Im Netz des Lebens
Zwischen Biodiversität, Klima, Ernährung und Gesundheit existiert ein enger Zusammenhang. Exklusivauszug aus „Die Natur der Natur“.
Die Krise der biologischen Vielfalt, die Klimakrise und die Ernährungs- und Gesundheitskrise sind eine einzige planetarische Krise, weil Biosphäre und Atmosphäre ein eng verflochtenes System unserer lebendigen Erde sind. Die Biosphäre hat das Klimasystem der Erde geschaffen und reguliert es. Die Biosphäre wird wiederum durch Nahrungskreisläufe und den Fluss von Nahrung als Währung des Lebens zwischen Arten und Ökosystemen aufrechterhalten. Der Kohlenstoffkreislauf ist ein Nahrungskreislauf. Was durch lebende Systeme fließt, ist Nahrung. Der Nahrungskreislauf ist der grundlegende Kreislauf des Lebens. Er beginnt mit der Aufnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre mithilfe des Sonnenlichts durch die Fotosynthese. Der Kohlenstoff aus der Atmosphäre wird von den Pflanzen in Kohlenhydrate umgewandelt. Der Kohlenstoff kehrt so in die Biosphäre zurück, einschließlich der Artenvielfalt der Pflanzen und der Artenvielfalt im Boden. Tiere, einschließlich des Menschen — biologisch gesehen gehört der Mensch zu den Säugetieren —, nehmen Pflanzen als Nahrung auf und geben dabei Kohlendioxid ab. Das ist der Kohlenstoffkreislauf. Die Klimaveränderungen sind eine Folge der Unterbrechung dieses Kreislaufs, verursacht durch fossile Brennstoffe.
Der Wechsel von Lebensmittelsystemen, die auf biologischer Vielfalt beruhen, zu solchen, die auf fossilen Brennstoffen und fossilen Chemikalien aufbauen, hat die ökologischen Kreisläufe der Erde verletzt, ein Paradigma des linearen Extraktivismus (Extraktivismus ist die Steigerung von Ausbeutung: Es wird alles bis auf das Äußerste ausgesaugt, herausgezogen, extrahiert, was nur geht.) und die damit verbundene Abfallerzeugung geschaffen und zur Verschmutzung von Wasser, Boden, Atmosphäre und unserer Lebensmittel beigetragen.
Die Fähigkeit der Erde, mithilfe der Biosphäre und der biologischen Vielfalt ihr Klima zu regulieren, wird durch die Schadstoffbelastung stark gestört, die die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Verwendung von Petrochemikalien verursachen.
Diese Verschmutzung führt zu sogenannten Treibhausgasen (THG), die seit dem Industriezeitalter stark zunehmen.
Die Verschmutzung der Atmosphäre durch Treibhausgasemissionen — CO2, N2O, CHO2 — ist die Ursache der Klimaveränderungen, und die globalisierte industrialisierte Nahrungsmittelproduktion ist für 50 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Giftkartell hat die Landwirte weltweit in ein energie-, chemie- und kapitalintensives Agrarsystem gedrängt, was zu einer tiefgreifenden Landwirtschafts-, Ernährungs- und Gesundheitskrise geführt hat. Das Erdölzeitalter hat unsere Ernährungssysteme völlig verändert. Wir essen tatsächlich Erdöl, von der Produktion der Lebensmittel bis zu ihrer Verteilung, der industriellen Verarbeitung und der Plastikverpackung.
Die schädliche Energie der fossilen Brennstoffe wirkt sich nicht nur negativ auf den Stoffwechsel der Erde aus und führt zu Klimakatastrophen, sondern diese „Junk“-Energie und extrem verarbeitete Lebensmittel stören zudem den menschlichen Stoffwechsel und haben zu einer Pandemie chronischer Krankheiten geführt.
Die Klimazerrüttung hat dazu geführt, dass Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Dürren immer häufiger und extremer auftreten, was vermehrt zu Ernteausfällen und großer Ernährungsunsicherheit führt, denn im Gegensatz zur vielfältigen, kleinbäuerlichen heimischen Landwirtschaft sind industrielle Monokulturen für Ernteausfälle anfällig. Weltweite Schätzungen legen nahe, dass bis 2050 3,5 Milliarden Menschen unter Ernährungsunsicherheit leiden werden, das sind 1,5 Milliarden Menschen mehr als heute.
