Immunschutz gegen den Totalitarismus

Nach Macht strebende Akteure können ihr Werk nur verrichten, solange die ohnmächtige Gesellschaft ein fruchtbares Milieu bildet.

Oft hört man in Kreisen der Maßnahmenkritiker das berühmte Zitat des französischen Pharmazeuten Claude Bernard: „Der Erreger ist nichts, das Milieu ist alles.“ Es steht im klaren Gegensatz zum Ansatz von Robert Koch, der Mikroben zu Monstern stilisierte, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Der Autor kritisiert seit fast zwei Jahren, dass unser Immunsystem im Zusammenhang mit Corona in der öffentlichen Diskussion offensichtlich keine Rolle spielt. Der Fokus liegt fast ausschließlich auf dem Erreger und nicht auf dem Milieu. Wir seien diesem hilflos ausgeliefert und könnten aus uns selbst heraus nichts gegen diese Bedrohung tun, so das gängige Narrativ. Bastian Barucker versucht in seinem Artikel, den Blick auf das gesamte Corona-Geschehen erweitern. Auch hier sollten wir nicht nur gebannt auf die Gefahr von außen starren, sondern unseren Blick dem Milieu zuwenden. Nehmen wir also an, die nach Macht strebenden und teilweise ahnungslosen Akteure, die für die verheerende Politik der letzten zwei Jahre verantwortlich sind, seien der Erreger und die Gesellschaft das Milieu (1).

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Wie kann es sein, dass sich eine große Mehrheit der Bevölkerung dem Narrativ von Regierenden angeschlossen hat, und damit zwei Jahre Grundrechtseinschränkungen und katastrophale Gesundheitspolitik möglich waren? Welche Voraussetzungen mussten gegeben sein, damit sich die Gesellschaft während der Coronakrise so tiefgreifend verändern konnte? Um wirklich aus dieser Krise zu lernen, braucht es eine Gesellschaft beziehungsweise ein Milieu, welches eine robuste und anhaltende Immunantwort auf Massenbewegungen (mass formation) und machtzentrierende Erreger hat. Diese Gesellschaft muss in der Lage sein, Varianten solcher Bestrebungen zu erkennen, um eine schnelle, friedliche und starke Immunantwort leisten zu können.

Für den Soziologen Niklas Luhmann nehmen Proteste und soziale Bewegungen die Rolle des „Immunsystems der Gesellschaft“ ein (2). Begeben wir uns auf eine Spurensuche in das gesellschaftliche Milieu mit der Frage nach den Ursachen für eine größtenteils fehlende Immunantwort auf den Versuch einiger weniger Erreger, die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Quarantäne zu versetzen. Der vermeintliche Pionier der Erreger-Medizin Louis Pasteur „soll auf dem Sterbebett zugestanden haben, dass die Mikrobe nichts, das Milieu alles sei. Was so viel bedeutet, dass über die Regulierung des Milieus Krankheiten durch Bakterien und Viren verhindert werden können, ohne einen Krieg führen zu müssen“ (3).

Die vier Bedingungen für eine Massenbewegung nach Mattias Desmet

Der Professor für Psychologie der Universität Gent, Mattias Desmet, benennt in zahlreichen Interviews vier Bedingungen, die gegeben sein müssen, um eine Massenbewegung herbeizuführen (4). Desmet besitzt einen Masterabschluss in Statistik und bemerkte im Mai 2020, dass die Maßnahmen der Regierungen nicht durch die tatsächliche Gefahr des Coronavirus zu erklären sind. Er beobachtete jedoch, dass ein weltweiter Gleichschritt entstand, obwohl die Bedrohung, die vom Virus ausging, nicht außerordentlich schwerwiegend war.

Bald wechselte er die professionelle Perspektive vom Statistiker zum Psychologen, da er verstand, dass es bei Corona nicht mehr um einen medizinischen Sachverhalt ging, sondern um ein massenpsychologisches Phänomen. Er beschreibt vier Zutaten, die in einem ausreichenden Maß vorhanden sein müssen, damit ein solches Phänomen entsteht:

1. Ein Großteil der Menschen muss sich einsam und isoliert fühlen

„Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Krankheit, die hierzulande immer häufiger auftritt und chronische Schmerzen verursacht – eine ansteckende, von der medizinischen Wissenschaft noch kaum erforschte Krankheit, die sich schneller ausbreitet, als die Immunität gegen sie aufgebaut werden kann, und die als eine der häufigsten Todesursachen in der zivilisierten westlichen Welt eingestuft wird. Diese Krankheit wäre mithin ein bedeutender Risikofaktor für andere, häufige und tödliche Krankheiten. Zugleich wäre sie tückisch, denn viele Betroffene wüssten gar nicht, dass sie an ihr leiden. Diese Krankheit gibt es tatsächlich. Ihr Name: Einsamkeit“ (5).

