Jetzt wird zurückgecancelt
Cancelculture kommt nicht mehr nur aus dem woken Milieu. Kulturbeauftragter Wolfram Weimer dreht den Spieß um und erntet die Kritik derer, die bis vor Kurzem noch selbst Gebrauch von diesem Instrument machten.
Hat man die selbstgerechten Vertreter der Wokeness, die selig werden im Dunstfeld von Meldestellen und die eine gewisse Laszivität beim Stornieren und Ausschließen Andersdenkender an den Tag legen, nicht immer wieder gewarnt? Hat ihnen niemand gesagt, dass all das wie ein Bumerang zurückkommen und sie direkt an der Stirn treffen werde? Jetzt machen sie große Augen, weil ein Kulturstaatsminister tut, was offenbar nur ihnen vorbehalten sein soll: Er cancelt, grenzt aus und dreht damit den Spieß um. Sein Name: Wolfram Weimer.
Weimer ist ehemaliger Chefredakteur von Welt, Berliner Morgenpost und Focus — und Gründer des Magazins Cicero. Seit 2025 ist er Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien — Weimer ist parteilos und konservativ. In den letzten Monaten wurde er zum Hassobjekt des Medienbetriebes — einige Vorwürfe, die man gegen ihn erhebt, sind auch berechtigt. Andere nicht — was seinen Ausschluss dreier Buchhandlungen von der Preisträgerliste des Deutschen Buchhandlungspreises betrifft, liegt er eindeutig richtig. Was natürlich in Zeiten wie diesen einen Disclaimer notwendig macht. Denn wer Weimer nicht vollumfänglich verurteilt, der ist suspekt. Bevor mir also irgendjemand gleich was unterstellt: Wolfram Weimer ist mir nicht sonderlich sympathisch — einen Publizisten, der sich zum Haushofmeister einer Regierung ernennen lässt, halte ich schon für grundsätzlich problematisch. Das muss man wohl vorschieben, wenn man ihn dieser Tage nicht in Bausch und Bogen verurteilen möchte. Wie man heutzutage wohl immer vorversichern muss, wenn man sich zu diesem oder jenem äußert. Ob das was nutzt, steht auf einem anderen Blatt.
Ein Ausschlussgewohnheitsrecht?
Andersdenkende auszuschließen, so sie Künstler sind, sie von Bühnen fernzuhalten, deren Verträge nicht zu verlängern oder — besser noch — aufzulösen und sie in Existenznöte zu bringen oder deren Job zu gefährden: Diese Praxis hat sich in den letzten Jahren in Deutschland zu einer neuen Normalität gemausert. Meldestellen sammeln Vorfälle und generieren so ein Rassismus- oder Sexismus-Problem, das sich aus Zahlen speist, die sich auch und besonders aus Vorfällen „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“ subsummieren. Die Vorwürfe ließen sich stets auf einen Nenner herunterrechnen: Rechtsruck. Alles sei quasi nach rechts gerückt und der Staat müsse wachsam sein — denn jeder der anders denkt, als die Doktrin der Stunde es voraussetzt, muss rechts verortet werden.
Wo man einst das Böse wähnte, den Teufel, das Niederträchtige, hat man sich auf eine Ersatzbegrifflichkeit geeinigt: rechts! Es ist das Schlechte in der Welt und die Agenda der Wokeness führt nicht weniger als einen Feldzug gegen das Maligne.
Daher fällt jede Kritik an diesem Kurs auf eher unfruchtbaren Boden. Denn wer den Übereifer ins Visier nimmt, mit dem man Andersdenkende vorführen möchte, wird automatisch zum Advokaten des Bösen — der wird selbst zur Gefahr und braucht eine heilende Cancel-Kur, damit er lernt, im rechten Augenblick den Mund zu halten und seine Meinung für sich zu behalten, sofern sie nicht mit der verordneten Meinung deckungsgleich ist. Auf diese Weise hat man diese Republik Schritt für Schritt zu einem Ort werden lassen, an dem auch — und vermutlich ganz besonders — der Kulturbetrieb sich gleichschaltete. Stichwort: Kulturelle Hegemonie. Noch ein Stichwort: Gleichschaltung: Ein schlimmes Wort im Angesicht der deutschen Geschichte. Aber wenn es doch so ist? Kein Wunder also, dass die Mitarbeiter des Hamburger Thalia-Theaters nach dem „Prozess gegen Deutschland“ und der Lesung Alice Schwarzers so aufgelöst waren: Sie kennen ihren Arbeitsplatz seit Jahren nur als eine Bühne, auf der kundgetan wird, was gehört werden will — dass Kunst auch Umstände ansprechen sollte, die niemand hören mag: Das hat man im Kulturbetrieb sukzessive verlernt.