Der Temperaturanstieg in Verbindung mit der Destabilisierung des Wasserkreislaufs hat sich bereits negativ auf unsere Ernährungssysteme ausgewirkt. Zwischen 2021 und 2022 wurden die Bauern am Golf von Bengalen von mehreren Wirbelstürmen heimgesucht — Yaas, Gulab, Jawad, Asani und Citarang —, die ihre Ernten vollständig vernichteten. Im Jahr 2023 blieb der Regen aus, was zu einer Dürre führte, die die Aussaat von Reis und Knollenfrüchten wie Kurkuma und Colocasia beeinträchtigte. Mehrere Bezirke im Wüstenstaat Rajasthan wurden am 18. Juni 2023 von dem tropischen Wirbelsturm Biparjoy heimgesucht, der die lokalen Vogel- und Tierpopulationen stark dezimierte, was wiederum schwere Schäden an den Ernten verursachte, da Schadinsekten unkontrolliert zunahmen. Im Doon-Tal im Bergstaat Uttarakhand, wo noch vor einem Jahrzehnt Hülsenfrüchte wie Urad, Navrangi, Masoor und Moong üppig gediehen, gibt es sie heute wegen des extremen Regens kaum noch. Im Jahr 2024 hat dann das Ausbleiben des Winterregens die Frühjahrsernte von Weizen und Senf vernichtet. Auch die Region Vidarbha in Maharashtra zeigte 2023 Anzeichen der Klimaveränderungen, als in erratischen Monsunregen die Hälfte des Jahresniederschlags an einem Tag niederging. Schwere Regenfälle vernichteten Soja und Baumwolle, weil auf 35 Prozent der Fläche nicht einmal mit der Aussaat begonnen werden konnte.
Die Ernährung steht derzeit im Mittelpunkt der Klimadebatte, sowohl wegen der Auswirkungen von Klimakatastrophen auf die Landwirtschaft als auch wegen der konzertierten Bemühungen des 1 Prozent, kleine Bauernhöfe und Landwirte auszumerzen, indem es eine auf Technologie und fossilen Brennstoffen beruhende Nahrungsmittelproduktion aggressiv finanziert. Bill Gates und die Tech-Giganten des Silicon Valley investieren in großem Umfang in Unternehmen, die hoch verarbeitete künstliche Lebensmittel herstellen, und in den Kauf von Ackerland. Tatsächlich ist Gates heute der größte private Ackerlandbesitzer in den USA.
Die Scheinlösung für die Klimaveränderungen, die in Form von künstlichen, im Labor hergestellten Lebensmitteln propagiert wird, schafft ein Schreckensszenario: eine Landwirtschaft ohne Landwirte und Lebensmittel ohne Bauernhöfe. Allerdings werden für die Herstellung von Labornahrung viel mehr Ressourcen benötigt, und weil sie ressourcen- und energieintensiv ist, trägt sie zu höheren Treibhausgasemissionen bei. Wenn wir den industriellen Weg der ressourcen- und energieintensiven Lebensmittelproduktion, -verarbeitung und -verteilung weitergehen, werden wir die Zentralisierung und die Kontrolle des Lebensmittelsystems durch die Konzerne verstärken und die Destabilisierung der Erde und ihrer Klimasysteme beschleunigen.
Es gibt einen anderen Weg, einen Weg, der mit der Erde geht, der den ökologischen Gesetzen der Erde folgt, dem Gesetz der Vielfalt und dem Gesetz der Rückführung. Das ist der Weg, der die Distanz zwischen Erzeugern und Verbrauchern verkürzt und die Lebensmittelsysteme deindustrialisiert und entglobalisiert.
So werden Emissionen vermindert und die Gesundheit verbessert. Dieser Weg bietet Lösungen für die Klimakrise, die Krise des Artensterbens sowie die Ernährung- und Gesundheitskrise, denn die Gesundheit des Planeten und unsere Gesundheit sind untrennbar verbunden.
Die Regeneration der Erde durch Fürsorge ist unsere ethische und ökologische Pflicht. In der Regeneration liegen das Potenzial, die Kraft und das Versprechen, die Erde und die Menschheit zu heilen. Ökologische Gesetze haben das Leben auf der Erde in seinen verschiedenen Evolutionsstufen aufrechterhalten und dabei das Recycling durch Kreislaufwirtschaften auf der Grundlage biodiverser, chemiefreier, kleinbäuerlicher und lokaler Lebensmittelsysteme verstärkt. Dieselben Prozesse, die zur Regeneration der biologischen Vielfalt führen und gesunde Lebensmittel hervorbringen, wirken zugleich den Klimaveränderungen entgegen. Sie vermeiden Emissionen aus fossilen Brennstoffen und fossilen Chemikalien, die in der energie- und chemieintensiven Produktion, auf Langstreckentransporten und in der industriellen Verarbeitung entstehen.
Die ökologische, demokratische und humane Option zur Bewältigung der Klimaveränderungen wächst in dem Maße, wie der Verzehr echter, gesunder Lebensmittel zunimmt: durch die Schaffung biologischer Vielfalt und ökologischer, lokaler und kreislauforientierter Lebensmittelwirtschaften.
Die falschen Lösungen, die die Lebensmittelindustrie anbietet, werden den Hunger vergrößern, weil sie die Lebensmittel von den Menschen wegführt und zu Rohstoffen für Labornahrung macht. So hat auch die Umwidmung von Lebensmitteln zu Tierfutter und Biokraftstoff den Hunger vergrößert. Die Klimaveränderungen werden durch den hohen Energieverbrauch bei der künstlichen Lebensmittelproduktion verschärft, und durch die ultrastarke Verarbeitung von Lebensmitteln mit synthetischen Stoffen werden Krankheiten zunehmen.