Urbanisierung (a), soziale Netzwerke und die wachsende Individualisierung haben Einsamkeit zu einer unentdeckten Pandemie werden lassen. Gerade im Hinblick auf die Evolution des Homo sapiens muss diese Entwicklung als eine der krankmachendsten Tendenzen der modernen Gesellschaft erkannt werden.

„Die sogenannte Einsamkeitsquote der 45- bis 84-jährigen Deutschen stieg laut Bundesregierung in sechs Jahren um 15 Prozent“ (6).

Wir sind und bleiben soziale Wesen, deren Wohlbefinden direkt davon abhängt, mit anderen Menschen verbunden zu sein und gemeinschaftlich zu leben. Um Massenbewegungen entgegenzuwirken, wird es notwendig sein, für diese Verbundenheit und Eingebundenheit zu sorgen. Menschen brauchen das Gefühl echter Gemeinschaft und eine starke Anbindung an die Natur.

2. Ihr Leben muss ihnen sinnlos und bedeutungslos erscheinen

Eine im Jahr 2012 veröffentlichte Studie, die in 142 Ländern das Engagement von Arbeitnehmern evaluierte, kam zu dem Ergebnis, dass weltweit nur „13 Prozent der Arbeitnehmer bei der Arbeit engagiert sind“ (7). 87 Prozent der Arbeitnehmer sind dies der Studie zufolge nicht, oder sind sogar total unmotiviert.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass ich nur sehr wenige Menschen kenne, die mit der Tätigkeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen, voll und ganz zufrieden sind. Meist wirken sie in ihrer beruflichen Beschäftigung entweder krankhaft getrieben oder leicht resigniert. Somit erleben sie fast täglich eine Leere oder Sinnlosigkeit, die ein Gefühl der Gleichgültigkeit zurücklässt.

3. Die Massen müssen ständige und diffuse Angst empfinden

Aus eigener Erfahrung habe ich gelernt, dass ich viele Jahre wenig davon merkte, wie viel Angst mein Leben durchzog. Ich hatte mir über Jahrzehnte Strategien angeeignet, die meine stärksten Ängste verdeckten, um sie nicht wahrnehmen zu müssen. Angst davor, Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu verlieren. Angst davor, nicht genug Aufmerksamkeit, Anerkennung, Essen, Geld, Liebe zu bekommen. Angst, von anderen bewertet zu werden. Angst, alleine zu sein.

Durch meine Selbsterfahrung und begleitende Arbeit habe ich Einblicke in sehr viele Lebensgeschichten bekommen, und fast immer sind dort tiefgehende Ängste verborgen, die das Leben der jeweiligen Person stark prägen. Meist sind diese getarnt als Konsumverhalten, Sucht oder Beziehungsunfähigkeit. Auf Grundlage einer Datenerhebung aus dem Jahr 2011 wurde ermittelt, dass rund 25 Prozent der deutschen Bevölkerung Angststörungen haben (8), und eine Untersuchung des Angstindex in Deutschland zeigt, dass im Jahr 2021 circa 36 Prozent aller Deutschen über Ängste berichten (9).

Bedeutsam beim Thema Angst ist, dass die Menschen meist nicht wissen, dass sie Angst haben und dass sich diese Angst nicht auf etwas Konkretes richtet. Sie ist präsent, aber unsichtbar. So entsteht ein Angstpotenzial, welches auf ein mögliches Objekt fokussiert werden kann.

Ein breites Vorhandensein von Angst bereitet den Boden, um Menschen äußere „Feindbilder“ anbieten zu können. Die Verknüpfung von diffuser Angst und einem potenziellen Feind aktiviert das Angstpotenzial und vermittelt den Menschen die Illusion von Kontrolle. Wenn das diffuse Angstpotenzial auf ein Virus projiziert werden kann, dann wird die Ausrottung des Virus zur Scheinerlösung von den eigenen, verborgenen Ängsten.