Während sich die Kulturbetriebenen nun über Wolfram Weimer aufregten, weil der zuletzt drei linke — gar linksextreme? — Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschloss, haben sie Mitleid und großes Verständnis mit dem Mitarbeiter jenes hanseatischen Theaters. Die Intendanz habe gewissermaßen ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt und die Angestellten der vollen Wucht Andersdenkender ausgeliefert. Hat mal jemand nachgefragt, was das mit ihnen macht? Wie sie das traumatisiert, wenn sie plötzlich auf Menschen treffen müssen, die einige Aspekten des Lebens auf differente Weise sehen? Ihr Safe Space, ihr Rückzugsraum und Schutzort, die von Steuerzahlern finanzierte Bühne des Hauses, wurde preisgegeben. Einen Schutzanspruch vor „toxischen“ Meinungen zu haben, was beinhaltet, Menschen mit anderen Sichtweisen auch ausgrenzen zu dürfen: Das ist das Ausschlussgewohnheitsrecht von Menschen, die auf dem richtigen Pfad sind — die wachsam, also woke sind. Einer wie Weimer hat dieses Recht nicht, denn es gehört nur denen, die diese Form zivilgesellschaftlicher Wehrhaftigkeit durch Öffentlichkeitsentzug erfunden haben.
Das Geld eines Staates, der verrecken soll
Doch man muss diese Leute verstehen: Sie werden fuchsteufelswild, wenn das Rad der Geschichte sich weiterdreht. Sie glaubten sich als Sieger der Geschichte — sie nahmen wirklich an, dass der neue Kurs nicht mehr zurückzudrehen ist. Gemeint ist die Gepflogenheit, die Gesellschaft mittels öffentlich finanzierter Organisationen, die sich namentlich damit schmücken, nicht regierungsnah zu sein, während sie von der Regierung abhängig sind. Sie haben gewonnen! Dass sich früher oder später der Wind drehen könnte, wie manche mahnend einwarfen, sahen die Apologeten der Selbstgerechtigkeit nicht ein. Für sie war das Defätismus, ab jetzt würden sie den Ton angeben — die Konservativen und Liberalen, die Unternehmer und die Kirchen ließen sich vom Shitbürger einlullen, wurden zu Bückbürgern, wie Ulf Poschardt diese Spezies in seinem mit Spannung erwarteten neuen Buch diese Leute nennt. Machen wir uns nichts vor, noch immer geht die Mehrheit den woken Anwandlungen auf den Leim. Aber hier und da wird die Phalanx dieses sattsamen Dünkels durchbrochen. Wolfram Weimer traut sich das — und er wusste ganz sicher, welche Reaktionen er erwarten musste.
Die fallen gewohnt einseitig aus. Weimer wird in den Medien bezichtigt, Einfluss auf den Kulturbetrieb zu nehmen. Nun ja, er ist Kulturstaatsminister, zudem Nachfolger einer Frau, die politische Einflussnahme in der Kultur besonders großschrieb — und rechtfertigte. Claudia Roth wollte gar Kulturinstitutionen bei der Entwicklung eines Verhaltenskodex zur politischen Korrektheit zur Seite stehen. Das fanden diejenigen durchaus annehmbar, die nun Weimer für ganz schrecklich halten. Aber schauen wir uns mal die drei Buchhandlungen an, die Weimer ausschloss. Eine davon hat im Schaufenster den Spruch hängen: „Deutschland verrecke endlich!“ Nicht die feine Art, verboten ist es jedoch auch nicht.
Mag man der Öffentlichkeit mal erklären, warum eine Buchhandlung potenziell einen Preis erhalten sollte, der von Geldern eines Staates bezahlt wird, den man eigentlich im Grabe liegen sehen möchte?
Diese Haltung erinnert frappierend an manchen Punk — in den Innenstädten gibt es noch einige —, der in der Fußgängerzone auf einer Decke herumsitzt, vor ihm ein Schild mit der Aufschrift, wonach Arbeit scheiße sei, und der aber um einen Euro bittet, den der milde Spender gemeinhin durch seine Arbeitskraft verdient hat.
