefällt uns so daran, das Alte hin- und herzuwenden wie einen verbrannten Pfannkuchen, anstatt einen neuen Teig anzusetzen? 

Das Ausüben von Kritik kann in totalitären Systemen zwar gefährlich sein. Ansonsten aber ist es eine sichere Sache. Man beschäftigt sich mit etwas, was schon da ist, und begibt sich nicht auf Glatteis wie beim Erschaffen von etwas Neuem. Wer kritisiert, wirkt oft kompetent. Da ist einer, der weiß Bescheid. Das Ego liebt es, Kritik zu üben. Man kann richtig schön Luft ablassen. Und am Ende hat man auch noch recht: Ich hab’s ja gleich gesagt. 

> Wer kritisiert, muss keine leeren Seiten füllen. Er trägt weniger Verantwortung als derjenige, der etwas Neues erfindet, und macht sich weniger angreifbar. Insgesamt kostet es weniger Energie, Kritik zu üben. 

Einen Mangel zu sehen, ist bequemer, als eine Lösung zu entwickeln. Wer hingegen etwas erfindet, muss Entscheidungen ohne Garantie treffen und setzt sich dem Risiko des Scheiterns aus. Er muss Mut aufbringen und Fantasie und riskiert, missverstanden zu werden. Vieles von dem, was heute selbstverständlich ist, erschien einmal als lächerlich oder gefährlich. 

## Ruhe, bitte

Etwas Existierendes zu zerlegen, ist weniger anspruchsvoll, als etwas in die Wege zu leiten, was es noch nicht gibt. Es ist leicht, mit dem Finger zu zeigen und mit verbalen Steinen zu werfen. Wie viele von denen, die öffentlich Kritik üben, wären heute arbeitslos, wenn es darum ginge, Lösungen zu finden und in gewisser Weise einen neuen Film zu drehen? Wie viele wagen es nicht, sich selbst kritisierbar und damit verletzlich zu machen? 

Das Neue entsteht nicht im Lärm derer, die sich das Maul zerreißen, sondern in der Stille von Menschen, die den Mut haben, sich in eine unsichere Situation zu begeben. Vorsichtig tasten sie sich voran, ohne das Ziel zu kennen. Denn wüssten sie es, wäre es ja nichts Neues. Es würde nur immer wieder derselbe Film mit denselben immer etwas anders angeordneten Elementen entstehen.

Wer eine neue Geschichte schreiben will, muss lauschen lernen und einen Sinn auch für das Leise, Unscheinbare, vermeintlich Bedeutungslose entwickeln. Er muss den Fragen denselben Wert geben wie den Antworten und auch die zu Wort kommen lassen, die zögerlich sind. Wenn wir nicht den x-ten Kriegsfilm drehen wollen, braucht es neben Vorstellungskraft, Feingefühl, Risikobereitschaft und Mut die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen. 

## Kritik zerlegt, Schöpfung verbindet

Wir brauchen das, was oft den weiblich geprägten Eigenschaften zugesprochen wird: Kooperationsbereitschaft, Nachgiebigkeit, Intuition, Gefühle, Gemeinschaftssinn, Fürsorglichkeit und Neugierde. Die Neugierde einer Eva, einer Pandora, einer Sophia, die es gewagt haben zu schauen: Und was passiert nun? Diese weiblichen Archetypen sind es, die sozusagen Leben in die Bude bringen. Ihr Wissensdrang hat den vorherigen Status quo aufgelöst und etwas Neues entstehen lassen.

Zu Unrecht hat man sie verurteilt. Denn ohne sie hätte es keine Weiterentwicklung gegeben. Sie haben gefragt, ohne die Antwort zu wissen. Alles haben sie dabei riskiert, selbst den eigenen Untergang. Das erfordert großen Mut. Diesen Mut braucht es, um aus der Bequemlichkeit herauszukommen, aus der Position des bloßen Rezipienten, der nur reagieren kann, dem jedoch die Hände gebunden sind. 

> Kritik allein kann nur zerlegen und macht letztlich selbstgerecht. Um schöpferisch zu werden und neue Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es mehr als Widerstand, mehr als die Analyse des Irrsinns, mehr als einen scharfen Verstand. 

Es braucht wache Sinne und die Verankerung in der Mitte des Körpers, die Verbindung also vom Verstand mit dem Herzen. Wenn der Verstand, der oft etwas falsch verstanden hat, dem Herzen die Führung überlässt, hat das Geschlingere und Herumgeirre ein Ende.

## Bereit für die nächste Oktave?

Das Herz erspürt, was auf die leere Seite geschrieben werden will. Das Herz gibt uns den Mut, uns auf die unsichere Seite einzulassen und uns nicht mehr daran zu orientieren, was andere verkehrt machen. Denn das Herz steht mit etwas in Verbindung, was viele von uns vergessen haben: mit der Seele.

Viele glauben nicht daran, dass es etwas gibt, was nicht an den Körper gebunden ist, etwas von uns, was frei durch Zeit und Raum reist. Im materialistischen Glauben gibt es nur das, was messbar ist — und damit keine wirkliche Freiheit. Doch die Seele sprechen zu lassen, geht auch ohne materielle Beweise. Sie hat etwas mit Wahrhaftigkeit zu tun und antwortet auf die Frage, wohin es uns wirklich zieht. 

Nicht „Wogegen kämpfe ich jetzt?“, sondern „Was wünsche ich mir wirklich?“ gibt Orientierung. Dort, wo sich ein Hindernis nach dem anderen aufbaut, geht es nicht lang. Wo es sich schwer anfühlt, sind wir nicht auf dem richtigen Weg. Widerstand macht schwer. Schöpferkraft hingegen fühlt sich leicht an, spielerisch, freudig. 

## Kämpfst du noch oder lebst du schon? 

So oder so: Das Alte wird untergehen. Der alte Film geht zu Ende. Wir haben die Wahl, ob wir uns an die Trümmer des Zusammenbruchs klammern und mit ihnen untergehen oder ob wir gewissermaßen den Absprung schaffen, bevor die Titanic sinkt. Jeder wählt seine Wirklichkeit. Je nach Bewusstseinsstand suchen wir uns in gewisser Weise aus, auf welcher Welle wir surfen. 

> Kleben wir uns an die Bildschirme, gefangen in Reaktionsketten, oder verbinden wir uns mit einer höheren Variante unserer selbst? Bleiben wir in der Kritik stecken oder lernen wir es, wieder aufeinander zuzugehen? 

Unterwerfen oder kooperieren wir? Verlassen wir uns auf die künstliche oder auf die kosmische Intelligenz? Sehen wir uns als Opfer der Geschichte oder wird uns bewusst, dass wir es sind, die erschaffen, was wir erleben? 

Erniedrigen wir uns mit Schuldgefühlen oder übernehmen wir die hundertprozentige Verantwortung für unser Leben? Reden wir schlecht über andere oder beschäftigen wir uns mit uns selbst? Lassen wir unsere Schöpferkraft von den Nachrichten abziehen und wählen den Weg der Schwere, des Widerstandes, der Kritik, oder wählen wir den Weg der Leichtigkeit, der Wahrhaftigkeit und der höchstmöglichen Frequenz unserer selbst? Lassen wir uns weiter bespielen und programmieren oder drehen wir den nächsten Film selbst? 