So ließe sich erklären, warum so viele Menschen mit viel Engagement an der Idee festhalten, einen saisonalen Atemwegserreger ausrotten zu können. Was für eine verführerische Vorstellung, die Angst endlich loszuwerden und sich entspannen zu können. Die tieferliegenden Ängste, die mit dem eigenen Leben zu tun haben, wären nach der Ausrottung allerdings noch vorhanden und würden auf das nächste Objekt warten, um in das Außen projiziert werden zu können. Ein Teufelskreis. Auf diese Art und Weise wäre es jedoch auch möglich, bewusst Feinbilder zu erschaffen, um Massenbewegungen zu steuern. Professor Rainer Mausfeld formuliert diesen Aspekt in seinem Buch „Angst und Macht“ folgendermaßen:

„Angsterzeugung ist ein Herrschaftsinstrument, und Techniken zum Erzeugen von gesellschaftlicher Angst gehören zum Handwerkszeug der Macht. Diese Einsicht ist so alt wie die Zivilisationsgeschichte“ (10).

4. Die Massen müssen diffuse Frustration und Aggression erleben

Auf Grundlage der erlebten Sinnlosigkeit, Angst und Einsamkeit entwickeln sich Frustration und Aggression. Diese Mixtur aus Gefühlen wartet förmlich darauf, ausgelebt zu werden, um den inneren Druck mildern zu können. Wie schon bei der Angst ist ein Objekt, auf welches die Aggression gerichtet werden kann, eine willkommene Erlösung. Die Migranten oder die Ungeimpften oder ein anderer konstruierter Sündenbock dürfen dann dafür herhalten, dass Menschen tief im Inneren von ihrem eigenen Leben frustriert sind.

Der Sündenbock hingegen bekommt nun den aufgestauten Druck vieler Jahrzehnte zu spüren und wird somit zum gesellschaftlichen Ventil oder Sandsack. Auch hier handelt es sich um eine willkommene Möglichkeit, nicht zu erkennen, was der ursprüngliche Grund für die eigene aufgestaute Aggression ist.

Die von Matthias Desmet aufgeführten vier Säulen sind plausibel und erscheinen mit Blick auf die letzten zwei Jahre voller Distanz, Angst und Isolation als Motor für die anhaltende Massenbewegung. Die Corona-Maßnahmen haben die bereits vorhandenen emotionalen Zustände der Gesellschaft verschlimmert und damit die Massenbewegung gefördert.

Umerziehung zu nachhaltigem Gehorsam

Es stellt sich die Frage, wie der aktuell sichtbare hohe Grad an Konformität und Gehorsam in unserer Gesellschaft zustande kommt. Es ist verständlich, sich über den Gleichschritt der Ärzte, Juristen und Pädagogen aufzuregen, gleichzeitig ist es von Bedeutung, der Frage nachzugehen, woher dieser kommt. Wo lernen wir, uns der Gruppe anzupassen, unseren Mund zu halten und einfach das zu tun, was eine Autorität oder die Mehrheit sagt beziehungsweise verlangt? Ist es vielleicht Teil staatlicher Bildung, dass wir Mut, Ungehorsam und eigenständiges Denken und Handeln verlernen? Ich vertrete die These, dass diese Umerziehung in der massenhaften und verpflichtenden Beschulung aller Kinder ihren Höhepunkt findet (11).

Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland nicht nur eine Verpflichtung, gewisse schulische Inhalte zu lernen, sondern explizit die Pflicht, die Schule zu besuchen. Begründet wird diese wie folgt:

„Die allgemeine Schulpflicht dient in Deutschland der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dieser Auftrag richtet sich offiziell auch auf die Heranbildung der Schüler als zukünftige Staatsbürger“ (12).

Die ideologischen „Eltern“ der Schule sind die Kirche und das Militär. (13) Beide fordern von ihren Mitgliedern Gehorsam, Autoritätsglauben und Konformität.

Beide Institutionen zeichnen sich durch eine lange Geschichte des Krieges und der Unterdrückung aus. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Schule ist auch heute noch eine Institution, die die Kreativität von Kindern erstickt, sie teilweise ihrer Lebendigkeit beraubt und zu braven Staatsbürgern heranzieht. (14) Nicht alle Schulen und auch bei weitem nicht alle Lehrer tun dies absichtlich. Ich glaube, dass jeder Lehrer und jede Lehrerin eigentlich etwas Gutes beabsichtigt. Aber das System Schule verunmöglicht größtenteils, dass Kinder ihren Bedürfnissen entsprechend behandelt werden.