Geld stinkt nun mal nicht. Nicht wenn es aus öffentlichen Latrinen stammt, wie schon der römische Kaiser Vespasian wusste — und auch nicht, wenn es aus dem Staatssäckel eines Landes kommt, dem man beim Verrecken zuschauen möchte. Wohlfeil war von Anfang an die Kritik an Weimer. Seine publizistische Tätigkeit weise schließlich bestimmte politische Vorstellungen aus, — daher sei es berechtigt, Zweifel an seiner Neutralität als Kulturstaatsminister zu haben. Das stimmt zwar grundsätzlich sicherlich, traf aber mindestens genauso auf Claudia Roth zu — dass sie nicht neutral war, klar einen Kulturbetrieb wollte, der sich politisch so gab, wie sie sich Progressivität vorstellt — divers eben, queer dazu, gegen Sexismus und Rassismus ohnehin —, wurde ihr sogar als Qualität ausgelegt, die sie für so ein Amt erst richtig befähigt. Weimer stellt sich wieder mehr in den Dienst einer bürgerlichen Leitkultur, versucht den Kulturkampf umzudrehen, der schon Jahre vor seiner Amtsübernahme angestoßen wurde, und hat sich beim Zeitgeist abgeschaut, wie man cancelt. Damit ist eingetreten, was ohnehin anzunehmen war: Die Freunde des Cancelns werden früher oder später das Schicksal erleiden, das sie anderen aufbürdeten.
Mehr Weimer wagen
Das ist ein völlig normaler Prozess. Jene, die die Guillotine als Hinrichtungsinstrument eingeführt haben — selbstverständlich taten sie das aus humanitären Gründen, schließlich quält man den Verurteilten nicht, sondern enthauptet ihn effizient mit einem schnellen Ruck —, endeten selbst unter der Guillotine. Übrigens war die Tötungsmaschine da schon so umfangreich eingesetzt worden — 17.000 Menschen sollen 1793/94 während der Terrorherrschaft Robespierres den Kopf verloren haben. Übrigens bedurfte es oft zweier Anläufe mit dem vermeintlich humanitären Fallbeil, bis der Kopf vom Torso abgetrennt war. Die Revolution frisst ihre Kinder — wenngleich im aktuellen Falle anzumerken ist, dass die woke Ausgabe der Revolution noch nicht vorbei ist. Aber hier und da spürt man mittlerweile ein Gegensteuern. Man könnte das freilich als rachsüchtiges Zurückzahlen begreifen — aber warum sollte man von Weimer mehr Edelmut erwarten, als von denen, die diese Praxis erst etabliert haben?
Es pendelt. Von hüben nach drüben. Ob das je anders war? Über Jahre hat man nun alles gecancelt, was unter vernünftiger Maßgabe ein solches Schicksal nicht verdient hatte. Männer, später Frauen, die Frauen unter Frauen sein wollen, Konservatismus, Kirche, Comedy, die nicht erst um Erlaubnis fragt — auch die klassische Familie wurde so gut es geht ausgeblendet, denn die sei heteronormativ und damit sexistisch, altbacken, reaktionär.
Dekonstruktion stand an, ein kulturloser Ausmerzungswille wütete mit dem Ziel, dies und vieles andere vom Angesicht der Erde zu tilgen. Alles sollte irgendwie vielfältig sein, aber dabei bitte vollkommen gleich, ja uniform geradezu.
Mit gleicher Münze zurückzahlen, wie es Weimer nun tut, schickt sich also nicht? Mag ja von einer höheren Warte aus alles zutreffen — vom Hochsitz der Vernunft aus, bei der philosophischen Betrachtung. Aber wir sind hier, in der Politik, in den Niederungen unterwegs. Diejenigen, die bis neulich verkündeten, es sei völlig in Ordnung, Menschen mit anderem Weltbild an die Wand zu klatschen — sie sehen das ja noch immer so und haben auch jetzt noch hier und da viel zu viel Macht, um es zu exekutieren —, haben einen Generalangriff auf demokratische Grundwerte verübt. Haben diese Leute wirklich eine faire Behandlung verdient?
Grundsätzlich wäre ich dafür, wenn ihr Weltbild von Fairness geprägt wäre. Dem ist jedoch nicht so. Ihr Welt- und Menschenbild ist von Verachtung und Überheblichkeit geprägt — der Nächste ist ihnen scheißegal, sie selbst wollen sich gut fühlen und nötigen ihre unausgegorenen Befindlichkeiten ihrem Umfeld und gleich noch der gesamten Gesellschaft auf. Dem stellt man sich nicht als nobler Ritter entgegen, man räumt auf mit dieser Unwucht, die uns aus der Bahn zu schleudern drohte — und uns als Schicksal noch immer droht. Weimer ist freilich kein Held einer neuen Ratio, seine Hintergründe sind sicherlich genug Grund zu Kritik — dass er aber jene Buchhandlungen ausschloss von einer Prämierung, das kann man ihm nicht ernstlich vorwerfen. Es wäre gut, wenn diese Republik dazu überging, mehr Weimer zu wagen!