Der Verzicht auf fossile Brennstoffe und Chemikalien sowie die Rückführung organischer Stoffe in den Boden lassen die Artenvielfalt im Boden anwachsen, und die Symbiose zwischen Pflanzen und Bodenorganismen wie Mykorrhizapilzen führt zu gesünderen Lebensmitteln. Wenn die Pilze die Pflanzen mit Mineralien versorgen, verstärkt das die Fotosynthese, sodass mehr wachsen kann und gleichzeitig die Bodenorganismen ernährt werden. Degenerative Zyklen werden zu regenerativen Zyklen. Das Netz des Lebens ernährt uns, und wenn wir uns am Nahrungsnetz beteiligen, nähren wir das Netz des Lebens.
Ökologie und Umweltmedizin erkennen zunehmend, wie sehr die Gesundheit des Darmmikrobioms die Grundlage unserer Gesundheit ist. Die meisten chronischen Krankheiten haben ihre Wurzeln in der Zerstörung des Darmmikrobioms. Gesunde, biodiverse Lebensmittel lassen einen gesunden Darm entstehen, und gesunde Lebensmittel wachsen in einem gesunden Boden. Gesunde Böden sind reich an organischer Substanz und an biologischer Vielfalt. Eine biodiversitätsintensive, fotosyntheseintensive, regenerative ökologische Landwirtschaft entzieht der Atmosphäre Kohlendioxid und folgt damit dem Weg der Natur zur Kühlung des Planeten. Ein Drittel des von Pflanzen gebundenen Kohlenstoffs wird dem Boden als Wurzelabscheidungen zugeführt. Organische Böden, die eine reiche Artenvielfalt von Bodenorganismen haben, tragen außerdem zu Nährstoffgehalt und -vielfalt von Lebensmitteln bei, was wiederum unserer Gesundheit und Ernährung zugutekommt.
Mykorrhizapilze können 30 Prozent der Emissionen binden. Und Regenwürmer sind eine wichtige Triebkraft der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und tragen zu etwa 6,5 Prozent des Getreideertrags bei. Sie tragen auch zur Bodengesundheit und zur Widerstandsfähigkeit gegenüber den Klimaveränderungen bei. Böden mit Regenwürmern entwässern vier- bis zehnmal schneller als solche ohne Regenwürmer, und ihre Wasserhaltekapazität ist um 20 Prozent höher. Regenwurmkot, der zwischen vier und 36 Tonnen pro Acre (0,4 Hektar) betragen kann, enthält fünfmal mehr Stickstoff, siebenmal mehr Phosphor, dreimal mehr austauschbares Magnesium, elfmal mehr Kaliumcarbonat und eineinhalbmal mehr Kalzium als Erde. Ihre Arbeit im Boden fördert die mikrobielle Aktivität, die für einen lebendigen Boden unerlässlich ist.
Seit mindestens einem Jahrhundert hat die Menschheit am Aufbau der Infrastruktur für Erdöl gearbeitet. Gemeinsam mit der Erde und ihren Lebewesen eine Infrastruktur des Lebens zu schaffen, das muss nun unsere Aufgabe für das nächste Jahrhundert werden. In vielen Kulturen kannten die traditionellen Naturwissenschaften die Zusammenhänge zwischen Ökologie, Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit schon immer, Zusammenhänge, die die mechanistische Wissenschaft völlig außer Acht lässt.
Wir müssen die Gerechtigkeit für die Erde wieder im Zusammenhang mit den Menschenrechten sehen und anerkennen, dass das Leiden der Erde mit dem Leiden der Menschen zusammenhängt. Es ist an der Zeit zu erkennen, wie eng die Klima- und Biodiversitätskrise mit dem industriellen Lebensmittelsystem zusammenhängen. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass dieselben von fossilen Brennstoffen betriebenen chemie- und ressourcenintensiven Systeme, die zudem auf hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln beruhen, nicht nur beim Menschen zu Stoffwechselstörungen führen, sondern auch zu einer Stoffwechselstörung der Erde, deren Symptom die Klimaveränderungen sind. Die Wurzel dieser Vielfachkrise ist ein mechanistischer, militaristischer Geist, eine Monokultur des Geistes, der die biodiverse, selbstorganisierte, lebendige Erde als bloßes Rohmaterial für die Geldmaschine betrachtet.
Es ist an der Zeit, den Unterschied zu erkennen: zwischen der falschen Wissenschaft und den falschen Lösungen des 1 Prozent und den gründlichen ökologischen Wissenschaften von lebenden Systemen und echten ökologischen Lösungen für die realen, miteinander verbundenen Krisen, denen wir uns gegenübersehen.
Ein Paradigmenwechsel erfordert, einen Weg jenseits von Klimakolonialismus und Leugnung der Klimaveränderungen einzuschlagen. Das heißt, den Weg der Regeneration der Erde einzuschlagen: als Glieder einer Erdfamilie, in der alle miteinander verbunden sind und eingewoben in ein blühendes Lebensnetz. Wir müssen überall in unserem täglichen Leben nach Klimagerechtigkeit und Nahrungsmittelfreiheit streben — unsere Lebensmittel zurückfordern, die Erde zurückfordern, unser Leben, unsere Freiheiten und unsere Zukunft zurückfordern.

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