Der zweimalige „Lehrer des Jahres“ des Bundesstaates New York, John Taylor Gatto, beschreibt Schule als einen Ort, in dem Kinder verwirrt und gleichgültig gemacht werden und ihnen beigebracht wird, ihre Klassenzugehörigkeit zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen (14). In der Schule machen Kinder über viele Jahre die Erfahrung, dass sie wenig mitbestimmen können, ihre Anwesenheit zwar wichtig ist, ihre gedankliche Präsenz jedoch unerheblich. Sie erleben, dass eine Autorität bestimmt, was sie wann und wie lernen, und sie somit wenig eigene Verantwortung tragen.

Daraus ergibt sich ein Gefühl der Gleichgültigkeit und des Desinteresses. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Kinder nach etlichen Jahren Konditionierung noch eigenständig, mutig und selbstbewusst agieren können? Wo haben sie in all der Zeit gelernt, Unrecht zu erkennen, auch wenn dieses von einer Autorität ausgeht? Haben sie gelernt, sich für Recht einzusetzen, auch wenn sie in der Minderheit sind? Trauen sie sich, ihren Mund aufzumachen und ihre Wahrheit zu sagen, unabhängig davon, wie andere darauf reagieren?

Ich würde diese Fragen mehrheitlich eher mit nein beantworten. Und genau darin sehe ich einen der wichtigsten Gründe für die aktuell schwache Immunantwort auf den fortschreitenden Übergriff durch Regierende.

Trainieren wir unser Immunsystem!

Die Bedingungen für eine Massenbewegung nach Professor Mattias Desmet geben einen Hinweis darauf, worauf es in Zukunft ankommt.

Es braucht ein Zusammenleben in Vertrauen und Verbundenheit mit Menschen, die sinnvollen Tätigkeiten nachgehen und sich um ihr Innenleben kümmern können. So wird ermöglicht, dass sie möglichst wenig diffuse Ängste und Aggression in sich tragen.

Erfüllte Menschen, die in einem Netz von nährenden Beziehungen leben, erleben außerdem wenig Mangel und sind nicht auf kompensatorische Angebote für Zugehörigkeit oder Sinn angewiesen. Wenn es also darum geht, auf lange Sicht die Möglichkeit von Massenbewegung und Manipulation zu verringern, brauchen wir einen gesellschaftlichen Dialog, wie wir ein verbundenes und sinnvolles Leben führen.

Eingebettet in dieses verbundene Leben werden Kinder in ihrem persönlichen Lernweg begleitet und dürfen ihr Potenzial voll und ganz entfalten. Ihnen stehen verschiedene Lernorte zur Verfügung, aus denen sie wählen können. Sie lernen vom Leben und dürfen Verantwortung für sich und ihre Lernreise übernehmen. Sie beobachten Erwachsene, die ein erfülltes Leben führen und ihr Wissen und ihre Erfahrung gerne mit Kindern und Jugendlichen teilen. Die Kinder werden in ihrer Eigenständigkeit geachtet und dürfen auf ihre Art und Weise lernen, wie sie gut mit sich selbst, mit der Natur und in Gemeinschaft leben.

Diese Kinder und Jugendlichen bilden das Fundament einer friedvollen Gesellschaft und eines robusten Immunsystems gegenüber zukünftigen Erregern. Schauen wir also nicht weiter nur gebannt auf die Bedrohung von außen. Erkennen wir die Macht, die wir besitzen, und übernehmen wir Verantwortung für das, was wir imstande sind zu ändern: Uns selbst!


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://clubderklarenworte.de/das-netzwerk-dokument/
(2) https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/
(3) Heilung Nebensache, Dr. Gerd Reuther
(4) https://youtu.be/370WdoZQbl0
(5) Einsamkeit die unerkannte Krankheit, Dr. Manfred Spitzer
(6) https://news.gallup.com/poll/165269/worldwide-employees-engaged-work.aspx
(7) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/182616/umfrage/haeufigkeit-von-angststoerungen/
(8) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/575916/umfrage/angstindex-fuer-deutschland/
(9) Angst und Macht, Mausfeld
(10) https://blog.bastian-barucker.de/der-fortwaehrende-uebergriff/
(11) https://de.wikipedia.org/wiki/Schulpflicht_%28Deutschland%29#Offizielle_Begr%C3%BCndung
(12) Kindheit 6.7. von Michael Hüter
(13) (https://www.youtube.com/watch?v=iG9CE55wbtY)
(14) https://de.wikipedia.org/wiki/John_Taylor_Gatto